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Die Rolfsche Technik: Strukturelle Integration

Ida P. Rolf begann nicht als Massagetherapeutin, sondern als Biochemikerin. Ihr Beitrag zur heilenden Berührung war ein System mit der Bezeichnung „strukturelle Integration“ das aber meist nach ihr „Rolfsche Technik“ oder „Rolfing“ genannt wird…

Ein Zeltpfosten, so verglich Ida Rolf gern, brauche seine Heringe und Spannseile, die ihn von allen Seiten halten, und nach dem gleichen Prinzip arbeite der Körper. In den vierziger Jahren begann sie eine Methode zur Kräftigung des Bindegewebes und der Muskulatur mittels konzentriertem manuellem Druck zu lehren.

Nach ihrer Überzeugung bildet die Schwerkraft das wichtigste Element in Bezug auf Stärke und Entwicklung der Energie im menschlichen Körper. Bei einer korrekten Körperhaltung erlaubt die Anziehungskraft der Erde ein ungehindertes Fließen der Körperenergie, und der Körper selbst wird so am besten gehalten und unterstützt. Dies ist die ideale Ausgangssituation. Doch die Abnützung im Lauf der Jahre, Unfälle und sogar emotioneller Druck können im Körper Verschiebungen verursachen und die gesamte Struktur instabil und schmerzhaft machen.
Ida Rolf zufolge sollte man eine gerade Linie durch Ohr, Schulter, Hüftknochen, Knie und den Außenknöchel ziehen können. Aber nur wenige von uns sind hinsichtlich der Schwerkraft so vollkommen. Die menschliche Struktur, der Knochenbau, neigt dazu, abzusacken. Die Muskeln arbeiten nicht nur, wenn sie dazu aufgerufen sind, also beansprucht werden, wie es ihre natürliche Funktion ist, sie müssen vielmehr immer im Einsatz sein, um den Körper zu halten. Schwache, schlaffe oder miteinander verwachsene Muskeln lassen zu, daß Energie verlorengeht. Die Schwerkraft hält die Struktur nicht mehr, sondern verspannt und beansprucht sie.

Was tun? Ida Rolf ersann eine Methode der Tiefenmassage, welche die physische Struktur des Körpers neu formen und wieder ausrichten soll. Körper lassen sich allerdings nicht leicht umformen. Die Umstrukturierung des Bindegewebes und die Umbildung der Muskelverhältnisse gelingt gewöhnlich nur bei Anwendung von extrem großem Druck und tiefem Kneten und Reiben der Muskeln und Verschieben der Gelenke. Der Therapeut kann mit einem Knöchel arbeiten, mit dem Ellbogen oder allen Knöcheln der Faust, und oft wird eine Stelle mehrere Sekunden lang bearbeitet.

Diese Art der Tiefenmassage ist meist sehr schmerzhaft. Aber die Rolfsche Technik beinhaltet nicht nur eine physische Umstrukturierung. Ida Rolf glaubte, daß auch Gefühle Veränderungen im Knochenbau verursachen; man ist etwa „mit Problemen beladen“ oder „vor Kummer gebeugt“. Zur Umstrukturierung des Körpers gehört auch die Aufforderung an den Patienten, sich während der Behandlung des Körpers von emotionellen Traumata zu befreien.

Viele, die sich dem Rolfschen Verfahren unterzogen, erfuhren eine beruhigende Wirkung auf Psyche und Verhalten, ähnlich wie bei Yoga, wenn es über einen langen Zeitraum praktiziert wird. Andere berichten, daß sie sich während der Behandlung an Kindheitserlebnisse erinnerten, die nach jahrelangem Vergrabensein an die Oberfläche gelangten. Die Technik ermöglicht also nicht allein Haltungsänderungen zur Wiedererlangung körperlicher Gesundheit, sondern auch emotionelle Veränderungen der Einstellung, des Verhaltens und des Handelns. (siehe auch Reichsche Massage…)

Bevor der Therapeut das Bindegewebe fast aller Körperteile, einschließlich der Mundhöhle, „bearbeitet“, fertigt er „Davor“-Fotos an. Nach einer Reihe von Behandlungen folgen „Danach“-Fotos. Die Veränderungen in der Körperhaltung sind oft klar erkennbar und geradezu erstaunlich. Manche Menschen werden bis zu fünf Zentimeter größer – und stehen zweifelsohne viel gerader und aufrechter.

Ein Hinweis ist jedoch wichtig: Das Endziel der Rolfschen Technik ist nicht jene kerzengerade Haltung, die Ihre Mutter Ihnen immer anerziehen oder zu der Ihr Spieß Sie drillen wollte. Eine solche Haltung strengt bestimmte Muskeln oft an. Das Ziel ist vielmehr eine richtige Ausrichtung, ein normales Verhältnis zwischen Erde und Körper, das zu höherer Energie, zu Leichtigkeit oder „Gehobenheit“ des Körpers und zu entsprechenden positiven psychologischen Veränderungen führt.

