Janusz Rat und Charlotte Knobloch im Gespräch: Approbationsentzug in einer dunklen Zeit

18. Dezember 2008
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Charlotte Knobloch ist seit Juni 2006 Präsidentin des Zentralrats der Juden. Über das Schicksal jüdischer Zahnärzte während der Herrschaft der Nationalsozialisten sprach die gebürtige Münchnerin mit dem Vorsitzenden des Vorstandes der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB), Dr. Janusz Rat…

Gespräch mit Charlotte Knobloch über den Approbationsentzug jüdischer Zahnärzte

Dr. Rat: Sehr geehrte Frau Knobloch, vor rund 70 Jahren wurde den jüdischen Zahnärzten die Approbation entzogen. Welchen Stellenwert hat dieser Schritt auf dem langen Weg der totalen Entrechtung der Juden?

Knobloch: Die Entrechtung begann schon viel früher. Mit den schändlichen Nürnberger Rassegesetzen am 15. September 1935 gab es bereits erste Anzeichen für eine sich zuspitzende Diskriminierung und Ausgrenzung jüdischer Bürger. Die Lage verschärfte sich weiter, als am 30. September 1938 der Approbationsentzug jüdischer Ärzte und kurz darauf der jüdischer Zahnärzte folgte. Das Berufsverbot, durch das vielen jüdischen Familien die Existenzgrundlage entzogen wurde, war eine Vorstufe zur Reichspogromnacht. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam der entscheidende Wendepunkt. Fast überall in ganz Deutschland brannten die Synagogen, Geschäfte wurden geplündert, Wohnungen verwüstet, jüdische Bürger misshandelt, mit Füßen getreten, verhaftet und ermordet. Die Reichspogromnacht markierte den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung jüdischer Deutscher hin zur systematischen Verfolgung und gezielten Ermordung wehrloser Männer, Frauen und Kinder.

Dr. Rat: Nach dem Krieg haben sich die zahnärztlichen Standesorganisationen, so wie die Mehrheit der Deutschen, lange nicht mit ihrer dunklen Vergangenheit beschäftigt. Worauf führen Sie diese beschämende Haltung zurück?

Knobloch: Nach dem Krieg war das Misstrauen der jüdischen Deutschen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft so groß, dass sich die jüdische Gemeinschaft zunächst aus der Öffentlichkeit zurückzog. Kaum ein jüdischer Bürger wollte in Deutschland bleiben. Die meisten bemühten sich um eine rasche Ausreise aus dem Land der Täter in die USA oder nach Israel. Nach Kriegsende war das jüdische Leben fast zur Gänze aus der Öffentlichkeit verschwunden. Auf den Straßen gab es noch zahlreiche überzeugte Nazis, die frei herumliefen und von denen viele ungeschoren davonkamen. Wir wussten nicht, wer Freund und wer Feind war. Damals war eine Mischung aus Sprachlosigkeit, Zorn und Anteilnahme zu spüren. Keiner wollte etwas gewusst haben oder gar mit schuld an der Schoa sein. Das gegenseitige Misstrauen blieb über Jahrzehnte bestehen. Beide Seiten schwiegen aus Scham und aus Schmerz. Es gab kein Vertrauen mehr. Dieses musste erst langsam wieder aufgebaut werden. Obwohl ich einst auswandern wollte, bin ich heute froh, dass ich in Deutschland geblieben bin. Das jüdische Leben, das so lange im Verborgenen existierte, ist endlich wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir erleben eine Renaissance des Judentums. Synagogen und jüdische Gemeindezentren werden errichtet. Dieses Aufblühen ist für mich ein später Triumph über die Nationalsozialisten. Sie haben es nicht geschafft, in Deutschland jüdisches Leben auszulöschen…

weiter: http://www.hagalil.com/archiv/2008/12/knobloch.htm

Approbationsentzug 1938:
Ein Grund zur Trauer

1990 erschien ein Buch Simon Wiesenthals mit dem Titel: „Jeder Tag ein Gedenktag”. Wiesenthal hat darin Verbrechen um Verbrechen aufgelistet, die gegen Juden im Laufe von Jahrhunderten begangen worden sind. So wird jeder Tag des Jahres zum Gedenktag, an jedem Tag gibt es Grund zur Trauer…

Jüdische Ärzte zwischen nationalsozialistischer Verfolgung, Emigration und Wiedergutmachung:
Zerrissene Biographien

Der Approbationsentzug im Jahre 1938 stellte eine Zäsur im Leben jüdischer Ärzte dar. Daneben beeinträchtigten weitere nationalsozialistische Verfolgungsmaßnahmen das Leben und Wirken jüdischer Mediziner während des National-sozialismus und die Nachwirkungen von Flucht und Vertreibung prägten die Lebenswelt der Verfolgten weit über das Jahr 1945 hinaus…

Approbationsentzug 1938:
Und keiner hat es gewusst?
Als Vorsitzender des Jüdischen Ärzteverbandes Paul Ehrlich vertrete ich etwa 80 Kolleginnen und Kollegen in ganz Bayern. Es sind 20 Jahre her, 50 Jahre nach Approbationsentzug für jüdische Ärzte in Deutschland, als wir, auf der Suche nach unseren Wurzeln, diesen Verband zu neuem Leben erweckten…

Ausstellung in München:
Approbationsentzug 1938

In München ist zur Zeit die Ausstellung „Approbationsentzug 1938″ zu sehen. Darin wird anhand von Dokumenten und persönlichen Lebenswegen auf das Schicksal jüdischer Ärztinnen und Ärzte aufmerksam gemacht, die zum Zeitpunkt der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 in München lebten und arbeiteten…

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