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Interesse für das Ich: Alfred Adler

Er gehört zu den Pionieren der Tiefenpsychologie und hat nach seiner Abkehr von Freud eine eigene Richtung begründet: die Individualpsychologie…

psychologenAus Teil III, Tiefenpsychologische Ansätze, von Christiane Schlüter, Die wichtigsten Psychologen im Porträt

Alfred Adlers optimistisches, auf die Selbstverwirklichung ausgerichtetes Menschenbild wirkt in Therapie, Beratung und Pädagogik bis heute.

Weg

Als Sohn eines jüdischen Getreidehändlers wird Alfred Adler 1870 in Rudolfsheim bei Wien geboren. In der Kindheit leidet er an Rachitis und wiederholten Stimmritzenkrämpfen und wird deshalb von der Mutter allzu sehr umsorgt – diese Erfahrung schlägt sich später in seinem psychologischen Ansatz nieder. Adler studiert in Wien Medizin und eröffnet eine augenärztliche, später auch allgemeinmedizinische Praxis in einem Wiener Arme-Leute-Bezirk. Zeitlebens steht er dem Sozialismus nahe – wie er überhaupt die sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen der Menschen stärker in den Blick nimmt als Sigmund Freud (s. Kap. 7). So veröffentlicht er 1898 ein »Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe«.

1912 kommt es zum persönlichen Kontakt mit Freud. Adler gehört zu den ersten vier Mitgliedern der Mittwochsgesellschaft, einer Gruppe von Analytikern der ersten Generation, die sich seit 1902 immer mittwochs in Freuds Praxis trifft. In der psychoanalytischen Bewegung hat er bald eine führende Position inne. Dennoch ist er nie Freuds Schüler, sondern vertritt stets eigene, mitunter abweichende Meinungen. Damit wirkt er auch inspirierend auf Freud, trägt etwa zu dessen zunehmender Beachtung des Ich als eigener Instanz bei.

Mit der Zeit werden jedoch nach einigen Vorträgen Adlers die inhaltlichen Differenzen so offensichtlich, dass dieser 1911 den Kreis um Freud verlässt. Er gründet seine eigene Gesellschaft, den Verein für Individualpsychologie. Mit diesem Begriff möchte er deutlich machen, dass er den Menschen als Einheit sieht und ihn nicht in einzelne Triebe oder Instanzen zergliedert. Die Analytiker müssen fortan zwischen den beiden Richtungen wählen. Als eine von wenigen kann die Göttinger Schriftstellerin Lou Andreas-Salome (1861-1937) sich zeitweise eine Doppelmitgliedschaft erlauben, bevor sie sich für Freud entscheidet.

Neben seiner ärztlichen Arbeit betätigt Adler sich vor allem als Reformer, Vortragsredner und Organisator, er engagiert sich in der Fortbildung von Pädagogen und gründet zahlreiche Erziehungsberatungsstellen. Dies liegt in seinem psychologischen Verständnis begründet, wonach die Erziehung der Entstehungvon Neurosen vorbeugen muss. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wird Adlers Individualpsychologie mit ihrem volksbildnerischen Ansatz zur maßgeblichen Richtung im sozialdemokratisch geprägten Wien. Bereits 1912 hat Adler sein Hauptwerk »Über den nervösen Charakter« veröffentlicht. 1924 erscheint »Praxis und Theorie der Individualpsychologie«, 1932 das Spätwerk »Der Sinn des Lebens«.

Nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich emigriert Adler, der zuvor schon Gastprofessuren in den USA innehatte, 1935 endgültig dorthin. Zwei Jahre später stirbt er im schottischen Aberdeen an einem Herzschlag.

Ideen

Anders als Freud sieht Adler nicht die Triebbefriedigung, sondern das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Geltung und persönlicher Vollkommenheit als inneren Motor des Menschen. Er stellt aber zugleich fest, dass Minderwertigkeitsgefühle – den Begriff hat er populär gemacht – das Erreichen dieses Ziels erschweren. Das Menschsein ist für Adler durch die subjektiv erlebte Minderwertigkeit geradezu definiert: »Menschsein heißt, sich minderwertig fühlen«, sagt er in seinem Spätwerk. Zu diesem Gefühl tragen verschiedene Faktoren bei: körperliche Schwächen, eine zu strenge oder verzärtelnde Erziehung, aber auch die jeweiligen Positionen im sozialen Gefüge der Familie und darüber hinaus – hier erweist Adler sich als Vordenker der Sozialpsychologie. Allerdings kann man nicht eins zu eins von den äußeren Gegebenheiten auf Inhalt und Intensität des Minderwertigkeitsgefühls schließen.

Das Minderwertigkeitserleben ruft nun logischerweise ein Bemühen um Ausgleich, um Kompensation, hervor. Das reicht von der rein körperlichen Ebene, auf der ein Organ die Schwäche eines anderen kompensiert, bis hin zur psychischen Ebene, auf der beispielsweise eine Minderbegabung durch die Pflege eines anderen Talentes ausgeglichen wird. Wir alle erleben uns in irgendeiner Weise als minderwertig, und die Kompensation ist der Motor unserer Leistungen und Erfolge wie auch der kulturellen Errungenschaften. Sie treibt uns vorwärts, weg vom Mangel, hin zur persönlichen Fülle.

