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Dan Bar-On : Den Abgrund überbrücken

Der vor einem Jahr verstorbene Dan Bar-On (geb. 1938 in Haifa; gest. am 4. September 2008 in Tel Aviv) war ein israelischer Psychologe, Therapeut, Holocaust- und Friedensforscher. Nachdem er bereits Anfang der 90er Jahre in einem außergewöhnlichen Projekt Nachkommen von Nazi-Tätern und Kinder von Holocaust-Überlebenden zusammen gemacht hatte, regte er auf Grundlage desselben Prinzips 1998 eine neue Friedensinitiative an…

Von Andrea Livnat

Geschichten gegen den Hass

Bar-On übertrug die Methode des „story telling“ auf andere Konfliktgebiete und lud gemeinsam mit der Körberstiftung zu einem Seminar nach Hamburg ein. Gruppen aus drei Konfliktgebieten trafen zusammen: aus dem Nahen Osten, Südafrika und Nordirland. Mittlerweile erschien auch der Band der „edition Körber-Stiftung“, der die Erfahrungen dieses besonderen Treffens zusammenfaßt.

Das Buch gibt einen Überblick über die Arbeit der ursprünglichen Gruppe von Nachkommen von Nazi-Tätern und Holocaustüberlebenden, die Idee, das Projekt auf andere Konfliktgebiete auszuweiten, die Suche nach geeigneten Teilnehmern, Erfahrungsberichte aus den Diskussionen und eine ausführliche Auswertung des Seminars.

Dan Bar-On ist Professor für Psychologie an der Ben-Gurion-Universität in Beer Schewa und Ko-Direktor von „PRIME“ (Peace Research Institute in the Middle East). Er wurde 1938 in Haifa als Sohn deutsch-jüdischer Immigranten geboren und lebte lange in einem Kibbuz. Nach seinem Psychologie-Studium spezialisierte er sich auf die Therapie von Kindern von Holocaustüberlebenden, der sog. „second generation“. Bald widmete er sich aber auch der anderen Seite, der Täter-Seite, und verfaßte dazu auch einige Schriften, wie z.B. „Die Last des Schweigens – Interviews mit Nachfahren von Nazi-Tätern“.

1992 gründete er die TRT-Gruppe („To Reflect and Trust“) mit Opfer- und Täter-Nachkommen. Die Gruppe, neun Nachfahren von Nazi-Tätern, fünf amerikanische und vier israelische Kinder von Holocaust-Überlebenden, traf sich sechs mal zwischen 1992 und 1997.

Das gegenseitige Erzählen der eigenen Geschichte half den Einzelnen, Verständnis für die andere Seite zu finden und konnte so Brücken schlagen. Es zeigte sich, daß es durchaus wichtige Gemeinsamkeiten gab. Sowohl für Opfer- wie auch für Täter-Nachkommen sind die Folgen des Holocaust noch immer im Leben zu spüren, beide Seiten leiden an psychologischer und physischer Entwurzelung und auch die Schwierigkeiten, sich von den Eltern zu lösen, ist für alle Beteiligten grundlegend. Der Dialog mit dem Opfer und dem Täter in einem selbst eröffnete neue Sichtweisen, die ein schrittweises Verzeihen ermöglichen.

Die TRT-Gruppe entschloß sich dann 1998 dazu, ihre Erfahrungen mit Menschen aus anderen Konfliktgebieten zu teilen und wählte Südafrika, Nordirland und den Nahen Osten aus. Die TRT-Mitglieder reisten auch selbst in die jeweiligen Länder, um geeignete Teilnehmer auszuwählen und die Gruppen zusammenzustellen.

In Hamburg kam dann eine ganz außergewöhnliche Mischung verschiedenster Menschen zusammen: Südafrikaner, Nordiren, Israelis, Palästinenser, Deutsche und Amerikaner.

Dan Bar-On vermerkte dazu in seinem Hamburg-Tagebuch: „In dieser Gruppe traf der Enkel des „Architekten der Apartheid“ auf den Sohn des zweiten Befehlshabers von Hitler. Die Tochter eines Überlebenden aus dem Ghetto in Lodz und Auschwitz lernte eine Frau kennen, die als Vertreterin einer Organisation tätig ist, die Menschen hilft, ihre verschwiegenen Geschichten über die „Unruhen“, „troubles“ wie es in Nordirland heißt, zu erzählen.“

Während die Treffen der Nordirland- und Südafrika-Gruppe eher entspannt verliefen und zu einem richtigen Austausch führten, zeigte sich die Nah-Ost-Gruppe von Anfang an als schwierig. Schon die Bezeichnung führte zu Irritationen, die palästinensischen Teilnehmer sahen in der Tatsache, daß man nicht den Begriff „Palästinenser-Israeli-Gruppe“ gewählt hatte, eine Mißachtung ihrer Nationalität…

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