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beTipul: Psychotherapie als Kammerspiel

Die Vorlage kommt aus Israel. Hier startete schon 2005 die erste Staffel zur Serie. Den Therapeuten spielte Assi Dayan, Meirav Gruber war als seine Frau zu sehen und Gila Almagor als Supervisorin. Die Serie des Senders HOT war so erfolgreich und erhielt soviele Auszeichnungen, dass es zwei Nachahmer gab, eine in Serbien, „Na terapiji“ (2009, Fox), und eine in den USA, „in treatment“ (2008, HBO). Das synchronisierte Format aus Amerika wird nun auch in Deutschland gezeigt, zwei Wochen lang, jeweils zwei Folgen á 30min, ab 21.00h in 3sat…

Ob die mit wenig Action und umso mehr Dialog einhergehende Unterhaltung in Deutschland ausreichend viele Liebhaber finden wird, ist fraglich. Schon den skurrilen Scheinfelds fiel es schwer auf dem deutschen Markt zu bestehen, geschweige denn einer ganz auf Neurosen und Konflikte ausgerichtete Betrachtung.

Nicht unbedingt genussversprechend hört sich z.B. eine Besprechung der Hamburger Abendzeitung an, die „Kurzgeschichten, die das Leben schreiben kann, wenn es mal so richtig schlecht drauf ist“ ankündigt und die Zuschauer dorthin einlädt, „wo der depressive Mafiaboss Tony Soprano einige seiner finstersten und ergreifendsten Momente hatte: beim Therapeuten.“

Hier einige Ausschnitte aus der israelischen Serie, deren Bücher zum Großteil von Ari Folman (Waltz with Bashir) und Assaf Zipór (haChamischiah hakamerit) stammen. Zuerst der Trailer:

In einer späteren Folge versucht Gila (Gila Almagor) Reuwen (Assi Dayan), so heisst der Therapeut, zu erklären, dass es kein Wunder ist, wenn ihm seine Klienten manchmal schwer auf den Wecker gehen…

Umgesetzt hat die US-Adaption Rodrigo García, Sohn von Gabriel García Marquez. Bei den meisten Folgen führte er die Regie selbst.

Bei 3sat gibt es einen interessanten Blog für die Serie.

Daniel Fiedler, Koordinator bei 3sat, möchte hier eine fesselnde, unkonventionelle aber vor allem anspruchsvolle US-Serie, die dem Motto „anders fernsehen“ entspricht! „In Treatment“ verzichtet auf Übertreibung. „In Treatment“ lebt nicht von der Darstellung von Extremen, sondern spiegelt gesellschaftliche Normalitäten. Es werden Menschen gezeigt, die den Durchschnitt repräsentieren und ganz normale Probleme haben. Probleme, die auch dich und mich betreffen können. Spannung entsteht, weil auch im Normalen das Außergewöhnliche liegen kann.

Für die 1. 2010er Ausgabe des 3satmagazins schildert Filmkritiker Peter Luley, der unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel Online“ schreibt, ob es sich lohnt, bei „in treatment“ zuzuschauen. Seinen Bericht präsentieren wir auch hier – viel Vergnügen beim Lesen!

„Also, Dr. McDreamy, übernehmen Sie!“

Die attraktive junge Frau ist völlig aufgelöst. Sie schluchzt herzzerreißend, lässt ihren Tränen freien Lauf. Sie friert in ihrem knappen ärmellosen Kleid, kuschelt sich in die Sofakissen. Sie stammelt Sätze wie „Mein Leben ist vorbei“. Sie hat offensichtlich und nach eigenem Bekunden eine harte Nacht hinter sich und fürchtet, sich übergeben zu müssen. Plötzlich fragt sie ihr Gegenüber: „Was denken Sie, sehe ich gut aus, wenn ich traurig bin?“…

Nicht erst in diesem Moment wird die unterschwellige Erotik der Situation spürbar. Und nicht erst jetzt wird klar, dass diese Laura, Klientin in der Praxis des Psychotherapeuten Paul Weston, ein überaus komplexer Fall ist: Anästhesistin, hochintelligent, zutiefst unglücklich – und zugleich im vollen Bewusstsein ihrer Wirkung handelnd, ein Spiel mit ihrem Therapeuten spielend. Am Ende der knapp 30-minütigen Sitzung, in der sie unter anderem schildert, wie sie am Vorabend ihren Lebensgefährten verlassen, sich mit einer Freundin betrunken und einen fremden Mann auf der Toilette eines Clubs befriedigt hat, eröffnet sie dem Seelenarzt, dass sie in Wahrheit ihn begehrt. Da hat es selbst Pokerface Paul, sonst gut geübt in mildem Lächeln, schwer, die Contenance zu wahren.

