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Maimonides: Von der Heilung der Seelenkrankheiten (a)

Die guten Handlungen sind diejenigen, welche gleichmäßig temperiert sind, die Mitte haltend zwischen zwei Extremen, welche beide verwerflich sind und von denen das eine ein Zuviel, das andere ein Zuwenig ist. Die Tugenden aber sind solche Seelendispositionen und habituelle Zustände, welche zwischen zwei schlechten Dispositionen die Mitte halten, deren eine durch ein Zuviel und deren andere durch ein Zuwenig fehlt…

Das IV. Kapitel aus der Abhandlung „Schmonah Prakim“ / „Acht Kapitel“ des RaMBaM (Rabbi Moses Ben Maimon, Maimonides)

VIERTES CAPITEL: VON DER HEILUNG DER SEELENKRANKHEITEN

Aus jenen Dispositionen gehen nothwendig die ersterwähnten Handlungen hervor. Ein Beispiel hiervon ist die Enthaltsamkeit, denn sie ist eine Handlungsweise, welche die Mitte hält zwischen der Genussucht und der Fühllosigkeit für das Vergnügen; es gehört also die Enthaltsamkeit zu den guten Handlungsweisen; die Seelendisposition aber, aus welcher nothwendig die Enthaltsamkeit hervorgeht, ist eine moralische Tugend. Die Genussucht ist nun das erste, und die gänzliche Fühllosigkeit für das Vergnügen das entgegengesetzte Extrem; beide sind durchaus schlecht.

Was die beiden Seelendispositionen betrifft, aus deren einer die Genussucht, d.i. die durch das Zuviel fehlende Disposition, und aus deren zweiter die Fühllosigkeit d. i. die durch Zuwenig fehlende Disposition, nothwendig hervorgeht, so gehören sie beide in gleicher Weise zu den moralischen Fehlern. Ebenso hält die Freigebigkeit die Mitte zwischen der Kargheit und der Verschwendung, die Tapferkeit die Mitte zwischen der Verwegenheit und der Feigheit, die Scherzhaftigkeit — zwischen der Possenreisserei und der Tölpelhaftigkeit, die Demuth — zwischei dem Hochmuth und der Selbsterniedrigung, die Generosität — zwischen dem übermässigen Aufwande und der Knickerei, die Genügsamkeit — zwischen der Begehrlichkeit und der Trägheit, die Sanftmuth — zwischen dem Jähzorn und der Unempfindlichkeit, die Schamhaftigkeit — zwischen der Frechheit und der übermässigen Schüchternheit, und ebenso die übrigen Dispositionen; doch brauchst du nicht nothwendig die ihnen beigelegten Namen zu wissen, wenn nur die Begriffe klar vor deinem Verstande stehen.

Die Menschen irren sich aber oft über dergleichen Handlungen, indem sie das eine oder das andere der beiden Extreme für etwas Gutes halten und für eine der Tugenden der Seele ansehen. Bisweilen halten sie das erste Extrem für gut, wie sie z. B. die Verwegenheit für eine Tugend ansehen, einen Verwegenen tapfer nennen und, wenn sie sehen, wie Jemand im höchsten Grade verwegen ist, wie er sich selbst in Gefahren stürzt und absichtlich dem Verderben entgegenrennt, vielleicht aber durch Zufall entkommt, ihn deshalb loben und sagen: das ist ein tapferer Mann!

Bisweilen aber glauben sie, das entgegengesetzte Extrem sei etwas Gutes, und nennen darum den Unempfindlichen sanftmüthig, den Trägen genügsam, den wegen der Stumpfheit seines Naturells für jedes Vergnügen Fühllosen enthaltsam. Durch dieselbe irrige Auffassung halten sie die Verschwendung und den übertriebenen Aufwand für lobenswerthe Handlungen. Dies alles aber ist Irrthum: in Wahrheit lobenswerth ist nur die rechte Mitte; darauf muss auch der Mensch sein Streben richten und alle seine Handlungen immer so genau abwägen, dass sie diese Mitte halten.

Wisse aber, dass diese moralischen Tugenden und Fehler sich nur durch sehr häufige und lange Zeit anhaltende Wiederholung der aus der entsprechenden moralischen Disposition hervorgehenden Handlungen und durch Gewöhnung an sie in der Seele ausbilden und befestigen.

