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Grenzen: Psychische Notwendigkeit und Illusion

Grenzen sind eine psychische Notwendigkeit und eine Illusion zugleich. Grenzen ermöglichen es, Kategorisierungen vorzunehmen – zwischen diesem und jenem zu unterscheiden, und unter diesem Blickwinkel betrachtet, sind sie eine Vorbedingung des Denkens. Wir stellen außerdem Regeln auf, die den psychischen Raum betreffen, indem wir zum Beispiel bestimmte Berührungen tabuisieren oder uns Fragen zu diesem oder jenem Thema verbitten…

von Andrea Celenza
aus dem Vorwort zu Ilany Kogans „Flucht vor dem Selbstsein

Gleichwohl kann in diesem Bereich von realen Grenzlinien nicht die Rede sein, sondern lediglich von Horizonten, an denen eine Entität auf eine andere trifft und die äußere Haut die Grenzen zwischen ihnen definiert. In der psychischen Welt sind die Linien sogar noch verschwommener. Wer kann schon sagen, wo sein eigenes Selbst endet und das des Anderen beginnt?

Die Grenze zwischen zwei separaten Existenzen ist eine Differenzierung, die unsere Wahrnehmung vornimmt. Wir benötigen sie, um unsere Gedanken und Gefühle kategorisieren und als zu uns gehörig empfinden zu können. Mit dem Auftauchen von Grenzen wird das Selbst geboren. Dennoch bleiben diese Grenzen in Beziehungen, zum Beispiel in einer Analyse, unsichtbar, und aus diesem Grund muss die Differenzierung zwischen dem eigenen Selbst und dem des Anderen kontinuierlich bestätigt und abermals bestätigt werden.

Grenzlinien definieren unsere Wünsche und markieren zugleich deren Unrealisierbarkeit. Das Verlangen, mit der Mutter wie in einem Kokon zu glückseliger Einheit zu verschmelzen, bedeutet zwangsläufig, die Mutter zu zerstören. Wenn wir uns lediglich zu unserem liebenden Selbst bekennen und infolgedessen allein die libidinösen Strebungen verkörpern möchten, lassen wir einen Mörder frei herumlaufen. Und ebenso wichtig ist es, zu wissen, dass wir ein und denselben Menschen gleichzeitig grenzenlos lieben und zutiefst hassen können. Weil die Psychoanalyse dem Patienten zu helfen versucht, das gesamte Spektrum seines Gefühlslebens wahrzunehmen, tauchen in der Behandlungsdyade unweigerlich auch destruktive Wünsche auf, die man lieber im Verborgenen ließe.

In ihrem Bericht „Flucht vor dem Selbstsein“ beschreibt Ilany Kogan grundlegende Schwierigkeiten, mit denen sie in der Behandlung des Patienten „David“ konfrontiert war:
Wie unterscheidet man zwischen dem Bedürfnis nach Trost und dem Wunsch zu zerstören?
Wie kann man sich vor der destruktiven Vergangenheit, die von der anwesenden und für den Patienten unverzichtbaren Mutter Besitz ergriffen hat, retten und gleichzeitig Kontakt zu ihr herstellen?
Wie kann man an der beruhigenden Mutter festhalten und sich gleichzeitig aus ihrem strangulierenden Griff befreien?
Wie kann man mit der Mutter in einem Kokon verschmelzen, ohne ihre psychische Getrenntheit zu zerstören?

Trauma und Wut

Traumatisierte Menschen versuchen, die Wut, die als unvermeidliche Folge des Traumas in ihnen schwelt, häufig durch Verleugnung zu bewältigen. Das Errichten von Grenzen setzt voraus, dass man Zugang zur eigenen Aggression hat – zu sagen: »Nein, das will ich nicht«, bedeutet im Grunde: »Das gehört nicht zu mir.«

