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Die Entdeckung des Unbewussten: Sigmund Freud

Er hat die Welt umgekrempelt, und er ist sich dessen bewusst gewesen. Sigmund Freuds Werk, die Psychoanalyse, markiert einen tiefen Einschnitt im Selbstverständnis des Menschen. Nicht nur Medizin und Psychologie, sondern auch Kunst, Alltagsleben und unser Verständnis von der Gesellschaft sind von ihr beeinflusst…
psychologen
Worte wie »Verdrängung« oder »Freudsche Fehlleistung« gehören zum normalen sprachlichen Repertoire, und das Deuten von Träumen ist längst eine Art Volkssport geworden.

Weg

Sigmund Freud wird 1856 im mährischen Freiberg, dem heutigen Příbor in Tschechien, geboren. Sein Vater, ein jüdischer Wollhändler, ist in dritter Ehe mit Freuds Mutter verheiratet, so dass der junge Sigismund Schlomo – er wird sich erst 1878 Sigmund nennen – neben den kleineren Geschwistern auch zwei ältere Halbbrüder hat. Als er drei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Wien. Hier wächst Freud auf.

Schon als Schüler beweist er seine brillante Formulierungsgabe. Er studiert Medizin und wird 1881 promoviert. 1882 bis 1886 arbeitet er als Arzt am Allgemeinen Wiener Krankenhaus und setzt nebenbei seine wissenschaftliche Studien fort. 1884 entdeckt er die schmerzstillende Wirkung des Kokains, ohne den Anästhesieeffekt weiter zu verfolgen. Er experimentiert aber eine Zeit lang selbst mit Kokain und empfiehlt es auch, bis er sich eingestehen muss, ein Drogenproblem zu haben, woraufhin er von der gefährlichen Substanz Abstand nimmt.

Von Oktober 1885 bis Februar 1886 arbeitet Sigmund Freud bei Jean Martin Charcot (1825-1893) am Krankenhaus Salpetriere in Paris. Er wird Zeuge, wie Charcot bei Patientinnen unter Hypnose pseudoepileptische, so genannte hysterische Anfälle hervorruft. Das bestärkt ihn in der Vermutung, dass nicht körperliche, sondern psychische Ursachen hinter dem Krankheitsbild stecken.

»Hysterie« steht damals für alle Verhaltensweisen, die übertrieben nervös, erregt und überspannt wirken. Der Begriff kommt vom griechischen hystera – Gebärmutter. Tatsächlich gilt die Hysterie lange als Frauenkrankheit. Dem widerspricht Charcot. Er vermutet, dass vor allem traumatische Erlebnisse zur Hysterie führen. Heute wird der Begriff der Hysterie nicht mehr für die Diagnose verwendet, man spricht stattdessen von der histrionischen Persönlichkeitsstörung, wobei »histrionisch« für »theatralisch« steht. Rückblickend gesehen, spiegelt die Hysterie als sozial- und kulturgeschichtliche Erscheinung vor allem das Leiden der Frauen unter der sinnesfeindlichen Moral jener spätviktorianischen Zeit wider: Erotische Wünsche zu hegen oder sie gar auszuleben, gilt seinerzeit gerade für junge Mädchen und Frauen als anstößig – ein Konflikt, auf den viele Betroffene mit Symptomen reagieren. Indem diese Frauen für hysterisch erklärt werden, pathologisiert man ihre vitalen Bedürfnisse. Nicht zuletzt ist die Hysterisierung der Frauen Ausdruck des damaligen Geschlechterkampfes. Noch heute werden Frauen, um sie abzuwerten, gern als hysterisch – im Sinne von gefühlsbetont und irrational – bezeichnet.

