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1897-1933:Die deutsch-jüdische Avantgarde der Sozialhygiene

Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft und Vorläufer der ‚Public Health’…

Wilfried Heinzelmann im Interview*

Stichwort »Bücher die die Welt nicht braucht«. Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?

Weil im Zeitalter von Globalismus und »Krise« Freiheit und soziale Gerechtigkeit bedroht sind. In der deutschen Sozialhygiene 1897 – 1933 erweisen sich die neuen Probleme als die alten. Es musste A. Grotjahns Versuch entgegengewirkt werden, seine »rationelle« Eugenik zu realisieren, ein sozialtechnologisches Programm zur Ausrottung erblicher Degenerationen, möglich nur in einem autoritären Staat. Dann galt es, soziale Gerechtigkeit auf dem Weg über Bevölkerungsgesundheit, d.h. durch gesetzliche Gleichstellung aller Bürger vor der Gesundheit zu gewährleisten.

Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Die Perspektive, dass schon zu Beginn des Jahrhunderts und nicht erst 1980 die Gesundheitswissenschaften in unserem Land ihren Anfang nahmen, nur abrupt unterbrochen durch die Nazis.
Gesundheit ist im wachsenden Diesseitigkeitsglauben seit der Aufklärung an die Stelle der religiösen Inhalte ins Zentrum unserer existentiellen Grundanschauungen gerückt. Gesundheit und Krankheit müssen aus zwei Blickwinkeln beurteilt werden, aus individueller Sicht und aus epidemiologischer, d.h. aus Bevölkerungssicht. Nur dadurch erkennt man Gesundheit als das Primäre.

Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Im Zusammenhang mit einer Umorientierung der deutschen Geschichtsforschung und steigendem Interesse englischsprachiger Autoren wandte sich um 1980 das Interesse vermehrt jüdischen Sozialhygienikern und nazistischen Verfolgungstaktiken zu.
Erst der Exodus der jüdischen Experten 1933, der das Fach ausbluten ließ, machte deutlich, wie stark die deutsch-jüdische Fraktion in der Disziplin wirklich war. Diskussionen löste die Erkenntnis aus, in welchem Ausmaß sich A. Grotjahn, der Begründer des Fachs, am Abbau bürgerlicher Freiheiten beteiligte.

Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren und warum?

Mit jedem, der an den schwer errungenen bürgerlichen Rechten in unserer Republik strikt festhält – oder im Gegenteil gerade dies nicht zu tun gedenkt. Es ist eben nicht richtig, zu glauben, sie seien unabänderlich gesichert. Das Beispiel Grotjahns und partiell auch seiner deutsch-jüdischen Mit- und Gegenspieler in der Sozialhygiene zeigt, wie auch hervorragende Wissenschaftler, fast nur halb bewusst, politisch verhängnisvolle Wege einschlagen können. Das Glück, mit einem Politiker über ein (solches) Buch zu diskutieren, wird sich allerdings kaum ergeben.

Ihr Buch in einem Satz:

Mein Buch soll ein Zeugnis sein für die Aktualität problemgeschichtlicher Betrachtung: Anfängen nachzuspüren, um unsere Gegenwart illusionslos zu verstehen.

Auszug aus dem Buch:

SOZIALHYGIENE ALS GESUNDHEITSWISSENSCHAFT

Das Anliegen der Sozialhygiene war – wir müssen es hier noch einmal betonen – taktisch ein zweifaches: einmal die sozial-gesundheitliche Praxis durch Wissenschaft wirkungsvoll zu gestalten und sodann die praktische Gesundheitsarbeit, die Arbeit an der Bevölkerungsgesundheit z.B. in der Gesundheitsfürsorge als ihrem Hauptsektor durch Aufbau einer »Verfassung«, durch Stabilisierung im System jetzt und in der Zukunft überlebensfähig zu machen.