Die mehrfach preisgekrönte US-Serie „In Treatment“, bestehend aus lauter solchen halbstündigen Einaktern – schlicht betitelt mit dem Namen des Patienten und dem ihm zugeordneten wöchentlichen Termin -, schlägt aus einer verblüffend simplen Prämisse Funken: ein Raum, zwei Menschen, intime Atmosphäre, Großaufnahmen. Jede Episode beginnt mit dem Kommen und endet mit dem Gehen des Patienten – dazwischen pures Drama. Die Produktion des US-Abonnement-Kanals HBO, die auf einem israelischen Erfolgsformat basiert und von Rodrigo García, dem ältesten Sohn des Schriftstellers Gabriel García Márquez, für den amerikanischen Markt adaptiert und inszeniert wurde, bietet auf diese Weise intensives Schauspielerfernsehen der Extraklasse. Gänzlich actionfrei, aber im besten Sinne kurzweilig sind die Folgen, deren ruhenden Pol Protagonist Paul in seinem ledernen Armstuhl bildet.

Ob Weston einen schuldgeplagten Kampfpiloten, eine selbstzerstörerische Leistungsturnerin oder ein Ehepaar mit nicht ganz gefestigtem Kinderwunsch zur Sprechstunde empfängt – stets erkennt man ihn in seinen Fragen wieder. Stets ist man quasi mit zu Gast in seiner an sein Wohnhaus angeschlossenen Praxis in Maryland und hat das Vergnügen einer Art Doppelperspektive: Man kann mit dem Therapeuten versuchen, die Nöte der Patienten zu verstehen und zugleich anstreben, Pauls eigene – hinter der professionellen Fassade verborgenen – Empfindungen zu ergründen.

Ein in dieser Hinsicht genialer dramaturgischer Schachzug ist es, dass jede fünfte Folge Paul dabei zeigt, wie er selbst eine Supervisorin in Anspruch nimmt – und damit, wie zum Abgleich, seine Wahrnehmung des Geschehens offenlegt. Da erlebt man ihn als verletzlichen Mann, der seinerseits Rat braucht, dessen Ehe in der Krise ist, der von seiner Frau betrogen wird und den die „erotische Übertragung“ Lauras allem wackeren Widerstand zum Trotz keineswegs kaltlässt. Kein allwissender Guru spricht da, sondern einer, der nur zu gut weiß, dass er auch Fehler macht im Umgang mit seinen Patienten. Überdies sind die Sessions mit seiner 60-jährigen, vom Leben gezeichneten Kollegin Gina (gespielt von der aus zahlreichen Woody-Allen-Filmen bekannten Dianne Wiest) eine Schau für sich. Pauls vertracktes Verhältnis zu der Frau, die er mit launiger Herzlichkeit „eine schläfrige Spinne auf der Lauer“ nennt, gibt Rätsel auf, auf deren allmähliche Erhellung man sich von Mal zu Mal freut.

Falsch wäre indes, sich „In Treatment“ als gediegenes Kammerspiel vorzustellen, in dem nach 30 Minuten erst einmal alle Probleme gelöst sind. Das heißt: Kammerspiel schon, aber eben nicht gediegen und ohne einfache Lösungen. Dass in den Sitzungen die sprichwörtlichen Hosen runtergelassen werden, wirkt sich auch auf die Sprache aus. Wenn etwa Laura, furios verkörpert von der Australierin Melissa George, zum Seelenstriptease ansetzt, heißt es, auf derbes Vokabular gefasst zu sein. Da ist dann schon mal von „einem guten Toilettenfick“ die Rede, von einem „Ultimatum mit Ständer“ und überhaupt sehr viel vom „Vögeln“.

Für den leisen Charismatiker Gabriel Byrne, bekannt aus Kino-Meisterwerken wie „Miller’s Crossing“ und „Die üblichen Verdächtigen“, ist die Figur des New Yorker Seelenarztes eine veritable Paraderolle. Als graumelierter Gentleman, dessen Aussehen gelegentlich an Al Pacinos „Paten“ erinnert, ist der 59-jährige gebürtige Dubliner genauso glaubwürdig wie als überforderter Melancholiker, dem seine Frau und Kinder vorwerfen, er interessiere sich nur für seine Patienten – derweil ihm seine Patienten vorhalten, er sei sein Geld nicht wert und strenge sich nicht genug an („Und Sie sollen der Beste sein?“). Das Wissen um die eigene Unvollkommenheit und Überforderung macht ihn dabei nur noch interessanter.

