Wer kennt das nicht: Man wacht morgens auf und ist noch halb benommen, da schießen einem Bilder, Sätze, Szenen durch den Kopf – aus dem Traum der vergangenen Nacht. Doch in welchem Zusammenhang stehen diese Bruchstücke? Wofür stehen bestimmte Motive? Was haben unsere Träume uns zu sagen?…
Christoph Amend und Tillmann Prüfer
Die meisten Menschen schütteln ihre Träume spätestens ab, wenn sie aufgestanden sind. Manchmal erzählt man jemandem davon, doch mehr als ein ahnungsloses Achselzucken bleibt oft nicht übrig. Der nächste Tag beginnt, mit neuen Hoffnungen und Wünschen, mit alten Sorgen und Nöten, da ist nur selten Zeit, um sich mit den eigenen Traumbildern zu beschäftigen.
In der Lauterbacher Mühle an den Osterseen aber, eine knappe Stunde von München entfernt, lebt eine Frau, die sich diese Zeit seit Jahrzehnten nimmt. Ortrud Grön, Jahrgang 1925, hat einen Leitfaden entwickelt, der es jedem ermöglicht, seine eigenen Träume zu verstehen. Sie hat in den 60er Jahren eine private Herz- und Kreislaufklinik gegründet und lange Jahre geleitet. Ortrud Grön arbeitet bis heute als Traumtherapeutin und hat zwei Fachbücher geschrieben, in denen sie ihre Analyse erstmals veröffendichte: »Das offene Geheimnis der Träume«, erschienen bei Kore Edidon, und »Pflück dir den Traum vom Baum der Erkenntnis«, erschienen im EHP Verlag.
Als wir uns Anfang des Jahres 2008 auf den Weg zu den Osterseen machten, wussten wir trotzdem nicht sehr viel über Ortrud Grön. ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hatte uns auf sie aufmerksam gemacht. In seiner Fernsehsendung »Drei nach Neun« hatte sie das Publikum fasziniert mit einer kurzweiligen Deutung von Schlangen, die durch Träume kriechen. Und da wir in der Redaktion des ZEIT-magazin uns ohnehin jede Woche mit diesem Thema beschäftigen (in unserer Rubrik »Ich habe einen Traum«), wollten wir nun von Frau Grön wissen, um was es wirklich geht, wenn wir träumen.
Wir saßen ihr also bald darauf gegenüber, erzählten von Träumen, die wir von Bekannten, Freunden und Kollegen gehört hatten – und sie fragte, erklärte, ordnete ein, berichtete auch von ihren eigenen Träumen. Das Ergebnis unseres Gesprächs erschien als Titelgeschichte im ZEITmagazin und löste ein gewaltiges Echo aus. Hunderte von Mails und Briefen trafen innerhalb weniger Tage ein, alle mit der Bitte versehen, Frau Grön möge doch folgenden Traum analysieren, der einen seit Jahren nicht loslasse. Über Monate nahm sich Frau Grön die Zeit und beantwortete viele der Briefe auf unserer Internet-Seite, führte mit zahlreichen Lesern längere Gespräche, um ihnen bei der eigenen Analyse zu helfen.
So entstand die Idee zu einem Buch, das alle wichtigen Fragen zu ihrer Traumarbeit beantwortet – und zudem ihre eigene, sehr bewegte Lebensgeschichte erzählt. Wir reisten also wieder an den Ostersee und quartierten uns für längere Zeit ein.
Jeden Morgen um neun Uhr gingen wir den schmalen Weg vom Gebäude der Klinik zur Alten Mühle, in der Ortrud Grön seit vier Jahrzehnten lebt.
Sie empfing uns mit Kaffee und Kuchen, und dann begannen unsere Gespräche über ihr Leben und ihre Philosophie, darüber, was Träume bedeuten – und wie wir uns den Fragen unseres eigenen Lebens stellen können. Pünktlich um halb eins verabschiedeten wir uns, kehrten nach der Mittagspause zurück und redeten weiter, bis es dunkel wurde. Dieses Buch ist auf der Basis der über dreißig Stunden währenden Aufzeichnungen unserer Gespräche entstanden, die wir miteinander führten.
Wenn bei den Interviewern mal kurz die Konzentration nachließ, so konnten wir uns auf die unglaubliche Energie von Ortrud Grön verlassen, die vom Alter her unsere Großmutter sein könnte – im Kopf und im Herzen aber so jung ist, dass wir uns manches Mal ganz schön alt vorkamen. Sich mit den eigenen Träumen zu beschäftigen, hält jung, diese Erkenntnis kann nach unserem Besuch in der Alten Mühle als gesichert gelten.
Aus der Einleitung zu Ich habe einen Traum
Ortrud Grön, geboren 1925, ist praktizierende Psychotherapeutin. Sie ist die Gründerin der Lauterbacher Mühle, einer Herz- und Kreislaufklinik an den Osterseen in Bayern. Schon in den 80cr Jahren begann sie, gemeinsam mit Patienten Träume aufzuarbeiten, und widmete sich schließlich ganz der Erforschung und Systematik der menschlichen Traumwelt. Sie ist Verfasserin mehrerer wissenschaftlicher Bücher über Träume und veranstaltet regelmäßig Traumseminare.
Christoph Amend, geboren 1974, ist Redaktionsleiter des ZEITmagazins in Berlin. Für sein Buch Morgen tanzt die ganze Welt. Die Jungen, die Alten, der Krieg, erschienen im Karl Blessing Verlag, wurde er mit dem Hermann-Hesse-Nachwuchspreis ausgezeichnet.
Tillmann Prüfer, geboren 1974, ist Redakteur beim ZEITmagazin in Berlin. Er schrieb das Buch Wie man den Alltag überlebt, ohne dabei verrückt zu werden, erschienen bei Herder, und gemeinsam mit Benjamin Prüfer das Buch Mein Bruder, erschienen im Scherz Verlag.
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