Einleitung
http://www.beltz.de/leseprobe/3-407-85788-8les.pdf
Die grundsätzlichen Fragen, was eine Depression ausmacht,
warum jemand depressiv wird und warum eine Depression
kommen, vergehen und wieder auftauchen kann, haben mich
während meiner gesamten therapeutischen Tätigkeit
beschäftigt. Ich habe im Laufe der Jahre viele depressive
Menschen therapeutisch begleiten dürfen und die folgenden
Überlegungen in diesem Buch sind aus den Erfahrungen
zusammen mit diesen Menschen entstanden.
Dabei verbinde ich mit einer stimmigen Theorie der
Depression drei Anforderungen:
- Der depressive Mensch selbst muss die Erklärungen
des Therapeuten verstehen und durch sie sich selbst
besser verstehen können. Sie müssen für ihn stimmig,
rational nachvollziehbar und emotional evident sein.
- Die Theorie muss einen Weg zur Veränderung und
Heilung aufzeigen. Die Theorie muss praktisch umsetzbar
sein.
- Ursache, Verlauf und Heilung müssen durch eine
solche Erfassung schlüssig in ihrem Zusammenhang erklärt
werden können.
Es sollte also beim depressiven Menschen so etwas
anklingen, wie »Ja, so ist es bei mir«, und dieses
Wiedererkennen sollte sowohl das emotionale Erleben
betreffen wie auch seine Muster des Denkens und Handelns
nachvollziehbar und erklärbar machen.
Natürlich gibt es sehr viele Theorien über die
Depression. Und es gibt wahrscheinlich keine, die nicht
irgendetwas trifft, die nicht an irgendeinem Punkt etwas
Wesentliches der Depression erfasst. Aber keine dieser
Depressionstheorien befriedigte mich und gab mir (und den
depressiven Menschen) einen Schlüssel zum besseren
Verständnis depressiven Geschehens an die Hand, keine
vermittelte mir eine klare Vorgabe, wie die Depression zu
behandeln oder wie eine weitere Depression zu verhindern
sei.
Vielleicht sind die diversen Theorien zu theoretisch, zu
entfernt vom tatsächlichen Leben und vom Erleben der
Depressiven. Vielleicht sind sie auch zu kompliziert, und
das Leben und damit die Depression sind bei aller
Komplexität viel einfacher, als man gemeinhin meint.
Ich bin überzeugt, dass dem so ist.
Meine Sichtweise der Depression entstand nicht auf
experimentellem oder streng empirischem Weg, sondern hat
sich nach und nach aus meinen Erfahrungen im Umgang mit
depressiven Menschen herauskristallisiert. Es war ein
fortschreitender Prozess, von allgemeinen Fragestellungen zu
immer spezielleren. Es war ein Suchen und Verwerfen. Dabei
standen immer das Wissenwollen, das
Noch-besser-verstehen-Wollen des depressiven Menschen im
Vordergrund. Diese Unruhe und dieses Getriebensein
erstreckten sich über weit mehr als zehn Jahre.
So richtet sich denn dieses Buch an alle, die von einer
ähnlichen Unruhe ergriffen sind, ob sie unmittelbar oder
mittelbar betroffen sind. Ihnen allen möchte ich meine Sicht
der Depression nahe legen, in der Überzeugung, dass sie
Impulse zu geben vermag zum besseren Verständnis depressiven
Erlebens und Handelns.
Ich möchte, dass dem depressiven Menschen mehr
Verständnis und Wertschätzung entgegengebracht werden, dass
er gesehen wird in der ganzen Tiefe und Breite seiner
Empfindsamkeit und dem Reichtum seines Erlebens. Er hat es
schon schwer genug in und mit seinem Leben, er trägt schon
genug an seinem eigenen Leiden und Nicht-verstehen-Können.
Es geht mir in erster Linie um mehr Verständnis für den
depressiven Menschen, ihm gerechter zu werden und auch
vorsichtiger im Urteil über ihn. Ihn zu verstehen hilft, ihm
anders zu begegnen. Den depressiven Menschen besser
verstehen heißt auch, ihm mehr Achtung und Wärme geben zu
können. Ich hoffe, mit diesem Buch einen wichtigen Teil dazu
beizutragen. Das Verständnis des depressiven Menschen
trägt, und davon bin ich überzeugt, auch zu einem besseren
Verständnis aller anderen Menschen bei.