1886 eröffnet Freud in Wien eine nervenärztliche Privatpraxis und heiratet seine langjährige Verlobte Martha Bernays (1861-1951), Tochter einer vornehmen jüdischen Hamburger Familie. Drei Söhne und drei Töchter werden im Lauf der Jahre geboren. 1891 verlegt Freud seine Praxis in die Berggasse 19. Unter dieser berühmt gewordenen Adresse wird er fast ein halbes Jahrhundert lang leben und arbeiten. Spät, nämlich erst 1902, wird er außerplanmäßiger Professor an der Wiener Universität.

Die »nervösen Leiden« seiner Patienten versucht Freud zunächst mit Elektrotherapie und Hypnose zu heilen. Bereits 1878 hat er sich mit dem Wiener Arzt und Philosophen Josef Breuer (1842-1925) angefreundet, mit dem er ab 1889 enger zusammenarbeitet und dabei auch einen zurückliegenden Fall auswertet: Breuer hatte 1880/81 die junge Bertha Pappenheim wegen Kopfschmerzen, Sehstörungen, Lähmungen, Absenzen und Angstzuständen behandelt – »hysterischen« Symptomen also, hinter denen er psychische Ursachen erkannte. Die Patientin, die unter dem Pseudonym »Anna O.« berühmt geworden ist, entwickelte gemeinsam mit ihrem Arzt eine »talking cure« (Redekur): Sie berichtete von jedem ihrer Symptome, wann und wie es aufgetreten war. Während dieses Aussprechens durchlebte sie die dazugehörigen aufgestauten Gefühle noch einmal und reagierte sie auf diese Weise ab.

Das Reden, so schließt Freud jetzt gemeinsam mit Breuer, besitzt offenbar eine kathartische (reinigende) Wirkung, weil es die Vorgänge des Unbewussten beeinflusst. 1892 kommt Freud zu dem Schluss, dass die reinigende Aussprache völlig frei erfolgen muss, einzig von den Assoziationen des Patienten geleitet.

Mit der kathartischen Redekur beginnt die allmähliche Entwicklung des psychoanalytischen Verfahrens. An dessen Wiege, so wird Freud 1909 rückblickend feststellen, steht letztlich nicht er, sondern Josef Breuer – und dessen einstige Patientin, wie der Freud-Biograf Ernest Jones zu Recht bemerkt. Bertha Pappenheim, eine später bekannte jüdische Sozialreformerin und Frauenrechtlerin, hat die Psychoanalyse allerdings zeitlebens sehr ambivalent beurteilt.

Nach Joseph Breuer wird der Berliner HNO-Arzt Wilhelm Fließ für einige Zeit ein wichtiger Gesprächspartner für Freud. Die Korrespondenz mit Fließ entwickelt sich zu einer schriftlichen »Redekur« für den Begründer der Psychoanalyse. Das Prinzip, wonach sich ein Analytiker in der eigenen Seele gut auskennen muss, um anderen helfen zu können, hat er in dieser Zeit auf sich selbst angewandt. Bis heute durchlaufen die Analytiker während ihrer Ausbildung eine eigene Analyse – natürlich nicht mehr bei sich selbst wie Freud, sondern bei einem Lehranalytiker. Es wird freilich noch dauern, bis die Psychoanalyse sich von der anfänglichen Redekur zu ihrer ausgereiften Gestalt entwickelt.

In den Briefen an Fließ berichtet Freud auch über eigene Träume und Fantasien. Der Traum erschließt sich ihm immer mehr als der »Königsweg« zu den tieferen Schichten der Seele, zum Unbewussten, wie er es nennen wird. So erscheint schließlich im Jahr 1899, auf das Jahr 1900 vordatiert, sein bahnbrechendes Buch »Die Traumdeutung«. Es ist die erste von vielen wichtigen Veröffentlichungen, in denen Freud während der nächsten Jahrzehnte die psychoanalytische Theorie und Methode immer wieder verändern und erweitern wird. »Die Traumdeutung« gilt ihm zeitlebens als sein wichtigstes Werk.

