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Zum psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus

Bereits in den Jahren von 1920 – 1950 haben mehrere namhafte Psychoanalytiker, auch unter Bezugnahme auf Studien Sigmund Freuds, wegweisende psychoanalytische Theorien zum Antisemitismus publiziert. Zu nennen sind vor allem Bruno Bettelheim, Otto Fenichel, Ernst Simmel, Erik Homburger Erikson und Rudolf Loewenstein…

Von Roland Kaufhold

Alle genannten Psychoanalytiker waren Juden und erlebten das Schicksal der antisemitischen Verfolgung und Vertreibung am eigenen Leibe. Sie wuchsen in Europa auf und emigrierten in die USA – weil sie Juden waren. Dort, in ihrer zweiten Heimat, erlangten sie internationales Ansehen, Anerkennung. Ihre psychoanalytischen Beobachtungen und Erkenntnisse über den Antisemitismus gelangten in einem „Kulturtransfer“ (Bruno Bettelheim, 1987) von Europa in die USA – und Jahrzehnte später wieder zurück nach Europa. Der in Los Angeles lebende Psychoanalytiker David James Fisher, ein Analysand Rudolf Ekstein und Freund Bruno Bettelheims in dessen letzten Lebensjahren (Fisher 2003), analysiert die wichtigsten, in den USA publizierten theoretischen Studien dieser fünf Autoren zu einem psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus.

[English Version]

Zum psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus
Wahrnehmungen aus den 1940er Jahren: Otto Fenichel, Ernst Simmel, Erik Homburger Erikson, Rudolf Loewenstein und Bruno Bettelheim

In Erinnerung an Bruno Bettelheim

von David James Fisher (Los Angeles)

Der britische Historiker E. H. Carr behauptete, dass alle Geschichte zeitgenössische Geschichte sei. Kein Historiker könne seiner eigenen Gegenwart entkommen; jeder sehe die Vergangenheit unvermeidbar aus dieser Perspektive, das heißt mit den Ängsten und Wünschen der Gegenwart. Historiker dokumentieren und bewerten die Vergangenheit gebrochen durch die Zwänge ihrer aktuellen Lebenslagen (Carr 1963). An der 100-jährigen Geschichte der Psychoanalyse zeigen sich genau die von Carr erwähnten Probleme. Was ausgewählt oder ausgelassen, betont oder vernachlässigt, gestützt oder widerlegt wird, all dies fordert die aktuellen Interessen des Historikers heraus und wie er die Gegenwart bewusst oder unbewusst wahrnimmt. Auch kann die ideologische Zugehörigkeit des Historikers, vielleicht am besten als theoretische und methodologische Loyalitäten verstanden, nicht ausgeklammert werden, wenn es um die Art seines Zugangs zur Vergangenheit geht.

Freud hinterließ eine Reihe gehaltvoller Bemerkungen über den Antisemitismus und den deutschen Faschismus (vgl. Kaufhold, Wirth 2006). Als er von den Bücherverbrennungen der Nazis im Mai 1933 erfuhr, einschließlich der Vernichtung seiner eigenen Texte, bemerkte er: »Was wir für Fortschritte machen! Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen« (Jones 1960, S. 218). Im Juni 1938, nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich, wurde der 82-jährige Freud genötigt, um ein Ausreisevisum zu erhalten, ein Dokument zu unterschreiben; er bat darum, einen Satz zu dem Affidavit hinzufügen zu dürfen: »Ich kann die Gestapo jedermann aufs beste empfehlen« (a. a. O. S. 268).

Freud nahm an, dass Antisemitismus und Kastrationsangst im unbewussten Gedankenprozess ganz eng miteinander verbunden seien: »Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus; denn selbst Kindergarten-Buben hören, dass ein Jude etwas von seinem Penis abgeschnitten wurde – ein Stück seines Penis, denken sie – und das gibt ihnen das Recht, Juden zu verachten« (Freud 1909 (1999), S. 271).

