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Maimonides: Von der Heilung der Seelenkrankheiten (b)

In den Werken unserer Propheten und unserer Gesetzüberlieferer sehen wir, dass sie darauf hinarbeiteten, das rechte Maass zu halten und Seele und Körper in der Verfassung zu erhalten, zu welcher das Gesetz und jene Antwort verpflichtet, die Gott der Allerhöchste durch seinen Propheten Denjenigen ertheilte, welche hinsichtlich des Einen jährlichen Fasttages die Frage gestellt hatten, ob sie dabei beharren sollten oder nicht…

VON DER HEILUNG DER SEELENKRANKHEITEN

„Soll ich — so lautete ihre Frage an den Propheten Zacharia — weinen im fünften Monate in Enthaltsamkeit, wie ich es gethan diese vielen Jahre?“ Darauf antwortete Gott: „Da ihr gefastet und geklagt habt im fünften und im siebenten Monate diese siebenzig Jahre, habt ihr etwa mir gefastet? Und wenn ihr esset und wenn ihr trinket, seid nicht ihr die Essenden und ihr die Trinkenden?“

Hierauf schrieb er ihnen nur Mäßigkeit und Tugend, keineswegs aber Fasten vor, indem er also sprach: „So spricht der Herr der Heerscharen: richtet wahrhaftiges Gericht und erweiset Liebe und Barmherzigkeit Einer dem Andern.“ Dann heißt es ferner: „So spricht der Herr der Heerscharen: das Fasten des vierten und das Fasten des fünften und das Fasten des zehnten (Monates) werden dem Hause Juda zur Wonne und Freude und zu fröhlichen Festzeiten, aber Wahrheit und Friede liebet“. Wisse nun, dass „Wahrheit“ die intellektuellen Tugenden bedeutet, indem sie — wie wir in dem zweiten Kapitel dargetan — unwandelbare Wahrheit sind; „Friede“ dagegen die moralischen Tugenden bezeichnet, auf welchen der Friede in der Welt beruht.

Ich kehre nun zu meinem Gegenstande zurück. Wenn jene Bekenner unseres Gesetzes, — denn nur von diesem rede ich, — welche andern Religionen nachahmen, sagen, dass sie das, was sie tun, nämlich dass sie ihren Körper kasteien und sich jedes Vergnügens enthalten, nur in der Absicht tun, um die körperlichen Kräfte in Zucht zu halten und ein wenig mehr zu dem einen Extrem hinzuneigen, — wie wir in diesem Kapitel dargetan, dass der Mensch sich notwendig in einer solchen Verfassung zu erhalten hat: — so ist das, wie wir zeigen werden, von ihrer Seite ein Irrtum. Es hat uns nämlich das göttliche Gesetz seine Verbote und Gebote nur zu eben diesem Zwecke gegeben, nämlich dass wir uns vermittelst strenger Sittenzucht von dem einen Extrem weiter entfernen sollen. Denn das Verbot aller unerlaubten Speisen, der Gegenstände unerlaubter fleischlicher Vermischung, des Umganges mit einer Buhlerin, ferner die Verpflichtung zum gesetzlichen Eingehen der Ehe, in welcher bei alledem der eheliche Umgang nicht zu jeder Zeit gestattet, sondern in der Zeit der Menstruation und nach der Niederkunft verboten ist, und außerdem nach Vorschrift unserer Alten beschränkt und am Tage ganz unterlassen werden soll, wie wir in dem Tractat Sanhedrin gezeigt haben, — dies alles hat Gott nur deshalb gesetzlich festgestellt, damit wir uns von dem Extrem der Genusssucht weit entfernen und von der rechten Mitte ein wenig nach der Seite der Fühllosigkeit für den Genuss hinneigen, um so in unserer Seele die Disposition der Enthaltsamkeit zu befestigen.

In gleicher Weise verhält es sich mit allen gesetzlichen Bestimmungen über das Entrichten des Zehnten, über die Nachlese, über die (auf dem Felde) vergessenen Garben, über das Stehenlassen der Ecken des Feldes, das Auflesen der abgefallenen Beeren und Trauben (im Weingarten), ebenso mit der gesetzlichen Anordnung des Brach- und Jubeljahres, des Spendens milder Gaben an den Armen, soweit er deren bedürftig ist, — alles dies nähert sich der Verschwendung nur deshalb, damit wir uns selbst von dem Extrem der Knickerei weit entfernen und uns dem Extrem des verschwenderischen Gebrauchs unseres Vermögens nähern sollen, auf dass sich die Generosität in uns befestige. — Wenn du von diesem Gesichtspunkte aus die meisten Gesetze betrachtest, so wirst du bei ihnen allen finden, dass sie die Seelenkräfte in Zucht zu halten bestimmt sind, wie sie z. B. Rache zu nehmen und Wiedervergeltung zu üben schlechthin durch die göttlichen Worte untersagen: „Du sollst dich nicht rächen und nicht Groll nachtragen“ (Lev. 19, 19), „du sollst es leichter mit ihm machen“ (dem unter seiner Last erliegenden Esel deines Feindes aufhelfen (Exod. 23, 5), „du sollst ihn aufrichten“ (den auf dem Wege hinfallenden Esel oder Ochsen deines Feindes (Deut. 22, 4), damit die Kraft des Zornes und des Grimmes geschwächt werde; desgleichen ist das Wort: „du sollst sie ihm zurückbringen“ (die verirrten Tiere deines Bruders (Deut. 22, 1), dazu bestimmt, die Disposition zur Habsucht hinwegzuschaffen; ebenso die Worte: „vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und ehren sollst du den Greis“ (Lev. 19, 32), „ehre deinen Vater“ u. s. w. (Exod. 20, 12), „du sollst nicht abweichen von dem, was sie dir sagen werden“ u. s. w. (Deut. 17, 11), dazu bestimmt, die Disposition zur Frechheit hinwegzuschaffen und dagegen die zur ehrerbietigen Scheu zu erzeugen.