Mittlerweile interessieren sich auch Ärzte und Pädagogen aus Wien und weit darüber hinaus für die Psychoanalyse, Freud versammelt Schüler und Mitstreiter um sich. 1909 reist er mit seinen Schülern Carl Gustav Jung (s. Kap. 9 im Buch) und Sándor Ferenczi zu einer Vorlesungsreihe in die USA. Die beiden gehören zur 1908 gegründeten Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Sie ist aus der so genannten Mittwochsgesellschaft hervorgegangen, einer Gruppe von Analytikern der ersten Generation, die sich seit 1902 immer mittwochs in Freuds Praxis trifft. 1910 wird die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet. Auf einem berühmt gewordenen Foto vom Weimarer Kongress 1911 posieren deren führende Vertreter: Neben Freud steht Jung, Präsident der Vereinigung. Schon zwei Jahre später kommt es zum Bruch zwischen ihm und Freud – das Motiv der irgendwann untreuen, weil inhaltlich eigenständigen Schüler zieht sich durch Freuds Leben. Eine Ausnahme bildet unter anderen Karl Abraham (1877-1925). Der spätere Begründer des Berliner Psychoanalytischen Instituts (gemeinsam mit Max Eitingon) bleibt Freud sein Leben lang freundschaftlich und fachlich verbunden, wobei er keineswegs nur der Nehmende ist. Als erster bezieht er die Psychoanalyse auch auf die Behandlung von Psychosen. Nach Abrahams frühem Tod ist Freud vor Kummer einen Monat lang nicht in der Lage, der Witwe ein Beileidsschreiben zu senden.

In seinen Schriften zieht Freud viele Patientengeschichten anonymisiert zur Begründung und zur Erläuterung seiner Gedanken heran. Aber nicht nur deshalb, sondern auch wegen seines brillanten Stils besitzen Freuds Werke eine hohe literarische Qualität. In den 192oer-Jahren wird er sogar für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Diese Auszeichnung erhält er dann doch nicht, wohl aber zahlreiche andere. 1930 bekommt er, mittlerweile 74 Jahre alt, den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main verliehen. Seine Tochter Anna Freud (s. Kap. 13) nimmt den Preis für ihn entgegen. Sie ist längst seine wichtigste Mitarbeiterin geworden und unterstützt ihn besonders, seit er 1923 an Gaumenkrebs erkrankt ist und nach unzähligen Operationen schwer leidet. Die Hilfe wird benötigt: Nicht nur die fachliche, auch die organisatorische Arbeit ist immens geworden. Längst ist die Psychoanalyse in vielen Ländern der Welt vertreten und hat sich auch in verschiedene konzeptionelle und therapeutische Richtungen aufgespalten.

1933 ergreifen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Durch Bücherverbrennungen versuchen sie, ihnen nicht genehmes Gedankengut zu vernichten. Auch Freuds Werke sind davon betroffen. Ihr Autor konstatiert trocken, dass zu früheren Zeiten sicher er selbst verbrannt worden wäre. 1938 marschieren die Deutschen nach Osterreich ein. Als Jude und wegen seines Lebenswerks ist Freud in Gefahr. Vermittelt durch eine wohlhabende und einflussreiche Schülerin, die französische Prinzessin Marie Bonaparte, gelingt ihm und seiner Familie im Juni 1938 die Emigration nach London. Vier seiner fünf Schwestern, denen er vergeblich die Flucht zu ermöglichen sucht, kommen später in Theresienstadt ums Leben. Sigmund Freud stirbt 1939 in London. Sein dortiges Therapiezimmer mit der Couch, aber auch die einstige Praxis in der Wiener Berggasse sind heute viel besuchte Museen.

Ideen

Zu den zentralen Theorien Freuds gehört die Unterteilung psychischer Prozesse in Bewusstes, Vorbewusstes und Unbewusstes. Das Unbewusste hat die Philosophen, Psychologen und Dichter schon seit Jahrhunderten beschäftigt. Man sah es zum Beispiel als Ansammlung unmerklicher, winziger Vorstellungen, als Nachtseite der Seele oder als Sitz der Triebe, gar des Bösen. Doch erst Sigmund Freud begründet eine eigene Psychologie des Unbewussten.

