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Für Liebhaber menschlicher Dokumente: Morphium (2)

Tuk, tuk . . . Bum, bum, bum . . . Aha. Wer? Wer? Was? Ach so, es klopft . . . Verdammt, es klopft . . . Wo bin ich? Was ist mit mir? Was ist los? Ja, in meinem Bett . . . Warum werde ich geweckt? Weil ich Dienst habe. Wachen Sie auf, Doktor Bomhart…

Aus Michail Bulgakows “ Arztgeschichten

Da schlurft Marja zur Tür, um zu öffnen. Wie spät? Halb eins . . . Nacht. Also habe ich bloß eine Stunde geschlafen. Was macht die Migräne? Sie ist da. Es klopfte leise. »Was ist los?«

Ich öffnete die Tür zum Esszimmer. Die Nachtschwester sah mich aus der Dunkelheit an, und ich fand ihr Gesicht bleich und ihre Augen unnatürlich groß. »Wen hat man gebracht?«

»Den Arzt aus Gorelowo«, antwortete sie heiser. »Er hat sich erschossen.«
»Po-lja-kow? Unmöglich! Poljakow?« »Den Namen weiß ich nicht.«
»Hören Sie zu. Ich komme sofort. Sie laufen zum Chefarzt und wecken ihn. Sagen Sie ihm, ich bitte ihn dringend ins Sprechzimmer.«

Die Nachtschwester stürzte davon, der weiße Fleck entschwand meinen Augen.
Zwei Minuten später trat ich auf die Vortreppe, und ein wütender Schneesturm, trocken und stechend, peitschte mir ins Gesicht, blähte die Mantelschöße, ließ den erschrockenen Körper vereisen.
In den Fenstern des Sprechzimmers flammte unruhiges weißes Licht. Auf der Vortreppe stieß ich in einer Schneewolke auf den Chefarzt, der schon hierhergeeilt war. »Ihr Poljakow?« fragte er und hüstelte.
»Ich begreife es nicht, doch er scheint es zu sein«, antwortete ich, und wir liefen hinein.

Von einer Bank erhob sich eine vermummte Frau und kam uns entgegen. Wohlbekannte, verheulte Augen blickten mich unter dem Rand des braunen Tuchs hervor an. Ich erkannte Marja Wlassjewna, die Hebamme aus Gorelowo, meine treue Helferin bei Entbindungen im dortigen Krankenhaus. »Poljakow?« fragte ich.
»Ja«, antwortete sie, »schrecklich, Doktor, ich habe während der ganzen Fahrt gezittert, ob ich ihn lebend herbringe.« »Wann ist es passiert?«
»Heute früh«, murmelte sie, »der Nachtwächter kam gelaufen und sagte, beim Doktor in der Wohnung sei ein Schuss gefallen.«
Unter der Lampe, die widerlich unruhiges Licht verbreitete, lag Doktor Poljakow, und schon beim ersten Blick auf seine leblosen, wie versteinerten Filzstiefel klopfte mir das Herz. Die Mütze hatte man ihm abgenommen, und ich sah seine feuchtklebenden Haare. Meine Hände, die Hände der Nachtschwester und die Hände Marja Wlassjewnas wirtschafteten flink an dem Verletzten, und unter dem Mantel kam weißer Mull mit zerlaufenen gelbroten Flecken zum Vorschein. Die Brust bewegte sich schwach. Ich fühlte den Puls und zuckte zusammen, der Puls schwand unter meinen Fingern, zog sich in die Länge wie ein Faden mit kleinen, unstabilen Knoten. Schon griff die Hand des Chirurgen nach der Schulter, fasste das blasse Fleisch und kniff es zusammen, um Kampfer zu spritzen. Poljakows verklebte blaue Lippen öffneten sich zuckend, ein rötlicher Blutstreifen trat aus, und er sagte trocken und schwach: »Lasst den Kampfer. Zum Teufel . . .«