Aber wie kann man solche aggressiven Strebungen akzeptieren, wenn man fürchtet, dass die eigene Wut mörderisch ist? Grenzen zu errichten ist unter diesen Umständen unmöglich, weil die Annäherung an die Wut bedeutet, mit einem Mörder Kontakt aufzunehmen. Wie uns die Autorin zeigt, muss der Analytiker dem Patienten beweisen, dass er seine Wut überlebt (Winnicott, 1971).
Lebenslang begleitet uns der aus frühester Kindheit stammende Wunsch, in den Mutterleib zurückzukehren, an den sicheren Ort, an dem Wünsche und Bedürfnisse ohne Gegenleistung befriedigt und keine Erwartungen an uns gestellt werden. Solche Einheits- und Verschmelzungsphantasien entstehen im Säuglingsalter, der vermutlich einzigen Lebensphase, in der solche Phantasien Wirklichkeit sind.
Verschmelzungsphantasien werden auch durch die Behandlung selbst angeregt, unter anderem durch die Struktur des analytischen Settings: Fünfzig Minuten lang ist der Patient wahr und wahrhaftig »der Einzige«. Die asymmetrische Verteilung der Aufmerksamkeit erfüllt lebenslang gehegte Wünsche – der ersehnte Blick der Mutter ist auf nichts anderes als das eigene Selbst gerichtet, der Patient kehrt in den beruhigenden Kokon des Mutterleibs zurück. Nur im Mutterleib werden Wünsche automatisch, ohne den Missklang von Wörtern, wahrgenommen und befriedigt. Die Sprache wird erst durch die Geburt und die tragische Realität des Getrenntseins erforderlich.

In jedem von uns gibt es das Verlangen, in den Mutterleib / Kokon zurückzukehren. Unter besonderen Umständen kann es sich zu einer defensiven Struktur entwickeln, die einen illusorischen Zufluchtsort verheißt und Schutz vor den Traumata der äußeren und inneren Welt zu bieten scheint.
Wie finden Holocaust-Überlebende (gleich welcher Generation) zurück in ein Leben der Hoffnung und Zuversicht. Woher stammen das Bedürfnis und die Fähigkeit, außerhalb der Einheit, außerhalb des Kokons zu leben? Indem Ilany Kogan uns in die innere Welt ihres Patienten David und in die Behandlungsbeziehung blicken lässt, suchen wir mit ihr gemeinsam nach den Kräften, die eine Neugeburt ermöglichen können. Wir erfahren, wie die Behandlung dem Patienten Gelegenheit gab, sein destruktives Potential für sich selbst und für seine Analytikerin erkennbar und spürbar zu machen. Indem er seine aggressiven Phantasien zuließ und den Mut fasste, ihren Ursprüngen nachzuforschen und zu begreifen, wie sie entstanden waren, konnten sich diese tiefen Strebungen in eine Lebenskraft verwandeln, zu der er nun Zugang hat, die er beeinflussen und für sich nutzen kann.

Die Herstellung von Getrenntheit

Die Herstellung von Getrenntheit ist ein überaus wichtiger und zugleich angsterregender Entwicklungsschritt. Sie setzt den Verzicht auf Phantasien voraus, die dem Subjekt lieb und teuer sind. Anzuerkennen, dass es kein Versteck gibt, keinen sicheren Kokon oder Ort des psychischen Rückzugs (Steiner, 1993), kein Universum ohne Hindernisse (Chasseguet-Smirgel, 1978) und keine Möglichkeit, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, ist ein Akt der Entsagung. Traumatisierte Menschen müssen überdies das menschliche Zerstörungspotential anerkennen – ihre eigenen destruktiven Wünsche und Phantasien ebenso wie die Möglichkeit, dass ihre wichtigsten Liebesobjekte sie verraten und verlassen können. Die Sehnsucht nach Einssein wird zu einem psychischen Rückzug, und die Auslöschung des Selbst symbolisiert die Auslöschung mörderischer Aggression.

Ilany Kogan lässt in ihrem kenntnisreichen Buch andere Autoren zu Wort kommen, die über psychische Grenzen geschrieben haben – Akhtar (2006), Chasseguet-Smirgel (1978), Gabbard und Lester (1995), Mahler, Pine und Bergman (1975) sowie Winnicott (1971), um nur einige wenige Namen zu nennen. Indem sie uns über ihre psychoanalytische Arbeit berichtet, nehmen wir teil an der inneren Reise des Patienten, auf der er sich immer wieder über Grenzen hinwegzusetzen versuchte. Mutig konfrontierte sich die Analytikerin mit dem destruktiven Potential seiner Phantasien und Wünsche und spürte der Resonanz nach, die sie in ihr selbst fanden. Dank ihrer unerschrockenen Selbsterforschung konnte sie ihn davon überzeugen, dass Gefühle und Wünsche nicht töten, und ihm inmitten einer von Schrecken erfüllten Welt einen Weg zu neuer Hoffnung aufzeigen, auf dem er seine omnipotente Abwehr, die »Flucht vor dem Selbstsein«, nicht länger benötigte.