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Das Tagebuch des Dr. Poljakow: Morphium

Beginn der Tagebuchaufzeichnung…
Aus Michail Bulgakows “ Arztgeschichten

. . . 7*, 20. Januar

. . . mich sehr freut. Gott sei Dank: je einsamer, desto besser. Ich will keinen Menschen sehen, und hier werde ich keinen sehen außer kranken Bauern. Aber die werden meine Wunde kaum anrühren. Die anderen wurden übrigens wie ich in Revieren des Semstwo untergebracht. Mein ganzer Jahrgang, der nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurde (die Landwehrmänner zweiter Ordnung des Jahrgangs 1916), ist auf die Semstwos verteilt worden. Aber das interessiert niemanden. Was meine Freunde betrifft, so weiß ich es nur von Iwanow und Bomhart. Iwanow hat das Gouvernement Archangelsk gewählt (Geschmackssache), Bomhart aber sitzt, wie mir die Feldscherin sagte, in einem Kaff namens Gorelowo, ähnlich dem meinen, drei Kreise von hier. Ich wollte ihm schreiben, ließ es aber. Ich möchte von Menschen nichts sehen noch hören.
*) Zweifellos 1917. Dr. Bomhart.

21. Januar
Schneesturm. Nichts.

25. Januar
Ein wunderschöner Sonnenuntergang. Migränin ist eine Verbindung von Antipyrin, Coffein und ac. citric. Die Pulver enthalten je 1,0 .. . Kann man 1,0 nehmen? Man kann.

3. Februar
Heute bekam ich die Zeitungen der vergangenen Woche. Ich habe sie nicht gelesen, doch ich konnte es mir nicht verkneifen, den Theaterplan zu überfliegen. »Aida« lief in der vergangenen Woche. Also ist sie vorgetreten und hat gesungen: »Komm, o Geliebter, nahe dich . . .«
Merkwürdig, dass eine solche Krämerseele eine so ungewöhnlich klare, mächtige Stimme hat… (Hier sind zwei oder drei Seiten herausgerissen.)
… ist natürlich würdelos, Doktor Poljakow. Dumm und pennälerhaft, mit Gossenflüchen eine Frau zu beschimpfen, weil sie einen verlassen hat! Sie will nicht mit mir leben und ist weggegangen. Das ist alles. Ist doch eigentlich ganz einfach. Eine Opernsängerin hat mit einem jungen Arzt geschlafen, ein Jahr mit ihm gelebt und ihn verlassen. Soll ich sie umbringen? Soll ich? Ach, wie dumm und sinnlos ist das alles. Hoffnungslos! Ich will nicht denken. Ich will nicht . . .

11. Februar
Schneesturm, nichts als Schneesturm … Es weht mich zu! Ganze Abende sitze ich mutterseelenallein bei Lampenlicht. Tagsüber sehe ich noch Menschen. Aber ich arbeite mechanisch. An die Arbeit habe ich mich gewöhnt. Sie ist nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte. Im übrigen hat mir das Lazarett im Krieg viel geholfen. Bin nicht ganz so unvorbereitet hierhergekommen.
Habe heute zum erstenmal eine Wendung gemacht.
Drei Menschen sind hier also unterm Schnee begraben: ich, die Feldscherin und Hebamme Anna Kirillowna und der Feldscher. Er ist verheiratet. Das Feldscherpersonal wohnt im Seitenflügel. Ich wohne allein.

15. Februar
Gestern nacht ist etwas Eigenartiges passiert: Ich wollte mich gerade schlafen legen, da bekam ich plötzlich so heftige Schmerzen in der Magengegend, dass mir kalter Schweiß auf die Stirn trat. Unsere Medizin ist trotz allem eine zweifelhafte Wissenschaft, muß ich sagen. Woher kriegt ein Mensch mit gesundem Magen und Darm (auch nie Blinddarmentzündung gehabt), mit gesunden Nieren und gesunder Leber auf einmal nachts solche Schmerzen, dass er sich im Bett windet?
Stöhnend schleppte ich mich in die Küche, wo die Köchin mit ihrem Mann Wlas übernachtete. Ich schickte ihn zu Anna Kirillowna. Sie kam gleich zu mir und war genötigt, mir eine Morphiuminjektion zu machen. Sie sagte, ich hätte ganz grün ausgesehen. Wovon?

