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Archiv (chronolog.)

Aus dem Tagebuch des Dr. Poljakow: Morphium (4)..

Eine Zeitlang propagierte auch Sigmund Freud den Einsatz von Kokain zur Linderung der Morphinsucht. Auch Doktor Sergej Poljakow, der opiatabhängige Held in Michail Bulgakows Arztgeschichten versuchte sich auf diese Art zu befreien. Ohne Erfolg…

Vierter Teil der Erzählung „Morphium“ aus Michail Bulgakows “Arztgeschichten

8. April 1917

Es ist eine Qual.

9. April
Der Frühling ist scheußlich.
Der Teufel im Fläschchen. Kokain ist der Teufel im Fläschchen!

Es wirkt folgendermaßen: Wenn man zweiprozentige Lösung injiziert, tritt fast augenblicklich ein Zustand von Ruhe ein, der sogleich in Begeisterung und Glückseligkeit übergeht. Das dauert jedoch nur eine oder zwei Minuten. Dann verschwindet alles spurlos, als wäre es nie gewesen. Nun kommen Schmerzen, Entsetzen, Finsternis. Der Frühling dröhnt, schwarze Vögel fliegen auf den kahlen Bäumen von Zweig zu Zweig, in der Ferne reckt sich borstenartig ein schwarzer Wald gen Himmel, dahinter lodert, ein Viertel des Himmels erfassend, der erste Frühlingssonnenuntergang. Mit meinen Schritten durchmesse ich das einsame große Zimmer in meiner Arztwohnung, quer von der Tür zum Fenster und vom Fenster zur Tür. Wie viele solcher Gänge kann ich machen? Höchstens fünfzehn oder sechzehn. Dann muss ich ins Schlafzimmer gehen. Auf Mull liegt die Spritze neben dem Fläschchen. Ich nehme sie, reibe sorgsam den zerstochenen Schenkel mit Jod ab und steche die Nadel in die Haut. Keinerlei Schmerz. Oh, im Gegenteil: Ich genieße im voraus die Euphorie, die gleich kommt. Da ist sie schon. Ich erkenne sie daran, dass die Töne der Harmonika, die der über den Frühling erfreute Wächter Wlas draußen auf der Vortreppe spielt, diese abgerissenen, heiseren Harmonikatöne, die dumpf durchs Fenster zu mir dringen, zu Engelsstimmen werden und die groben Bässe des ausgeleierten Balges wie ein himmlischer Chor tönen.
Aber da ist schon der Moment, wo das Kokain im Blut nach einem geheimnisvollen, noch in keinem pharmakologischen Lehrbuch beschriebenen Gesetz sich in etwas Neues verwandelt. Ich weiß: Der Teufel spukt in meinem Blut. Wlas auf der Vortreppe nickt ein, und ich hasse ihn, und der Sonnenuntergang, unruhig grummelnd, brennt mir die Eingeweide aus. So geht es ein paarmal hintereinander an einem Abend, bis ich begreife, dass ich vergiftet bin. Das Herz hämmert dermaßen, dass ich es in den Händen spüre, in den Schläfen . . . Dann sackt alles in den Abgrund, und es gibt Momente, da denke ich, Doktor Poljakow kehrt nie wieder ins Leben zurück . . .

13. April
Ich, der unglückliche Doktor Poljakow, der im Februar dieses Jahres an Morphinismus erkrankte, warne jeden, dem ein ähnliches Los beschieden ist: Nie soll er Morphium durch Kokain ersetzen wollen. Kokain ist ein abscheuliches und tückisches Gift. Gestern hat mich Anna mühsam mit Kampfer auf die Beine gebracht, und heute bin ich halbtot.

6. Mai 1917
Schon ziemlich lange habe ich mein Tagebuch nicht zur Hand genommen. Leider ist es weniger ein Tagebuch als eine Krankengeschichte, und ich habe offenbar einen professionellen Hang zu meinem einzigen Freund auf der Welt (einmal abgesehen von meiner verhärmten und häufig weinenden Freundin Anna).
Also, wenn ich schon eine Krankengeschichte schreibe: Ich spritze zweimal in vierundzwanzig Stunden Morphium: um fünf Uhr nachmittags (nach dem Essen) und um Mitternacht vor dem Einschlafen.
Die Lösung ist dreiprozentig, zwei Spritzen nehme ich, folglich macht eine 0,06 aus. Ganz schön!

