Zappelphilipp, Wackelpeter, Traumsuse – sie sind anders als andere Kinder. Sie können nicht stillsitzen, nicht aufmerksam sein, sie stören im Unterricht, sind unruhig, rasen manchmal vor Wut oder träumen nur vor sich hin. Diagnose: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz: ADHS…
Nach Schätzungen sollen etwa 300.000 bis 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland betroffen sein. Doch über ADHS besteht eine der größten Kontroversen in der Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Meinungen gehen weit auseinander.
Ist ADHS eine Hirnfunktionsstörung, die medikamentös behandelt werden muss? Oder wird kindliches Verhalten pathologisiert? Was sind die Ursachen? Gibt es eine genetische Veranlagung? Und welche Rolle spielen soziale Faktoren und Umweltbedingungen? In den vergangenen 15 Jahren stieg die Zahl der Hyperaktivitätsdiagnosen sprunghaft an. Wie schwer ist eine genaue Diagnose? Werden Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern oft vorschnell als ADHS bezeichnet? Wo ist die Grenze zwischen gesund und krank? Wie sieht der Alltag mit einem ADHS-kranken Kind aus? Wie kann Kindern, Eltern und Lehrern am besten geholfen werden? Die Verschreibungen von entsprechenden Medikamenten gegen ADHS steigen sprunghaft an. Was ist die erfolgreichste Therapie: Medikation, Verhaltenstherapie oder Erziehung?
WissenschaftsFORUM Petersberg am Sonntag, 23. November, 22.30 Uhr
Zum Thema diskutieren Prof. Gerd Lehmkuhl (Direktor Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Uni Köln), Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber (Direktorin Sigmund-Freud-Institut Frankfurt), Dr. Myriam Menter (Vorsit-zende ADHS Deutschland e.V.), Dr. Hans-Joachim Weber (Medizinischer Direktor Lilly Deutschland). Es moderiert Nina Ruge.
Wiederholung: Sonntag, 30. November, 13.00 Uhr
Ritalin oder Yoga?
Sechswöchige Yoga-Familientherapie brachte erstaunliche Ergebnisse
London/Sydney – Ein australisch-britisches Forscherteam hat die regulative Wirkung von Sahaja Yoga bei hyperaktiven Kindern bestätigt. Die östliche Meditation wurde als Familientherapie für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen und ihre Eltern entdeckt. Kinder, die an dem hyperkinetischen Syndrom leiden, fehlt es an Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle. Sie handeln extrem impulsiv und zerstörerisch. Nach nur sechs Wochen Therapie waren bereits deutliche Zeichen der Besserung zu bemerken.
“Die herkömmlichen Therapien zur Behandlung von hyperaktiven Kindern sehen die Gabe von psycho-stimulanten Medikamenten vor”, so Katya Rubia vom Institute of Psychiatry, am Kings College http://www.iop.kcl.ac.uk in London, im pressetext-Interview. Rubia hat gemeinsam mit Linda J. Harrison von der Charles Sturt University, Australien und Ramesh Manocha von der University of New South Wales, eine Studie durchgeführt. “Kinder mit dem ‘Zappelphilipp-Syndrom’, auch ADHD oder Attention Deficit-Hyperactivity Disorder genannt, haben sehr oft auch hyperaktive Mütter oder Väter. Daher haben wir die Kinder mit den Eltern behandelt”, erklärt die Psychiaterin. ADHD entwickle sich auch häufig unter alleinerziehenden Müttern, die sich mit ihren sowieso schon schwachen Nerven von der Erziehung überfordert fühlen. “In diesem Zusammenhang sprechen Ärzte oft von Konflikten oder wenig synchronen Interaktionen mit dem Erziehungsberechtigten.” Buben mit einem unsicheren und kontakt-gestörten Verhältnis zu ihrer Mutter sind acht Mal häufiger davon betroffen als jene mit einem normalen, intimen, gut funktionierendem Aktion-Reaktions-Mutterverhältnis.
“Die Behandlung war sehr vielversprechend”, berichtet Rubia. “Die Hauptsymptome reduzierten sich nach der Behandlung bedeutend, auch die Schulleistungen nahmen dank besserer Konzentration und einer Steigerung des Erinnerungsvermögens zu.” Auch Angst und geringes Selbstvertrauen, soziale Unfähigkeiten und das “mangelnde sich Einbringen” in kollektive Spiele oder gesellschaftliche Situationen waren nach der Therapie erheblich reduziert. “Zudem verbesserten sich auch der Schlaf, die Anzahl der Wutanfälle und das Anecken mit den Eltern”, erklärt die Wissenschaftlerin. Das galt auch für die Eltern, die an der Meditation teilnahmen. “Sie berichteten davon, dass ihr Stress, aufkommende Wut und Konfliktgefühle gegenüber ihren Kindern deutlich abgenommen hatten.”
Die Forscher sind sich einig darüber, dass die Probleme der Kinder oft bei der Unfähigkeit der Eltern anfangen, ihre eigene Unruhe zu beherrschen. “Daher halten wir die Familientherapie mit Meditation für einen brauchbaren Ansatz, der sich auch in Indien über unsere Jahrtausendealte Tradition bewehrt hat. Sie werden es viel schwerer haben, im Himalaja ein hyperkinetisches Kind zu entdecken, als in der westlichen Welt”, meint Ramesh Manocha. Auch wenn der genaue Mechanismus der Rückwirkung von Sahaja Yoga auf ADHD erst identifiziert werden muss, sind sich die drei Studien-Ärzte einig, dass die Beruhigung Neuronen-gesteuert abläuft. “Die Sahaja-Yoga Meditation ist eine uralte östliche Meditationstechnik, die zu einer Verminderung oder dem zeitweiligen Verschwinden der Gedanken führt, während sie die Wachsamkeit und das Bewusstsein stärkt”, so Rubia.
Ein Problem von Shahaja-Yoga ist allerdings die Tatsache, dass ihre Anhänger als Sektenmitglieder bezeichnet werden. “Man kann die Meditation natürlich auch abgelöst von der Religion betrachten und betreiben”, meint Rubia. Allerdings werde Meditation immer etwas Spirituelles bleiben. “Es bleibt zu erforschen, ob Meditation auch bei anderen kinderpsychiatrischen Erkrankungen so eine positive Wirkung zeigt wie beim hyperkinetischen Syndrom”, meint Rubia abschließend im pressetext-Interview.
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