»Still«, antwortete ihm der Chirurg und drückte das gelbe Öl unter die Haut.
»Wahrscheinlich ist der Herzbeutel verletzt«, flüsterte Marja Wlassjewna, hielt sich krampfhaft am Tischrand fest und betrachtete die geschlossenen Lider des Verletzten. Grauviolette Schatten wie die Schatten des Sonnenuntergangs traten immer markanter in den Kerben an den Nasenflügeln hervor und bedeckten sich mit quecksilberartigem Schweiß wie mit Tautröpfchen.
»Revolver?« fragte der Chirurg, und seine Wange zuckte. »Browning«, lispelte Marja Wlassjewna.
»Ach«, sagte der Chirurg plötzlich wie in Wut und Arger und trat mit einer wegwerfenden Handbewegung zurück. Erschrocken wandte ich mich zu ihm, denn ich begriff nicht. Hinter mir blickte noch ein Augenpaar. Ein weiterer Arzt war hinzugekommen.
Auf einmal zog sich Poljakows Mund schief wie bei einem Schläfer, der eine aufdringliche Fliege verjagen will, dann zuckte sein Unterkiefer, als habe er ein würgendes Klümpchen in der Kehle und wolle es verschlucken. Ach, wer die scheußlichen Wunden von Revolver- und Gewehrkugeln gesehen hat, kennt diese Bewegung genau!

Marja Wlassjewna verkrampfte gequält das Gesicht und seufzte. »Doktor Bomhart«, sagte Poljakow kaum hörbar. »Ich bin hier«, flüsterte ich dicht bei seinem Mund. »Nehmen Sie mein Heft«, brachte Poljakow heiser und noch schwächer hervor.

Dann schlug er die Augen auf und hob sie zu der tristen, verschatteten Zimmerdecke. Seine dunklen Pupillen schienen sich von innen her mit Licht zu füllen, das Weiße in den Augen wurde gleichsam durchsichtig, bläulich. Die Augen blieben nach oben gerichtet, trübten sich und verloren ihre kurzlebige Farbe. Doktor Poljakow war tot.

Nacht. Bald graut der Morgen. Die Lampe brennt sehr hell, denn das Städtchen schläft, und es gibt reichlich Strom. Alles ist still, Poljakows Leiche liegt in der Kapelle. Nacht. Auf dem Tisch vor meinen vom Lesen entzündeten Augen liegen ein offener Umschlag und ein Brief. Er lautet:

»Lieber Kollege!
Ich werde nicht auf Ihre Ankunft warten. Ich habe es mir mit der Behandlung anders überlegt. Es ist hoffnungslos. Und quälen will ich mich auch nicht mehr. Ich habe es zur Genüge versucht. Ich warne andere: Seid vorsichtig mit den in 25 Teilen Wasser aufgelösten weißen Kristallen. Ich habe ihnen zu sehr vertraut, und sie haben mich zugrunde gerichtet. Mein Tagebuch schenke ich Ihnen. Ich habe Sie stets für wissensdurstig und für einen Liebhaber menschlicher Dokumente gehalten. Wenn es Sie interessiert, lesen Sie meine Krankengeschichte. Leben Sie wohl.
Ihr S. Poljakow«

Ein Nachsatz mit Großbuchstaben:

»Ich bitte, niemandem die Schuld an meinem Tode zu geben.
Sergej Poljakow, Arzt
13. Februar 1918«

Neben dem Brief des Selbstmörders liegt ein gewöhnliches Heft, in schwarzes Wachstuch gebunden. Die erste Hälfte der Seiten ist herausgerissen. Der Rest enthält kurze Eintragungen, anfangs mit Bleistift oder Tinte, in kleiner sauberer Handschrift, gegen Ende des Hefts aber mit Kopierstift und dickem Rotstift, in schludriger, hüpfender Schrift und mit vielen abgekürzten Wörtern.

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