Archivsuche

Büchersuche

Archiv (chronolog.)

Die Feldenkrais-Methode

Die Zahl der Feldenkrais-Anhänger ist unüberschaubar. Der bereits verstorbene Moshe Feldenkrais zählte so nahmhafte Persönlichkeiten zu seinen Schülern wie den Geiger Yehudi Menuhin, den ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion, die Anthropologin Margaret Mead und den Theaterregisseur Peter Brooks…

Sherry S. Cohen

Feldenkrais war ein in Rußland geborener israelischer Wissenschaftler, dazu ein Judoka mit dem schwarzen Gürtel, Elektro- und Maschinenbauingenieur, Mathematiker, Forscher im französischen Atombombenprogramm und, wie manche sagen, ein unglaublich arroganter, ungeduldiger Mensch.

Als er noch zwischen dreißig und vierzig Jahre alt war, machte sich zu seinem Entsetzen eine alte Knieverletzung wieder schmerzhaft bemerkbar, die er sich einmal beim Fußballspielen zugezogen hatte. Der Rat seiner Ärzte? Operation.

Das kam für Feldenkrais nicht in Frage. Wie Frederick Alexander wußte er bereits einiges über die Möglichkeit, seit langem bestehende schädliche Bewegungsmuster durch Umerziehen oder Neuorganisation des Gehirns zu ändern. Mit gezielten Übungen konnte man ungünstige Körperbewegungen, die man sich in der frühen Kindheit angewöhnt hatte, korrigieren. Muskeln, sogar solche, die lange nicht benutzt worden waren, konnten so umprogrammiert werden, daß sie verschiedene Teile des Gehirns stimulierten und ihre Funktion insgesamt steigerten. Man konnte den ganzen Körper lehren, mit seiner optimalen Kapazität zu arbeiten.

Feldenkrais behandelte sein Knie, er übte, suchte nach Alternativen zur Operation – und fand sie. Aber er heilte nicht nur sein Knie, sondern er fand auch den ihm bestimmten Platz in der Geschichte. Gleich Ida Rolf, Wilhelm Reich, Frederick Alexander und anderen, die Berührung als Heilmittel einsetzten, wußte Feldenkrais, daß das emotionale System und das Nervensystem veranlaßt werden konnten, die Körpermuskulatur zu heilen, und daß der Mensch fähig war, Neues zu lernen – mochten seine schädlichen Gewohnheiten auch noch so in ihm verwurzelt sein.

Ein Therapeut, der die Feldenkrais-Methode anwendet, strebt daher eine „sensorische Umerziehung“ anhand einer weder beherrschenden noch lenkenden, sondern feinfühligen, gebenden Berührung an. Mit seinen Händen unterbreitet er dem Klienten Vorschläge – welche Art von Bewegung er versuchen solle, was beim Klienten wirken könne -, und dieser entscheidet, ob er die Vorschläge annimmt. Ein Mensch kann nämlich physisch wissen, was für ihn gut ist, selbst wenn er es geistig nicht weiß. Und wenn sein Körper ihm sagt, daß der Vorschlag des Therapeuten das Richtige trifft, kann er die Positionen festlegen, die für ihn geeignet sind.

Das grundlegende Ziel der Feldenkrais-Methode ist laut ihrem Begründer, die Körperhaltung durch Bewußtmachen von Haltung, Gestik und Bewegung zu verbessern. Der Körper spiegelt wider, was im Gemüt vorgeht, und umgekehrt: »Ist das neuromuskuläre System einer Witwe unterdrückt«, sagt Feldenkrais, »und lehrt man sie, das Muster zu ändern, wird sie nicht mehr depressiv sein.« Trotz der verbreiteten gegenteiligen Meinung, so fährt er fort, könne man seine Gewohnheiten ändern. Durch behutsame Wiederholung läßt sich mit bestimmten Übungen das ganze Nervensystem für neue Möglichkeiten öffnen.

Genau wie die Alexander-Technik kann man die Feldenkrais-Methode fast nicht beschreiben. Man muß sie von einem Therapeuten lernen, der selbst viele Jahre lernte, bis er sie meisterlich beherrschte. Im Rahmen des Systems bieten sich zwei Lernmethoden. Eine ist manuell, sie besteht in einem Kontakt von Person zu Person und wird funktionelle Integration genannt. Die andere ist ein Gruppenkurs, in dem bis zu dreihundert Teilnehmer unterrichtet werden können. Diese Methode heißt Bewußtheit durch Bewegung.