Wenn nun solche Handlungen gut sind, so ist das, was sich dadurch in uns ausbildet, die entsprechende Tugend; sind sie aber schlecht, so ist das, was sich dadurch in uns ausbildet, der entsprechende Fehler. Da aber der Mensch seiner Natur nach ursprünglich weder Tugenden noch Fehler hat — wie wir im achten Capitel darthun werden — und er ohne Zweifel von Kindheit an durch die Lebensweise seiner Angehörigen und seiner Heimath an gewisse Handlungen sich gewöhnt, diese Handlungen aber bald die rechte Mitte halten, bald das rechte Maas überschreiten oder auch hinter demselben zurückbleiben, wie wir gezeigt haben, hierin aber eine Krankheit seiner Seele gegeben ist: so wird bei der Heilung derselben nothwendig ganz in derselben Weise zu verfahren sein, wie bei der Heilung des Körpers.

Wie wir beim Körper, wenn er aus seiner regelmäßigen Verfassung herauskommt, untersuchen, nach welcher Seite hin er sich geneigt und das rechte Maass überschritten hat, und wie wir ihm dann mit dem Entgegengesetzten begegnen, damit er wieder in die regelmäßige Verfassung komme, dann aber, wenn dies geschehen, von dem Entgegenwirkenden abstehen und dasjenige bei ihm anwenden, wodurch er in der regelmäßigen Verfassung erhalten wird: ganz so müssen wir auch hinsichtlich des Sittlichen zu Wege gehen.

Sehen wir z. B. einen Menschen, in dessen Seele sich eine Disposition ausgebildet hat, vermöge deren er sich Alles abdarbt, — dies aber ist, wie wir in diesem Abschnitte gezeigt haben, einer von den Fehlern der Seele und die Handlung, die er begeht, gehört zu den Handlungen schlechter Menschen —, und wir wollen diesen Kranken heilen, so werden wir ihm nicht Freigebigkeit vorschreiben; denn dies wäre so, wie wenn Jemand Einen, der an zu großer Hitze leidet, durch Anwendung desjenigen, was zwischen Hitze und Kälte die Mitte hält, heilen wollte, was ihn keineswegs von seiner Krankheit befreien würde. Vielmehr ist es noth-wendig, ihn (den erwähnten Seelenkranken), dahin zu bringen, dass er einmal über das andere Verschwendung übt und die Ausübung der Verschwendung sich so oft bei ihm wiederholt, bis aus seiner Seele die Disposition schwindet, welche die übertriebene Kargheit verursacht, und sich beinahe die Disposition zur Verschwendung in ihm ausbildet oder er (wenigstens) sich ihr nähert. Dann werden wir ihm das verschwenderische Treiben untersagen und ihm vorschreiben, beständig Werke der Freigebigkeit zu üben und daran festzuhalten, ohne das rechte Maass zu überschreiten oder hinter demselben zurückzubleiben. In gleicher Weise lassen wir ihn, wenn wir sehen, dass er verschwenderisch ist, Handlungen der Kargheit üben und mehrmals wiederholen; jedoch lassen wir die Ausübung der Kargheit sich bei ihm nicht so viele Male wiederholen, wie wir ihn die Ausübung der Verschwendung wiederholen lassen.

Die Beachtung dieses feinen Unterschiedes ist das Grundgesetz und Geheimnis des richtigen Heilverfahrens. Es ist nämlich dem Menschen leichter und schneller erreichbar, von der Verschwendung zur Freigebigkeit, als von der Kargheit zur Freigebigkeit zurückzukommen. So kann auch der für jeden Genuss Fühllose leichter und schneller zur Enthaltsamkeit zurückkommen als der Genussüchtige, und deshalb werden wir den Letztern häufiger die Uebung der Enthaltsamkeit vom Genusse, als Jenen die Befriedigung der Genussucht wiederholen lassen. Ebenso werden wir den Furchtsamen mehr zur Verwegenheit als den Vewegenen zur Furchtsamkeit anhalten, den Knicker mehr zu übermäßigem Aufwand als den, solchen Aufwand Liebenden zur Knickerei anleiten. Dies ist das Grundgesetz der Sittenheilkunde, welches du also wohl beachten mögest.

Aus Rücksicht hierauf pflegten die Tugendhaften ihre Seelendisposition nicht gerade durchaus in der rechten Mitte zu erhalten, sondern vorsichtiger Weise einigermaassen zu dem Zuviel oder Zuwenig hinzulenken, ich meine z. B. von der Enthaltsamkeit ein wenig zur Fühllosigkeit gegen jedes Vergnügen, von der Tapferkeit ein wenig zur Verwegenheit, von der Generosität ein wenig zu übermäßigem Aufwand, von der Demuth ein wenig zur Selbsterniedrigung, und ebenso hinsichtlich der übrigen (Seelendispositionen). Dies erinnert an den stehenden Ausdruck der Weisen: „innerhalb der Grenzlinie des Rechts“.

