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Siegfried Bernfeld: Psychoanalyse, Pädagogik und Zionismus

Siegfried Bernfeld (1892 – 1953) war einer der  produktivsten jüdischen Psychoanalytiker und Pädagogen. Er gehörte in Wien zu dem engen Kreis um Sigmund Freud, sein reformpädagogisches Werk gehört zu den pädagogisch-psychoanalytischen Klassikern. Bernfeld wuchs in Wien auf und engagierte sich in den Jahren von 1914 – 1921 in der zionistischen Bewegung. Sein “Kinderheim Baumgarten” war ein wegweisendes psychoanalytisch-pädagogisches Modellprojekt für jüdische Waisenkinder. Mehrere seiner Schüler und Kollegen emigrierten in den 1930er Jahren in das damalige Palästina, engagierten sich in der Kibbuzbewegung und bauten die Israelische Psychoanalytische Vereinigung auf. Bernfelds Wirken als Zionist ist hingegen im deutschsprachigen Raum weitgehend in Vergessenheit geraten…

Von Roland Kaufhold

Bernfeld, dessen Leben durch zwei Weltkriege, enttäuschte Utopien und Emigration erschüttert wurde, starb am 2. April 1953 in San Francisco. In Folge der 1968er – Bewegung wurden Bernfelds Schriften wiederentdeckt und neu aufgelegt; in mehreren Sammelbänden ist sein breitgefächertes Werk aufgearbeitet und dokumentiert worden.[01]

Kindheit und Jugendbewegung in Wien

Siegfried Bernfeld wurde am 7.5.1892 in Lemberg, Galizien, geboren.

Seine Biographie wies vielfältige Ähnlichkeiten mit der seines Lehrmeisters Sigmund Freud auf: Sein Vater Isidor Bernfeld war im Textil-Großhandel tätig, seine Familie wuchs in der Nähe Freuds auf. Er kam wie Freud als Erstgeborener einer jungen Mutter zur Welt, seine Familie war jüdisch. Die Familie siedelte bald darauf nach Wien über, wo Bernfeld die Grundschule und ein Gymnasium besuchte. 1911 machte er sein Abitur und studierte bis 1915 an der philosophischen Fakultät in Wien anfangs Mathematik, Biologie, Zoologie und Geologie, wechselte bald zu Naturwissenschaften, Pädagogik und Psychologie.

Bernfeld war bereits als Jugendlicher einer der herausragenden Vertreter der Wiener Jugendbewegung. Diese war Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. In Wien formierte sich rasch der radikalste Flügel dieser von mächtigen Veränderungswünschen sowie von den verstörend-ermutigenden Freudschen Erkenntnissen zur Bedeutung der Sexualität inspirierten Bewegung. Die Mitglieder der Wiener Wandervogel-Gruppen setzten sich aus jüdischen Jugendlichen, aus höheren Schülern, aber auch aus proletarischen Jugendlichen zusammen. Auch viele Anhänger der jungen Wiener psychoanalytisch-pädagogischen Reformbewegung engagierten sich beim Wandervogel, u.a. Bernfelds befreundeter Kollege Otto Fenichel (1897 – 1946), Bruno Bettelheim[02] (1903 – 1990) sowie dessen Cousine Edith Buxbaum (1902 – 1982).

Die Zeitschrift “Der Anfang. Zeitschrift für die Jugend” erschien 1913 zum ersten Mal. Sie wurde von dem seinerzeit 21-jährigen Siegfried Bernfeld sowie Georges Barbizon herausgegeben; die Redaktion traf sich im im 1. Wiener Bezirk gelegenen väterlichen Geschäft. Bernfeld verfasste in diesem Journal zahlreiche kämpferische Beiträge und formulierte entschiedene Reformwünsche für die Schule und das Elternhaus.

