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Versorgungslücke: Mangel an Psychotherapie für geistig Behinderte

Geistig behinderten Menschen fehlt es an Möglichkeiten, bei psychischen Störungen entsprechend behandelt zu werden. Darauf macht die deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in einem Positionspapier aufmerksam. Geistige Behinderung dürfe nicht von der Regelversorgung ausschließen, zudem müsse diese stärker auf die speziellen Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe, die allein in Deutschland 500.000 Menschen umfasst, eingehen…

Darüber hinaus fordert die Fachgesellschaft auch die Neuschaffung von Zielgruppen-spezifischen Angeboten. Diese sollen die Regelversorgung beraten, Patienten mitbehandeln oder deren Behandlung auch ganz übernehmen können.

Fachgesellschaft stellt Versorgungslücke bei psychischen Störungen fest
Neben der geistige Behinderung wird oft auch die psychische Störung zur Hürde

http://www.dgppn.de – Menschen mit geistiger Behinderung leiden wesentlich häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung an psychischen Krankheiten. Das gehe auf mehrere Gründe zurück, erklärt Michael Seidel, Leiter des Fachreferats Psychische Störungen bei Menschen mit geistiger Behinderung, gegenüber pressetext. „Menschen mit geistiger Behinderung haben oft besondere psychosoziale Belastungen in ihrer Biografie und verfügen meist nicht über ausreichende Möglichkeiten, diese zu bewältigen. Darüber hinaus können auch hirnorganisch begründete Störungen infolge von Hirnschädigungen auftreten oder es sind genetische Faktoren im Spiel“, so der Psychiater. Zahlen über den genauen Versorgungsbedarf in dieser Gruppe gibt es allerdings nicht. „Es gibt kein Register, was auch mit den historischen Erfahrungen aus der NS-Zeit zusammenhängt. Wir sind also auf Schätzungen angewiesen, die von einer Prävalenz von 20 bis 30 Prozent der geistig Behinderten ausgehen“, erklärt Seidel.

Ziele und Formen der Behandlung sind bei Menschen mit oder ohne geistiger Behinderung grundsätzlich gleich, betont der Experte. „Alle Verfahren kommen in Frage, wie etwa Verhaltenstherapien, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapien, systemische Psychotherapie, Gesprächspsychotherapie oder körpertherapeutische Verfahren. Unterschiede bestehen nur insofern, als dass die Zeitläufe meist länger sind und die jeweilige Methode auf die Bedürfnisse abgewandelt werden muss“, so Seidel. Damit Psychotherapie zum Erfolg führe, sei vor allem der Schweregrad zu berücksichtigen, in dem geistige Fähigkeiten beschränkt sind. Denn diese könnten die sprachliche Kommunikation oder die Anwendbarkeit der operationalisierten Diagnostik erschweren. Die Behandlung gehört für Seidel ausschließlich in Hand ausgebildeter Psychotherapeuten. „Allerdings haben auch andere Maßnahmen wie etwa die Kunsttherapie psychotherapeutische Wirkungen.“

Der Aufholbedarf in diesem Bereich ist laut DGPPN-Statement groß, da die Versorgung trotz Fortschritten in den letzten Jahren nicht flächendeckend garantiert oder nicht sicher finanziert sei. Das Thema sei kaum in der gesundheitspolitischen Diskussion wie auch in der Psychiatrie und Psychotherapie selbst präsent, so die Gesellschaft in selbstkritischen Tönen. Wichtig sei daher, die Wahrnehmung für die Problematik zu verbessern. „Allgemein gibt es kaum Sensibilisierung für das Thema. Allerdings wächst unter Vertretern und Mitarbeitern der Behindertenhilfe die Einsicht, dass Psychiatrie und Psychotherapie durch Beseitigung oder Linderung psychischer Störungen bei Menschen mit geistiger Behinderung einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Teilhabe leisten können und müssen“, so Seidl.

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