Dann aber will das Gesetz wiederum vom andern Extrem, ich meine von der übermässigen Schüchternheit, zurückhalten, und darum heisst es: „du sollst deinen Nächsten zurecht-weisen“ (Lev. 19, 17), „du sollst dich nicht vor ihm fürchten“ (dem falschen Propheten [Deut. 18, 22]), damit die zu große Schüchternheit schwinde und wir auf dem Mittelwege bleiben. Wenn nun aber ein, ohne Zweifel törichter, Mensch kommt und zu diesen Dingen noch mehr hinzufügen will, z. B. über die verbotenen Speisen hinaus das Essen und Trinken überhaupt und über den verbotenen geschlechtlichen Umgang hinaus die Ehe untersagt, über die im Gesetze vorgeschriebenen milden Gaben, frommen Spenden und Schätzungen hinaus sein ganzes Vermögen an Arme oder zu heiligen Zwecken hingibt, so übt er, ohne es zu wissen, die Handlungen schlechtgearteter Menschen und verfällt, die rechte Mitte gänzlich verlassend, in das eine der beiden Extreme.

Die Weisen haben über diesen Gegenstand einen Ausspruch, wie mir nie ein originellerer vorgekommen ist. Er findet sich im Jerusalemischen Talmud, im neunten Abschnitte des Tractats Nedarim. Sie sprechen dort tadelnd von Denjenigen, welche sieh durch Schwüre und Gelübde Fesseln anlegen, so dass sie Gefangenen ähnlich werden, und hierbei tun sie folgenden Ausspruch: „R. Adai sagt im Namen des R. Isaac: Hast du an dem nicht genug, was das Gesetz dir untersagt hat, dass du dir noch andere Dinge untersagst?“ Das ist dem Sinne nach genau dasselbe, was wir gesagt haben, weder mehr noch weniger.

Aus Allem nun, was wir in diesem Kapitel dargelegt haben, geht klar hervor, dass man sich die Handlungen der rechten Mitte zum Ziele setzen müsse und sich nicht von ihnen hinweg einem der beiden Extreme zuwenden dürfe, außer zu Heilzwecken und um durch das Gegenteil (für die Seelenkrankheiten) Abhilfe zu schaffen. Und gleichwie der in der Arzneiwissenschaft Erfahrene, wenn er sieht, dass sein körperlicher Zustand die geringste nachtheilige Veränderung erlitten hat, nicht sorglos hinlebt und die Krankheit sich nicht so festsetzen lässt, dass er dann eine äußerst starke Cur nöthig hätte, und gleichwie er, wenn er erkennt, dass eines der Glieder seines Körpers krank geworden ist, es fortwährend schont, die ihm schädlichen Dinge meidet und das aufsucht, was ihm helfen kann, damit dieses Glied wieder gesund oder wenigstens nicht noch kränker werde: so muss auch der Mensch, wie er sein soll, seine moralischen Eigenschaften stets sorgfältig prüfen, seine Handlungen abwägen, die Disposition seiner Seele täglich untersuchen, und so oft er dieselbe zu irgend einem Extreme sich hinneigen sieht, schnell das richtige Heilverfahren anwenden und nicht zulassen, dass die böse Disposition durch wiederholte Ausübung des Schlechten sich, wie wir gezeigt haben, festsetze. In gleicher Weise soll er auch die moralischen Mängel, die ihm anhaften, sich vor Augen halten und nach unserer obigen Anweisung fortwährend sie zu heilen bestrebt sein, da nun einmal der Mensch nicht ganz fehlerfrei sein kann. Denn, sagen die Philosophen, es ist schwer und kaum möglich, Jemanden zu finden, der von Natur zu allen Tugenden, den moralischen sowohl, als auch den intellektuellen, befähigt wäre.