Meine bisherigen Aufzeichnungen sind ein bißchen hysterisch.
Nichts ist besonders beängstigend.
Meine Arbeitsfähigkeit ist nicht im geringsten beeinträchtigt. Im Gegenteil: Ich zehre den ganzen Tag von der nächtlichen Injektion. Operationen gelingen mir vortrefflich, ich halte mich einwandfrei an die Rezeptur und verbürge mich mit meinem Wort als Arzt, dass mein Morphinismus den Patienten keinen Schaden gebracht hat. Ich hoffe, es bleibt so.
Etwas anderes quält mich. Ich lebe in ständiger Furcht, jemand könnte von meinem Laster erfahren. Und es liegt mir schwer auf der Seele, wenn ich in der Sprechstunde den prüfenden Blick des assistierenden Feldschers im Rücken spüre.
Unsinn! Er hat keine Ahnung.
Nichts verrät mich. Meine Pupillen könnten mich nur abends verraten, und abends sieht er mich nie.

Die schlimmen Morphiumeinbußen in unserer Apotheke habe ich bei einem Besuch in der Kreisstadt ergänzt. Aber auch dort musste ich unangenehme Minuten durchstehen. Der Leiter des Speichers las meine Bestellung, in die ich vorsorglich auch allerlei anderes Zeug eingetragen hatte. Coffein etwa, von dem wir reichlich haben, und sagte: »Vierzig Gramm Morphium?«
Ich schlug die Augen nieder wie ein Schüler und errötete. »Soviel haben wir nicht«, sagte er. »Zehn Gramm können Sie kriegen.«
Er hatte wirklich nicht soviel, doch ich bildete mir ein, er habe mein Geheimnis durchschaut, zwicke und durchbohre mich mit dem Blick, und ich war qualvoll aufgeregt.

Nein, die Pupillen, nur die Pupillen sind verräterisch, darum habe ich es mir zur Regel gemacht, abends mit niemandem zusammenzukommen. Übrigens ist dafür kein Platz besser geeignet als mein Revier, denn schon über ein halbes Jahr sehe ich keinen Menschen außer meinen Kranken. Und die kümmern sich nicht um mich.

18. Mai
Die Nacht ist schwül. Es wird ein Gewitter geben. Der schwarze Wolkenbauch in der Ferne hinter dem Wald schwillt an und bläht sich. Da zuckt es auch schon bleich und beunruhigend. Das Gewitter kommt.

Ich habe ein Buch vor mir, darin steht über die Morphiumabstinenz:
». . . große Unruhe, erregter, schwermütiger Zustand, Reizbarkeit, Gedächtnisschwund, mitunter Halluzinationen und Bewusstseinstrübungen geringen Grades . . .« Halluzinationen habe ich noch nicht gehabt, doch was das übrige betrifft, so kann ich sagen: Welch schwache, trockene, nichtssagende Worte! »Schwermütiger Zustand!« Nein, ich, der ich an dieser entsetzlichen Krankheit leide, möchte den Ärzten empfehlen, barmherziger zu ihren Patienten zu sein. Nicht ein »schwermütiger Zustand«, sondern ein langsamer Tod befällt den Morphinisten, dem nur für eine Stunde oder zwei das Morphium entzogen wird. Die Luft scheint zu dünn, er kann sie nicht schlucken. Keine Zelle im Körper, die nicht gierte . . . Wonach? Das läßt sich weder definieren noch erklären.
Kurzum, er ist kein Mensch. Er ist ausgeschaltet. Er ist ein Leichnam, der sich bewegt, sich quält und leidet. Er will nichts, er ersehnt nichts außer Morphium. Morphium!
Verdursten ist ein paradiesischer, glückseliger Tod, verglichen mit der Gier nach Morphium. So hascht wohl ein lebendig Begrabener nach den letzten Luftbläschen in seinem Grab und fetzt mit den Nägeln die Haut auf der Brust auf. So stöhnt und windet sich der Ketzer auf dem Scheiterhaufen, wenn die ersten Flammen nach seinen Beinen züngeln . . .
Der Tod – ein qualvoller, langsamer Tod . . . Das also steckt hinter den professoralen Worten »schwermütiger Zustand«.

Ich kann nicht mehr. Ich habe mir doch wieder eine Injektion gemacht. Ein Seufzer. Noch ein Seufzer. Leichter. Und da … da … die mentholartige Kühle in der Brust…
Drei Spritzen mit dreiprozentiger Lösung. Das reicht bis Mitternacht.

Quatsch. Diese Eintragung ist Quatsch. Alles halb so schlimm. Früher oder später geb ich’s auf! Jetzt schlafen, schlafen.
Dieser dumme Kampf gegen das Morphium quält und schwächt mich bloß.

(An dieser Stelle sind im Heft zwei Dutzend Seiten herausgeschnitten.)