Was aber die Tugendhaften und auch einige Weise bisweilen thaten, dass sie sich nämlich zu dem einen Extrem hinwandten, indem sie z. B. fasteten, in der Nacht (zu frommen Übungen) aufstanden, weder Fleisch assen noch Wein tranken, die Frauen von sich fern hielten, wollene und härene Gewänder trugen, auf Bergen wohnten und sich in Wüsten zurückzogen: so geschah dies nur aus medizinischen Gründen, wie wir dies schon früher gesagt haben, und auch wegen der Sittenlosigkeit der Bewohner größerer Städte, wenn sie sahen, dass sie durch die gesellige Berührung mit ihnen und durch den beständigen Anblick ihrer Handlungen verderbt werden könnten und durch den Umgang mit ihnen selbst an ihrer Sittlichkeit Schaden zu leiden befürchten mussten. Demnach trennten sie sich von ihnen und suchten Wüsten und solche Orte auf, wo kein böser Mensch zu finden war, wie der Prophet sagt: „Wer mich doch in die Wüste brächte, in die Nachtherberge der Wanderer“.
Da nun aber Thoren jene Tugendhaften also handeln sahen, ohne mit deren Absicht bekannt zu sein, so hielten sie diese Handlungen für etwas (an und für sich) Gutes, nahmen sie sich zum Vorbild in der Meinung, sie würden Jenen dadurch gleich werden, peinigten ihren Körper auf jegliche Weise und meinten, sie hätten etwas Tugendhaftes gethan und Gutes geübt und man komme dadurch Gott näher, als wenn Gott der Feind des Körpers wäre, der dessen Zerstörung und Untergang wolle; wobei sie nicht merkten, dass jene Handlungen (an und für sich) böse sind und sich dadurch irgend ein Seelenfehler ausbildet.

Diese Menschen kann man mit einem der Arzneiwissenschaft Unkundigen vergleichen, der sieht, dass erfahrene Ärzte Todkranken das Fleisch von Koloquinten, Scammonium, Aloe und dergleichen einnehmen lassen, die (gewöhnliche) Nahrung aber ihnen entziehen, und diese dann von ihrer Krankheit genesen und in wunderbarer Weise dem Tode entgehen; da denkt dieser Unkundige: wenn diese Dinge von der Krankheit heilen, so müssen sie um so viel mehr vermögen dem Gesunden die Gesundheit zu erhalten oder sie noch zu vermehren. Nimmt er nun aber wirklich fortwährend jene Dinge zu sich und richtet seine Lebensweise nach Art der Kranken ein, so wird er ohne Zweifel krank werden. In gleicher Weise ziehen sich auch Jene unzweifelhaft Seelenkraukheiten dadurch zu, dass sie in (geistig-) gesundem Zustande Heilmittel anwenden. Auch lehrt das göttliche Gesetz, das, selbst vollkommen, uns zur Vollkommenheit führt, — wie ein trefflicher Kenner desselben von ihm bezeugt: „Gottes Lehre ist vollkommen, labet die Seele — macht weise den Einfältigen“ — nichts dergleichen, es arbeitet vielmehr darauf hin, dass der Mensch der Natur gemäß lebe, den Mittelweg einhalte, so dass er mit Maass esse was ihm zu essen, mit Maass trinke was ihm zu trinken gestattet ist, ferner mit Maass den erlaubten ehelichen Umgang pflege, Gerechtigkeit und Billigkeit übend mit andern in Ortschaften zusammenlebe, nicht aber Höhlen und Gebirge zu seinem Aufenthalte wähle, nicht sich in Haare und Wolle hülle, nicht seinen Körper kasteie und peinige. Es ist dies verboten durch das, was uns die Tradition von dem Nasiräer lehrt: „Er (der Priester) sühne ihn darum, dass er sich vergangen an der Seele.“ (Num. 6, 11). Da fragen nun unsere Weisen: An welcher Seele hat er sich denn vergangen? Sie antworten: An seiner eigenen, weil er sich den Wein versagt hat. Haben wir hier nicht von dem Kleineren auf das Größere zu schließen: wenn dieser, der sich nur den Wein versagt hat, der Sühnung bedarf, um wie viel mehr derjenige, der sich jedes Genusses enthält?… weiter…

Schmonah Prakim / Acht Kapitel
Eine Abhandlung zur jüdischen Ethik und Gotteserkenntnis
Nach der Übersetzung von Maurice Wolff
Dieser religiöse Traktat ist das herausragende Zeugnis der engen und fruchtbaren Verzahnung arabischen, jüdischen und griechischen Denkens in der philosophischen Ethik des Mittelalters. Gegen die Orthodoxie vertritt Maimonides die Auffassung, das Gebot der Ethik des Judentums verlange nicht den strengen Gehorsam gegenüber dem ›strafenden Vater‹, sondern die Entfaltung der freien, sittlichen Persönlichkeit…