Der Weg ins Exil: Vor 70 Jahren emigrierte Sigmund Freud nach London
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Der 82-jĂ€hrige Freud trat den Weg ins Exil nur mit gröĂtem Widerstreben an. In den Jahren von 1932 bis 1938 hatten nahezu alle Wiener Psychoanalytiker den Weg ins Exil ergriffen, ergreifen mĂŒssen – Freud jedoch nicht. Der krebskranke alte Mann beurteilte – wie zahlreiche Intellektuelle der damaligen Zeit – die GefĂ€hrlichkeit und Langlebigkeit des Nationalsozialismus zu optimistisch…
Am 4.6.1938 schrieb der 82-jĂ€hrige Sigmund Freud an seinen langjĂ€hrigen Briefpartner Arnold Zweig â welcher fĂŒnf Jahre zuvor nach PalĂ€stina emigriert war â noch von Wien aus einen knappen Brief: “Leaving today for 39, Elsworthy Road, London N. W. 3. Affect, greetings Freud.” Der Schriftsteller Arnold Zweig, zutiefst mit Freuds Werk identifiziert, antwortet ihm zwei Wochen spĂ€ter â die Post benötigte seinerzeit etwas lĂ€nger – voller Erleichterung: “Nun sind Sie in Sicherheit, weg von den Opfern einer jahrzehntelangen Rachsucht. (…) Ihr Archiv, Ihre BĂŒcher, die Sammlungen sind gerettet.”
Noch am gleichen Tag â alle von den Nationalsozialisten geforderten FormalitĂ€ten waren nun erfĂŒllt – emigrierte Sigmund Freud mit einem Teil seiner Familie ĂŒber Frankreich nach London. Das Photo mit Anna und Sigmund Freud im Bahnabteil ging durch die Weltpresse. 15 Monate spĂ€ter verstarb der schwer krebskranke jĂŒdische BegrĂŒnder der Psychoanalyse 83-jĂ€hrig im Londoner Exil. Ein Anlass, sich an die Stationen seiner Emigration zu erinnern.
Sigmund Freud wurde vor 152 Jahren, am 6. Mai 1856, in MĂ€hren geboren. Er besuchte in Wien die Schule und entwickelte in Wien, im gemeinsamen Austausch mit zahlreichen Kollegen – nahezu alle waren Juden – die Psychoanalyse. Freud war ein durch und durch skeptischer Mensch, kein Menschenfreund, verwendete gelegentlich den Begriff des “Gesindels”, wenn er an seine ihm groĂteils feindlich gesonnene Umwelt dachte. Ăber die dem Menschen innewohnende DestruktivitĂ€t machte er sich keine Illusionen. Der Möglichkeit der menschlichen Selbstzerstörung war er sich immer bewusst. Am Vorabend der nationalsozialistischen “Machtergreifung” schrieb Freud, von dunklen Vorahnungen erfĂŒllt, am Ende seiner groĂen Arbeit “Das Unbehagen in der Kultur”:
“Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem MaĂe es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. (…) Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der NaturkrĂ€fte so weit gebracht, daĂ sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut StĂŒck ihrer gegenwĂ€rtigen Unruhe, ihres UnglĂŒcks, ihrer Angststimmung.”…
Zum Artikel von Von Roland Kaufhold und Hans-JĂŒrgen Wirth
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