Freud vermittelt uns einen energischen, aber ironischen Anti-Nazissmus. Er sah die Nazis als barbarisch an, verurteilte ihre politischen Maßnahmen und Ansichten als Ausdruck von Regression zu überholten mittelalterlichen Vorstellungen, die ein Wiederaufleben der alten Pogrommentalität bedeuteten. Es gibt allerdings keine durchgehaltene theoretische oder klinische Analyse des Antisemitismus bei Freud, lediglich unvollständige und abstrakte Vermutungen. Nie hat er ein systematisches Verständnis der modernen Potentiale zur Massenvernichtung in den deutschen und rassistischen Versionen des Antisemitismus ausgearbeitet. Auch blieb er im antisemitischen, faschistischen Wien, so lange er konnte in den mittleren und späten 1930er Jahren (vgl. Kaufhold, Wirth 2006). Letztlich hat Freud ein frühes oder durchdringendes Verständnis der Gefahren nicht erarbeitet, die der Faschismus für die westliche Zivilisation, für die demokratischen Formen der Regierung, für die humanistischen Werte und für die Zukunft der psychoanalytischen Bewegung selbst bedeutete.

Wir müssen uns der nächsten Generation von Psychoanalytikern zuwenden, einer jüngeren Gruppe, die fester in den Realitäten des 20. Jahrhunderts verankert war als Freud, die überwiegend, aber nicht ausschließlich, stärker politisiert und links orientiert war als er, und mehr Verständnis hatte für die kulturellen und sozio-ökonomischen Wurzeln sozialer Bewegungen und nationalistischer Strömungen, um die ersten psychoanalytischen Erkenntnisse des Faschismus und der Greueltaten des Antisemitismus gewinnen zu können.

Mein Aufsatz untersucht psychoanalytische Schriften zwischen 1940 und 1950, insbesondere Artikel und Bücher, die vor, während und unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben wurden. Ich werde mich auf fünf europäische Analytiker konzentrieren, deren Leben und Orientierungen sich entscheidend durch ihre eigene Erfahrung des deutschen Faschismus veränderten. Bei der Untersuchung der Schriften von Otto Fenichel, Ernst Simmel, Erik H. Erikson, Rudolf Loewenstein und Bruno Bettelheim geht meine Studie davon aus, dass jeder von ihnen persönliches Elend, Trauma und Verfolgung erlitt, weil sie jüdische Psychoanalytiker und Intellektuelle waren, dass der faschistische Antisemitismus sie veranlasste, ihr Leben in Europa abzubrechen, und sie zwang, in die USA zu emigrieren.

Die diskutierten Schlüsseltexte umfassen drei Essays von Otto Fenichel (Fenichel 1940; 1946 (1993)), zwei Aufsätze von Ernst Simmel (Simmel 1932, 1946 (1993)) aus dem von Simmel herausgegebenen Band Antisemitism: A Social Disease; einige Aufsätze von Erik Homburger Erikson, alle vor der Veröffentlichung von Childhood and Society (1950) erschienen, einschließlich »Hitler’s Imagery and German Youth« (Erikson 1942) und vier kürzlich veröffentlichte Artikel über »Kriegserinnerungen« geschrieben zwischen 1940 und 1945 (Erikson 1940 (1987); 1942; 1945a; 1945b); Rudolph M. Loewensteins Christians and Jews: A Psychoanalytic Study (Loewenstein 1951 (1968)); und schließlich den imposanten Klassiker von Bruno Bettelheim über die Konzentrationslager Individual and Mass Behavior in Extreme Situations (Bettelheim 1943 (1979)); 1968 (1979), geschrieben zwischen 1940 und 1942, und dank der Intervention des Herausgebers Gordon Allport erstmals 1943 veröffentlicht in The Journal of Abnormal and Social Psychology (vgl. Kaufhold, 2001, S. 150-152).

Allport, ehemaliger Präsident der Amerikanischen Psychologischen Vereinigung und Harvard-Professor für Psychologie spielte eine bedeutsame, unterstützende Rolle in dieser Geschichte in den 1940er Jahren. Obgleich ein »nicht-analytischer« Psychologe, schrieb er das Vorwort zu Simmels Band über Antisemitismus. Erikson berichtet, dass er als Mitglied des Komitees für »National Morale« gemeinsam mit bekannten Persönlichkeiten wie Gregory Bateson, Kurt Lewin und Margret Mead daran wirkte, Informationen über den deutschen Faschismus zu koordinieren und zu interpretieren.

