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Ethik und Medizin: Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft

Die Sozialhygieniker verankerten »Gesundheit« in der Gesellschaft – ihre Bemühungen zielten letztendlich auf Bevölkerungsgesundheit, nicht nur auf die Besserstellung und Gesundheit der unteren Sozialschichten. Soziale Gerechtigkeit bedeutete ihnen Gleichstellung aller vor der Gesundheit…

Dieses Buch bietet die erste Gesamtschau der Sozialhygiene als Wissenschaft in Deutschland. Gesundheit wurde unter starker deutsch-jüdischer Teilhabe zum Wissenschaftsobjekt! Was entstand, war eine frühe Form der Gesundheitswissenschaft, die sich auf Statistik, Interdisziplinarität, Epidemiologie und Gesundheitsfürsorge stützte und die durch ihre ätiologische und prophylaktische Sichtweise von Gesundheit und Krankheit das Selbstverständnis der Medizin revolutionierte.

Anhand von sieben Profilen deutsch / deutsch-jüdischer Wissenschaftler zeichnet das Buch die Geschichte der Sozialhygiene nach und zeigt, wie sie schließlich dem NS-Terror zum Opfer fiel. Nicht zuletzt verdeutlicht es ein tragisches Geschehen: Alfred Grotjahn, der Initiator, inkorporierte mit seiner Eugenik einen Explosivstoff von großer Sprengkraft in das Fundament des jungen Fachs.

Wilfried Heinzelmann (Dr. PH Dr. med., MPH, exam. Theol., Facharzt für Innere Medizin) betätigt sich freiberuflich und publizistisch als Gesundheitswissenschaftler mit den Schwerpunkten Prävention, Gesundheitsförderung und Schulgesundheit.

Wilfried Heinzelmann:
Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft
Die deutsch/deutsch-jüdische Avantgarde 1897-1933.
Eine Geschichte in sieben Profilen

Die deutsche Sozialhygiene trägt – nicht ohne Mitschuld – einen zweifachen Makel in Gestalt ihrer nachträglichen Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus als Rassenhygiene und durch den ostdeutschen Überwachungsstaat als sozialistische Frühform einer kommunistischen Gesundheitskonzeption.

Wir verwenden heute den (amerikanischen) Public Health Begriff .

Der Autor des vorliegenden Buches geht weit und kritisch reflektierend über die bisherigen eher fragmentarischen Arbeiten zur Geschichte der deutschen Sozialhygiene hinaus, indem er nicht nur integrativ die Personen- und Werksgeschichte darstellt, sondern sie angesichts der Zahl und Bedeutung der jüdischen Vertreter auch als Ausdruck einer Wesenskongruenz zwischen Wissenschaftlern deutscher und deutsch-jüdischer Familienherkunft zu verstehen sucht.

Eine Schwierigkeit dieser Sichtweise liegt darin, dass es sich ja im Selbstverständnis der jüdischen Deutschen auch damals schon weit überwiegend um deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens und/oder jüdischer Abstammung gehandelt hat, die sich wohl eher selten als Juden im nationalen Sinn verstanden haben, trotz des von Theodor Herzl Ende des 19. Jahrhunderts ausgelösten Zionismus. Aber es bleibt doch auff ällig, wie hoch der Anteil jüdisch-deutscher Sozialhygieniker ist, selbst im Umfeld Grotjahns, dessen Gedankenwelt noch die größte Nähe zum Nationalsozialismus aufweist, wenngleich seine Eugenik nicht die »Aufartung« einer Rasse, sondern die Einschränkung der Reproduktion als minderwertig klassifi zierter Menschen gerichtet war.

Mit der Vertreibung und Ermordung der deutsch-jüdischen Wissenschaftselite kam auch das Ende der Sozialhygiene. Ich bin nicht der Auff assung, dass schon die utopistische Radikalität Grotjahns für das Fach den Keim des defi nitiven Zerfalls in sich trug, sondern meine, dass sich unter den Bedingungen einer off enen gesellschaftlichen Entwicklung humanere, die Würde des Einzelnen berücksichtigende Ansätze hätten durchsetzen können, so wie sie etwa von Gottstein und A. Fischer vertreten wurden.