Unser Feldscher gefällt mir nicht. Menschenscheu. Anna Kirillowna aber ist eine liebe, aufgeschlossene Frau. Ich wundere mich, wie eine keineswegs alte Frau so einsam in dieser Schneegruft leben kann. Ihr Mann ist in deutscher Gefangenschaft.

Ich muß denen ein Lob spenden, die zum erstenmal aus Mohnkapseln Morphium zogen. Wahre Wohltäter der Menschheit. Die Schmerzen hörten sieben Minuten nach der Spritze auf. Interessant: Vordem kam eine Schmerzwelle nach der anderen, so dass mir die Luft knapp wurde und ich das Gefühl hatte, jemand stieße mir ein glühendes Brecheisen in den Bauch und drehte es herum. Etwa vier Minuten nach der Spritze konnte ich die einzelnen Wellen des Schmerzes unterscheiden.
Es wäre sehr gut, wenn die Ärzte viele Medikamente an sich selbst ausprobieren könnten. Sie würden dann deren Wirkung viel besser einschätzen. Nach der Spritze schlief ich zum erstenmal seit Monaten tief und ruhig, ohne an sie zu denken, die mich betrogen hatte.

16. Februar
Heute erkundigte sich Anna Kirillowna während der Sprechstunde, wie ich mich fühle, und sagte, ich sei zum erstenmal in der ganzen Zeit nicht mürrisch. »Was, ich bin mürrisch?«
»Sehr«, antwortete sie überzeugt und fügte hinzu, es wundere sie, dass ich stets schweige. »Ich bin eben so ein Mensch.«
Aber das stimmt nicht. Bis zu meinem Familiendrama war ich sehr lebensfroh.
Es wird zeitig dunkel. Ich bin allein in der Wohnung. Am Abend kam wieder der Schmerz, aber nicht sehr heftig, wie ein Schatten des gestrigen Schmerzes, irgendwo unterm Brustbein. Aus Furcht vor einem erneuten Anfall spritzte ich mir selbst ein Zentigramm in den Oberschenkel.
Der Schmerz hörte fast sofort auf. Gut, dass Anna Kirillowna die Ampulle dagelassen hatte.

18. Februar
Vier Injektionen sind nicht schlimm.

25. Februar
Komische Frau, diese Anna Kirillowna! Als ob ich nicht Arzt wäre. Eineinhalb Spritzen, das sind 0,015 morph. Ja.

1. März
Doktor Poljakow, aufpassen!
Quatsch.
Dämmerung.
Schon vierzehn Tage waren meine Gedanken nicht mehr bei der Frau, die mich betrogen hat. Das Motiv aus ihrer Partie – Amneris – verfolgt mich nicht mehr. Ich bin sehr stolz darauf. Ich bin ein Mann.

Anna K. ist meine heimliche Frau geworden. Es konnte nicht anders sein. Wir sind auf einer unbewohnten Insel eingeschlossen.
Der Schnee hat sich verändert, ist irgendwie grauer geworden. Grimmigen Frost gibt es nicht mehr, nur die Schneestürme kehren von Zeit zu Zeit wieder.

Erste Minute: das Gefühl einer Berührung am Hals. Sie breitet sich aus. Das Empfinden von Wärme. In der zweiten Minute läuft eine kalte Welle durch die Brust, dann folgen ungewöhnliche Klarheit des Denkens und eine Explosion von Arbeitslust. Jegliche unangenehmen Empfindungen hören auf. Die geistige Kraft erreicht ihren Höhepunkt. Wäre ich nicht durch die medizinische Ausbildung voreingenommen, so würde ich sagen, der Mensch kann nur nach einer Morphiumspritze normal arbeiten. Tatsächlich, was, zum Teufel, taugt der Mensch, wenn die kleinste Neuralgie ihn gänzlich aus dem Sattel wirft!
Anna K. hat Angst. Ich habe sie beruhigt und ihr gesagt, dass ich mich von klein auf durch größte Willenskraft auszeichne.

