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China: Erdbeben hinterlässt Trauma

Therapie unterstützt Fähigkeit zur Selbstheilung

pte – Das große Erdbeben am 12. Mai 2008 in der chinesischen Provinz Sichuan hat bei vielen Überlebenden sowie Ersthelfern schwere Traumafolgen-Störungen hinterlassen. Das berichtet Wolfgang Senf, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Uniklinikum Duisburg-Essen. Senf engagiert sich seit Jahren für die Deutsch-Chinesische Akademie für Psychotherapie in China. Durch die Entwicklung eines auch ins Chinesische übersetzten Trauma-Inventars zur Feststellung der Akuten Belastungsreaktion (ABS) und der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) lieferte er ein wichtiges Instrument für die Diagnose traumatisierter Erdbebenopfer. „Über derart große Katastrophen hört man einige Tage in den Medien. Dass die Folgen für die Bevölkerung jedoch langfristig sind, gerät meist in Vergessenheit“, so der Psychotherapeut im pressetext-Interview.

Jedes starke Erdbeben bedeute für die unmittelbar Betroffenen eine totale Überwältigung, egal ob es in China oder zuvor in Italien, der Türkei oder Peru passiere. „In Sekunden verändert sich die Lebenssituationen und alles, was früher Halt gab, kann verschwunden sein“, so Senf. Besonders schmerzlich sei der Verlust von Familienmitgliedern oder des Wohnhauses, und auch die bleibende existenzielle Verunsicherung, dass das Beben jederzeit wieder kommen könnte, nage an den Betroffenen. „Menschen, die starke Erdbeben erlebt haben, verspüren oft auch kleinste Erschütterungen und fühlen sich schnell bedroht.“ Belastet seien jedoch auch die Helfer. „Wir behandelten eine Ärztin, die nach dem Beben durchgehend Verletzte amputierte. Sie litt in der Folgezeit an unkontrollierten Überfällen von Zwangsvorstellungen, bei denen sie jedes Mal Bilder amputierter Körperteile überkamen, sobald sie bestimmte Gesichter sah“, so der Essener Psychotherapeut.

Offiziellen Zahlen zufolge kostete das Beben in Sichuan über 80.000 Menschen das Leben, verwundete 370.000 schwer und betraf weitere 45 Mio. Menschen direkt. Angesicht der großen Zahl der dabei entstandenen Traumatisierungen müsse man sich auf die allgemeine Förderung von Schutzfaktoren konzentrieren, erklärt Senf. „Traumatisierung macht hilflos, lässt Strategien zur Problemlösung versagen und den Glauben an sich selbst verlieren. Menschen sind jedoch robust und können viel selbst verarbeiten, sobald sie sich in Sicherheit befinden. Es geht daher darum, durch soziale Unterstützung und Förderung persönlicher Ressourcen wie die Fähigkeit zur Problemlösung wieder zu Selbstgewissheit zu verhelfen.“ Dann sei es auch möglich, das Erdbeben als die Katastrophe von derart seltener Wahrscheinlichkeit zu sehen, mit der sie eintrat. Das Beben war das Zusammentreffen einer starken seismischen Welle, einer unüblichen Geologie und des Versagens dreier unterirdischer Schutzfaktoren, die in dieser Form nur alle 4.000 Jahre auftritt, berichten etwa chinesische Forscher um Shen Zhengkang in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Nature Geoscience“.

Die Psychotherapie ist in China ein noch junger Behandlungszweig. „Über lange Zeit wurde krankes, nicht-konformes Verhalten als kriminell angesehen und politisch sanktioniert. Statt wie bisher die Umerziehung zu versuchen, sieht man jedoch heute in China die Belastungen, die Symptomatiken und Behandelbarkeit von psychischen Erkrankungen. Heute fördert China die Entwicklung der Psychotherapie sehr.“ Dieser Bewusstseinswandel habe sich in den letzten 15 Jahren vollzogen, parallel zum starken wirtschaftlichen Aufschwung und der zunehmenden westlichen Orientierung des Landes. „Man ist sich heute bewusst, dass die starken gesellschaftlichen Veränderungen, die dieser Boom ausgelöst hat, auch enorme psychische Belastungen mit sich bringen“, so Senf. Da sich traditionelle Lebensformen weiter auflösen und die Beziehungen zwischen Nation, Kollektiv, Familie und Individuum in Spannung bringen und verändern, sei in China noch einiges an psychischen Konflikten vorprogrammiert.

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