Die vom Verfasser hier vorgelegte problemgeschichtlich-ergographische Untersuchung zur Entwicklung der Sozialhygiene in Deutschland gliedert sich in drei große Kapitel: Geschichtlicher Werdegang; Theoriebildung, Gestaltung und Blüte; Existenzkampf im Terror der NS-Machtübernahme.

Der Autor lässt die neuzeitliche Entwicklung mit dem Revolutionsjahs 1848 beginnen, d.h. mit dem jungen Rudolf Virchow und mit Salomon Neumann,7 den nicht nur ich als eigentlichen Vorfahr der deutschen Public Health Entwicklung sehe. Die anderwärts geübte unkritisch historisierende Applikation des Begriff s der Gesundheitswissenschaft(en) für den Zeitraum vor 1848 ist m.E. unzulässig.

Das dritte abschließende Hauptkapitel ist dem Untergang und exemplarisch deutsch-jüdischen Wissenschaftlerergobiographien gewidmet. Diese Texte kann man nicht ohne innere Bewegung und Anteilnahme lesen. Die Verstümmelung der deutschen Geschichte durch den Nationalsozialismus wird hier wie unter einem Brennglas noch einmal überdeutlich. Wer von den deutsch-jüdischen Wissenschaftlern emigrieren konnte, erlebte in den Zielländern aufgrund harter Niederlassungsbestimmungen zumeist eine weitere lebensgeschichtliche Katastrophe. Nur wenige hatten die Chance, berufl ich erneut Fuß zu fassen. Eine wichtige Ausnahme stellt die im 2. Weltkrieg neutrale Türkei dar, die eine große Anzahl deutscher Wissenschaftler aufnahm. So wirkte Albert Eckstein mit großem Erfolg seit 1935 an der Universität Ankara.9

Prof. Dr. med. Ulrich Laaser Fakultät für Gesundheitswissenschaften Universitiät Bielefeld

Schlagworte: Public Health, Sozialhygiene, Gesundheitswissenschaften, Judentum, Eugenik, NS-Regime, Alfred Grotjahn
Gesundheitswissenschaften, Medizingeschichte, Sozialgeschichte, Genetik

1 comment to Ethik und Medizin: Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft

  • Ketzele

    Das Buch versucht erstmals eine Gesamtschau der Sozialhygiene als Wissenschaft, deren historische Existenz man ziemlich genau im Zeitraum von 1897-1933 ansetzen kann. Die Sozialhygieniker erhoben Gesundheit zum Wissenschaftsobjekt. Sie dokumentierten ihre Erkenntnisse und Einsichten, zunächst weitgehend beschränkt auf den deutschsprachigen Raum, in einer Flut von wissenschaftlicher, an neuen Methoden ausgerichteter Literatur…

    Eine Literaturgeschichte der Sozialhygiene wäre ein Stück Lebenswerk eines Einzelnen oder das Produktionsergebnis eines ganzen (multidisziplinären) Teams, das sich aber lohnte. Hier kann von einem Einzelnen in beschränkter Zeit nur eine kleine – angedachte – Version vorgelegt werden. Wünschenswert wäre ein großes Mehrfrauen- und -männerbuch, in dem von Experten die Beziehungen der wissenschaftlichen und angewandten Sozialhygiene auch zu den Verhältnissen in den europäischen Ländern bis weit nach Osteuropa und Russland sowie im angelsächsischen Raum ausgeleuchtet und die Sozialmedizin in der alten Bundesrepublik sowie die Sozialhygiene in der ehemaligen DDR im Zusammenhang mit den sozialhygienischen Ansätzen im revolutionären und nachrevolutionären marxistisch-sowjetischen System mit erfasst würden.

    Aus dem Vorwort des Autors