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Homosexuelle Entwicklung: Der Wille zur Psychopathologisierung

Die Überzeugung, jene Form der Sexualität, die mit bewusst wahrgenommenen gleichgeschlechtlichen Phantasien und einer präferierten oder ausschließlichen Wahl gleichgeschlechtlicher Sexualobjekte einhergeht, sei eine abgegrenzte klinische Entität. hat Ärzten. Psychotherapeuten und Psychoanalytikern über Jahrzehnte hinweg den Blick auf ihre Patienten verstellt…

Von Martin Dannecker in Sexuelle Störungen und ihre Behandlung (Hsg. Volkmar Sigusch, Nikolaus Becker)

Aber auch auf jene homosexuellen Männer, die wegen ihrer sexuellen Objektwahl nie um therapeutische Hilfe nachsuchten, wirkte sich die mit diesem Konstrukt einhergehende Pathologisierung fatal aus. Weil dieses Konstrukt schon vorzeiten dem engen Bereich der Klinik entsprungen ist und zur allgemeinen Auffassung über Homosexualität avancierte, wurden alle homosexuellen Männer, unabhängig davon, wie sie sich fühlten, wie sie lebten und liebten, als krank angesehen. Sie waren, solange die bloße Präferenz für gleichgeschlechtliche Sexualobjekte als Krankheit oder als Zeichen einer Krankheit galt, gleichsam mit eingespannt in jenen Zirkel, in den die klinische Theorie der Homosexualität über lange Zeit ausweglos verstrickt war.

Der Wille zur Psychopathologisierung

Bis zum Jahr 1973, in dem sich die American Psychiatric Association (APA) zu dem Entschluss durchrang, die Homosexualität zu entpathologisieren und aus dem DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), dem auch hierzulande zu Rate gezogenen psychiatrischen Krankheitsregister, zu streichen, war die Gleichsetzung von Homosexualität mit Krankheit unter Ärzten, Psychotherapeuten und Psychoanalytikern gängige und kaum kritisierte Lehrmeinung. In den Ausschussdebatten, die der Entscheidung der APA vorausgingen, schwang sich die zirkuläre klinische Lehre über Homosexualität noch einmal zu den ihr eigentümlichen Höhen auf. Eine detaillierte Darstellung und kritische Kommentierung der Ausschussdebatten hat Kenneth Lewes (1988) vorgelegt. Vertreten wurde diese Lehre vor allem von Irving Bieber und Charles W. Socarides, zwei prominenten und mit einschlägigen Publikationen hervorgetretenen Psychoanalytikern. Beide haben in dieser Debatte vehement die Auffassung vertreten, die homosexuelle Objektwahl sei Symptom einer schweren psychischen Störung.

Socarides. der seit dem Erscheinen seiner Monografie „The Overt Homosexual” (1968) neben Bieber als führender psychoanalytischer Theoretiker der Homosexualität galt (vgl. vor allem Bieber et al. 1962), verteidigte seine Überzeugung unter anderem mit seinen jahrzehntelangen klinischen Erfahrungen mit homosexuellen Patienten. Andere als schwer gestörte homosexuelle Männer hat Socarides während dieser Zeit offenbar weder gesehen noch behandelt. Deshalb wollte er auch Sätze wie die folgenden als Essenz seiner klinischen Erfahrung betrachtet haben. Sätze, die aus einer weniger einseitigen klinischen Perspektive freilich nicht anders denn als Verdikt über homosexuelle Männer gelesen werden können: “Die Homosexualität beruht auf der Furcht vor der Mutter und auf dem aggressiven Angriff gegen den Vater; sie ist voll von Aggression, Destruktion und Selbstbetrug. Es ist eine Maskerade des Lebens… Anstelle von Einigkeit., Kooperation, Trost, Anregung, Bereicherung, gesunder Herausforderung und Erfolg finden wir nur Destruktion, wechselseitige Niederlagen, Ausbeutung des Partners wie der eigenen Person, oralsadistische Inkorporation, aggressive Attacken, Versuche, die Angst zu beschwichtigen, sowie eine Scheinlösung für die aggressiven und libidinösen Impulse, die das Individuum beherrschen und quälen” (Socarides 1971: 22).

Schon an der schäumenden Sprache seiner Monografie lässt sich ablesen, welcher Wille zur Pathologisierung Socarides angetrieben haben muss. Einem solchen Willen muss die mehrfache Begrenztheit der klinischen Erfahrung entgehen. Begrenzt ist diese einerseits durch den banalen Umstand, dass Ärzte und Psychoanalytiker nur über solche Homosexuellen sprechen können, die zu Patienten geworden sind, nicht aber über jene, die nie im Zusammenhang mit ihrer Homosexualität um ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe nachsuchten. Ausschlaggebender für die Beschränktheit der klinischen Erfahrung ist freilich der individuelle „Bias”, der durch die persönlichen Vorlieben und Abneigungen und die theoretischen Vorannahmen des jeweiligen Analytikers gesetzt wird. Die individuelle Zurichtung des Behandlers hat auf die Auswahl der von ihm in Behandlung genommenen Patienten einen entscheidenden Einfluss. Der Auswahl der Patienten durch die Analytiker korrespondiert die keineswegs zufällige Wahl eines bestimmten Analytikers durch die Patienten. Es ist dann auch durchaus wahrscheinlich, dass sich schwer gestörte homosexuelle Patienten solche Psychoanalytiker oder Psychotherapeuten suchen, die psychische Gesundheit mit der Abwesenheit von homosexuellem Verhalten gleichsetzen und es als Ziel einer Behandlung ansehen, die Homosexualität zu beseitigen und den leidenden Homosexuellen zur Heterosexualität zu verhelfen. Die durch solche und andere Voraussetzungen zustande kommende Kanalisierung von Patienten und ihr Einfluss auf die Theoriebildung ist in der bisherigen klinischen Literatur nur sehr unzureichend reflektiert worden.

