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Aaron T. Beck: Schluss mit negativen Gedanken

Der Begründer der kognitiven Therapie setzte auf Verhaltensänderung durch Einsicht: Aaron Beck half seinen Patienten, automatisch ablaufende, selbstschädigende Gedanken zu erkennen und durch konstruktivere Einstellungen zu ersetzen. Damit gehört er zu den Protagonisten der kognitiven Wende in der Verhaltenstherapie…

psychologenAus Teil IV, 27, Lern- und kognitionspsychologische Ansätze,
von Christiane Schlüter, Die wichtigsten Psychologen im Porträt

Weg

Aaron T. Beck wird 1921 in Providence, Rhode Island, geboren. Er studiert Medizin an der Brown University in Providence und ab 1942 an der Yale University in New Haven, Connecticut, wo er 1946 promoviert wird. Sein ursprüngliches Berufsziel ist Psychiater, jedoch lässt er sich zunächst zum Neurologen ausbilden, weil er an der Psychiatrie die damalige Praxis des Wegschließens und Verwahrens kritisiert. Während einer Vertretung auf einer psychiatrischen Station stellt er dann fest, dass sich diese Zustände inzwischen gebessert haben, und sattelt doch noch um.

Als Psychiater befasst sich Beck unter anderem mit Langzeitpsychotherapie, er ist als Supervisor an einem psychoanalytischen Institut tätig und während des Koreakrieges 1950-1953 als stellvertretender Chefarzt in der Neuropsychiatrie eines Militärkrankenhauses. 1954 geht er als Professor für Psychiatrie an die University of Pennsylvania, wo er bis zu seiner Emeritierung bleibt. Hier beginnt er, die Depression psychoanalytisch zu erforschen, wendet sich dann jedoch vom psychoanalytischen Ansatz ab und entwickelt die von ihm so genannte kognitive Therapie. Er befasst sich vor allem mit der Behandlung von Depressionen, aber auch mit der Therapie von Suizidgefährdeten, von Angst- und Suchterkrankten, Schizophrenen und Patienten mit Borderline-Syndrom. Die Arbeitsweise der kognitiven Therapie legt er als Autor oder Co-Autor in 17 Büchern dar, dazu kommen hunderte Aufsätze – die Gesamtzahl seiner Publikationen liegt bei über 450.

Aaron T. Beck wird von Fachleuten unter die fünf einflussreichsten Psychotherapeuten der Geschichte gezählt. Auf seine Arbeiten in den 1950er- und 196oer-Jahren geht der mittlerweile selbstverständliche Ansatz zurück, unterschiedliche Therapiemethoden durch einheitliche Bewertungsmaßstäbe wissenschaftlich vergleichbar und überprüfbar zu machen. Zahlreiche Auszeichnungen, zwei Ehrendoktorwürden, Gastprofessuren in Harvard, Yale und Columbia belegen Becks Bedeutung für die Psychologie.

Ideen

Wie Albert Ellis (s. Kap. 26) setzt auch Aaron T. Beck bei den Kognitionen an, mit denen der Patient Erfahrungen deutet, also bei seinen Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen. Seelische Probleme erklärt er entsprechend als Folge falscher Kognitionen. Alles gruppiert sich um das Selbstbild, das Beck als »persönliche Domäne« eines jeden Menschen bezeichnet. Das Selbstbild dient als Maßstab für die Bewertung der Ereignisse und die daraus folgenden Gefühle: Was als dem Selbstbild förderlich empfunden wird, löst positive Gefühle aus, was als schädlich empfunden wird, entsprechend negative. In seiner Arbeit mit Depressiven entwickelt Beck sein Modell der »kognitiven Trias« aus negativem Selbstbild, negativer Deutung der Erfahrungen und negativer Zukunftserwartung.

