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Novotnys Kursbuch für Reisen in die Gegenwart

Wir alle stehen heute unter einer ständigen Attacke von Theorien und Konzepten, die uns irgendwelche Erklärungen aufdrängen wollen: Warum Obama gewählt wurde, warum Paris Hilton eine Freundin sucht, warum es zur jetzigen Finanzkrise kam. und warum die Schweinegrippe (noch) nicht die erwartete Pandemie sein kann. Weiter werden Thesen angeboten, die verständlich machen sollen, warum Frauen falsch parkieren, Jugendliche aggressiv und der Islam gefährlich seien.

Mario Erdheim

Ein Vorwort zu Eva Novotnys Bildungsbuch „Ermächtigen

Die Welt ist voller erklärungsbedürftiger, beunruhigender Ereignisse, die uns womöglich den Schlaf rauben, und wir wissen nicht recht, wie wir uns orientieren sollen, ja vielleicht nicht einmal, welche Ereignisse ausschlaggebend sind und welche nicht.

Wie es uns in dieser Situation ergeht, ähnelt in gewisser Hinsicht der Situation in unserer E-Mail-Box: unzählige Nachrichten liegen vor. das meiste davon ist aber nur Spam. Wir müssen deshalb eine Technik entwickeln, um die für uns relevanten von den überflüssigen Nachrichten zu scheiden. Wir sehen z. B. nach, ob uns die Absender bekannt sind, oder ob uns die Kurzbeschreibung der Inhalte interessiert oder nicht. Wir brauchen also eine Art Filter, um uns vor unbrauchbaren Informationen zu schützen. Spam, der im Bereich der Konzepte und Theorien auftaucht, ist schwerer auszumachen: oft verkleidet er sich ganz modisch und gibt vor. der letzte Schrei zu sein. Aber die farbigen Fetzen verbergen nur uralte Vorurteile. Eva Novot-nys Buch hilft uns. Filter aufzubauen, die uns ermöglichen, theoretischen und konzeptuellen Spam zu erkennen und unwirksam zu machen.

Eva Novotnys Buch soll uns ermächtigen, uns in dieser Welt besser zu orientieren. Dazu reaktiviert sie einen alten bedeutungstiefen Begriff, nämlich den der Bildung. Er hat viele Wurzeln, die von der mittelalterlichen Mystik über die Aufklärung im 18. bis in die Bildungsschlachten des 20. Jahrhunderts reichen. Was als Bildung anerkannt wurde, hat im Laufe der Zeit zahlreiche Gestalten angenommen. Lichtenberg schrieb: „Die Welt ist nicht da, um von uns erkannt zu werden, sondern um uns in ihr zu bilden“ und meinte damit, dass die Welt sich auch in dem Maße wandelt, als wir uns in ihr bilden, entwickeln, anders werden. Es gibt nicht das eine richtige oder falsche Bild der Welt, unsere Bilder sind vielmehr das Produkt unserer „Bildung“, also der Gestalt, zu der wir uns gebildet haben.

Was zur Bildung erklärt wurde, neigte jedoch immer wieder dazu, zu erstarren und sich den herrschenden Konventionen anzupassen. Aus einem Instrument, um die Welt zu verstehen, wurde Bildung zu einem bloßen Statussymbol: diejenigen, die Griechisch und Latein konnten, gehörten zum „Bildungsbürgertum“, gleichgültig wie rassistisch, frauenverachtend oder verstockt ihr Denken war. Nietzsche sprach vom Bildungsphilister, der nur ein Vorstadium der kommenden Barbarei sei.
Nach dem ersten und dem zweiten Weltkrieg kam es erneut zu einem Wandel des Bildungsbegriffs. Je wichtiger das Wissen in der modernen Gesellschaft wurde, die sich zur Wissensgesellschaft umgestaltete, desto mehr versuchte man, die Bildung zu „organisieren“ und mit Fachkompetenzen zu verbinden. Als diese Versuche scheiterten, sprach man von einer Bildungskatastrophe. Der Spezialist wisse immer mehr von immer weniger, hieß es, und damit sei jede Form von Übersichtlichkeit verloren gegangen.

Zwar ist heute klar: kein Mensch wird mehr fähig sein, das Wissen seiner Zeit zu beherrschen, aber trotzdem werden wir versuchen müssen, uns zu orientieren. Es ist also wieder an der Zeit, eine Art Kursbuch zu entwickeln, das die Verbindungen und Umsteigestationen aufzeigen kann. Eva Novotnys Buch ist ein solches Kursbuch. Es kann uns helfen, den Bus, den Zug oder das Flugzeug zu finden, um in der Gegenwart anzukommen und in die Zukunft Weiterreisen zu können.

Ermächtigen
Ein Bildungsbuch
Für eine wache Zeitgenossenschaft im Spannungsfeld von Individualisierung und neuen Formen von Gemeinschaft
Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main

Bildung:
Ermächtigung zwischen Individualisierung und Gemeinschaft
Fast nach jeder Nachrichtensendung drängt sich heute die Frage auf, wie es denn sein kann, dass sich immer mehr Menschen immer weniger auf ihre eigene Vernunft verlassen und dazu bereit sind, auf mühsam und ausdauernd erkämpfte Freiheiten zu verzichten. Geschieht dies trotz oder gerade wegen höchst entwickelter Produktivkräfte?…

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