Zum Vergleich: Die Bewusstseinspsychologie Wilhelm Wundts (s. Kap. 3 im Buch) und auch die klassische Assoziationspsychologie fragen nach den unbekannten Elementen und Mechanismen, die sich im menschlichen Wahrnehmen und Erkennen zum Ganzen des Bewusstseins zusammenfügen. Freud interessiert etwas anderes: die mächtigen sexuellen Wünsche und P’hantasien am Grunde der Seele, denen man mit Experimenten nicht auf die Spur kommt. »Sexuell« meint dabei ein inneres Drängen nach Lust, das viel mehr umfasst als das, was wir in unserer Alltagssprache darunter verstehen. Dieses unbewusste Drängen sieht er im Verhalten, in den Träumen und Phantasien seiner Patienten am Werk. In der Psychoanalyse sucht er es zu ergründen, denn in ihm vermutet er den Schlüssel zu den neurotischen Störungen.

Schon das Beispiel von »Anna O.« hatte ihm gezeigt: Wenn Wünsche und Phantasien verdrängt werden, entfalten sie ein ungutes Eigenleben. Sie geben keine Ruhe, sondern machen weiter auf sich aufmerksam, aber gleichsam in verkleideter Gestalt: als neurotische Störung mit entsprechenden körperlichen Symptomen und Verhaltensweisen. Das bedeutet Leiden. Wenn jedoch die Ursache eines Symptoms entschlüsselt und bewusst gemacht worden ist, dann wird das Symptom überflüssig und kann verschwinden. Der Mensch gewinnt an Autonomie, und die Phantasien haben ihren Schrecken verloren. Damit kann der Mensch ein erfülltes Leben führen. Freud sagt: Er wird fähig, zu lieben und zu arbeiten.

Zur Unterscheidung seines Ansatzes von der Bewusstseinspsychologie verwendet er ab 1913 die Bezeichnung Tiefenpsychologie, die auf den Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939) zurückgeht. Am Ende seines Lebens wird Freud dankbar feststellen, er habe das Glück gehabt, das Unbewusste zu entdecken. Den Begriff der Psychoanalyse (Seelenzergliederung) gebraucht er erstmals 1896. Nach einer späteren Definition von 1923 meint der Begriff dreierlei: erstens das Verfahren, mit dem ansonsten kaum zugängliche seelische Vorgänge untersucht werden; zweitens die Methode zur Behandlung der neurotischen Störungen, die bei der Untersuchung zutage getreten sind; und drittens das System aus Erkenntnissen, Einsichten und Theorien, die zusammen eine neue Wissenschaft ergeben.

Aus dem Bisherigen folgt, dass für Freud die neurotischen Störungen eine biografische Ursache haben – und zwar schon in der frühen Kindheit. 1905 erscheinen die »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, in denen er erstmals von einer frühkindlichen Sexualität spricht. Das stößt seinerzeit auf großes Entsetzen, findet anderseits aber auch viel Zuspruch. Freud zeigt, dass das Kind sexuelle Gefühle erlebt, indem es den eigenen Körper wahrnimmt, wobei in drei aufeinander folgenden Phasen die Mundregion, der Anus und die genitale Region die Zonen der größten Lust und Neugier und die hauptsächlichen Quellen der Befriedigung darstellen. Die dritte, frühgenitale Phase heißt auch ödipale oder phallische Phase, wobei laut Freud die Mädchen in dieser Zeit das Nichtvorhandensein eines Penis verarbeiten müssen – der so genannte Penisneid gehört zu den Theorien Freuds, die heute als zeitgebundener Ausdruck einer mittlerweile widerlegten Sicht auf die Sexualität der Frau gesehen werden müssen.

