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haGalil-Themenschwerpunkt: Bruno Bettelheim

Bruno Bettelheim: Ein streitbarer Psychoanalytiker und skeptischer Pädagoge. Eine Sammlung zum 20. Todestag eines jüdischen intellektuellen Pragmatikers…

„Ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, ob der Mensch so viel ertragen kann, ohne Selbstmord zu begehen oder verrückt zu werden.“
Bruno Bettelheim, 1943 (in: „Individuelles und Massenverhalten in Extremsituationen“)

„If everyone agreed with me I know I would be doing something wrong. I like to be unpopular.“
Bruno Bettelheim (in: Raines, 2002, S. xxi)

“Bettelheim is indeed a charismatic man, but his charisma can go both ways: positively or negatively. Certainly he knows that Love Is Not Enough, and he is not afraid of hate. He has strong opinions, and he often invites strong reactions, but neither his book nor his program at the Orthogenic School is empty.”
Rudolf Ekstein, 1969 (Ekstein 1969a, S. 2)

„Mein Ziel war, das zu sagen, was ich sagen wollte, und das, so gut ich konnte. Und es ziemlich leicht verständlich zu machen. Ich versuche, allgemein verständlich zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich es geschafft habe, aber ich habe es versucht.“
Bruno Bettelheim, 1990 (in: Fremon, 1994, S. 110)

Bruno Bettelheim, ein Überlebender der Schoah, der zu Lebzeiten als einer der bekanntesten und angesehensten amerikanischen Psychoanalytiker und Pädagogen wie auch als ein Experte zur Psychologie der Extremsituation galt, stammt aus einer assimiliert jüdischen Familie. Am 28.8.1903 in Wien geboren wuchs er dort auf, studierte an der Wiener Universität Germanistik, Philosopie und Geschichte, war in der pazifistisch orientierten Wandervogelbewegung engagiert und war mit einigen Pionieren der jungen psychoanalytisch-pädagogischen Aufbruchbewegung – Otto Fenichel, Wilhelm Reich, Fritz Redl und seine Cousine Edith Buxbaum seien genannt – befreundet.

Bettelheim machte aus eigener seelischer Not eine Analyse bei dem Wiener Psychoanalytiker Richard Sterba – der 1938 als Katholik aus Solidarität mit seinen jüdischen Kollegen in die USA emigrierte – und „adoptierte“ für etwas sieben Jahre gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau ein – zeitweise sogar zwei – autistische Kinder. Dessen Mutter war eine Amerikanerin, die zu Sigmund Freud gekommen war, weil sie sich von diesem Hilfe für ihr Kind versprach. Da Freud nicht mit Kindern arbeitete verwies er sie an seine Tochter Anna, die das Kind der Obhut der Bettelheims empfahl. Die Wurzeln für Bettelheims späteres milieutherapeutisches Engagement mit seelisch sehr gestörten Kindern und Jugendlichen in Chicago wurden hier gelegt.

Der Bettelheim-Biograph Roland Kaufhold (Kaufhold, 1993, 1994, 2001, 2003a, 2003b) („Annäherung an Bruno Bettelheim“ – die erste posthume Studie über Leben und Wirken Bruno Bettelheim / Bruno Bettelheim, Rudolf Ekstein, Ernst Federn: Pioniere der psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung) portraitiert in der umfangreichen biographisch-werktheoretischen Studie Bruno Bettelheim (1903 – 2003): Frühe biographische Wurzeln in Wien und sein psychoanalytisch – pädagogisches Werk die prägendsten Erfahrungen und Lebensstationen Bettelheims in Wien, wie auch dessen insgesamt 16 ins deutsche übersetzten Bücher – die alle noch leicht erhältlich sind. Wien, woran sich Bettelheim in seinen späten Schriften in nostalgisch-verklärter und doch zutiefst schmerzerfüllter Weise erinnern sollte, blieb für den psychoanalytischen Emigranten und Schoah-Überlebenden eine sein späteres pädagogisch-therapeutisches Engagement sowie seine theoretischen Schriften prägende Erfahrung. Ohne diesen Wiener Hintergrund, seine psychoanalytischen Erfahrungen und Begegnungen im „Wien Sigmund Freuds“ (Bettelheim, 1990, S. 15) ist Bettelheims kometenhaften Aufstieg in seiner neuen Heimat, den USA, ab dem Jahr 1939 nicht verstehbar.

Bettelheim promovierte im Februar 1938 an der Wiener Universität zum Thema „Das Problem des Naturschönen und die moderne Ästhetik“. Kurz darauf, im Mai 1938, wurde Bettelheim zuerst nach Dachau, kurz darauf nach Buchenwald verschleppt. Knapp elf Monate verbrachte Bettelheim in Dachau und Buchenwald, bis zu seiner glücklichen Emigration in die USA, die seine zweite Heimat werden sollte.

Dort, in Buchenwald, lernte Bettelheim den psychoanalytisch vorgebildeten Ernst Federn sowie den Psychoanalytiker Dr. Otto Brief – ein Schüler Wilhelm Reichs – kennen. Nach Ernst Federns Befreiung nahm Bettelheim brieflich wieder Kontakt mit diesem auf. Am 21.8.1945 erneuerte Ernst Federn seine Freundschaft mit dem elf Jahre älteren Bettelheim. Er schrieb ihm:

„Lieber Bruno, Dein Brief vom 11. Juli (1945) hat mich ganz außerordentlich gefreut, von Vergessen kann überhaupt keine Rede sein. Ich weiß noch wie heute, es war beim Ziegelschupfen, als ich Dich wegen eines Blödsinns mit „Niemand“ beschimpfte und sich daran eine Diskussion und zuletzt Bekanntschaft und wie ich hoffe auch Freundschaft geknüpft hat.  Nun freue ich mich sehr, dass es Dir gut geht und bin ausserordentlich an Deiner Arbeit über das Konzentrationslager interessiert.“ (Kaufhold, 1999a, S. 220)

Im Konzentrationslager Buchenwald hatte ihre Freundschaft begonnen. Bettelheim war sehr viel glücklicher als Federn gewesen: nach knapp 11 Monaten wurde er, durch glückliche Umstände bedingt, aus der KZ-Haft entlassen – mit der Auflage, binnen einer Woche zu emigrieren. Mehrere prominente Amerikaner, darunter auch die einflussreiche amerikanische Mutter des von ihm „adoptierten“ autistischen Mädchens sowie seine Cousine Edith Buxbaum – eine außerordentlich mutige antifaschistische Kämpferin, die in Wien Gymnasiallehrerin und Psychoanalytikerin war –  hatten sich nachdrücklich für seine Freilassung eingesetzt.

Ernst Federn hingegen wurde sieben Jahre lang in Dachau und Buchenwald gefangen gehalten und erlangte erst am 11.4.1945, nach der Befreiung Buchenwalds durch amerikanische Truppen, die Freiheit. Ihre enge Freundschaft und die wissenschaftliche Zusammenarbeit dieser beiden Pioniere einer Psychologie des Terrors ist in ihrem 45 Jahre umspannenden Briefwechsel dokumentiert worden (vgl. Kaufhold, 1999a). In der Studie Zum Briefwechsel zwischen Bruno Bettelheim und Ernst Federn – zeichnet Roland Kaufhold für haGalil diesen Briefwechsel – welchen Ernst Federn ihm 1997 zur wissenschaftlichen Publikation anvertraut hatte – nach…

weiter: hagalil.com/archiv/2010/03/09/bettelheim-einfuehrung

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