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Ruth Cohn ist tot: Hoffnung gegen das Grauen in der Welt

In einer Meldung teilt das RCI mit, dass die Psychotherapeutin und Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI) am Samstag, den 30.Januar 2010 im Alter von 97 Jahren in Düsseldorf gestorben ist…

Fast 100 Jahre lang war sie Zeugin des 20. Jahrhunderts mit seiner leidvollen und brutalen Geschichte und mit seinen hoffnungsvollen Aufbrüchen. Ruth Cohn war dieser Geschichte ausgeliefert und hat sie – jedenfalls auf dem Gebiet der Pädagogik und Psychotherapie – dank ihrer genialen Intelligenz und Einfühlsamkeit und ihres Engagement mitgestaltet. Wer sie erlebt hat, hat sie in Erinnerung als kleine Frau mit großer Ausstrahlung, lebhaft und nachdenklich, humorvoll und klug, optimistisch und realistisch zugleich, eine Zauberin und schließlich weise Frau.

„Zu wissen, dass wir zählen“ ist der Titel eines Gedichtbandes von ihr; zu wissen: dass jeder Mensch wert ist zu leben und dass jeder Mensch durch sein Handeln die Welt um ein Ministück verändert.

Als Kind von einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus geprägt, mit Fragen nach (sozialer) Gerechtigkeit und nach religiöser Dimension. Als Studentin geprägt von Erlebnissen nationalsozialistischer Grausamkeit. Sie war wach wie wenige für die bedrohlichen Entwicklungen. Ihre Ausbildung absolvierte sie in Zürich, wo sie sich erst der Psychoanalyse zuwandt, um heilend mit Menschen arbeiten zu können.

Als Emigrantin in den USA erfährt sie die Nicht-Anerkennung ihrer Qualifikation, erlebt Fremdheit und materielle Sorgen. Sie hat schließlich aber auch Anteil am Aufbruch in den USA der 40er bis 60er Jahre. Hier wird nach dem Schock der Weltwirtschaftskrise und den Erfahrungen mit durch Kriege und Verfolgung traumatisierten Menschen in Psychotherapeutenkreisen neu nachgedacht; über Menschlichkeit und Mensch-Sein, einschließlich aller Schattenseiten. Aus verschiedenen – zunächst nicht vernetzten – therapeutischen und pädagogischen Ansätzen entwickelt sich mit zunehmendem Austausch untereinander die Humanistische Psychologie als dritte Kraft zwischen Psychoanalyse und Behaviourismus. Ungeheurer Optimismus beflügelt die UrheberInnen, die hoffen durch pädagogisch-therapeutische Arbeit mit Einzelnen und Gruppen gesellschaftliche Veränderungen bewirken zu können.

Zu wissen, daß ich zähle.
Zu wissen, daß du zählst.
Zu wissen, daß jeder Mensch zählt,
ob schwarz, weiß, rot oder braun.

Die Erde zählt.
Das Universum zählt.
Mein Leid zählt.
Dein Leid zählt.
(Wenn du dich nicht um mein Leid scherst und mir dein Kummer gleichgültig ist, werden wir beide von Hunger, Krankheit und Massenmord ausgelöscht werden).

Ruth Cohn entwickelt die Themenzentrierte Interaktion (TZI), ein Konzept ganzheitlichen lebendigen Lernens, das eindeutig an Werten orientiert ist. So wird man auch in Europa auf Ruth Cohn aufmerksam, lädt sie ein zu Kongressen und Workshops. Sie entschließt sich, zurückzukehren und von der Schweiz aus, wo sie in der Ecole d’Humanité als Beraterin tätig wird, TZI zu lehren.

Generationen von TZI-Lernenden und -Lehrenden verdanken ihr entscheidende Impulse und Veränderungen in ihrem Leben und sind mit der TZI ermutigt, in Verantwortung für sich selber und in Achtsamkeit gegenüber anderen und den Bedingungen der Umwelt ,sich den Herausforderungen durch Aufgaben zu stellen (was leicht gesagt ist und lebenslanger Übung wert!).

Es gilt, Augen und Ohren vor dem Grauen in der Welt nicht zu verschließen und dennoch das Schöne am Leben wahrzunehmen und zu genießen und in kleinen Schritten dazu beizutragen, wertebewusst verführendem Massensog zu widerstehen und Menschlichkeit zu bewahren.

Quelle:

Hintergrund:

  • Ruth Cohn: „Die Couch ist zu kurz
    Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion
  • Bis 120!
    Ruth Cohn zum 88. Geburtstag
    Ursprünglich hatte sie nicht vor, in die alte Welt zurückzukehren. Die Resonanz auf ihr Tun war so berührend, daß sie in den siebziger Jahren in die Schweiz übersiedelte, wo sie heute noch lebt. Ihr Vermächtnis schlägt sich in ihrem Buch „gelebte Geschichte der Psychotherapie“ nieder…

Bücher:

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