Gerade auch die Sorge um die Bevölkerungsgesundheit in der Welt von morgen, im Zeitalter kommender Generationen stand in ihrem Programm. Von Anfang an suchte die Sozialhygiene deshalb in irgendeiner Form, insgesamt auf den verschiedenen Wegen eher indirekt, die Anbindung an den Staat. Tatsächlich wurde über Gottstein die Gesundheitsfürsorge, das Herzstück der Sozialhygiene, langzeitig überlebensfähig und weiträumig sowohl effektiv als effizient durch eine semisozialisierte »Verfassung« in Form ihrer überwiegenden Kommunalisierung. Die Schwächen dieses »Systems« zeigten sich in der Wirtschaftskrise 1929 ff ., in der die Kommunen unter der Last ihrer amerikanischen (!) Anleihen fast zusammenbrachen, und in den Folgen des »Gesetzes zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens« 1933, durch die sich die kommunalen Institutionen dem Zugriff eines ruchlosen Machtstaates ausgeliefert sahen.

Dennoch erlebte das Prinzip auf verschlungenen Wegen bis in unsere Tage in der Sozial- und Gesundheitsgesetzgebung eines freiheitlichen deutschen Staatswesens eine gewisse Renaissance. Es gehörte durch Festigung des Sozialgedankens beim politischen Wiederaufbau nach 1945 zu den Kräften, die über die »soziale Marktwirtschaft« den deutschen demokratischen Sozialstaat konstituierten.

Das Phänomen der Staatsaffinität sozial-gesundheitlicher Bevölkerungsarbeit verweist auf ein der Sozialhygiene von Anfang an innewohnendes Spannungselement, das diese zunehmend verunsicherte und das untrennbar mit dem Namen Grotjahns verknüpft ist. Es hat dafür gesorgt, dass sich innerhalb der Gründerriege sozusagen unter der der Decke ein »Fall Grotjahn « entwickeln konnte.

Der agile, vielseitig interessierte Arzt und Publizist erfuhr seine Lebens- und Laufbahnprägung durch die Schule der »Internationalen Eugenik«, einer seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zur faschistischen Katastrophe weltweit angesehenen Bewegung, in der er sich besonders in seiner Frühzeit aktiv betätigte. Deren beiden Grundprinzipien der Legitimierung durch Wissenschaft und Bewährung der Erkenntnisse durch Praxisumsetzung übertrug er auf die Sozialhygiene, für deren Heraufkunft als einheitlicher Prototyp er sich in jenen Jahren einsetzte. Durch seine neuartigen Perspektiven erwarb er sich als sozialhygienischer Arzt unstreitige Meriten. In der Pathologie rückte er die Ätiologie vor Symptomatologie und Formenlehre an die erste Stelle, um in eben dieser Ätiologie im Ursachengeschehen neben dem Umweltfaktor gleichwertig den Erbfaktor zu installieren. Damit verstärkte er in der Medizin die Anstrengungen zur Erforschung der Erbkrankheiten und schärfte zugleich den Sinn für die nähere oder weitere genetische Bedingtheit von Gesundheit und ihren Störungen vor allem chronischer Art in der Gesellschaft. Die Entdeckung der nichtinfektiösen, nach heutigen Erkenntnissen vielerlei genetisch determinierten »Volkskrankheiten« geht in hohem Maße auf sein Konto. Der Erbfaktor als Teilstück im Risikofaktorenmodell der Volkskrankheiten gewann noch in jüngerer Zeit wachsende Bedeutung.

Der Autor der »Sozialen Pathologie« verfing sich jedoch in fataler Weise auf ideologischem Parkett, als er aus der Sozialhygiene heraus, letztendlich ex cathedra vom ordentlichen Lehrstuhl des Fachgebiets aus die nationale Version einer radikalen, sich ganz im Geiste der internationalen Mutterbewegung als wissenschaftliches und zugleich praktikables Projekt verstehenden Eugenik kreierte. Seine »praktische« Eugenik sollte möglichst ab sofort, wenn auch über einen langen Zeitraum, ein therapeutisches-interventionelles Programm verwirklichen zur Förderung und allmählichen Verbesserung des Gesundheitszustands großer Bevölkerungsgruppen, ja ganzer Bevölkerungen. Dazu war allerdings die konkrete Ausführung, wie taktisch-kryptische Formulierungen im seinem Schrifttum verraten, der Kontrolle bzw. dem autoritären Regime eines konsolidierten totalitären Staates zu unterwerfen. Nun lässt sich bei kollektiv sozial-gesundheitlicher Obsorge, im Wohlfahrtsstaat oder gar Versorgungsstaat Staatsaffi nität, wie oben angemerkt, nie gänzlich vermeiden.

