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Neue Diskussion um Struwwelpeter: Unter Pädagogen und Psychoanalytikern weiterhin umstritten

Die Diskussion um die Wirkung des „Struwwelpeters“ auf den kindlichen Leser flammt zum 200. Geburtstags seines Schöpfers Heinrich Hoffmann wieder auf. Der 1844 verfasste Klassiker, der vom Werdegang unfolgsamer Kinder erzählt, beeindruckt auch heute noch Kinder und Erwachsene durch den spontanen Ausdruck des Unbewussten…

„Hoffmann war Arzt und entwarf das Buch für seinen Sohn. Er dachte nie an eine Publikation seines Werkes. Vielleicht ist es ihm dadurch gelungen, so unkontrolliert und direkt zu schreiben“, so Hans-Heino Ewers, Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung der Universität Frankfurt im pressetext-Interview.

Der „Struwwelpeter“ existiert in 40 Sprachen und 50 Mundarten

Hauptfiguren des Buches wie der „Zappelphillipp“, der „Suppenkaspar“ oder der „Hans-Guck-in-die-Luft“ sind auch im heutigen Wortschatz fest verankert. Doch die Auswirkungen des Werks reichen weit über die Sprachschöpfung hinaus. „Hoffmann erkannte als erster, dass die Ästhetik von Kindern keine klassisch-romantische ist, sondern hässlich-bizarr. Das setzte er in seinen Illustrationen ein, die zugleich die ersten Karikaturen in Kinderbüchern darstellen“, so Ewers. Dahinter stehe eine andere Kindheitsauffassung, die vom Blick des Arztes geprägt sei. „Für Hoffmann war es normal, dass Kinder zappelig, unbeherrscht und triebgesteuert sind.“ Um des eigenen Überlebens willen wolle der Struwwelpeter den richtigen Umgang mit eigenen impulsiven Regungen, Aggressionen, Leichtsinnigkeit und Unvorsichtigkeit zeigen. Dabei sei das Werk jedoch nur an der Oberfläche moralisch, betont der Jugendbuchforscher. „Kinder lieben das Buch nicht wegen der Moral, sondern da es Urkonflikte so direkt ausdrückt.“

Frühe Vorbilder für sein Werk fand Hoffmann in der griechischen Tragödie. „Schon hier geht der Held unter, trägt den Schaden oder wird kastriert. Hoffmann gelang es, diese alte Gattung der Schreck- und Warngeschichte in ein Kindheitsdrama zu transformieren.“ Ewers hält beim Struwwelpeter den Katharsis-Effekt für wahrscheinlich, durch den sich Kinder von eigenen Ängsten befreien. Ob diese Funktion zutreffe, sei eine andauernde und hochaktuelle Diskussion. „Auch bei Ego-Shootern und anderen Videospielen stellt sich die Frage, ob sie Agressionen auf- oder abbauen. Da solche Spiele sehr weit verbreitet sind und es bei der überwiegenden Zahl keine Auswirkungen zeigt, ist eher Zweiteres anzunehmen.“ Für den Struwwelpeter empfiehlt Ewers jedoch die Begleitung des kindlichen Lesers durch Erwachsene. „Eltern sollten den Untergang der Bilderbuchhelden so behandeln wie die Bestrafung der bösen Stiefmutter im Märchen, dann kann das Kind dabei seine Ängste abbauen und ruhig einschlafen.“

Harte Kritik erfährt Ewers von der Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber. In einem Beitrag für das Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ fordert sie dazu auf, den „Struwwelpeter“ aus dem Kinderzimmer zu verbannen. Es gelinge Kindern nämlich kaum, eine notwendige Distanz zu Hoffmanns stark übertriebener verbaler und visueller Ironie herzustellen. Besonders anfällige oder verletzliche Kinder könnten von dieser „Überflutung durch archaische Konflikte“ Traumatisierungen davontragen, warnt die Direktorin des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts. Zu bevorzugen sei eine verstehende, empathische Pädagogik. „Viele andere Kinderbücher sind weit besser geeignet, kindlich-archaische Fantasien zu differenzieren, zu kultivieren und psychisch zu integrieren“, so Leuzinger-Bohleber.

http://www.hoffmann-sommer.de

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