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Paul Parin (20.9.1916 – 18.5.2009): Zum Tode des Psychoanalytikers

“Ich hab’ mich schon seit 1934 auf die Chirurgie gestürzt, weil ich wusste, es kommt ein Weltkrieg”. Eine für Paul Parin in ihrer Präzision und Nüchternheit typische Bemerkung bzgl. der Motive seiner ersten Berufswahl: Medizin. Gegen die Nationalsozialisten. Er machte sie 1992 bei einer Lesung in Köln. Heute, am 18.5.2009, ist der streitbare, liebenswerte Schweizer Schriftsteller und Psychoanalytiker Paul Parin 92-jährig in seiner Heimatstadt Zürich verstorben, wo er seit 1938, mit Unterbrechungen, gelebt hat. Er war für mich ein Vorbild. Kein Autor hat mich mit seinen tiefgründigen, erzählenden Büchern und Essays so tief bewegt, so angeregt wie Paul Parin…

Von Roland Kaufhold

Erstmals gelesen habe ich ihn 1981 im Philosophieunterricht eines Gymnasiums, bei einem “progressiven” Lehrer, kurz vor meinem Abitur. Es war die Zeit der “Züricher Jugendunruhen”. “Befreit Grönland vom Packeis” stand an Züricher Häusern. Der seinerzeit 65-jährige, aus einem großbürgerlichen, privilegierten jüdischen Familienhaus stammende Paul Parin bemühte sich, die aufbegehrende Jugend solidarisch zu unterstützen – mit seinen Mitteln: Er publizierte psychoanalytische Studien: “Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen”, “Befreit Grönland vom Packeis”, “Der Knopf an der Uniform des Genossen” “Zunehmende Intoleranz in der Bundesrepublik”: typische Essayüberschriften für sein seinerzeitiges publizistisches Engagement.

parinFoto: © Roland Kaufhold / Psychosozial Verlag

Paul Parin wuchs in Slowenien als Sohn eines Großgrundbesitzers auf. Sein Elternhaus war “multikulturell”, assimiliert jüdisch, anregungsreich – aber auch einsam. Der junge Paul fand auf dem elterlichen Anwesen kaum gleichaltrige Freunde. Und er musste sehr früh schwere Belastungen überstehen. Wegen einer angeborenen Missbildung seines Hüftgelenkes war er als Kind für mehrere Monate von Kopf bis Fuß eingegipst – und hatte doch zugleich eine liebevolle, einfühlsame Mutter. Seine Beobachtungsgabe wurde so früh geweckt. Paul besuchte bis zu seinem 17. Lebensjahr keine Schule, erhielt nur Hausunterricht. Er las sehr viel, baute eine eigene Bücherei auf, machte aber auch Ausflüge in die Natur. In einigen seiner autobiographisch getönten literarischen Werken, so in “Jahre in Slowenien” (1981), “Karakul” (1993), “Eine Sonnenuhr für beide Hemisphären” (1995) und “Der Traum von Segou” (2001) hat er hiervon in sehr persönlicher Weise erzählt. Mit 17 Jahren besuchte er in Graz erstmals ein Gymnasium, um einen offiziellen Schulabschluss zu erlangen. Für den Juden Paul Parin war dies ein herausforderndes, seinen Widerstandsgeist weckendes Erlebnis: Es war, wie er es selbst formulierte, eine “Nazischule”, der größte Teil seiner Mitschüler wie auch seiner Lehrer sympathisierten mit den Nationalsozialisten. Paul Parin wusste, was dies für ihn bedeutete. Er studierte in Graz, Zagreb und Zürich Medizin, wo er auch promovierte. Und doch interessierte er sich bereits als Jugendlicher für die Psychoanalyse, las die Schriften Freuds: “Freud war einer der bahnbrechenden Kritiker unserer Zivilisation. In unserer Jugend, der Zeit der faschistischen Bewegung und neu entfesselter schrecklicher und grausamer Kriege, schien es uns nötig und dringlich, die Zivilisationskritik Freuds weiterzutreiben”, erinnerte er sich 1998 in einem in der NZZ publizierten Essay.

Im Oktober 1944 verließ der 27-jährige aus Protest gegen die offizielle, tolerierende Haltung der Schweizer Regierung gegenüber den Nationalsozialisten – seine Regierung stempelte ein “J” in die Pässe der verzweifelten, Zuflucht suchenden jüdischen Flüchtlinge – Zürich und brach gemeinsam mit sechs Schweizer Kollegen der Ärzte- und Sanitätshilfe – hierunter auch seine spätere Ehefrau Goldy Parin -Matthèy – unter abenteuerlichen Umständen zu den jugoslawischen Partisanen auf. Frei von trügerischen Illusionen beteiligten sie sich als anarchistisch-sozialistische “Brüdergemeinde” mit ihrer chirurgischen Mission im antifaschistischen Kampf: “Wir waren diszipliniert, wenn wir selber es für richtig hielten; jeder Befehl verletzte unsere Würde. Wir fühlten uns als Weltbürger, solidarisch mit allen, die unterdrückt und ausgebeutet werden. Deshalb war für uns jede Heimat zu eng und die Verpflichtung auf eine Linie eine Fessel” erinnerte sich Paul Parin 1991 in “Es ist Krieg und wir gehen hin” an seine damaligen Motive – sein literarisches Erinnerungsbuch an seine Zeit bei den jugoslawischen Partisanen fand Anfang der 1990er Jahre eine breite Resonanz. Auf Vorschlag von Christa Wolf wurde es mit dem Erich Fried Literaturpreis ausgezeichnet.