Grotjahns Lösungsvorschlag für das gesellschaftliche Degenerations- bzw. Minderwertigenproblem mit amtlich-bürokratischer Erfassung von gesundheitlichen und genetischen Daten aller Bürger, prospektiv auch der nächsten Generationen in bevölkerungspolitischem Stil und die »gesetzliche« Auferlegung von Maßregeln im generativen Bevölkerungsverhalten bedeutete aber die fi nale Zuspitzung des Staatsprinzips in der Gesundheitsgesellschaft. Grotjahn und seine Freunde, als sie die Sozialhygiene konzipierten, bekannten sich als Ärzte innerhalb der Medizin zur (sozialen) Ätiologie, Frühdiagnose sowie Prävention/ Prophylaxe in Form bevölkerungsweiter gesundheitspolitischer Intervention, die sie als Hauptpfeiler ihrer sozialen Gesundheitslehre/-fürsorge zugrunde legten. Was sie dagegen aus der Requisitenkammer der überkommenen Medizin verwarfen oder zumindest radikal ins Abseits stellten, waren die individuelle medizinische Therapie und ihr Wirksamkeitsanspruch.

Das geschilderte Modell, insbesondere auch mit Gesundheitsförderung durch eine die individuelle Therapie ersetzende bevölkerungsspezifi sche Intervention, faszinierte Grotjahn speziell im Hinblick auf seine innerhalb der Sozialhygiene auf Praxistauglichkeit fortzuentwickelnde Eugenik. Die hier sich darstellende Möglichkeit sozialtechnologisch exakter interventioneller Eingriff e zur Gesundheitsmaximierung an Großeinheiten wie ganzer Populationen bildete für den naturwissenschaftlich orientierten Arzt off enbar von Frühzeiten an bis zuletzt eine unwiderstehliche Versuchung. Grotjahn hätte sich vom Erkenntnisstand seiner Theorie der erblichen Anlagestörungen aus auf das Gebiet der Diagnostik beschränken, im individuellen Fall Diagnostik betreiben, präventionell durch Beratung der Weitergabe der Anlage entgegenwirken und sich auf die soziale Abfederung der Betroffenen konzentrieren können (wie es die anderen Sozialhygieniker im Wesentlichen auch taten). Die entschiedene Wendung von der medizinischen Diagnose pathologischer Erbfaktoren zur Prävention und damit zur kollektiven Therapieseite hin, genauer zur bevölkerungspolitischen Sozialtherapie der Erbschäden mit den Zwangsmitteln einer kollektiven Eugenik unter totalitärem Staatsdach lässt sich nur erklären aus dem für einen perfektionistischen Charakter wie Grotjahn verführerischen sozialtechnologisch glatten Interventionsansatz. Dennoch hätte er – wollte er einer Katabasis eis allo genos entgehen – ähnlich wie die Erforschung der Erbstörungen auch ihre individuelle oder kollektive Therapie der Medizin oder den biologischen Schwesterdisziplinen überlassen müssen.

Auch damals schon verbot sich jenseits des vielberufenen Zeitgeists für jeden besonnen Forscher aus mehreren Gründen ein solches Mammutprojekt nach Umfang und Zeitdauer wie die sozialtechnische Elimination unliebsamer Erbanlagen. Statistisch gab es keinen Anhalt für ein Fortschreiten der Degeneration im (interventionsfreien) Erbgang der Bevölkerung, eher sprach alles dagegen (1). Die radikale Methode erforderte unabweislich den Zwangsstaat (2). Die Gängelung der Bevölkerung auf generativem Gebiet mittels psychoinvasiver Methoden spottete jedem ethischem Standard (3). Die immer größere Volkskreise anvisierende Asylierungskampagne in Grotjahns wissenschaftlichen Publikationen leistete einer politischen Internierungsmentatlität Vorschub, die den NS-Machthabern bei ihren Terrormaßnahmen gegen unliebsame Staatsbürger zustatten kam (4). Der Fusion von Sozialhygiene und Eugenik bei ständigem Grün für Letztere, wie sie Grotjahn in maliziöser Weise betrieb, eignete ein Autolyse-Eff ekt: Sollte dem eugenischen Bevölkerungsexperiment Erfolg beschieden sein, wäre die Sozialhygiene quasi von selbst erledigt (5). Epidemiologisch und unter statistisch-mathematischen Kautelen leidet die Anordnung der Grotjahn’schen »Therapiestudie« unter dem Strukturfehler, dass sich die Voraussagbarkeit der Ergebnisse eines zeitgerichteten Untersuchungablaufs auf maximal 2 Jahrzehnte beschränkt, nicht aber wie beim eugenischen Großprojekt über mehrere Jahrhunderte ausdehnt. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht off eriert sich das Projekt damit von vornherein als Utopie (6).