Trotz der anfänglichen Zurückweisungen durch psychiatrische und psychoanalytische Zeitschriften hatte Bettelheims Essay den größten Einfluss, hauptsächlich weil er dem in den USA weit verbreiteten Unglauben, dass es deutsche Konzentrationslager gebe, und dem generellen Unwillen auf Seiten der amerikanischen Regierung und Bevölkerung, die Realität der Nazi-Verbrechen anzuerkennen, entgegentrat. Sein Essay wurde anschließend in Dwight McDonalds Journal Politics 1944 wiederabgedruckt, und am Ende des Krieges machte ihn General Dwight Eisenhower zur Pflichtlektüre für die in Deutschland stationierten US-Militärregierungsoffiziere.

Um die Atmosphäre dieser frühesten psychoanalytischen Untersuchungen einzufangen, werde ich gelegentlich auf Erich Fromms klassischen Text Escape from Freedom (Fromm 1941 (1980)) zurückgreifen.

I. Wahrnehmung von Umweltfaktoren

Keiner dieser psychoanalytischen Texte argumentiert ausschließlich psychologisch. Ausnahmslos versuchen die Autoren, Umweltfaktoren zu integrieren.

Fenichel betonte die Wichtigkeit gewisser geschichtlicher Zusammenhänge, vor allem den politischen und wirtschaftlichen Kontext Deutschlands, um, zusätzlich zu den psychologischen Faktoren, den deutschen Faschismus zu erklären. Unter Anwendung der Schlüsselkonzepte marxistischer Soziologie, wie es während der 1920er und 30er Jahre in linkspolitischen europäischen Kreisen weithin üblich war, argumentierte Fenichel, dass der faschistische Antisemitismus ein überdeterminiertes geschichtliches Phänomen sei mit dem Autoritarismus und der Verschleierung von Klassenkonflikten als Hauptkomponenten. Antisemitismus lenke die revolutionären Tendenzen der Massen von der sozialen Rebellion ab, er entschärfe alle Anstrengungen zu radikalen Reformen, indem er sie in Feindseligkeit gegenüber Juden verwandele.

Gleichzeitig behielten Antisemiten einen unkritischen Respekt vor Autoritäten, Gesetz und Ordnung. Antisemitismus sei als Teil des internationalen Klassenkampfes zu verstehen. Fenichels zweiter Essay über Antisemitismus, nach Emigration und Ankunft in den USA geschrieben, enthält sich der marxistischen Sprache des ersten und gibt den psychologischen und intrapsychischen Prozessen mehr interpretierendes Gewicht.

Ernst Simmel war ein medizinisch gebildeter Psychoanalytiker, der 1920 das Berliner Psychoanalytische Institut mitgegründet hatte. Von 1927 bis 1931 leitete er Schloss Tegel, eine psychologische Klinik außerhalb Berlins, die sich die Aufgabe stellte, psychoanalytische Prinzipien bei der Behandlung von schweren mentalen Krankheiten anzuwenden. Nach der Machtübernahme der Nazis verließ Simmel Deutschland und kam 1934 nach Los Angeles, um dort ein internationales Zentrum für psychoanalytische Ausbildungskandidaten aufzubauen.

In Deutschland war Simmel ein aktiver überzeugter Sozialist, Präsident der Vereinigung sozialistischer Ärzte. Er verwendete die Zwischenkriegssprache der deutschen Sozialdemokratie, was direkte Bezüge auf den Klassenkampf, auf Aufrufe zur Sozialisierung des medizinischen Systems und der Heilkünste, sowie die explizite Unterstützung der Einführung allgemeiner Krankenversicherungen einschloss. Kein Blatt nahm er vor den Mund, um die Gefahren des Nationalsozialismus für das Gesundheitswesen zu demaskieren; er widersprach der brutalen Politik Hitlers und wies auf deren kriegstreibende, anti-soziale und atavistische Tendenzen hin. Mittels Massensuggestion denunziere Hitler seine Feinde, als existierten sie außerhalb der Gemeinschaft. Klar erkannte Simmel, dass diese ausgrenzende faschistische Politik im Mord enden könnte: »Diesmal ist es der Jude, der Marxist und der Dissident im Allgemeinen; er ist die Zielscheibe, in Wirklichkeit das Phantom, um Dampf von den aggressiven kannibalischen Trieben abzulassen.«

Es überrascht nicht, dass Erikson, der sich in seinen vor-psychoanalytischen Ursprüngen als Künstler und Erzieher betätigt hatte, kulturelle Determinanten in seiner Analyse des deutschen Nationalcharakters betonte.

