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Gedächtnisforschung: Geistige Vorgänge erzeugen biologische Veränderungen

Seit über 50 Jahren widmet sich Eric Kandel der Entschlüsselung molekularer Prozesse im Gehirn, die unserem Gedächtnis zu Grunde liegen. Im Jahre 2000 erhielt er dafür den Nobelpreis für Medizin: Er entdeckte das Protein, das eine Schlüsselrolle bei der Speicherung von Ereignissen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis spielt. Dieser Vorgang ist die Voraussetzung für Lernen und Erinnern. Kandel hat untersucht, wie geistige Vorgänge biologische Veränderungen erzeugen, und nachgewiesen, dass Lernen neuronale Schaltkreise verändert und Wissen eine anatomische Veränderung im Gehirn bewirkt…

Das Gedächtnis zählt für Kandel zu den bemerkenswertesten Aspekten der menschlichen Existenz. „Die Erinnerung versieht unser Leben mit Kontinuität; ohne die bindende Kraft der Erinnerung würden unsere Erfahrungen in ebenso viele Bruchstücke zersplittern, wie es Momente im Leben gibt. Wir sind, wer wir sind, auf Grund dessen, was wir lernen und woran wir uns erinnern.”

Die Lebensgeschichte von Eric Kandel ist eng mit seiner Suche nach dem Gedächtnis verbunden. Er ist als Jude in Wien geboren. 1939, nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland, musste er im Alter von 9 Jahren nach Amerika emigrieren. Über den Einfluss seiner Biografie auf sein Forschungsthema, das eng mit seinen traumatischen Kindheitserlebnissen im Wien der Naziherrschaft und dem Holocaust zusammenhängt, schreibt er in seiner Autobiografie „Auf der Suche nach dem Gedächtnis”, die im März 2006 mit großem Medienecho erschienen ist: „Ich bin davon überzeugt, dass mein späteres Faible für den menschlichen Geist – dafür, wie sich Menschen verhalten, wie unberechenbar ihre Motive und wie dauerhaft Erinnerungen sind – auf mein letztes Jahr in Wien zurückgeht. Nach dem Holocaust lautete das Motto der Juden: ‚Niemals vergessen!’ – , wachsam gegen Antisemitismus, Rassismus und Hass zu sein… Meine wissenschaftliche Arbeit widmet sich den biologischen Grundlagen dieses Mottos: den Prozessen im Gehirn, die uns zur Erinnerung befähigen.”
siehe: “Auf der Suche nach dem Gedächtnis”, München, 2006, Siedler, [BESTELLEN?]

ERIC KANDEL ÜBER DIE VERBINDUNG ZWISCHEN DEM HOLOCAUST UND SEINER ARBEIT
I had a very painful childhood experience being a Jew in Vienna when Hitler came into Austria, and it is interesting that I’ve spent my life studying memory. And in some ways this is like treating a post traumatic stress disorder. You come back to it in order to master it, and I think to some degree this is true. And also the fact that I study memory is related to this. One of the sort of major themes of post Holocaust thinking is, ‘Never Forget.’ That we should always remember what happened there in order to not allow any racial hatred, any anti-Semitism to recur. And I think that my biological science in essence is an attempt to provide a, you know, an underpinning for that model, for that way of thinking.

ERIC KANDEL ÜBER DEN EINFLUSS DES HOLOCAUSTS AUF SEIN LEBEN
Well, I mean I don’t think about the Holocaust every day, I think about it periodically. You know, it infl uences the gratitude I feel to the United States, it’s infl uenced my marriage. I mean, I married a woman from Europe who had a diffi cult experience during the war and we bond together very strongly because of that. The nun who was in the fi lm, Yvonne, Denise has nominated for one of the Christian and she, Denise, fl ew over to Cahors for the ceremony, I mean, we’re both very much involved in our each other’s past. I’m trying to encourage her to write a book about her experiences in the convent. She’s done a lot of research on that. So it’s been, you know, it’s molded my character. For better or for worse.

Der Versuch zu begreifen, wie es zur Barbarei des Nazionalsozialismus kommen konnte, führt Kandel über ein Studium der österreichischen Literatur zur Beschäftigung mit der Psychoanalyse und der Medizin hin zur Biologie, um die biologischen Prozesse des Bewussten und Unbewussten zu erforschen.