Obwohl Gottstein und seine sozialhygienischen Stifterkollegen in keiner Weise dem eugenischen Automatismus in der Bevölkerungslehre verfielen, verwahrten sie sich zu seinen Lebzeiten nicht ausdrücklich gegen Grotjahns Spiel mit dem Feuer. Erst posthum entlarvte Gottstein als Erster und Einziger ohne Namensnennung Grotjahns eugenischen Praxisversuch als Utopie. Wie sich die Sozialhygieniker gegenüber der Eugenik Grotjahn’scher Prägung distanzierten – bei formaler Rezeption ihrer Beratungsform –, lässt sich nur auf literarographischem Weg durch Analyse ihrer einschlägigen Literaturbeiträge erfassen. Vor allem Gottstein und Alfons Fischer waren es demnach, bei denen sich der neue freie Denkstil, den auch Grotjahn in seiner Frühzeit als Sozialhygieniker auszeichnete, ungetrübt entfalten konnte. Beide leisteten entscheidende Beiträge zur Szientifikation der Sozialhygiene, Gottstein durch seine Epidemiologie, in der nicht nur demonstrative, sondern auch analytische Statistik zur Anwendung kam, Fischer durch die literarische Systematisierung des Quellenstoff s. Als Mitbegründer der in ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzenden Konstitutionslehre gehört Gottstein zu den Schöpfern der in der Krankheitslehre bis heute gültigen mehrgliedrigen Ätiologieformel. Schließlich erarbeitet er sich den Spitzenplatz in der Sozialhygiene, indem er ihrem Hauptressort, der Gesundheitsfürsorge, durch Kommunalisierung eine hocheffiziente halböffentliche Verfassung als Existenzgrundlage verschaffte, die ihr eine Nachwirkung bis in unsere Tage ermöglichte.

Die Sozialhygiene stellt sich bei zusammenfassender Betrachtung ihrer Literatur im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts als wissenschaftliche Avantgardedisziplin deutsch/deutsch-jüdischer Provenienz dar mit neuen Beurteilungskriterien für Gesundheit und Krankheit in Bevölkerung und Gesellschaft. Einmal handelt es sich bei ihr nach dem gedruckten Quellenmaterial in Theorie und Praxis um die legitime Vorläuferschule der heutigen, sich seit ca. 1980 formierenden deutschen Gesundheitswissenschaften. Mit ihren Perspektiven, Inhalten und Methoden ist sie sodann bereits selbst Gesundheitswissenschaft. Für die Sozialhygiene beanspruchte den Begriff (im Singular) in der Literatur ertmals Gottstein 1904 (und nicht – wie bisher angenommen – erst im Handbuch von 1925). Als Gesundheitswissenschaft konstruiert die Sozialhygiene Gesundheit nicht länger aus der Sicht allein des Individuums. In den Vordergrund stellt sie das Kollektiv, anfänglich das der unteren Volksschichten, aber im Gang der Zeit das Gesamtkollektiv der Bevölkerungsmasse.

Die Gesundheit des Einzelnen hängt ab vom epidemiologischen Geschehen, wie es sich aus der Konstellation sozio-ökonomischer, ökologischer und genetischer Eckdaten und Rahmenbedingungen ergibt.

Es ist der Zustand einer Bevölkerung oder Gesellschaft, der letztendlich über die Gesundheit des Einzelnen enscheidet – nicht nur körperlich, sondern bis hinein in den Bereich individueller psycho-sozialer Kompetenz.

*) Wilfried Heinzelmann (Dr. PH Dr. med., MPH, exam. Theol., Facharzt für Innere Medizin) betätigt sich freiberuflich und publizistisch als Gesundheitswissenschaftler mit den Schwerpunkten Prävention, Gesundheitsförderung und Schulgesundheit.

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