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Bildung: Ermächtigung zwischen Individualisierung und Gemeinschaft

Fast nach jeder Nachrichtensendung drängt sich heute die Frage auf, wie es denn sein kann, dass sich immer mehr Menschen immer weniger auf ihre eigene Vernunft verlassen und dazu bereit sind, auf mühsam und ausdauernd erkämpfte Freiheiten zu verzichten. Geschieht dies trotz oder gerade wegen höchst entwickelter Produktivkräfte?…

Welche Mentalitäten braucht der Mensch, um vor den Zumutungen der Freiheit nicht zurückzuschrecken? Woher nimmt er die Souveränität Herrschaftsmythen, die immer wieder an ihn herangetragen werden, zurückzuweisen? Wie kann er sich wappnen gegen Unterdrückung, Abwertung und Entfremdung?
Wie kann es gelingen, sich effektiv in die eigenen Angelegenheiten einzumischen?

In ihrem neuen Buch „Ermächtigen“, analysiert die Wiener Psychotherapeutin Eva Novotny die Kapriolen des Zeitgeistes und zeigt, wie hoch entwickelt die Praktiken des biopolitischen Zugriffs auf Köpfe und Körper heute schon sind. Die Kritik an herrschenden Bildungsagenturen kann da nicht ausbleiben, gleichzeitig werden aber auch mögliche Bildungsanlässe aufgezeigt.

Praktisch als Gegenwehr entwickelt sie 6 fundamentale Bildungsdimensionen

  • Selbstdenken,
  • Eigensinn,
  • Versiertheit in der Dynamik sozialer Systeme,
  • autonome Moral,
  • Sprachmacht,
  • Humor.

Das erfreuliche an diesen Tugenden ist, dass sie, erst einmal etabliert, das soziale Klima und Lebensformen, in denen sie am besten gedeihen, ihrerseits wieder ständig hervor bringen.

Es entstand ein bildendes Bildungsbuch – für eine wache Zeitgenossenschaft im Spannungsfeld von Individualisierung und neuen Formen von Gemeinschaft. Auch Wege aus patriarchaler Verstrickung werden gezeigt – für beide Geschlechter. Ziel ist eine essayistische Existenz im Sinne Montaignes.

Der riet schon im 16. Jahrhundert zu mehr experimentellem Leben und strebte nach subjektiver Erfahrung und Reflexion. Sehr aktuell muten da seine Essays, die von stoischer Geringschätzung von Dogmen und Äußerlichkeiten zeugen und sich kritisch mit Wissenschaftsgläubigkeit und menschlicher Überheblichkeit gegenüber der ihn umgebenden und begleitenden Natur auseinandersetzen.

Ein weiteres Verdienst von Novotnys Bildungsbuch ist es also, uns an die Aktualität dieses Freidenkers zu erinnern.

In der kommenden Woche stellt die Autorin ihr Buch in der Wiener Sigmund Freud Privatuniversität vor. Dr. phil. Eva Novotny arbeitete nach dem Studium der Erziehungswissenschaften, Psychologie, Sonder- und Heilpädagogik in Wien an der Universitätsklinik für Neurologie und Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters in Wien. Heute ist sie freischaffend als Wissenschaftlerin, Psychotherapeutin, Organisationsberaterin, Trainerin, Coach und Supervisorin tätig und betreut Forschungsprojekte zum Thema Lernen und Problemlösen.

Am 16.12.2009, 19 Uhr 30 im Festsaal, 2. Stock.

Ermächtigen
Ein Bildungsbuch
Für eine wache Zeitgenossenschaft im Spannungsfeld von Individualisierung und neuen Formen von Gemeinschaft
Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main

*) s.p. 135: MICHEL DE MONTAIGNE hat den Versuch, den Essay nicht nur als Stil der Schrift, sondern als Technik der Existenz begründet. Seine Essais sind Manifestationen einer essayistischen Existenz. Versuche treiben das Subjekt quer über das Feld der Lebenskunst, Versuche, auf andere Gedanken zu kommen, anders zu leben – glückliche Seitensprünge des Denkens und der Existenz“. Damit kann man Mitten im Leben beginnen, es bedarf keinerlei Grundlegungen oder Pläne. Ganz im Gegenteil, es kommt darauf an, Umwege zu machen, sich frei zu halten für Chancen durch den Zufall, Raum für Experimente und Erfahrungen zu gewinnen.

Auf diese Weise bildet sich eine Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Selbst, dem sich immer neue Möglichkeitshorizonte erschließen. Ein phantasievolles Selbst schafft eine reflektierte, schöpferische Lebenskunst. Die Vorstellungskraft der Phantasie entwirft das Andere, das Andere als Idee, als Möglichkeit, das Andere seiner selbst und sie stiftet die Beziehung zum Anderen als Person.

Phantasie ist auch die Grundlage, herrschende Wirklichkeiten in all ihren Zusammenhängen zu deuten und kommende Entwicklungen zu antizipieren. Was für die inneren Bedingungen unseres reflexiven Wollens gilt, ist auch in Bezug auf die äußeren Bedingungen in Anschlag zu bringen. Umwelt sollte angemessen zur Kenntnis genommen werden, um effektiv Stellung nehmen zu können. Eigensinn setzt die Haltung voraus, grundsätzlich die Wahl zu haben, wobei Wählen auch die Nichtwahl, die Abwahl und die passive Wahl beinhaltet. Voraussetzung für eine eigensinnige Wahl sind entsprechende Kriterien.

– Vergl. M DE MONTAIGNE, Essais, zitiert in W.SCHMID 1998, S 361 ff
– W. SCHMID, Philosophie der Lebenskunst, Frankfurt am Main 1998, S 363

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