2. März
Gerüchte von etwas Grandiosem. Nikolaus II. soll gestürzt sein.
Ich lege mich sehr früh schlafen. Gegen neun. Und schlafe herrlich.

10. März
Dort ist Revolution. Die Tage werden länger, die Dämmerung erscheint noch bläulicher.
Solche Träume gegen Morgen habe ich noch nie gehabt. Es sind doppelte Träume.
Der Haupttraum ist, ich möchte sagen, gläsern. Durchsichtig.
Da sehe ich eine unheimlich leuchtende Lampe, aus der eine bunte Lichterkette hervorsprüht. Amneris singt mit wippender grüner Feder. Ein ganz unirdisches Orchester spielt ungewöhnlich volltönend. Aber ich kann das nicht mit Worten wiedergeben. Kurzum, in einem normalen Traum ist die Musik klanglos … (in einem normalen? Es ist noch sehr die Frage, welcher Traum normaler ist! Doch ich scherze) klanglos, doch in meinem Traum klingt sie geradezu himmlisch. Und das Wichtigste, ich kann sie nach meinem Willen verstärken oder abschwächen. Ich erinnere mich, dass in »Krieg und Frieden« beschrieben wird, wie Petja Rostow im Halbschlaf einen ähnlichen Zustand erlebt. Lew Tolstoi ist ein großartiger Schriftsteller!
Jetzt zur Durchsichtigkeit: Durch die schillernden Farben »Aidas« sehe ich ganz real die Kante meines Schreibtisches in der offenen Tür des Arbeitszimmers, die Lampe, den glänzenden Fußboden, und durch die Orchesterwoge des Bolschoitheaters höre ich deutliche Schritte, angenehm wie dumpfe Kastagnetten.
Also ist es acht Uhr – Anna K. kommt, um mich zu wecken und mir mitzuteilen, was im Sprechzimmer los ist. Sie ahnt nicht, dass sie mich nicht zu wecken braucht, dass ich alles höre und mit ihr sprechen kann.
Gestern habe ich folgenden Versuch gemacht:
Anna: »Sergej Wassiljewitsch . . .«
Ich: »Ich höre . . .« (Leise zur Musik: »Stärker.«)
Die Musik ertönt in einem großen Dis-Akkord.
Anna: »Zwanzig Patienten haben sich angemeldet.«
Amneris singt . . .
Aber das läßt sich auf dem Papier nicht wiedergeben. Sind diese Träume schädlich? O nein. Danach stehe ich gestärkt und munter auf. Ich arbeite gut. Ich habe jetzt sogar Interesse daran, anders als früher. Kein Wunder, alle meine Gedanken waren auf meine ehemalige Frau konzentriert. Und jetzt bin ich ruhig. Ich bin ruhig.