Es ist aber nicht nur die fehlende Reflexion der Begrenztheit der klinischen Erfahrung, die zu unhaltbaren Generalisierungen führt. Befördert werden solche Generalisierungen durch eine klinische Kultur, in der die Homosexualität als eine substanzielle Kategorie gilt. Weil im Gegensatz dazu die Heterosexualität keine Kategorie darstellt, der irgendetwas Substanzielles anhaftet (vgl. Dannecker 1994. Hirschauer 1992), finden sich auch in der gesamten klinischen Literatur keine entsprechenden Schlüsse aus psychotherapeutischen Behandlungen von heterosexuellen Patienten auf die psychische Verfasstheit heterosexueller Menschen bzw. der Heterosexualität. Würde jemand ernsthaft einen solchen Versuch unternehmen, würde sich im Unterschied zur Homosexualität sogleich das Unhaltbare bzw. im Wortsinne Ver-rückte einer solchen Vorgehensweise zeigen. Jedem würde sofort deutlich werden, dass eine abstrakte Kategorie keine Psyche haben kann. Das gilt selbstverständlich auch für die Homosexualität. Auch sie verfügt nicht über eine Psyche und kann folglich auch nicht mit Aggression, Destruktivität und Selbsttäuschung angefüllt sein. Über solche Eigenschaften können nur Individuen verfügen, und wenn sie das tun, dann stehen diese Eigenschaften nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit ihrer sexuellen Objektwahl. Da aber die Homosexualität nun einmal als eine substanzielle Kategorie mit fest zugeschriebenen Qualitäten benutzt wird, ist die Auffassung von Socarides nicht als ver-rückt zu bezeichnen. Sie ist Ausdruck eines immer noch nicht abgetragenen inversen Denkens über Homosexualität.

Die Differenz, welche zwischen der Kategorie Homosexualität und der Kategorie Heterosexualität besteht, drückte sich unter der Herrschaft dieses Denkens im klinischen Alltag größerer psychotherapeutischer Einrichtungen darin aus, dass es als ausreichend angesehen wurde, wenn auf die beiläufige, in einer Pause gestellte Frage “Was für einen Patienten hast du gerade gesehen?” als Antwort nicht mehr folgte als ein schlichtes “Einen Homosexuellen”. Eine solche Art und Weise der Kommunikation funktioniert nur über das von den Kommunikationspartnern geteilte Vorverständnis über die Substanzialität der Kategorie Homosexualität. Dieses Vorverständnis ermöglicht es ihnen, sich das der Homosexualität an generellen Qualitäten und Eigenschaften Zugeschriebene assoziativ zu vergegenwärtigen. Die vergleichsweise substanzlose Kategorie Heterosexualität verunmöglicht im Falle eines heterosexuellen Patienten eine analoge Verständigung im klinischen Alltag.

Erschwert wurde und wird die Einsicht der Psychoanalyse und der Medizin in die Unnahbarkeit ihrer generellen Psychopathologisierung der Homosexualität zudem noch durch den diesen wissenschaftlichen Branchen eigentümlichen Blick auf die Menschen, der zugleich ein berufliches Erfordernis und eine „deformation professionelle” darstellt. Dieser Blick ist völlig einseitig auf das Erkennen von psychischen oder physischen Störungen konzentriert. Er folgt der allgemeinen Logik ärztlichen und psychotherapeutischen Handelns, die unter der Herrschaft des Gestörten steht. Zwar ist es das Ziel ärztlichen und psychotherapeutischen Handelns, Gesundheit und Ungestörtheit herzustellen. Es gehört jedoch zu den Paradoxien ärztlichen und psychotherapeutischen Handelns, dass es ganz und gar auf Krankes und Gestörtes bezogen bleibt und sich ihm Gesundes und Ungestörtes entzieht. Der dieser Handlungslogik entsprechende Blick ist, weil er auf Alltägliches und Normales nicht eingestellt ist, als psychopathologischer Blick zu bezeichnen. Kenntlich wird diese Optik auch an dem gegenwärtig ablaufenden Gesunderhaltungsdiskurs. Konstitutiv für diesen Diskurs sind Krankheiten, die vermieden werden sollen. Folglich zielt er darauf ab, bei seinen Adressaten ein Bewusstsein für Krankmachendes zu implantieren. Dass Psychoanalytiker an ihren Patienten, seien sie nun heterosexuell oder homosexuell, vornehmlich Gestörtes wahrnehmen und, wenn sie über diese berichten, deren Störungen in den Vordergrund stellen, ist demnach ein nach den Regeln der ärztlichen Kunst ablaufender Vorgang. Der qualitative Umschlag, der aus Patienten mit einer gleichgeschlechtlichen Objektwahl etwas ganz anderes macht als aus jenen mit einer gegengeschlechtlichen, wird bewerkstelligt durch die vorgängige kategoriale Trennung der sexuellen Formen bzw. Orientierungen…

…weiter bei http://glbt.israel-live.de/2009/06/homosexuelle-entwicklung…

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