Gedacht habe ich beim Schreiben dieses Buches auch an
jene Menschen, die gar nicht in Situationen hineingeraten
wollen, in denen sich die depressiven Menschen befinden, die
also Hilfestellungen erwarten, um schon frühzeitig
Warnsignale zu erkennen und daran arbeiten zu können. Das
Thema von Forderung und Überforderung, das, wie ich im
Folgenden genauer darstellen werde, eng mit der
Herausbildung einer Depression verknüpft ist, ist ja nicht
das Problem einiger weniger Menschen, sondern jedes
Einzelnen von uns. Forderungen wird es immer geben, und Wege
zwischen dem Erfüllen von Erwartungen und dem Abgleiten in
die Spur permanenter Selbstüberforderung muss jede und jeder
von uns finden. Aber noch nie war der Pfad zwischen
Pflichterfüllung und zwanghafter Unfreiheit so schmal wie
heute, noch nie waren die Forderungen von außen wie von
innen so stark und nachhaltig und der Verlust der
persönlichen Selbstbestimmung so nahe. Die Welt von heute
macht nicht an sich depressiv, sondern nur unsere Art, damit
umzugehen, und die Bilder, nach denen wir glauben uns
richten zu müssen.
Nehmen wir ein Beispiel: Ferien sind etwas Erholsames und
Beglückendes. Wenn wir uns aber leiten lassen vom »Diktat
des Müssens« werden sie zu einem Fiasko. Der Imperativ, der
Ferien zum Stress und den Menschen zum Sklaven macht, könnte
etwa so lauten:
»Du musst die Ferien vom ersten Tag an genießen,
du musst Sonne und Meer immer und jederzeit als etwas
Erholsames empfinden, du musst glücklich sein und
dich erholen können, es muss dir einfach gut gehen,
du musst auftanken fürs ganze Jahr, jetzt oder nie
hast du die Chance dazu, du musst ein anderer Mensch sein in
den Ferien, du musst alles nachholen, was du während
des vergangenen Jahres verpasst hast, und dich rüsten für
die trockene und unmenschliche Zeit, die nachher kommen
wird, sonst … ja sonst liegt es an dir, dann bist du
unfähig, zu genießen, loszulassen und dich zu entspannen,
dann darfst du dich nicht beklagen, dann bist du daneben,
dann stimmt etwas mit dir nicht.«
Unter solchen Bedingungen, die keinen Raum lassen für
individuelle Rhythmen und Vorlieben, für
Stimmungsschwankungen, für persönliche Formen der
Feriengestaltung, werden solche Ferien zur Überforderung. Je
mehr jemand solche Vorstellungen zum eigenen Maßstab des
Genießens und der Fähigkeit zum Ausspannen macht, desto eher
läuft er oder sie in eine Überforderung hinein, die der
depressiven Überforderung sehr nahe kommt, die ein ähnliches
Bild vermittelt wie eine Depression.
Die Gefahr, überfordert zu werden, ist überall sehr präsent.
Man wird von der Arbeit überfordert, die wenig Spielraum
lässt für eine individuelle Gestaltung; der materielle Druck
wird immer größer, die Konkurrenz unmenschlicher und der
Mensch zählt immer weniger. Wenn dann noch im Privaten und
in der Freizeit solche Forderungen kommen, die man meint
erfüllen zu müssen, um dazuzugehören, um »in« oder »hip« zu
sein, um respektiert zu werden, wenn man anziehen muss, was
man anzieht, und dorthin geht, wo man hingehen
muss, dann bleibt kein Platz mehr für persönliche
Entscheidungen, dann verliert sich der Mensch. Er läuft in
eine Lebensform hinein, in der er sich ständig überfordert.
Man wird deshalb nicht unbedingt depressiv, aber man
distanziert sich von sich selbst, übergeht sich, überfordert
sich, was lähmt und unzufrieden macht.
