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Alexander Lowen: Bioenergetik

Aus Wilhelm Reichs Sicht der Dinge entstand noch eine andere Berührungstherapie. Der Psychiater Alexander Lowen, ein Schüler Reichs, entwickelte die Bioenergetik, die sich ebenfalls dem Körper zuwendet, um psychische Störungen aufzudecken und aufzulösen…

Biografisches (Wiki): Lowen (urspr. Löwenstein) wurde als erstes Kind in eine Familie jüdischer Immigranten geboren, die um 1900 aus Russland in die Vereinigten Staaten gekommen war. 1940 besuchte er in New York ein Seminar des ehemaligen Psychoanalytikers Wilhelm Reich, der Freuds „Redekur“ zur Vegetotherapie weiter entwickelt hatte, bei der der gesamte Organismus, insbesondere die Muskulatur, mit einbezogen wird (vgl. Körperpsychotherapie). 1942 begann er eine Lehrtherapie bei Reich, die er nach drei Jahren erfolgreich abschloss. Nach zwei Jahren therapeutischer Tätigkeit ging er für ein Medizinstudium in die Schweiz und schloss dieses 1951 in Genf ab. Zurück in Amerika gründete er 1956 mit dem ebenfalls von Reich ausgebildeten Kollegen John Pierrakos das Institute for Bioenergetic Analysis. Die von beiden entwickelte Bioenergetische Analyse ist eine aus der Reich’schen Methode abgeleitete Körperpsychotherapie, die auf Reichs Therapieziel der „orgastischen Potenz“ und den Zusammenhang mit der von Reich seit den 1940er Jahren entwickelten kosmologischen Theorie der Orgonomie verzichtet. Alexander Lowen starb am 28. Oktober 2008 im 97. Lebensjahr.

Lowen vertritt (ähnlich wie sein Lehrer Wilhelm Reich) die Ansicht, daß unterdrückte Emotionen, wurden sie nun bewußt oder unbewußt verdrängt, chronische Muskelspannungen und einen Verlust der Schwingung im Körper verursachen. Verdrängte Wünsche, von gegenwärtigen oder unterdrückten Emotionen aus dem Säuglingsalter und der Kindheit ausgelöst, wirken sehr stark auf die Physiologie des erwachsenen Menschen. Wie Reich erarbeitete auch Löwen eine Behandlungsmethode, in der die Gesprächstherapie – Analyse von Kindheitserfahrungen und Erforschung von Träumen – mit Körperarbeit verbunden ist.

In einigen theoretischen und praktischen Punkten weicht Löwen jedoch von Reich ab. Von der Orgontheorie ist er nicht überzeugt, aber er glaubt an eine Lebensenergie, die er „Bioenergie“ nennt. Im Gegensatz zu Reich ist Lowen gewillt, mit seiner Behandlung bei den Beinen zu beginnen, und zwar aus dem Gedanken heraus, daß der Bodenkontakt eines Menschen für den richtigen Fluß seiner Energie und seine richtige „Zentriertheit“ sehr wichtig ist. Er schreibt eine Reihe sehr schwieriger Körperhaltungen vor, mittels derer in den Beinen Vibrationen ausgelöst werden sollen – als Beweis, daß dort Energie fließt.

Wie Reich ermutigt auch Lowen zum Kreischen, Schreien, Stoßen und Umsichschlagen, um durch die Blockaden zu den tiefsten Emotionsschichten vorzudringen und sowohl die Psyche als auch das Sorna (den Körper) zu befreien. Außerdem empfiehlt er verschiedene Techniken zur Behandlung der Körpermuskeln. Eine häufig angewandte Methode besteht darin, daß der Therapeut Druck auf verkrampfte Muskeln an der Nackenseite ausübt und sie kräftig bearbeitet. Er fordert seine Patienten auf zu schreien, wenn es schmerzt – und sie tun das oft, lassen so die ganze Wut oder Trauer heraustreten, die sie seit vielen Jahren zurückhielten.

Eine weitere Druckmassage dient dem Ziel, einen verkrampften Kiefer zu lockern – wobei oft eine ähnliche Reaktion erfolgt. Für viele Patienten sei es eine neue Erfahrung, meint Löwen, über ihre Stimmen und Handlungen starke Gefühle auszudrücken.
Große Bedeutung haben die Techniken, deren Aufgabe es ist, die Brust zu „öffnen“, die Atmung möglichst zu vertiefen und so den Energiefluß zu steigern.

Viele der Stellungen, die ein Patient als Übungen einnehmen muß, sind Spannungshaltungen. Diese sind bewußt so angelegt, daß der Patient sich als unbeholfen empfindet, denn so soll die körperliche Verteidigung durchbrochen werden. Bei einer häufig angewandten Atemübung muß sich der Patient rücklings über einen niedrigen Hocker beugen, dessen Härte eine zusammengerollte Decke etwas mildert. Die Arme hängen nach hinten über den Kopf des Klienten, der aufgefordert wird, heiter zu bleiben, tief zu atmen und eine bestimmte Zeit in dieser Position zu verharren.
Er wolle nicht den Eindruck entstehen lassen, sagt Löwen, der Schmerz sei ein unentbehrlicher Bestandteil der bioenergetischen Arbeit. Vielmehr sei der Schmerz bereits im Patienten. »Schreien und Brüllen sind Wege zur Freisetzung der Schmerzen. Der Druck, den ich auf einen gespannten Muskel ausübe, ist als solcher gar nicht so schmerzhaft. Verglichen mit der Spannung im Muskel selbst, ist er gering und würde von einer Person, deren Muskeln entspannt sind, nicht als schmerzhaft empfunden.«

Weil sich Techniken und Wirkungsweise meist von Therapeut zu Therapeut und von Patient zu Patient unterscheiden, ist es schwierig, eine typische Sitzung zu beschreiben. Der Therapeut kann eine beliebige Zahl der verschiedenen Massagetechniken anwenden und auch in Bezug auf die Spannungshaltungen eine größere oder kleinere Auswahl treffen. Gleich der Reichschen Massage erfordert die Bioenergetik eine gründliche Schulung des Therapeuten und dessen ausgeprägte Empfindsamkeit hinsichtlich der Bedürfnisse jedes Klienten.

Bioenergetische Behandlungen hören sich anstrengend, wenn nicht gar schmerzhaft an, aber jene Klienten, die sich der Therapie unterzogen, behaupten, sie sei wirksam und führe schneller zu einem Ergebnis als die Psychoanalyse allein. Außerdem bewirke sie, was sie anstrebe: Das Befreien einengender Emotionen und blockierter Körperenergie verleiht Körper und Gemüt höhere Lebendigkeit und dem Leben des einzelnen größere Einheit.

Geeignete Anwendungsgebiete:

  • Chronische physische Spannungen – Muskelkrämpfe oder -Verhärtungen, die sich mit Gymnastik oder normaler Massage nicht beseitigen lassen;
  • Psychosomatische Leiden, die mit physischen Spannungen in Zusammenhang stehen;
  • Wenn man das Gefühl hat, nicht mehr mit dem Körper in Verbindung zu stehen – nicht „geerdet“ zu sein -, und gehemmte Emotionen für die Ursache der Schwierigkeiten hält.

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