Während Ellis das Bindeglied der irrationalen Ideen aufdecken will, das zwischen einer Situation und der jeweiligen Schlussfolgerung steht, macht Beck seine Patienten auf die so genannten automatischen Gedanken aufmerksam, die bei ihnen wegen der »kognitiven Trias« immer wieder unbewusst ablaufen und für eine verzerrte Wahrnehmung der Ereignisse sorgen. Im Anschluss an einen vom Entwicklungspsychologen Jean Piaget (s. Kap. 23) verwendeten Begriff nennt Beck das Muster, nach dem ein Mensch bestimmte Situationen deutet und auf sie reagiert, ein Schema (vom griechischen Wort für Haltung, Gestalt, Form). Wenn zum Beispiel eine Frau wider besseres Wissen immer wieder zu ihrem gewalttätigen Mann zurückkehrt, so liegt dem ein Schema zugrunde. Schemata sind in vielen Fällen durchaus nützlich, nämlich als Organisationsform der kognitiven Strukturen: In ihnen bündelt der menschliche Geist Informationen zu einem bestimmten Thema und speichert sie ab. Schemata helfen, neue Informationen durch Wiedererkennungseffekte schneller einzuordnen und entsprechend zu handeln. So beeinflussen sie die Wahrnehmung, auch die Selbstwahrnehmung, und das bedeutet: Einmal eingeschliffene Muster können sich selbst immer mehr verstärken.

Ahnlich wie Ellis formuliert Beck Grundmuster von falschen Kognitionen, die ihm in ähnlicher Form bei Patienten immer wieder begegnet sind. Es handelt sich um:

  • Personalisierung:
    Der Betreffende bezieht alles auf sich, beispielsweise die schlechte Laune des Chefs.
  • Polarisierung:
    Der Patient denkt in Extremkategorien wie »immer« und »nie«, »gut« und »böse« und ist nicht dazu in der Lage, das »halbvolle Glas zu sehen«, wie man so schön sagt.
  • Selektive Abstraktion:
    Es wird nicht das Ganze einer Situation betrachtet, sondern nur bestimmte Einzelaspekte, die man damit überwertet. Wenn etwa bei einer Prüfung drei Noten gut und eine schlecht waren, wiegt die schlechte Note schwerer als alle guten zusammen.
  • Übergeneralisierung:
    Aus Einzelerlebnissen werden allgemeine Überzeugungen abgeleitet, zum Beispiel aus einer schlechten Erfahrung mit einem Menschen die Überzeugung, dass alle Menschen schlecht sind.
  • Übertreibung:
    Aus der sprichwörtlichen Mücke wird ein Elefant gemacht.

Die Patienten bekommen bei Beck als Hausaufgabe auf, sich im Alltag zu beobachten, um ihre automatischen Kognitionen zu entdecken und zu notieren. Im Therapiegespräch werden diese Gedanken und die möglicherweise dahinterstehende kognitive Trias analysiert. Der Patient lernt, dass seine Vermutungen und Schlussfolgerungen oft nicht den Tatsachen entsprechen, sondern subjektiv hergestellt worden sind. Gemeinsam mit dem Therapeuten erarbeitet er neue, förderliche Gedanken und wendet sie in konkreten Situationen an. Die positiven Erfahrungen werden die Gültigkeit der neuen Kognitionen bestätigen. So eröffnet sich ein konstruktiver Kreislauf anstelle des Teufelskreises der kognitiven Trias.

Die kognitive Therapie ist insofern mit der Verhaltenstherapie von Joseph Wölpe (s. Kap. 22) verwandt, als beide das seelische Problem als Verhaltensproblem sehen und bei der aktuellen Situation ansetzen, statt, wie in der Tiefenpsychologie, nach zurückliegenden Ursachen in der Lebensgeschichte des Patienten zu fragen. Jedoch beschränkt sich die klassische Verhaltenstherapie als Kind des Behaviorismus auf das beobachtbare Verhalten und versucht es mit Hilfe neurophysiologischer Mechanismen zu verändern. Die kognitive Therapie arbeitet hingegen mit den Gedanken- und Gefühlsstrukturen, die dem Verhalten zugrunde liegen. Damit bleibt auch diese Therapieform im Hier und Jetzt, sie setzt aber auf eine strukturelle Veränderung der Persönlichkeit durch Einsicht: Die Gedankensysteme sollen erkannt und positiv verändert werden. An diesem Prozess nimmt der Patient als aktiver Denker und Dialogpartner teil. Im Blick auf die Psychoanalyse (s. Kap. 7) betont Beck, dass die kognitive Therapie mit weitaus weniger Theorien auskommt als jene, was die psychische Organisation des Menschen betrifft. Zum Beispiel spricht sie statt des Freudschen Über-Ichs von negativen Kognitionen und bleibt damit näher am psychischen Geschehen. Bewusstes und Unbewusstes unterscheidet sie nicht, vielmehr sieht sie das Bewusstsein als einen einheitlichen Fluss.

