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Diätetisches Sendschreiben des Maimonides: Beherrschung der Affekte

Meinem Fürsten – Gott erhalte ihn! – ist es bekannt, wie Affekte im Körper wichtige und sichtbare Veränderungen hervorbringen. Dies beweist folgendes…

Diätetisches Sendschreiben an den Sultan Alafdhal, den Sohn Saladins. Übersetzt vom Arabischen ins Deutsche von H. Kroner, Leiden 1925.

Beherrschung der Affekte

Man sehe einen starken, blühenden Menschen plötzlich von Abscheu ergriffen werden; augenblicklich wird sein Angesicht verfallen, die Heiterkeit von seinem Gesicht schwinden, die Gesichtsfarbe wechseln; er verliert die Haltung, seine Stimme wird schwach, und strengt er sich auch noch so sehr an, sie zu erheben – es ist umsonst … – Die Ursache aller dieser Erscheinungen ist das Zurücktreten der natürlichen Wärme von der Peripherie nach innen.

Wiederum sehen wir einen schwächlichen, bleichen Menschen, der kaum reden kann, wenn ihm eine fröhliche Botschaft wird, augenblicklich erstarken; sein Antlitz strahlt, seine Stimme tönt kräftig…, Freude und Wonne sieht man in seiner Miene, in seinem ganzen Wesen unverkennbar ausgedrückt. Die Ursache aller dieser Erscheinungen ist das Hinströmen der natürlichen Wärme und des Blutes nach der Peripherie des Körpers. — So kennen wir auch die Weise des Fürchtenden, des Hoffenden, des Sehnsuchtsvollen; der plötzliche Übergang vom Glück zum Unglück raubt dem Menschen sogar bisweilen die Sehkraft, während der unverhofft Beglückte an Sehkraft zunimmt, so daß ihm ist, als ob die Lichtquelle sich verstärke. Alles dieses ist allgemein bekannt…

Der Arzt, der die Beherrschung der Affekte nicht anrät, wird seine Kunst niemals gründlich erfassen. Die Maßregeln hierzu wird er aus der Philosophie und der Sittenlehre entnehmen: denn, so wie die Weltweisen über die mannigfaltigen wissenschaftlichen Gebiete Bücher verfassten, so schrieben sie auch moralische Werke zur Aufrechterhaltung der äußeren Sittlichkeit und der moralische Gesinnung. Aus der Aneignung anständiger Sitten geht auch die gute Handlung hervor…

Je mehr moralische Grundsätze der Mensch besitzt, desto weniger wird er von den Wechselverhältnissen des Glücks und Unglücks beirrt. Erreicht er eines von den größeren Gütern der Welt, was die Philosophen jedoch scheinbare Güter nennen, so wird er es nicht überschätzen, vielmehr als nichtig erkennen. Und wird er vom zeitlichen Unglück heimgesucht, was die Philosophen jedoch scheinbares Unglück nennen, so zittert und bebt er nicht, er wird es mit Gleichmut ertragen…

Mit Recht nannten die Philosophen das Gute und das Übel im Leben scheinbares Gut und scheinbares Übel; denn wie vieles halten wir nicht für ein Gut, das in der Tat ein Übel ist? Da sammelt der Mensch Schätze auf Schätze, gelangt zu Ansehen und Würden, und dies wird der Grund zu seinem körperlichen und sittlichen Verderben! Durch die Aneignung eines sittenlosen Wandels einerseits, wodurch das physische Leben verkürzt wird, durch die Irreligiosität andererseits und den Abfall von Gott, da doch die wahre, ewige Glückseligkeit in dem Festhalten an Gott besteht. Wie oft verarmt dagegen der Reiche, ein König verliert den Thron, und gerade diese Zufälle veranlassen sie, den Körper abzuhärten und den Geist durch Sittlichkeit zu veredeln, das Leben so zu verlängern und sich der Gottheit zu nähern, jenem ewig dauernden Gute!

In diesem Sinne spreche ich es aus, was schon Ärzte, Philosophen und Moralisten vor der mohammedanischen Lehre behauptet haben: „Der Mensch kann selbst sein Leben verlängern oder verkürzen!“

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