Wege aus der Krise: Förderung der emotionalen und sozialen Kompetenz

20. März 2009
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Das Buch Emotionale Intelligenz verdankt sein Entstehen meiner unmittelbaren Erfahrung einer Krise in der amerikanischen Zivilisation, mit erschreckender Zunahme der Gewaltverbrechen, der Selbstmorde, des Drogenmißbrauchs und anderer Indikatoren für emotionales Elend, besonders unter der amerikanischen Jugend…

Zur Behandlung dieser gesellschaftlichen Krankheit scheint es mir unerläßlich, der emotionalen und sozialen Kompetenz unserer Kinder und unserer selbst größere Aufmerksamkeit zuzuwenden und die Kräfte und Fähigkeiten des menschlichen Herzens energischer zu fördern. Meine Freunde in Deutschland sagten mir zwar, daß es in der deutschen Gesellschaft keine derart krassen Krisenphänomene wie in Amerika gäbe, daß meine Vorschläge aber auch für Deutschland gelten könnten, nicht so sehr als akutes Gegenmittel, sondern als präventive Maßnahme.

Ich erfuhr von meinen deutschen Freunden, daß deren Gesellschaft von einer subtileren Form der Gewalt geprägt ist: den Anzeichen einer sozialen Entfremdung, die eines Tages durchaus zu ernstzunehmenden Rissen im sozialen Gewebe führen könnte, wenn man ihr nicht Einhalt gebietet.

Wie Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld beobachtet hat, entwickelt sich die gesellschaftliche Dynamik zu mehr Individualisierung, zu mehr Autonomie, von dort zu größerem Konkurrenzkampf, vor allem in der Arbeitswelt und an den Universitäten, und zu weniger Solidarität, was schließlich zu wachsender Isolierung des einzelnen und zum Verfall der sozialen Integration führt. Diese schleichende Desintegration der Gemeinschaft und die Verstärkung eines rücksichtslosen Durchsetzungsstrebens geschehen dabei ausgerechnet zu einer Zeit, in der der ökonomische und soziale Druck, der aus der West-Ost-Einigung entstanden ist, mehr und keinesfalls weniger Kooperation und Fürsorglichkeit verlangt.

In dieser Atmosphäre einer beginnenden sozialen Malaise treten nun auch Anzeichen einer sich verschärfenden emotionalen Krise, besonders bei Kindern, auf. Empirische, die Situation in verschiedenen Ländern vergleichende Untersuchungen haben ergeben, daß deutsche Kinder in ihrer emotionalen und sozialen Verfassung besser dran sind als ihre amerikanischen Altersgenossen. Sie sind vor allem weniger gewalttätig und weniger aggressiv. Somatische Beschwerden aber, bei Kindern häufig ein Barometer für unterdrückte Nöte und Ängste, reichen an die in Amerika recht nahe heran.

Offensichtlich ist, daß in Deutschland, wie in allen anderen Industrieländern auch, Depression als Krankheit beständig und langfristig zunimmt. Bei Menschen zum Beispiel, die nach 1944 geboren sind, ist die Wahrscheinlichkeit, irgendwann in ihrem Leben eine ernste Depression zu erleiden, dreimal größer als bei der Generation ihrer Großeltern.

Vor dem Hintergrund dieser bedrohlichen emotionalen und sozialen Entwicklung erscheinen dann vielleicht die vereinzelten Gewaltverbrechen und das Auftreten von Skinhead-Gruppen als frühe Warnzeichen für Gefahren und als beunruhigende Mahnungen.

All das macht es auch in Deutschland so dringlich, das emotionale Alphabet zu beherrschen. In unserem Zeitalter sind die Kräfte und Fähigkeiten des Herzens genauso lebenswichtig wie die des Kopfes. Rationalität und Mitgefühl müssen ins Gleichgewicht gebracht werden. Die Alternative wäre ein verelendeter Intellekt, ein Steuerruder, auf das in unserer sich so schnell und so komplex ändernden Gegenwart kein Verlaß mehr ist.

Heutzutage sind es die Neurowissenschaften, die so nachdrücklich darauf bestehen, daß die Emotionalität ernst genommen wird. Ihre Forschungsergebnisse sind ermutigend. Sie sind es, die uns darüber aufklären, daß die Zukunft hoffnungsvoller sein kann, wenn wir der emotionalen Intelligenz intensiver und systematischer unsere Aufmerksamkeit zuwenden: um das Bewußtsein von uns selbst zu vertiefen, um mit schmerzlichen Emotionen besser umgehen zu lernen, um trotz der vielen Frustrationen die Kraft zu Hoffnung und Ausdauer zu bewahren und um unsere Fähigkeiten zur Empathie und zur Fürsorge für andere, zu Kooperation und sozialer Bindung zu stärken.

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