Hirnforschung: Erinnern bewirkt auch Vergessen

22. Dezember 2008
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Wenn Menschen sich an etwas Bestimmtes erinnern, stärken sie dadurch nicht nur diese Erinnerung, sondern schwächen zugleich auch ähnliche Informationen, die diese Erinnerung stören würden. Das ergab eine Studie der Universitäten Magdeburg und Regensburg, die im aktuellen Journal of Neuroscience veröffentlicht wurde…

Abruf von Informationen löscht ähnliche Inhalte ohne Relevanz: Das Gehirn löscht alte Telefonnummern bald

“Wenn wir versuchen, unsere Telefonnummer aus dem Gedächtnis abzurufen, rückt unsere alte Nummer ein Stück näher an das Vergessen”, veranschaulicht Studienautor Alan Richardson-Klavehn im pressetext-Interview. Die hemmenden Prozesse im Langzeitgedächtnis, die sein Forschungsteam entdeckte, stehen im Gegensatz zu anderen Theorien des Vergessens wie der Freudschen Verdrängung oder der kurzfristigen Blockade verwandter Erinnerungen durch aufgerufene Inhalte.

In einem Experiment mussten Testpersonen ihnen unbekannte Bezeichnungen von Früchten lernen und einen Teil dieser Namen nach bestimmter Zeit wiederholen. Die nicht wiederholten Namen waren nach gewisser Zeit aus dem Gedächtnis verschwunden, im Gegensatz zu den zwischendurch abgerufenen Bezeichnungen. Ergänzt wurden diese Tests durch Hirnmessungen, die beim versuchten Erinnern an die vergessenen Namen hohe Aktivität der Gehirnregionen feststellten, die für schwache Gedächtnisinhalte zuständig sind. Hirnregionen, die Gedächtnisinhalte nur kurzfristig blockieren, waren hingegen kaum beteiligt. Für Richardson-Klavehn ist das der Beweis dafür, dass diese Art des Vergessens tatsächlich eine langfristige Schwächung von Erinnerungen durch Hemmung darstellt.

“Das abrufinduzierte Vergessen ist Teil des normalen Lebens und verhilft dem Gehirn zu höherer Effizienz”, erklärt Richardson-Klavehn. “Denn im Unterschied zu einer Festplatte hat unser Gehirn keine begrenzte Speicherkapazität. Je mehr man weiß, desto mehr Informationen kann man abspeichern.” Das ermögliche einem Experten, auf dem verfügbaren Wissen seines Gebiets aufzubauen und es dadurch noch zu vertiefen. Damit sich ähnliche Wissensinhalte nicht gegenseitig stören, brauche das Gehirn jedoch Mechanismen des Vergessens der weniger relevanten Information. Dieser Mechanismus der Hemmung lässt Wissensinhalte nicht komplett verschwinden. “Auch wenn ich mich an meine frühere Telefonnummer nicht mehr erinnern kann, erkenne ich sie wieder, wenn sie mir jemand zeigt”, so Richardson-Klavehn.

Ein grundsätzliches Verstehen der Vergessensmechanismen könne eine bessere Behandlung von mit Gedächtnisdefiziten verbundenen Krankheiten ermöglichen, wie etwa Demenzkrankheiten, Alzheimer, Schizophrenie oder depressionsbedingte Erscheinungen. Bei manchen Menschen funktioniere hingegen das natürliche Vergessen nicht. “Bei ihnen ist vielleicht die Hemmung gestört”, so der Magdeburger Gehirnforscher abschließend.

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