Wenn dies aber misslingt und das Minderwertigkeitsgefühl umso stärker wird, beginnt der Betreffende überzukompensieren: Das Streben versucht auf Umwegen und durch Übertreibung zum Ziel zu kommen. Das ist dann die Neurose. Adler wählt zeitweise den Begriff des »männlichen Protests«, um die überkompensatorische Reaktion (beider Geschlechter) zu beschreiben. Eine für unsere Gesellschaft typische Form des männlichen Protests ist zum Beispiel das Statusdenken.

Bei Adler ist das überkompensierende Geltungsstreben also das, was bei Freud die Verdrängung ist: nämlich die Fehlleitung eines grundlegenden Bedürfnisses – bei Freud geht es um Triebbefriedigung, bei Adler um die Verwirklichung des eigenen Persönlichkeitsideals. Hier klingt nun ein sehr moderner Begriff an, der sich bei Adler zwar nicht im Wortlaut, aber schon der Sache nach findet: die Selbstverwirklichung. Für ihn verfolgt jeder Mensch eine individuelle, schöpferische Zielsetzung, einen Lebensplan, in dem seine persönliche Einheit gründet. In diesem Gedanken erweist sich übrigens Adlers inhaltliche Nähe zur Gestaltpsychologie (s. Kap. 6 im Buch).

Um Missverständnissen vorzubeugen, gebraucht er später den Begriff des Lebensstils, in dem sich der Lebensplan manifestiert. Adler spricht auch von der Melodie, die als durchgehendes Thema das Erleben und Verhalten eines Menschen prägt – und zwar so, wie sie in den ersten Kindheitsjahren festgeschrieben worden ist. Heißt das nun aber, dass wir alle Marionetten unseres jeweiligen Lebensstils – und oft genug auch unserer eigenen Neurose – sind und nichts ändern können, selbst wenn wir es wollten? Glücklicherweise nicht, sagt Adler, und führt an dieser Stelle den wohl wichtigsten Begriff seines Denkens ein: das Gemeinschaftsgefühl.

Das Geltungsstreben als Reaktion auf die gefühlte Minderwertigkeit ist zunächst, wie man sich denken kann, ein isolierendes, egoistisches Motiv. Daneben gibt es jedoch das Gemeinschaftsgefühl, und das ist ebenfalls eine Art der Kompensation, aber eine weitaus wünschenswertere. Es entsteht, wenn das Geltungsstreben nicht in den Dienst der eigenen Person gestellt wird, sondern in den Dienst der Gemeinschaft. Dieser Begriff nun meint alle zwischenmenschlichen Beziehungsformen von der Mutter-Kind-Bindung über Freundschaften und Liebesbeziehungen bis hin zur Gemeinschaft aller Menschen und zur Verantwortung für die Welt. Und trotz des Wortes »Gefühl« hat Adler dabei nicht nur das Herz, sondern auch den Kopf und die Hand im Blick: Das Gemeinschaftsgefühl verwirklicht sich im Denken und Handeln.

In der Hinwendung zur Gemeinschaft sieht Adler die Möglichkeit, den eigenen Lebensplan positiv zu verändern. Entweder, indem der beträchtliche Unterschied zwischen dem eigenen Geltungsstreben und den Erfordernissen der Gemeinschaft erkannt beziehungsweise durch größere Fehlschläge erlitten wird, oder vermittelt durch Erziehung und Therapie.

In der individualpsychologischen Behandlung sitzt der Therapeut dem Patienten als Dialogpartner gegenüber. Gemeinsam wird der Lebensstil des Patienten analysiert und jenem erstmalig bewusst gemacht. Wenn der Patient erkennt, welches falsche Persönlichkeitsideal er bislang verfolgt hat, kann er das neurotische Verhalten, das ihn dorthin brachte, verstehen und ablegen. Denn die Neurose an sich ist nicht falsch, falsch ist immer nur das Ziel, in dessen Dienst sie steht. Es kommt darauf an, einen konstruktiven, auf die Gemeinschaft ausgerichteten Lebensstil zu entwickeln. Diese Neuorientierung, bei welcher der Therapeut den Patienten auch durch Ermutigung stärkt, befreit von den Verstrickungen der Vergangenheit.

Adler hat folglich ein sehr positives Menschenbild, für ihn ist die Fähigkeit zu Güte und Großzügigkeit angeboren. Seine Orientierung an der Selbstverwirklichung des Menschen wird später von der Humanistischen Psychologie aufgegriffen: Deren Mitbegründer Abraham Maslow (s. Kap. 36 im Buch) setzt die Selbstverwirklichung an die Spitze einer von ihm erarbeiteten, hierarchisch aufgebauten Pyramide menschlicher Bedürfnisse. Auch sonst hat die Individualpsychologie andere Ansätze beeinflusst. Die Bedeutung des Lebenssinnes zum Beispiel kehrt in Viktor Frankls (s. Kap. 35 im Buch) Logotherapie wieder und die Zielgerichtetheit des Lebensprozesses im Individuationsgedanken von C. G. Jung (s. Kap. 9 im Buch). Bis heute sind Alfred Adlers Gedanken über die Grenzen der Psychologie hinaus in Pädagogik und Beratung wirksam.

Seitenblick: Auf das Geltungsstreben ist Adler auch durch die Lektüre Friedrich Nietzsches (1844-1910) aufmerksam geworden. Für den Philosophen stellt der »Wille zur Macht« den Grundtrieb im Menschen und in der Welt dar. Nietzsches Schlussfolgerungen, die vom Übermenschen träumen, widersprechen allerdings dem auf die Gemeinschaft ausgerichteten Ideal Adlers.

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