Geeignete Anwendungsgebiete:

  • Schlechte Haltung;
  • Muskelschmerzen;
  • Zum Erlangen der Harmonie von Körper, Geist und Seele. Das ungewohnte Ausbalancieren des Körpers setzt emotionellen Schmerz und traumatische Erinnerungen frei. Dies wirkt als Katharsis, und als Folge davon ist man nicht mehr so eingeengt durch unbewußte Schmerzen oder Konflikte.

Biographisches (Wiki): Ida Pauline Rolf (geb. 1896 in New York; gest. 1979 ebenda) ist die Begründerin des Rolfing, der nach ihr benannten Behandlung, bei der der Körperbau einer Person unter Einbeziehung des Phänomens menschlicher Bewegung dahingehend umstrukturiert werden soll, dass die verschiedenen Körpersegmente ein besseres Gleichgewicht finden, um eine mühelosere Aufrichtung im Schwerkraftfeld erreichen zu können und die Bewegungsqualität zu verbessern.

Sie wuchs in der Bronx in New York auf. An der New Yorker Columbia University studierte sie Biochemie und schloss 1920 als eine der ersten Frauen mit dem Doktortitel ab. In den darauf folgenden zwölf Jahren arbeitete sie am Rockefeller-Institut, zuerst in der Abteilung für Chemotherapie, später in der Abteilung für organische Chemie und stieg schließlich in den Rang einer Associate am Institut auf.
Ihre wissenschaftlichen Interessen galten vor allem den Eigenschaften des menschlichen Bindegewebes. Daneben beschäftigte sie sich mit Yoga, Osteopathie und Homöopathie. Aus beruflichem Interesse und durch chronische Krankheiten in der Familie motiviert, begann sie Menschen zu beraten und mit ihnen zu arbeiten. Im Laufe der Jahre entdeckte sie, dass der menschliche Körper und seine Struktur, die sich unter anderem in der Körperhaltung ausdrückt, durch eine bestimmte Art der Bindegewebsmanipulation sehr viel stärker veränderbar ist, als bislang angenommen worden war.
Sie gab ihre Erfahrungen zunächst nur an interessierte Ärzte weiter. Mitte der sechziger Jahre behandelte Ida Rolf den Begründer der Gestalttherapie, Fritz Perls. Er lud sie ein, in Esalen, dem damaligen Mekka des Human Potential Movement, zu arbeiten, wo sie bald auch anfing, Schüler auszubilden. Hier fand die Begegnung des Rolfing mit den Methoden der Humanistischen Psychologie statt. Von da an wurde das Rolfing in den USA immer populärer, und 1973 gründete Frau Rolf in Boulder/Colorado das Rolf Institute of Structural Integration als Ausbildungsstätte und Berufsorganisation. Sie starb 1979 im Alter von 83 Jahren.

Die am häufigsten genannten Indikationen für Rolfing sind Rückenschmerzen, Bandscheibenbeschwerden, Arthrose, haltungsbedingte Beschwerden nach Unfällen oder Operationen, chronische Kopfschmerzen, Verspannungen der Muskeln und psychosomatische Beschwerden.
Kontraindikationen sind die Herzerkrankungen, ein akuter Bandscheibenvorfall, entzündliche Bindegewebserkrankungen, ein akuter Schlaganfall, die Einnahme blutgerinnungshemmender Medikamente, Osteoporose, Arthritis, Lähmungen, Tumore (Kontraindikation bei Bindegewebsmassagen).

Kritiker weisen darauf hin, dass es für die Wirksamkeit der Methode keine wissenschaftlichen Belege in Form von kontrollierten Studien gibt, sondern nur Erfahrungsberichte, die keine ausreichende Aussagekraft besäßen. Die Grundannahmen des Rolfing zum Körperaufbau widersprechen den Erkenntnissen der Medizin. So die Aussage der AOK zu Rolfing: „Die theoretischen Grundlagen des Rolfings sind wissenschaftlich nicht erhärtet. Außerdem konnten die postulierten Wirkungen bisher von den Anwendern der Methode nicht glaubwürdig belegt werden.“ Zwischen Therapeuten, die der Methode nahestehen, und Grundlagenforschern, die sich mit dem Bindegewebe beschäftigen, entwickelt sich derzeit offenbar ein von beiden Seiten als fruchtbar bezeichneter Dialog. Siehe Grimm: Biomedical research. Cell biology meets rolfing. Science. 2007;318(5854):1234-5.

Rolfing: Strukturelle Integration. Wandel und Gleichgewicht der Körperstruktur von Ida Rolf und Peter Schwind

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