19. März
In der Nacht hatte ich Streit mit Anna K. »Ich werde dir keine Lösung mehr machen.« Ich redete ihr zu:
»Unsinn, Annalein. Bin ich etwa ein kleines Kind?«
»Ich mach’s nicht mehr. Sie richten sich zugrunde.«
»Nun, wie Sie wollen. Verstehen Sie doch, ich habe Schmerzen in der Brust.«
»Lassen Sie sich behandeln.«
»Wo?«
»Fahren Sie in Urlaub. Morphium ist keine Behandlung.« Dann dachte sie nach und fügte hinzu: »Ich kann es mir nicht verzeihen, dass ich Ihnen damals ein zweites Fläschchen zurechtgemacht habe.«
»Was denn, bin ich vielleicht ein Morphinist?«
»Sie sind auf dem besten Wege, einer zu werden.«
»Sie tun es also nicht?«
»Nein.«
Da entdeckte ich zum erstenmal in mir die unangenehme Eigenschaft, böse zu werden, ja jemanden anzuschreien, wenn ich im Unrecht war.
Im übrigen kam das nicht sofort. Ich ging ins Schlafzimmer.
Sah nach. Im Fläschchen plätscherte es noch ein wenig. Ich zog die Spritze auf, sie füllte sich nur zu einem Viertel. Ich warf sie zu Boden und begann zu zittern. Sorgsam hob ich sie auf, untersuchte sie, kein Sprung. An die zwanzig Minuten blieb ich im Schlafzimmer sitzen. Dann schaute ich hinaus, sie war nicht mehr da. Weggegangen.
Man stelle sich vor, ich hielt es nicht aus und ging zu ihr. Klopfte an ihr erleuchtetes Fenster im Seitenflügel. Sie kam heraus auf die Vortreppe, in ihr Tuch gewickelt. Still, ganz still war die Nacht. Der Schnee flaumig locker. Irgendwo tief im Himmel roch es nach Frühling.
»Anna Kirillowna, geben Sie mir bitte die Apothekenschlüssel.«
Sie flüsterte: »Die gebe ich Ihnen nicht.«
»Genossin, geben Sie mir bitte die Schlüssel. Ich spreche als Arzt zu Ihnen.«
Im Dämmerlicht sah ich ihr Gesicht erbleichen, und ihre Augen sanken ein, wurden tief und schwarz. Die Stimme, mit der sie antwortete, rief in meiner Seele Mitleid wach. Doch dann übermannte mich wieder der Zorn.

Sie: »Warum sprechen Sie so? Ach, Sergej Wassiljewitsch, Sie tun mir leid.«
Ihre Hände kamen mit den Schlüsseln unter dem Tuch hervor. Sie hatte sie schon mitgebracht.

Ich (grob): »Geben Sie her!«
Ich riß ihr die Schlüssel aus der Hand. Ging über den morschen, wippenden Bretterweg auf das weißschimmernde Krankenhausgebäude zu. In mir kochte die Wut, vor allem weil ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wie eine Morphiumlösung für subkutane Injektion zubereitet wird. Ich bin Arzt und kein Feldscher. Ich ging und zitterte. Ich hörte, dass sie mir wie ein treuer Hund folgte. Zärtlichkeit stieg in mir auf, doch ich erstickte sie. Ich drehte mich um und sagte zähnefletschend: »Machen Sie’s mir oder nicht?«
Sie winkte resigniert ab, als wolle sie sagen, es sei ja doch alles egal, und antwortete leise: »Geben Sie her, ich mach’s.«
Eine Stunde später war ich in normaler Verfassung. Natürlich bat ich sie um Verzeihung für meine sinnlose Grobheit. Ich wüßte selber nicht, wie mir das passieren konnte. Früher sei ich ein höflicher Mensch gewesen.
Sie nahm meine Entschuldigung seltsam auf. Fiel auf die Knie, schmiegte sich an meine Hände und sagte: »Ich bin Ihnen nicht böse. Nein. Ich weiß jetzt, Sie sind verloren. Ich weiß es. Und ich verfluche mich, dass ich Ihnen damals die Injektion gemacht habe.«
Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, versicherte ihr, sie trage gar keine Schuld und ich sei für meine Handlungen allein verantwortlich. Ich versprach ihr, von morgen an ernsthaft mit der Entwöhnung zu beginnen, indem ich die Dosis verringere.
»Wieviel haben Sie jetzt gespritzt?«
»Eine Kleinigkeit. Drei Spritzen mit einprozentiger Lösung.«
Sie preßte den Kopf in die Hände und schwieg. »Aber so regen Sie sich doch nicht auf!«
Dabei konnte ich ihre Besorgnis verstehen. Tatsächlich ist morphium hydrochloricum ein gefährliches Zeug. Man wird sehr schnell süchtig. Aber eine kleine Sucht ist doch noch kein Morphinismus?
Wahrhaftig, diese Frau ist mein einziger treuer, wirklicher Freund. Eigentlich sollte sie meine Frau sein. Die andere habe ich vergessen. Vergessen. Dank dem Morphium . . .

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