Nach Freud hegt das drei- bis fünfjährige Kind sexuelle Wünsche und Phantasien in Bezug auf den gegengeschlechtlichen Elternteil. Den gleichgeschlechtlichen Elternteil, den es bislang ausschließlich geliebt hat, empfindet es nun zugleich als strafenden Rivalen, was in ihm einen seelischen Konflikt erzeugt dies ist der bekannte Ödipuskomplex. Vom geglückten Ausgang des Konflikts hängt die gesunde Reifung der Persönlichkeit ab. Geglückt ist die Lösung, wenn das Kind akzeptieren kann, dass die Eltern eine eigene Beziehung miteinander haben, aus der es ausgeschlossen ist, und wenn es die daraus erwachsenden Rechte des gleichgeschlechtlichen Elternteils anerkennt. Freud bezieht den Ödipuskomplex vor allem auf Jungen, sein Schüler Carl Gustav Jung spricht später analog vom Elektrakomplex bei Mädchen. Ödipus und Elektra sind Gestalten der griechischen Mythologie. Die Mythen versteht Freud als Reaktionen auf verdrängte Wünsche – nur weil sie diesen Ursprung haben, können sie uns so faszinieren, sagt er. Für die Deutung von Phantasien und Träumen seiner Patienten bieten ihm die Sagen des Altertums ein unerschöpfliches Reservoir.

Auch im Traum sieht Freud, ähnlich wie im Mythos, eine Reaktion auf sexuelle Wünsche, die man sich nicht gestattet. Im Schlaf, wenn das Bewusstsein ausgeschaltet ist, wollen sich diese unbewussten Wünsche zeigen. Doch müssen sie auch jetzt noch entschärft werden – völlig unzensiert würden sie den Schlafenden sofort erwachen lassen. Der Traum übernimmt nun die Aufgabe, durch Entstellung und Veränderung (Verschiebung) der Motive die Wünsche so weit zu verharmlosen, dass sie überhaupt durch die Zensur kommen, ohne den Schlaf zu stören. Deshalb bezeichnet Freud den Traum auch als »Hüter des Schlafs«. Zweihundert Träume, darunter fünfzig eigene, hat er in seiner »Traumdeutung« von 1900 entschlüsselt und unter der scheinbar abstrusen Oberfläche der (manifesten) Traumerzählungen den verborgenen (latenten) Inhalt gesucht, der Aufschluss gibt über das, was im Unbewussten abläuft.

Die Energie, mit der die sexuellen Wünsche und Phantasien auf Erfüllung drängen, nennt Freud Libido, vom gleich lautenden lateinischen Wort für Lust. Für ihn kann libidinöse Energie nicht einfach verloren gehen. Wenn ein Trieb auf Dauer nicht befriedigt und die Energie auf diese Weise verbraucht wird, verschiebt man sie auf ein anderes, möglicherweise weniger geeignetes Objekt. Oder aber die libidinösen Bedürfnisse werden mitsamt der Angst, die sie erzeugen, abgewehrt: Man verdrängt sie, das heißt, man versucht alle Bilder, Erinnerungen und Gedanken, die damit zusammenhängen, ins Unbewusste zurückzustoßen. Eine andere Form der Abwehr besteht darin, die Bedürfnisse durch scheinbar vernünftige Argumentation für falsch zu erklären, sie zu rationalisieren. Die einzig konstruktive Art der Abwehr ist nach Freud die Sublimierung: wenn die mit dem Trieb verbundene Energie genutzt wird, um kulturell oder sozial etwas zu schaffen oder zu leisten. Eine eingehende Systematik der Abwehrmechanismen hat Anna Freud 1936 in ihrem Buch »Das Ich und die Abwehrmechanismen« erarbeitet (s. Kap. 13).

