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Prof. Nutt gekündigt: Politik gegen Wissenschaft

In der Psychopharmakologie wird immer lauter bemängelt, dass sich die Politik erlaubt, über Verbote von Drogen nach Abschätzung des Schadenspotenzials sowohl für den Konsumenten als auch für die Gesellschaft zu entscheiden, obwohl bis heute keine rationale, evidenzbasierte Methode zur wissenschaftlichen Risikobewertung verwendet wird…

An der University of Bristol machten sich deshalb einige renommierte Forscher um Professor David Nutt, Leiter der Abteilung für Psychopharmakologie, daran, ein rationales System zur Risikoabwägung zu entwickeln. Im März 2007 wurden in „The Lancet“ die Ergenisse einer Studie veröffentlicht, die zahlreiche Experten als einen Meilenstein auf dem Weg zu einer vernünftigen Schadensabschätzung einer Droge lobten.

Die Studie geht von drei Hauptfaktoren aus, die die potenzielle Gefährlichkeit einer Droge bestimmen.
Diese sind 1. der körperlich-gesundheitlichen Schaden für das Individuum und 2. das Ausmaß der Abhängigkeit, in die das Individuum durch die Droge gerät. Der 3. Faktor befasst sich weniger mit der individuellen Schädigung des Einzelnen, als vielmehr mit der Störung für Familie, Gemeinde und Gesellschaft.

Im Rahmen der Bewertung erhielt jeder Stoff eine unterschiedliche Gesamtpunktezahl. Maximal sind 3 x 3, also 9 Punkte möglich.

1 Heroin 8,32
2 Kokain 6,89
3 Barbiturate 6,24
4 Methadon (illegal) 5,81
5 Alkohol 5,54
6 Ketamin 5,23
7 Benzodiazepine 5,11
8 Amphetamine 4,98
9 Tabak 4,86
10 Buprenorphin 4,73

11 Cannabis 4,00
12 Lösungsmittel (Schnüffelstoffe) 3,81
13 4-Methylthioamphetamin 3,80
14 LSD 3,68
15 Methylphenidat 3,54
16 Anabole Steroide 3,46
17 4-Hydroxybutansäure (GHB) 3,35
18 Ecstasy 3,27
19 Alkylnitrate/Alkylnitrite (Poppers) 2,77
20 Kath 2,39

Seitens der Politik gab man sich irritiert, da die Gefährlichkeit der legalen Drogen Alkohol und Tabak unter den ersten 10 schädlichsten, von zwanzig klassifizierten Drogen, rangiert. Trotzdem wurde Nutts zum Drogenbauftragten der britischen Regierung ernannt.  Als er sich aber gegen die Verschärfung der Anti-Cannabis-Gesetzgebung, die sich genau entgegen der wissenschaftlichen Erkenntnis bewegte, aussprach, wurde er entlassen.

In Grossbritannien kann der Besitz von Cannabisprodukten (Haschisch, Marijuana) bis zu fünf Jahre Gefängnis einbringen. Die Regierung schlägt wissenschaftliche Erkentnisse einfach in den Wind und verunsichert die Öffentlichkeit, so Nutt. Man müsse an das Thema nüchtern herangehen und sich objektiver mit den einzelnen Drogen auseinandersetzen. Haschisch sei wesentlich weniger gefährlich als Alkohol und Tabak. Tabak und Alkohol als legale Drogen von anderen zu unterscheiden, sei künstlich und falsch. Überdies sei die Ansicht der Regierung, man könne Menschen, insbesondere auch junge Menschen, durch Strafandrohung von Drogen fernzuhalten, “wahrscheinlich unrecht”.

Professor Nutt wertet die britische Drogenbewertung als „schlecht durchdacht und willkürlich“. In Reaktion auf seine Entlassung sagte er Ende Oktober 2009, die britische Drogenpolitik sei irrational und rückständig und ignoriere wissenschaftliche Fakten. Es wird vermutet, dass auch parteipolitische Erwägungen eine Rolle spielten, und die Kontroverse willkommener Gelegenheit gab, an die Law and Order Fraktion der Konservativen Zugeständnisse zu machen.

*) Professor Nutt leitet die Abt. für Psychopharmakologie und den Safra-Lehrstuhl für Neuropsychopharmakologie am Imperial College of London. Er ist Mitglied im Committee on Safety of Medicines und Präsident des European College of Neuropsychopharmacology. Die Neuropsychopharmacologie befasst sich mit Substanzen, die das Gehirnfunktionen beeinflussen und Zustände wie Abhängigkeit, Angst oder Müdigkeit hervorrufen.

Nutt, D., King, L. A., Saulsbury, W., Blakemore, C.: Development of a rational scale to assess the harm of drugs of potential misuse. In: Lancet. 369, Nr. 9566, 24. 3 2007, S. 1047–53. doi:10.1016/S0140-6736(07)60464-4. PMID 17382831
David Nutt. In: New ‘matrix of harm’ for drugs of abuse, Pressemitteilung vom 23. März 2007 der University of Bristol