Der liberale Loewenstein gründete seine Argumentation zum Antisemitismus auf die Behauptung einer dialektischen Beziehung zwischen Juden und Deutschen und auf den Nachweis der historischen Wurzeln der antijüdischen Stimmung im Christentum. Seine Analyse fokussierte das xenophobische, ökonomische, religiöse und kulturelle Fundament des Antisemitismus. Bettelheim gab seiner Argumentation dadurch Gestalt, dass er die unterschiedlichen Reaktionen auf die extrem traumatischen Konzentrationslagererlebnisse in Begriffen sozialer Schichtung herausarbeitete. Fromm als Freudo-Marxist verlieh seiner Diskussion der »Psychologie des Nazismus« Kontur, indem er darauf bestand, dass der Nazismus hauptsächlich ein wirtschaftliches und politisches Problem sei.

II. Daten

Fenichel stützte sich in seiner psychoanalytischen Faschismustheorie auf eine allgemein gehaltene Zusammenfassung antisemitischer Literatur. Seine primären Quellen gab er nicht an und zitierte Freud und Reik anhand von Sekundärliteratur. Simmels Daten entstammten hauptsächlich der Geschichte des Antisemitismus, insbesondere den Anklagen und Denunziationen gegen Juden; er bezog sich auf LeBon und Freud und die Literatur über Gruppenpsychologie, vermied allerdings auffälligerweise Bezüge auf Wilhelm Reichs Klassiker The Mass Psychology of Faschism von 1933.

Erikson unternahm eine Textanalyse von Hitlers Mein Kampf, untersuchte einige Reden Hitlers und er hatte darüber hinaus Zugang zu Interviews mit deutschen Kriegsgefangenen. Loewenstein schöpfte aus seiner eigenen klinischen Arbeit mit antisemitischen Patienten, die er in Frankreich analysiert hatte; außerdem offerierte er eine psychoanalytische Interpretation typischer Beispiele antisemitischer Literatur. Fromms Basisdaten gingen aus einer Auswertung von Hitlers Mein Kampf und von Joseph Goebbels’ Roman Michael hervor.

Der Aufsatz Bettelheims entstand unmittelbar aus eigenen persönlichen Erfahrungen als Überlebender zweier Konzentrationslager, Dachau und Buchenwald, in den Jahren 1938–39. Er versicherte, Gefangenenreaktionen zusammengetragen zu haben aus Gesprächen mit schätzungsweise 600 Insassen in Dachau und 900 in Buchenwald (vgl. Kaufhold 1998, 2001). Seine Wahrnehmungen der Dynamiken von Anpassung und Desintegration wurden durch Dialoge in den Lagern mit zwei anderen Mithäftlingen, Dr. Alfred Fischer und Ernst Federn, zwei professionell ausgebildeten psychiatrischen Praktikern, vertieft (Federn 1988 (dt. 1999), Federn 1998, Kaufhold 1998).

III. Dynamische Formulierungen

Fenichels Analyse der antisemitischen Persönlichkeiten unterstrich den Abwehrprozess der Projektion, insbesondere einen Spaltungsmechanismus, bei dem feindselige Impulse verleugnet und externalisiert werden. Er konzentrierte sich auf die versteckte Bedeutung der Vorstellungen vom Juden als »mörderisch, dreckig und verdorben.« Weil es für ihre Anschuldigungen keine rationale oder statistische Rechtfertigung gab, sah er diese Verleumdungen als Produkte der antisemitischen Imagination an. Der Jude sei eine Projektion, ein Verdrängungsersatz für die mörderischen, dreckigen und wollüstigen Tendenzen, die in den Judenhassern verborgen seien. Der Antisemit sehe im Juden das, von dem er nicht wünsche, dass es ihm bewusst würde, insbesondere das, was unliebsam sei, wie seine eigene Aggressivität. Im Unbewussten des Randalierers symbolisiere der Jude seine eigenen unterdrückten Triebe, einschließlich der Bilder von Fremdheit, Boshaftigkeit und Hässlichkeit, die er in sich selbst verachte.

Für Fenichel haben die Wahrnehmungen vom Juden und die unbewussten Triebe ihre Fremdheit gemein…
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