Der Libido oder dem Eros (griechisch für Liebe, Begehren) stellt Sigmund Freud später einen zweiten, zerstörerischen Trieb gegenüber: Thanatos (griechisch für Tod). Diese Triebtheorie entwickelt Freud in »Jenseits des Lustprinzips« (1920) und in »Das Ich und das Es« (1923). In der letztgenannten Schrift entfaltet er dann auch jenes Strukturmodell, das von all seinen Theorien wohl die bekannteste ist: das Modell der drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich.

Den Begriff des Es hat Freud von dem Arzt und Schriftsteller Georg Groddeck (1866-1934) übernommen. Groddeck wiederum, der als Urvater der psychosomatischen Medizin gilt, hat ihn vermutlich bei Friedrich Nietzsche gefunden. Das Es bezeichnet jene Instanz, in der die Triebe Eros und Thanatos sowie die Affekte (Emotionen) gründen: die Gefühle, die spürbar werden, wenn Triebe sich an konkrete Objekte heften. Das Es entzieht sich jeder Kontrolle und ist gänzlich unbewusst. Es funktioniert einzig nach dem Lustprinzip: Sein Ziel ist die Befriedigung der Wünsche.

Das Ich hingegen trägt die bewussten Wahrnehmungs-, Gedächtnis-, Denk- und Bewegungsfunktionen. Während das Es von Geburt an gegeben ist, bildet sich das Ich im Laufe der Entwicklung heraus, indem es sich vom Es abgrenzt. Freud sagt: »Wo Es ist, soll Ich werden.« Doch besitzt auch das Ich unbewusste Anteile.

Zum Schutz gegen das Es entsteht aus dem Ich heraus ein Kontrollsystem, das aus verinnerlichten Normen und Verboten besteht: das Über-Ich. Das Über-Ich markiert also den Gegenpol zum Es, indem es als moralische Instanz fungiert. Während das Es auf Reize reagiert, ist das Über-Ich durch Werte und Normvorstellungen ansprechbar. Auf Wünsche und Phantasien, die den herrschenden Normen zuwiderlaufen, reagiert es mit Schuldgefühlen. Auch das Über-Ich ist teilweise unbewusst.

Das Ich muss nun zwischen den Forderungen von Es und Über-Ich vermitteln und dafür sorgen, dass beide in angemessener Weise zu ihrem Recht kommen. Es muss die beiden anderen Instanzen kontrollieren, damit aus dem Zusammenspiel aller psychischen Kräfte ein einheitliches und der Situation angemessenes Verhalten entsteht – ein starkes Ich funktioniert nach dem so genannten Realitätsprinzip.

Seine Erkenntnis, dass das Ich vom Unbewussten überwältigt werden kann und »nicht Herr im eigenen Haus« ist, hat Freud selbst als die dritte, die psychologische Kränkung der Menschheit bezeichnet. Die erste Kränkung war die kosmologische durch Kopernikus, der den Menschen vom Mittelpunkt des Universums an dessen Rand rückte. Die zweite Kränkung ist die biologische, verursacht durch Darwin, der den Menschen in den Prozess der Evolution einreihte und ihm damit seine Einzigartigkeit nahm.

Freud selbst hat immer gehofft, dass seine Modelle eines Tages neurobiologisch bestätigt werden würden. Alles deutet darauf hin, dass von dieser Hoffnung mehr in Erfüllung gehen könnte, als seine Kritiker jemals annahmen. Dass das »Ich nicht Herr im eigenen Haus« ist, diese Kränkung des aufgeklärten Menschen wird von der Hirnforschung mittlerweile bestätigt.

Und man weiß heute, dass nicht nur Medikamente unser Gehirn verändern können, sondern auch die Psychotherapie.

Eine Psychoanalyse bedeutet harte Arbeit, denn der Zugang zu den frühen Konflikten macht Angst und ist mit Widerständen verbunden. Es fällt zunächst schwer, ohne Zensur alles zu erzählen, was in der Seele aufsteigt, in freier Assoziation, ohne Rücksicht auf Konvention und erlernte Moral. Bei der klassischen Psychoanalyse liegt der Patient auf einer Couch. Hinter deren Kopfende sitzt der Analytiker, hört, möglichst wertfrei und annehmend, zu und deutet das Erzählte sehr vorsichtig, indem er es in einen neuen, weiteren Kontext stellt. So hilft der Therapeut dem Patienten, sich selbst besser zu verstehen.