Doch auch wenn der betreffende Mensch sich noch so mies,
leer und ausgequetscht fühlt, handelt es sich um keine
Depression. Er befindet sich zwar in einem Zustand, der
demjenigen der depressiven Menschen sehr nahe kommt, nach
außen so wirken mag und vom Erleben her nicht unähnlich dem
depressiven Erleben ist, aber eine Depression hat andere
Voraussetzungen, zu ihr bedarf es depressiver
Verhaltensmuster und depressiver Wurzeln, sie setzt eine
depressive Persönlichkeitsstruktur voraus.
Wächst das gleiche Verhalten nun auf dem Boden solch
depressiver Strukturen, auf die wir in diesem Buch eingehen
werden, dann ist der Mensch noch anfälliger auf den
gesellschaftlichen Imperativ des Müssens, noch
beeindruckbarer durch Normen und durch die Forderungen des
Zeitgeistes.
Positiv
formuliert: Wichtig ist, dass der Mensch sich spürt und
ernst nimmt, was er will und braucht, dass er spürt, was ihm
gut tut, wo seine Vorlieben und Grenzen, seine Möglichkeiten
und Schwächen liegen, dass er sich wahrnimmt und
respektiert, dass er von sich ausgeht, sich in seinen
Entscheidungen mitberücksichtigt und sich als der sieht, der
entscheiden kann, der gefragt werden will. Dann kann er
etwas verändern, kann er seine Erwartungen zurückschrauben,
wieder zu Kräften kommen und sich erholen, dann bleibt er
gesund und kann sich entwickeln, dann kann er ja und nein
sagen, läuft nicht Gefahr, ausgebrannt, leer und unzufrieden
zu werden. Zusammenfassend meint das, dass der Mensch die
Möglichkeit und die Fähigkeit hat, sich zu verändern, sein
Leben zu überdenken und sein Handeln zu reflektieren.
Natürlich wird es für den Menschen mit jedem Lebensjahr
schwieriger, die Weichen anders zu stellen, wenn er die
ganze Zeit auf einem Gleis gefahren ist, das ihn ständig
überfordert. Denn die Erwartungen an sie oder ihn werden
größer, man glaubt, so handeln zu müssen und nicht anders zu
können, weil man annimmt, dass es von einem erwartet wird,
oder weil man glaubt, dass man zu viel verlieren würde, wenn
man sich anders verhalten würde.
Je länger jemand auf diesem Gleis fährt, umso schwieriger
wird es, unabhängig, frei und selbstbestimmt sein eigenes
Leben zu gestalten. Aber unmöglich ist es nie. Und hier kann
jedem von uns das Verständnis der depressiven Menschen
helfen. Wir können sehen, wie sich der depressive Mensch
überfordert, wie er sich in eine Falle begibt und wie solche
Verhaltensweisen der Überforderung sich auf sein Denken,
Fühlen und Handeln auswirken können. Das Verständnis der
Depression zeigt aber auch die Wege, die er gehen kann, um
sich zu schützen oder sich zu befreien.
In diesem Buch geht es mir auch darum, zu zeigen, wie
vielfältig die Möglichkeiten sind, sich zu überfordern, wie
groß die Gefahr ist, sich zu übergehen und in Zustände zu
geraten, in denen Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit
und Ohnmacht von uns Besitz nehmen. Aber solche Zustände
dürfen nicht einfach als Ausdruck einer Depression
bezeichnet werden. Eine Depression ist viel einschneidender,
grundsätzlicher und dramatischer. Es ist ein wichtiges Ziel
dieses Buches, das deutlich zu machen, aber auch
aufzuzeigen, wie viel wir für uns vom Verhalten depressiver
Menschen lernen können. Es soll dazu beitragen, hellhöriger
zu werden, um zu erkennen, wenn solche Verhaltens- und
Denkmuster beginnen, unser Leben zu bestimmen, so dass wir
schneller merken, wenn wir von solchen Denk- und
Verhaltensmustern geleitet werden. Wir alle sind Forderungen
und Erwartungen ausgesetzt, fühlen uns häufig unfrei, zu
entscheiden, nein zu sagen, uns abzugrenzen und das zu tun,
was wir wirklich wollen.