. . . wieder Erbrechen um 4.30 Uhr.

Wenn mir besser ist, schreibe ich meine entsetzlichen Eindrücke auf.

14. November 1917

Also, nach meiner Flucht aus der Moskauer Heilanstalt des Doktor . . . (Name sorgfältig gestrichen) bin ich wieder zu Hause.

Wie ein Schleier verhüllt der strömende Regen die Welt. Mag er. Ich brauche sie nicht, ebenso wenig wie mich jemand auf der Welt braucht. Die Schießerei und den Umsturz habe ich in der Heilanstalt miterlebt. Aber der Gedanke, die Kur hinzuschmeißen, war schon vor den Moskauer Straßenkämpfen heimlich in mir gereift. Ich bin dem Morphium dankbar, dass es mich mutig gemacht hat. Keine Schießerei jagt mir Angst ein. Was kann überhaupt einen Menschen ängstigen, der nur an eines denkt – an die wundersamen göttlichen Kristalle? Als die Pflegerin, ganz kopfscheu von dem Kanonendonner . . . (Hier fehlt eine Seite.)… diese Seite ist herausgerissen, damit niemand je die schmachvolle Schilderung liest, wie ein Mensch mit Diplom diebisch und feige flieht und seinen eigenen Anzug stiehlt. Aber was ist schon der Anzug! Ich habe ein Krankenhaushemd mitgenommen. Es war mir egal.
Am nächsten Tag, nachdem ich mir eine Injektion gemacht hatte, wurde ich wieder rege und kehrte zu Doktor N. zurück. Er empfing mich mitleidig, aber durch das Mitleid schimmerte Verachtung. Das hätte er sich sparen können. Schließlich ist er Psychiater und sollte wissen, dass ich nicht immer Herr meiner selbst bin. Ich bin krank. Wozu mich verachten? Ich gab das Krankenhaushemd zurück.

»Danke«, sagte er und fügte hinzu: »Was gedenken Sie jetzt zu tun?«
Ich sagte forsch, denn ich war im Zustand der Euphorie: »Ich habe beschlossen, in meine Einöde zurückzukehren, zumal mein Urlaub zu Ende ist. Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hilfe, ich fühle mich bedeutend besser. Ich werde die Kur zu Hause fortsetzen.«
Er antwortete: »Sie fühlen sich nicht im geringsten besser. Lächerlich, dass Sie mir so etwas sagen. Dabei genügt ein Blick auf Ihre Pupillen. Wem erzählen Sie so etwas?«
»Professor, ich kann es mir nicht auf einmal abgewöhnen, besonders jetzt bei all diesen Ereignissen. Die Schießerei hat mich ganz zermürbt.«
»Sie ist vorbei. Wir haben eine neue Macht. Legen Sie sich wieder hin.«
Da fiel mir alles wieder ein – die kalten Korridore … die mit Ölfarbe angestrichenen kahlen Wände … ich krieche wie ein Hund mit gebrochenem Bein . . . warte . . . Worauf? Auf ein heißes Bad? Auf eine Injektion von 0,005 Morphium. Eine Dosis, von der wirklich keiner stirbt . . . bloß . . . aber die ganze Schwermut bleibt, lastet auf mir wie zuvor . . . Die leeren Nächte, das Hemd, das ich mir am Leibe zerriss unter flehentlichen Bitten, mich hinauszulassen.
Nein . . . nein . . . Das Morphium wurde erfunden, wurde aus den trocken rasselnden Kapseln der göttlichen Pflanze gewonnen, nun finden Sie eine Methode, die Sucht ohne Qual zu kurieren! Eigensinnig schüttelte ich den Kopf. Da erhob er sich, und ich stürzte erschrocken zur Tür. Ich glaubte, er wolle sie verschließen und mich gewaltsam in der Klinik festhalten.

Der Professor lief rot an.
»Ich bin kein Kerkerknecht«, stieß er gereizt hervor, »und wir sind hier nicht im Butyrki-Gefängnis. Bleiben Sie sitzen. Sie haben geprahlt, Sie wären ganz normal, das ist zwei Wochen her. Dabei . . .« Ausdrucksvoll ahmte er meine Schreckensgeste nach. »Ich halte Sie nicht.« »Professor, geben Sie mir meine Unterschrift zurück. Ich flehe Sie an.« Meine Stimme zitterte kläglich. »Bitte sehr.«
Klickend drehte er den Schlüssel der Schreibtischschublade herum und gab mir den Revers, in dem ich mich unterschriftlich verpflichtet hatte, die zweimonatige Kur durchzustehen und mich in der Klinik festhalten zu lassen usw., kurzum, das übliche.
Mit zitternder Hand nahm ich das Papier entgegen, steckte es ein und stammelte:
»Ich danke Ihnen.«

Dann stand ich auf, um zu gehen.