Er habe sich auf die Rolle vorbereitet, indem er Leute beobachtete, deren Job das Zuhören sei, erklärte Byrne in einem TV-Interview mit US-Talkmaster Charlie Rose – eine offenbar ergiebige Maßnahme. Jedenfalls gelingt es ihm überzeugend, beim Zuhören mit kleinen Gesten eine Aura von sanfter Autorität und Anteilnahme hervorzurufen, dass die „New York Times“ zu einer regelrechten Hymne ansetzte: Insbesondere das Spiel seiner Hände drücke Empathie besser aus als Worte, schrieb das Blatt, bezeichnete ihn als neusten „Dr. McDreamy“ – und mutmaßte, dass der Anblick dieser Hände bei weiblichen Zuschauern noch ganz andere Fantasien auslösen könnte.

Tatsächlich ist das Suchtpotenzial der Serie geschlechterübergreifend hoch – schlicht, weil es sich um intelligente Unterhaltung handelt, die geschickt dosiert daherkommt. Deshalb ist „In Treatment“ auch für Menschen goutierbar, die es sonst eher mit dem Bonmot des Freud-Skeptikers Karl Kraus halten, wonach die Psychoanalyse genau jene Krankheit sei, für deren Therapie sie sich halte. Wer einmal eingestiegen ist, wird daher beruhigt zur Kenntnis nehmen, dass bereits zwei komplette Staffeln vorliegen und die dritte 2010 gedreht wird.

Bleibt nur noch die spannende Frage, wie das deutsche Publikum (in Österreich und der Schweiz war die erste Staffel schon zu sehen) auf den smarten Seelenheiler reagiert. Denn während es in den USA eine gewachsene Tradition von Analytiker-Serien wie „Frasier“ gibt – wohl nicht zufällig wirkte „In Treatment“-Autor Rodrigo García auch an den „Sopranos“ mit -, sind in Deutschland bislang die meisten Versuche gescheitert, Psychologie als Bildschirmgenre zu etablieren. Der klamaukige „Dr. Psycho“ (ProSieben) mit Christian Ulmen stieß genauso wenig auf Gegenliebe wie die seriösere ARD-Praxis „Helen, Fred und Ted“. Lediglich Dieter Pfaff als schwergewichtiger Seelenarzt „Bloch“ ist akzeptiert und etabliert – aber von seinen raren Auftritten kann die Fernsehnation eigentlich nicht austherapiert sein. Also, Dr. McDreamy, übernehmen Sie! Verführerischer als hier ist die Einladung, auf der Couch Platz zu nehmen, selten ausgesprochen worden.

3 comments to beTipul: Psychotherapie als Kammerspiel

  • Klingt auf jedem Fall sehr interessant. Danke für die Videos! Grüße!

  • Malakeno

    Assi Dayan ist übrigens der Sohn von Moshe Dayan, dem General.

  • Riba

    Die Misere der therapierten Gesellschaft ist ja, dass für jedes Symptom eine Erklärung griffbereit daliegt. So gesehen wird Therapeut Paul in seinen Sitzungen mit einer Reihe von Westentaschenpsychologen konfrontiert, die von ihm nur einen Ratschlag haben wollen, wie sie das selbst längst diagnostizierte Problem möglichst schnell beheben können. Innenleben verstopft? Ruf den Seelenklempner!
     
    So läuft es offenbar überall auf der Welt: Denn der US-Bezahlsender HBO hat „In Treatment“ fast originalgetreu der israelischen Serie „Be Tipul“ nachgebaut und die Handlung von Tel Aviv nach Maryland verlegt. Rodrigo Garcia, der schon „Six Feet Under“ mitgeschrieben hat, überwachte den Transfer für die erste Staffel als Chefautor. Hochkonzentrierte 22-minütige Episoden (die 3sat nun in Doppelfolgen sendet) lieferte er. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, die Figuren zu entlarven – sondern im Gegenteil diesen überreflektierten Menschen erstmal ihr Geheimnis zurückzugeben.
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