Und auch in den Büchern der Propheten ist Vieles der Art ausgesprochen. Es heisst: „Siehe, seinen Dienern traut er nicht“ u. s. w. (Job 4, 18), „Kann ein Mensch gerecht sein vor Gott, wie kann rein sein ein Weibgeborener?“ (Job 25, 4). Und Salomo sagt vom Menschen im Allgemeinen: „Es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er nur Gutes thäte und nie sündigte.“ (Pred. 7, 20). Du weisst aber auch, dass Gott der Allerhöchste zu dem Meister aller Früheren und Späteren, unserm Lehrer Mose sprach: „Weil ihr nicht an mich geglaubt“, „weil ihr widerspenstig gewesen, mich nicht verherrlicht habt“ u. s. w. Dies alles (sprach Gott) obschon Mose’s — Heil über ihn! — Schuld bloss darin bestand, dass er sich von einer moralischen Tugend, und zwar der Sanftmuth, ab- und einem der beiden Extreme, nämlich dem Jähzorne, zugewandt hatte, indem er sprach: „Hört doch, ihr Widerspenstigen!“ (Num. 20, 10), Gott rügte es nun an ihm, dass ein Mann, wie er in Gegenwart der Gemeinde Israels an einem Orte ergrimmte, wo sich dies nicht geziemte. Eine derartige Handlungsweise war für diesen (hervorragenden) Mann eine Entweihung des göttlichen Namens, weil man sich alle seine Handlungen und seine Worte zum Muster nahm und dadurch die zeitliche und ewige Glückseligkeit zu erlangen hoffte. Wie durfte er sich also ergrimmt zeigen, was, wie wir dargethan, zu den Handlungen schlechter Menschen gehört und nur aus einer bösen Seelendisposition hervorgeht. Das sich hierauf beziehende göttliche Wort aber: „ihr seid widerspenstig gegen mich gewesen“ ist nach unserer Auffassung so zu verstehen. Mose redete hier nicht Ungebildete und Untugendhafte an, sondern Menschen von der Beschaffenheit, dass nach dem Ausspruche unserer Weisen selbst die Geringste unter ihren Frauen dem Ezechiel, Sohn Busi’s gleich war, (Menschen), die Alles, was er sprach und that, genau beachteten. Als nun die Israeliten sahen, wie er in Grimm gerieth sagten sie: „Er — Heil über ihn! — gehört ja nicht zu Denen, die einen moralischen Fehler an sich haben, und wüsste er nicht, dass Gott über uns zürnt, weil wir Wasser begehrten, und dass wir des Allerhöchsten Unwillen erregt, so würde er nicht ergrimmen.“ Wir finden aber nicht, dass der Allerhöchste, als er mit ihm über diese Angelegenheit sprach, ergrimmt oder zornig gewesen wäre, sondern er sagte nur: „Nimm den Stab — und gieb der Gemeinde und ihrem Viehe zu trinken.“

Wir sind hiermit zwar ganz von dem Gegenstande unseres Kapitels abgekommen, haben aber eine von den in der heiligen Schrift uns aufstoßenden Schwierigkeiten gelöst, über die schon oft gesprochen worden ist, und doch wird noch oft gefragt, worin Mose’s Sünde bestanden habe. Halte nun gegen einander, was wir selbst darüber gesagt haben und was sonst darüber gesagt worden ist, und die Wahrheit wird sich ihren Weg zum Ziele bahnen.

Um nun auf meinen Gegenstand zurückzukommen (so sage ich): wenn der Mensch seine Handlungen immer genau abwägt und es auf solche anlegt, welche am besten die rechte Mitte halten, so erreicht er die höchste menschliche Stufe, kommt dadurch Gott näher und wird Dessen was Er besitzt (der ewigen Seligkeit) theilhaftig. Dies ist die vollkommenste Art der Gottesverehrung. Diesen Gegenstand haben auch die Weisen besprochen und ausdrücklich davon gehandelt. Sie sagen hierüber: „Jeder der seine Pfade ordnet, wird würdig das göttliche Heil zu schauen; denn es heisst (Ps. 50, 23): ,Wer seinen Wandel richtet, den lasse ich das Heil Gottes schauen‘; lies nicht wesam, sondern wescham derech„. Schuma aber bedeutet allgemeine Massbestimmung und Abschätzung. Und dies ist gerade der Gedanke, den wir in diesem ganzen Capitel entwickelt haben. — So viel haben wir über diesen Gegenstand zu sagen für nöthig befunden.

Schmonah Prakim / Acht Kapitel
Eine Abhandlung zur jüdischen Ethik und Gotteserkenntnis
Nach der Übersetzung von Maurice Wolff
Dieser religiöse Traktat ist das herausragende Zeugnis der engen und fruchtbaren Verzahnung arabischen, jüdischen und griechischen Denkens in der philosophischen Ethik des Mittelalters. Gegen die Orthodoxie vertritt Maimonides die Auffassung, das Gebot der Ethik des Judentums verlange nicht den strengen Gehorsam gegenüber dem ›strafenden Vater‹, sondern die Entfaltung der freien, sittlichen Persönlichkeit…