»Doktor Poljakow!« rief er mir nach. Ich drehte mich um, die Türklinke in der Hand. »Hören Sie zu«, sprach er, »besinnen Sie sich. Begreifen Sie doch, Sie landen sowieso in einer psychiatrischen Klinik, vielleicht ein bisschen später, aber dann in viel schlimmerem Zustand. Ich habe Sie trotz allem noch als Arzt angesehen. Später aber kommen Sie im Zustand völliger seelischer Zerrüttung. Sie dürften eigentlich gar nicht mehr praktizieren, mein Lieber, und es ist vielleicht verbrecherisch, Ihre Dienststelle nicht zu informieren.« Ich zuckte zusammen und spürte deutlich, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich (obwohl ich ohnedies kaum Farbe habe).

»Ich flehe Sie an, Professor«, sagte ich dumpf, »sagen Sie es niemandem. Dann würde ich entlassen, als Kranker verschrien. Warum wollen Sie mir das antun?« »Gehen Sie«, rief er ärgerlich, »gehen Sie. Ich werde nichts sagen. Man bringt Sie ja doch hierher zurück.« Ich ging, und ich schwöre, ich habe den ganzen Weg vor Scham und Schmerz gezittert. Warum?

Ganz einfach. Ach, mein Freund, mein treues Tagebuch. Du wirst mich doch nicht verraten? Ich habe in der Klinik Morphium gestohlen. Drei Kubikzentimeter Kristalle und zehn Gramm einprozentige Lösung.

Dies ist das eine, aber etwas anderes ist wichtig. Der Schlüssel steckte im Schrank. Und wenn er nicht gesteckt hätte? Hätte ich den Schrank aufgebrochen oder nicht? Na? Ehrlich? Ich hätte ihn aufgebrochen.

Doktor Poljakow ist also ein Dieb. Ich komme schon noch dazu, diese Seite herauszureißen.

Na, was das Praktizieren betrifft, so hat er doch zu dick aufgetragen.
Ja, ich bin degeneriert. Sehr richtig. Der Zerfall meiner moralischen Persönlichkeit hat begonnen. Aber arbeiten kann ich, ich füge keinem meiner Patienten Böses oder Schaden zu.

Ja, warum habe ich gestohlen? Ganz einfach. Ich war überzeugt, während der Kämpfe und der ganzen Wirren im Zusammenhang mit dem Umsturz nirgendwo Morphium zu bekommen. Als es aber stiller geworden war, erhielt ich in einer Apotheke am Stadtrand fünfzehn Gramm einprozentiger Lösung, für mich ziemlich nutzlos und zermürbend (davon brauche ich neun Spritzen). Und obendrein musste ich mich noch erniedrigen. Der Apotheker verlangte einen Stempel und musterte mich mürrisch und argwöhnisch. Dafür bekam ich am nächsten Tag, als ich wieder meine Norm hatte, in einer anderen Apotheke ohne Schwierigkeiten zwanzig Gramm in Kristallen; ich hatte ein Rezept fürs Krankenhaus ausgefertigt (natürlich hatte ich Coffein und Aspirin dazugeschrieben). Ja, warum soll ich eigentlich Versteck spielen und mich fürchten? Wirklich, als ob auf meiner Stirn geschrieben stünde, dass ich Morphinist bin. Wen geht das schließlich was an!

Ist der Verfall so groß? Ich rufe diese Aufzeichnungen zum Zeugen an. Sie sind bruchstückartig, doch ich bin ja auch kein Schriftsteller!
Sind etwa verrückte Gedanken darin? Ich glaube, ganz nüchtern zu urteilen.

Ein Morphinist besitzt ein Glück, das ihm niemand nehmen kann – die Fähigkeit, sein Leben in gänzlicher Einsamkeit zu verbringen. Einsamkeit, das sind wichtige, bedeutsame Gedanken, das ist Betrachtung, Ruhe, Weisheit…
Die Nacht strömt dahin, schwarz und schweigsam. Irgendwo liegt der kahle Wald, dahinter ein Flüsschen, Kälte, Herbst.
Fern, ganz fern ist das umgewühlte, stürmische Moskau.
Mich geht das nichts an, ich brauche nichts, mich zieht es nirgendwo hin.
Brenne in meiner Lampe, Flämmchen, brenne leise, ich möchte ausruhen von den Moskauer Abenteuern, ich möchte sie vergessen.
Und ich habe sie vergessen.

Ich habe vergessen.

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