Als erster Therapeut hat Aaron T. Beck die kognitive Therapie zur Behandlung von Depressionen eingesetzt. Deren Symptome führen leicht zu einer weiteren Verstärkung dieser Krankheit: Depressive Menschen sehen aufgrund ihrer Lethargie und ihrer negativen Gefühle alles durch die schwarze Brille, was die Störung verschlimmert. Indem sich die Patienten ihre negativen Kognitionen klarmachen und förderliche Alternativen formulieren, kann die Abwärtsspirale gestoppt werden. Die Wirksamkeit der kognitiven Therapie, zumal in Kombination mit antidepressiven Medikamenten, ist in vielen Studien belegt worden. Auch zur Behandlung von Ängsten, Suchterkrankungen und Partnerschaftsproblemen wird diese Methode angewandt. Heute herrscht in der kognitiv orientierten Verhaltenstherapie der Trend vor, über enge Schulgrenzen hinweg auf verschiedene nützliche erkannte Methoden zurückzugreifen. So kann etwa der kognitive Ansatz mit der systematischen Desensibilisierung und mit Entspannungsübungen kombiniert werden.

Übrigens: Verhaltenstherapeutische Ansätze arbeiten im Allgemeinen mit einer kürzeren Behandlungsdauer als tiefenpsychologische, damit ist jedoch nichts über eine bessere oder schlechtere Wirksamkeit ausgesagt. Fest steht allerdings, dass bei allen Therapieformen eine gelungene Beziehung zwischen Therapeut und Patient für den Erfolg der Behandlung unverzichtbar ist. Letztlich hängt die Empfehlung für eine Therapieform neben der fachlichen Indikation auch von den Lebensumständen des Patienten und dessen eigenen Wünschen ab.

1 comment to Aaron T. Beck: Schluss mit negativen Gedanken

  • Toni

    Realität ist dies,was wirklich tagtäglich der Mensch erlebt und die Gesundheit und auch das Geld wird immer rarer und die Welt (durch Elitemachtglobales) noch mehr kompleziert. Ja – weniger ist mehr und Qualität ist schon lange mein Motto und erfahrbar täglich selber immmer mehr.Positives wie negatives denken und handeln erleben wir täglich selbst und auch bei anderen scheint das Extreme handeln immer mehr aus dem Ruder zu laufen.Was ist noch Normal und unkompletziert ? Diese Frage steht in dem Elitegemachten globalen Drubel des Normalbürgers immer mehr,zudem stehen knappes Geld und Gesundheits-und Umweltprobleme und normales gesundes denken immer mehr an.Depression und Aggression und auch extremes wie normales stehen täglich an: das Leben gesund zu meistern.Die Politik schafft Vorraussetzungen und das Volk handelt,wenn es nicht gerade immer mehr eingezwängt würde-Normal-zu handeln und da scheint mir doch das Problem zu sein.Normales erhält normales-gesundes erhält gesundes und manches zu Große das Große,dabei sind doch die vielen Kleine Dinge lebenswichtig und weniger die zu großen,die immer mehr(von Großen gestaltet) und gemacht(vorgegeben)aus dem Ruder laufen……) Sieht mancher die deutsche leidvolle Geschichte wie Menschen manipuliert-in Anstalten gebracht oder in Gaskammern geschickt wurden,könnte mancher wirklich meinen: Die Großen Wahnsinnsdinge laufen gerade mal wieder aus dem Ruder und die vielen Noch-Normalbürger müssen es ausbaden ? G’TT behüte uns davor ……..