Gleich nach der Niederschlagung des Faschismus, nach dem Sieg von Titos Partisanenarmee, erkannten die anarchistisch inspirierten Parins, dass sie ihre Aufgabe erfüllt hatten. In der zunehmend bürokratischer und autoritärer werdenden einstmaligen Partisanenarmee war kein Platz mehr für sie. In einer abenteuerlichen Reise quer durch Südeuropa kehrte Paul Parin wieder nach Zürich zurück: Dies war zugleich eine bewegende seelische Reise, vorwärts, zurück und wieder vorwärts – und hin zu seiner psychoanalytischen Ausbildung. Jahrzehnte später erinnerte sich Paul Parin an diese existentielle Erfahrung: “Die Reise, von der ich berichte, liegt beinahe vierzig Jahre zurück. Ich fuhr von Prijedor in Nordbosnien nach Belgrad. (…) In Triest, das damals von alliierten Truppen besetzt war, gab es einen kurzen Aufenthalt. Dann ging es weiter über Mailand nach Zürich; dort wollte ich meine psychoanalytische Ausbildung beginnen. Der Weg war von Erlebnissen und heftigen Gefühlen begleitet, von denen ich heute die Motive ableite, die mich zur Psychoanalyse gedrängt haben. Stationen der Reise lassen sich als Orte einer Entwicklung beschreiben, die zur Psychoanalyse führt.” (Parin 2006, S. 13)

Die Erinnerungen leiten seinen 1986 verfassten autobiographischen Essay “Kurzer Aufenthalt in Triest oder Koordinaten der Psychoanalyse” ein – eines seiner gelungensten Stücke, in welchem in außergewöhnlich dichter, zeitloser Weise Autobiographie, psychoanalytische Selbstreflexion sowie sprachliche Darstellungskunst zusammenfließen, dókumentiert in dem Band “Lesereise”.

Von 1946 bis 1952 absolvierte Paul Parin in Zürich eine Ausbildung in Neurologie und Psychoanalyse und war 1958 Mitbegründer des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ), welches er gemeinsam mit seinem Freund und Praxiskollegen Fritz Morgenthaler nachdrücklich prägte.

Die Parins suchte immer wieder Freiräume, neue Erfahrungen, waren von einem unstillbaren Wissensdurst inspiriert. Von 1954 bis 1971 unternahmen sie sechs selbst finanzierte Forschungsreisen nach Westafrika, um mit Hilfe der psychoanalytischen Gesprächstechnik das Seelenleben westafrikanischer Völker zu untersuchen. Durch seine hieraus erwachsenen, inzwischen legendären Studien über die Dogon – “Die Weißen denken zuviel” (1963) und “Fürchte Deinen Nächsten wie Dich selbst” (1971) – wurde er zum Mitbegründer der Ethnopsychoanalyse. Bereits in diesen frühen, bis heute immer wieder neu aufgelegten Werken war der für Parins Gesamtwerk zutiefst prägende Übergang zwischen wissenschaftlicher Analyse und literarischer Erzählung deutlich erkennbar. Natürlich war Paul Parin sehr bewusst, dass seine wissenschaftliche Grenzübertretung auch heftigen Widerspruch, Widerstand unter Kollegen auslösen würde. In seinem 1993 verfassten Vorwort zur 4. Auflage von “Die Weißen denken zuviel” erinnerte sich Parin: “Die Voraussetzung für die Verbreitung des Buches war, dass wir unseren wissenschaftlichen Bericht so schreiben wollten, dass ihn Leser ohne psychoanalytische Kenntnisse verstehen könnten. Denn wir sahen voraus, dass unsere Fachkollegen nicht eben gerne lesen würden, wie wir ihren – und unseren – bequemen Lehnstuhl hinter der Couch verlassen und gegen einen flachen Stein im Schatten eines Brotfruchtbaumes oder in einer Felshöhle eingetaucht haben.” (Parin 2006, S. I)

1985 folgt mit seiner Erzählsammlung “Zu viele Teufel im Land” sein langer, schmerzhafter Abschied von Afrika. Diese faszinierende, erregende Essaysammlung ist von einem Gestus der Unerschrockenheit, der Neugierde, der emotionalen Offenheit geprägt, dem sich der aufgeschlossene Leser nicht zu entziehen vermag…

weiter via Paul Parin (20.9.1916 – 18.5.2009): Zum Tode des Psychoanalytikers, Schriftstellers und skeptischen Weltbürgers.

1 comment to Paul Parin (20.9.1916 – 18.5.2009): Zum Tode des Psychoanalytikers

  • Tobias

    Herzlichen Dank für diesen Artikel. Meiner Meinung nach ist es hierzulande viel zu wenig bekannt, wie viele Beiträge zur Wissenschaft, seien es Human-, Natur-, Geisteswissenschaften, dem ehemals sehr bedeutenden jüdischen Bevölkerungsanteil zu verdanken sind. Gerade die moderne Psychologie wäre ohne diesen Beitrag gar nicht denkbar. Doch auch wirtschaftliche Zusammenhänge, siehe Karl Marx, ja unser gesamtes Bild der Welt und des Kosmos, wäre weniger verständlich. Es ging wohl immer sehr um Verständnis.