Bei der funktionellen Integration, dem maßgeschneiderten Schulungsprogramm, führen die Hände des Therapeuten den Lernenden wortlos zu größerer Selbstbewußtheit. Die Berührungstherapie ist überaus behutsam. Etwa dreißig verschiedene Körperstellungen werden eingesetzt.
Für Personen, die Probleme infolge von Verletzungen, chronischem Schmerz oder neuromuskulären Störungen haben, dazu unter Lernschwierigkeiten leiden, ist der persönliche Kontakt von großem Vorteil. Die funktionelle Integration half zerebral gelähmten Kindern, Opfern von Schlaganfällen und schweren Unfällen, Querschnittsgelähmten und anderen Menschen, die auf ungewöhnliche Arten der Bewegung, des Stehens und Sitzens angewiesen sind.

Der zweite Weg der Feldenkrais-Methode, als Bewußtheit durch Bewegung, bekannt, besteht aus Übungen, die in Gruppenseminaren ausgeführt werden. Sie eignet sich am besten für Musiker, Sportler, Tänzer und Schauspieler, die ihren Lebensunterhalt mit gekonnter, gewandter Bewegung verdienen.

Auf beiden Wegen lernt man, unerprobte Muskelpartien aufzuspüren und sie so einzusetzen, daß sich Schmerzen und Unbeholfenheit verlieren. Jeder lernt, unbrauchbare, schädliche Gewohnheiten abzulegen.

Feldenkrais unterstrich den Unterschied zwischen der funktionellen Integration und der Bewußtheit durch Bewegung nicht eigens. Er erklärt sie nur als zwei Bezeichnungen für zwei verschiedene Wege, die dasselbe Ziel anstreben. »Vor allem gefällt mir nicht«, sagte er einmal, »wenn eine Unterscheidung in eine Methode für „kranke“ oder „zerebral geschädigte“ Personen und eine andere für „normale, gesunde Menschen“ getroffen wird. Wer von uns ist denn nicht in dem Sinne zerebral geschädigt, daß er viele Bereiche seines Gehirns durch Mißbrauch oder Nichtgebrauch verkümmern läßt?«

Beide Methoden lehren die Schüler, auf ihre Bewegungen zu achten, zu differenzieren, damit sie die Einzelheiten des Ich oder der Umgebung besser zu spüren vermögen.

Während der meisten Lektionen liegt man. Dadurch läßt die Wirkung der Schwerkraft nach und ein entspannterer Zustand wird herbeigeführt. Die Lernenden werden aufgefordert, nur geringste, feinste Bewegungen auszuführen – beispielsweise den Kopf zu drehen oder den Arm zu heben -,  die er viele Male wiederholen muß, wenn sie ihm akzeptabler erscheinen als seine schlecht angepaßten Bewegungen.

Von größter Bedeutung ist hier die Konzentration, denn nur so gelangt man nach einer Weile in einen veränderten Bewußtseinszustand.

Hauptziel der Methode ist laut Feldenkrais, »nicht in dem geschult zu werden, was man weiß, sondern in sich selbst unbekannte Reaktionen zu entdecken und dadurch eine bessere, kongenialere Handlungsweise zu erlernen.« Die stets feinen, häufig zu wiederholenden Bewegungen, die für Feldenkrais-Übungen charakteristisch sind, können nach und nach zurechtgeschliffen und ausgefeilt werden, bis nur noch der Gedanke an die Bewegung oder deren geistige Vorstellung nötig ist, damit der angestrebte Zweck erreicht wird.

Und wo finden sich Lehrer mit der Qualifikation, diese Berührungsmethode zu praktizieren? Zu der Zeit, als ich dieses Kapitel schrieb, gab es weltweit etwa dreihundert. Nur drei Gruppen bildete der Meister selbst aus, doch jetzt beginnen weitere Gruppen die lange Lehrzeit.

„Routinewunder“ (wie Feldenkrais sie nannte) geschehen weiterhin, denn die Lehrer nach Feldenkrais „hören“ weiterhin mit ihren Händen. Eine junge Frau mit Hirnlähmung lernt, anmutiger zu gehen. Dem Geiger mit der Handgelenksfraktur geht es mach sechs Wochen wieder ganz gut. Die Patientin mit Schlaganfall findet ihr Gleichgewicht wieder. Die Berührung hat diese Heilungen ausgelöst.

Geeignete Anwendungsgebiete:

  • Neuromuskuläre Probleme, Verletzungen, Verspannun-gen und Verrenkungen – besonders im Rücken;
  • Steigerung der Beweglichkeit und Gewandtheit bei Schauspielern, Tänzern und Sportlern;
  • Behinderungen, Querschnittslähmung, Schlaganfall, zerebrale Lähmung bei Kindern und Erwachsenen, zur Verbesserung von Bewegungskontrolle und Gleichgewicht.

1 comment to Die Feldenkrais-Methode