Der Analytiker ist auch die Bezugsperson, mit der ein Patient seine frühen Konflikte noch einmal erlebt – in der so genannten Übertragung. Unterstützt vom Therapeuten und aufgrund seiner neuen Erfahrungen in der Gegenwart kann der Patient die alten Konflikte nun nicht nur Verstandes-, sondern vor allem auch gefühlsmäßig besser bewältigen als zuvor. Die krank machenden Abwehrstrategien werden überflüssig, und die Energie kann dorthin fließen, wo sie hingehört: in die angemessene Befriedigung der Bedürfnisse.

Die klassische Psychoanalyse dauert mehrere Jahre und umfasst heute in der Regel drei bis vier Stunden pro Woche. Doch gibt es mittlerweile auch kürzere psychoanalytische Therapien, die nicht unbedingt im Liegen und meist mit ein bis zwei Stunde pro Woche durchgeführt werden. Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie ist durch Studien belegt. Seit der Zeit Sigmund Freuds haben sich zahlreiche andere Therapieformen unter dem Einfluss, aber auch in Abgrenzung von der Psychoanalyse entwickelt. Psychoanalytische Behandlungen werden hierzulande heute in der Tradition nach Freud, nach Alfred Adler und nach C. G. Jung angeboten.

Als Naturwissenschaftler, als Nervenarzt, hatte Sigmund Freud begonnen. In der Psychoanalyse hat er die Grenzen der Naturwissenschaft weit überschritten und das gesamte gesellschaftliche und kulturelle Leben bis in die Künste hinein beeinflusst. Neben der Bedeutsamkeit der unbewussten Prozesse im Seelenleben verdanken wir ihm die Erkenntnis, wie wichtig die Kindheit für die Entwicklung eines Menschen ist. Manche vonFreuds Theorien sind zeitgebunden gewesen und heute überholt, etwa seine Ansichten über die Sexualität der Frau. Auch ist man insgesamt dahin gekommen, die Bedeutung der Sexualität für die Persönlichkeit weniger absolut zu sehen als er. Doch bis heute steht die Psychoanalyse auf dem von Sigmund Freud gelegten Fundament.

Übrigens: Freud hat auch das Alltagsleben untersucht und festgestellt, wie das Unbewusste im Vergessen und Versprechen wirkt. Die »Freudsche Fehlleistung«, die er 1901 in der »Psychopathologie desAlltagslebens« beschreibt, ist heute jedem ein Begriff. Sie entsteht, wenn jemand etwas anderes sagt, als er eigentlich fühlt, und das Zurückgehaltene sich dennoch Bahn brechen will – was dann zum Versprecher führt.

Seitenblick: Das berühmt gewordene Foto vom Weimarer Kongress 1911 zeigt in der ersten Reihe eine auffallend schöne Frau mit Pelz. Es ist Lou Andreas-Salome (1861-1937), russische Schriftstellerin, die mit ihrem Mann, einem Orientalisten, in Göttingen lebte. Ihr Intellekt und ihr Verständnis für die Psychoanalyse faszinierten Freud. Lou Andreas-Salome wurde eine der ersten Analytikerinnen in Deutschland und später auch eine enge Brieffreundin von Freuds jüngster Tochter Anna. Sie war unter anderem deshalb zur Psychoanalyse gestoßen, weil sie für den Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926), mit dem sie zeitlebens eng befreundet und zeitweise liiert war, Hilfe suchte. Rilke lehnte eine Analyse jedoch stets ab: Er fürchtete, mit seinen seelischen Problemen auch seine Kreativität zu verlieren.

Psychoanalyse: Schriften von und über Sigmund Freud

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