Wir erleben uns häufig so, wie depressive Menschen sich
fühlen und wie sie leben - und das soll und kann uns helfen,
die Depression zu verstehen und einzusehen, dass depressives
Erleben und Handeln gar nicht so abwegig und fremdartig ist,
wie wir häufig meinen. Wobei gleich angefügt werden muss,
dass der Zugang zum depressiven Menschen über das eigene
Erleben auch gefährlich und trügerisch ist. Denn depressives
Erleben ist schmerzvoller, auswegloser und hoffnungsloser
als jedes noch so tiefe und verzweifelte Gefühl der
Traurigkeit und Niedergeschlagenheit. Um in eine Depression
zu geraten, braucht es mehr, braucht es Muster, die schon
sehr früh angelegt sind und die starr und unflexibel sind.
Wir alle haben unfreie Seiten in uns, wollen geliebt und
akzeptiert werden und sind immer gefährdet, uns so zu
verhalten, dass es uns nicht gut geht, aber depressiv werden
wir deshalb noch nicht, auch wenn wir in einen Zustand
kommen können, der einer Depression sehr ähnlich ist und mit
einer Depression verwechselt werden kann. Wer ab und zu
unter Kopfweh leidet, muss deswegen auch noch keine Migräne
haben, und wer oft nach dem Essen Magenschmerzen hat, leidet
noch unter keinem Magengeschwür.
Wer sich ständig überfordert, wer immer wieder über seine
Verhältnisse lebt, kann in ein Loch fallen, die Orientierung
und den Lebenssinn verlieren. Dann geht es ihm schlecht, ist
er niedergeschlagen, lustlos, ohne Initiative, ohne Kraft,
aber wirklich depressiv ist er nicht.
Aber er ist in seinem Verhalten und in seinem Erleben sehr
nahe an einer Depression. Ich schlage vor, solche Zustände
als »emotionale Verstimmungen« zu bezeichnen. Eine wirkliche
Depression ist etwas anderes, hat eine andere Geschichte und
einen anderen Verlauf, ist komplexer, gewachsener und
tragischer, umfasst die ganze Person und bestimmt über eine
sehr lange Zeit bis ins Letzte hinein ihr Verhalten und
Empfinden. Vor allem aber ist eine Umkehr oder ein
Aussteigen sehr viel schwieriger und mühsamer.
Ich möchte all den depressiven Menschen danken, die mir
geholfen haben, sie, die Depression und das Leben besser zu
verstehen. Ich möchte ihnen danken, dass sie mir erlaubten,
mit ihnen zusammen den Weg durch Verzweiflung und Angst zu
gehen und damit erleben zu dürfen, wie sich ein solcher Weg
öffnen kann. Ich durfte aber auch miterleben, wie sie
allmählich freier, lebensbejahender und stärker wurden. Ich
durfte mich mitfreuen, wenn sie ihr Leben wieder in die Hand
nahmen und als selbstbewusste, kritische Menschen in ihr
wirklich gelebtes Leben zurückkehrten.
Diese Erfahrungen waren für mich oft erschütternd: Ich sah
Menschen leiden, ich sah, wie sie sich wehrten und sich
verzweifelt gegen dieses Leben voller Angst und Unfreiheit
aufbäumten. Sie ließen mich Einblick nehmen in ein Leben
voller Kampf, Einsamkeit und des ständigen Bemühens, ohne
ständige Selbstzweifel und Abwertung auszukommen.
Ich
konnte sehen, wie ein anfängliches Verhalten, um zu
»überleben«, sich im Laufe der Zeit gegen sie richtete, wie
Versuche, einen tragfähigen Boden zu finden, ihnen zunehmend
gerade diesen Boden entzogen, wie ihr Bemühen, sich zu
schützen und leben zu wollen, zu einem Gefängnis wurde und
wie ihr stetes Ringen um ein würdiges Leben sie zunehmend
vom Leben fern hielt und an sich und am Leben leiden ließ.
Leiden soll uns aber helfen, das Leiden anderer zu mindern,
vielleicht gar zu verhindern, auf jeden Fall aber kann und
soll es mithelfen, depressiven Menschen mit mehr
Verständnis, Wertschätzung und Respekt zu begegnen.
Verstehen wollen ist immer der erste Schritt hin zum
Mitmenschen.