Der Filmemacherin Petra Seeger ist es nun als erster gelungen, in Kandels weltweit führenden Labor der Gedächtnisforschung in enger Zusammenarbeit mit Eric Kandel einen Film zu drehen. Zwei Jahre arbeitete Petra Seeger, die u.a. Porträts über Wim Wenders, Peter Zadek, Christoph Schlingensief und Rudolf Thome produzierte, an dem Dokumentarfilm, der in Paris, Wien und New York gedreht wurde. So erzählt der Film nicht nur Kandels Lebensgeschichte, er zeigt auch in bislang einzigartigen Bildern aus Kandels Labor, wie sich das Gehirn verändert, wenn wir lernen oder wenn eine neue Erinnerung geformt wird.

Der Film verwebt die Lebensgeschichte Kandels mit seiner Wissenschaftsgeschichte. So entsteht ein sehr persönliches Porträt eines charismatischen und leidenschaftlichen Forschers, der eigene, leidvolle Erfahrungen in eine ungeheuere Energie umgewandelt hat, um die Grundlagen menschlichen Handels zu erforschen. Petra Seeger gelingt es in ihrem Film, Kandels Suche nach den eigenen Wurzeln in Wien und New York mit liebevoll inszenierten persönlichen Erinnerungen, Erkenntnissen auf der Wissenschaft und Kandels Forschung kunstvoll zu verweben, so dass ein lebendiges und unterhaltsames Porträt entsteht und der Zusammenhang zwischen persönlicher Biografie und Forschungsthema freigelegt wird. Es wird deutlich, dass – selbst in der Wissenschaft – die Fragestellungen in der eigenen Biografie wurzeln.

Auf einzigartige Weise erzählt der Film die spannende Entdeckungsreise von Kandels Forschung. Anschaulich macht er begreifbar, wie Kandel zu seinem Versuchstier und seiner Muse, der Meeresschnecke Aplysia Californica, fand und an ihr Grundlagenforschung in Sachen Erinnerung und Lernen betrieb; dabei werden Rückschläge nicht ausgespart. Auch die jüdische Kultur hat Kandels Lebens- und Wissenschaftsgeschichte entscheidend mitgeprägt.

Neue Erfahrungen können alte, traumatische Erfahrungen ersetzen

Als Eric Kandel am Ende des Films in der Wiener Hofburg von Bundespräsident Fischer empfangen wird, schließt sich für ihn ein Kreis: Vom Taxi aus blickt Kandel nachts auf die erleuchteten Prachtbauten der Ringstrasse und resümiert: „Einst vertrieben aus Wien und nun willkommen geheißen zu werden von den politischen Repräsentanten Österreichs, das ist einerseits ironisch und gleichzeitig sehr heilsam”.

Auch für die Filmemacherin ist es ein Film über ‚Heilung’: “Das ist sozusagen der Subtext von Kandels Lebensweg. Jemand, der Leid erfahren hat, zieht aus, wird vertrieben, konfrontiert sich mit dem Geschehenen und arbeitet genau mit diesem Schmerz, mit dem Trauma und schafft daraus etwas Neues, wandelt es in eine ungeheuere Stärke um und findet sogar Anerkennung dafür. Am Ende des Films heißt ihn der politische Repräsentant des Landes, das ihn vertrieben hat, willkommen. Ein Kreis schließt sich. Auch das ist Heilung”.

Für Petra Seeger hat der Film eine überaus positive Botschaft, ist sozusagen von seiner Aussage her ‚antidepressiv’: “Die Kernaussage von Kandels Wissenschaft ist, dass unser Hirn formbar ist, dass es sich verändert. Das widerspricht unserem bislang gängigen Bild, dass das Hirn so bleibt, wie es ist (wenn man so geboren wird, bleibt es so…) Der eine hat halt mehr Hirn, der andere weniger.
Kandel zeigt, dass sich das Hirn verändert, abhängig von den Erfahrungen, die wir machen. Es wächst! Neue Synapsen wachsen und gehen neue Verknüpfungen ein. Neue Erfahrungen können alte, traumatische Erfahrungen ersetzen. Das war für mich eine hoffnungsvolle Botschaft und passt, wie ich finde, in unsere Zeit, in der viele Veränderungen kommen werden und kommen müssen”.

Auf der Suche nach dem Gedächtnis:
Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes

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Von Eric Kandel

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