Die Jugendbewegung wuchs in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg immer weiter an: Im Oktober 1913 versammelten sich 2000 – 3000 Delegierte von Jugendverbänden am Hohen Meißner bei Kassel. Im gleichen Jahr gründete Bernfeld das “Akademische Comité für Schulreform“, ein öffentliches Diskussionsforum, in welchem Schülern und Studenten die Möglichkeit geboten wurde, ihre Vorstellungen von der Jugendkultur zu diskutieren.

1914 publizierte der 22-jährige sein erstes Buch: “Die neue Jugend und die Frauen“.

1915 promovierte Bernfeld mit der Schrift “Über den Begriff der Jugend“. Im gleichen Jahr heiratete er Anne Salomon (1892 – 1941). Diese kam gleichfalls aus der Jugendbewegung und hatte ebenfalls als Ärztin im Kinderheim Baumgarten gearbeitet. Das Paar bekam zwei Kinder, die Ehe hielt nur bis Mitte der 1920er Jahre. Anne Salomon ging nach Moskau, wo sie erneut heiratete. Als die Deutschen vor Moskau standen floh Anne Salomon erneut, mittellos, und nahm sich am 12.12.1941 voller Verzweiflung das Leben.

Die Erinnerungen der österreichischen Politikerin Käthe Leichter vermitteln ein lebhaftes, unmittelbares Bild von der außergewöhnlichen Überzeugungskraft, die Bernfeld bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten ausstrahlte: “Der große schöne Psychologiestudent mit den pechschwarzen, zurückliegenden Haaren und den riesigen schwarzen Augen hatte nicht nur ein mitreißendes Äußeres, er hatte tatsächlich alles Zeug zu einem Jugendführer in sich: Leidenschaft und doch eine ruhige verhaltene Art, jeden einzelnen anzuhören und auf ihn einzugehen, umfassendes Wissen (und eine) ausgesprochene Begabung für Gemeinschafts- und Organisationsarbeit.”[03]

Mitglied des engeren Kreises um Sigmund Freud

Bernfeld hatte Freuds “Traumdeutung” (1900) bereits als 16-jähriger gelesen. 1915 nahm er als Gast an den Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung teil. Diese tagte regelmäßig Mittwochs, seit 1902, unter der Leitung von Sigmund Freud. In einer sehr offenen Weise entwickelte sich so die psychoanalytische Theorie und Praxis in einem kollektiven Reflexionsprozess. Diese historisch außergewöhnlich wertvollen Protokolle wurden in den 1960er und 1970er Jahren von dem kürzlich verstorbenen Ernst Federn (s. Kaufhold 2001, 2007) – einem Pionier einer Psychoanalyse des Terrors (Federn 1999) – sowie von H. Nunberg in einer vierbändigen Werkausgabe publiziert. 1919 wurde Bernfeld mit dem Vortrag über “Das Dichten Jugendlicher” ordentliches Mitglied der WPV und prägte deren Diskussionen nun regelmäßig mittels seiner außergewöhnlichen Redekunst. Es gelang es ihm, viele Interessierte für die junge psychoanalytisch-pädagogische Aufbruchbewegung zu gewinnen.

Weitere Stationen seines wissenschaftlichen Schaffens: 1921 erschien im “Jüdischen Verlag” sein Buch “Kinderheim Baumgarten: Bericht über einen ernsthaften Versuch mit neuer Erziehung“, 1925 wandte er sich mit seiner “Psychologie des Säuglings” der Säuglingsforschung zu. Ebenfalls 1925 erschien sein bekanntestes Werk: “Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung” – ein, wie es der österreichisch-amerikanische Psychoanalytische Pädagoge Rudolf Ekstein (s. Kaufhold 2001) formuliert hat – “erster Beitrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Marxismus und gleichzeitig eine fundamentale, im Freistil formulierte Kritik der Theorie und Praxis der Erziehung.”[04]

In geschliffener, teils polemischer Weise attackierte Bernfeld hierin konservative Bildungs- gleichermaßen wie pädagogische Allmachtsvorstellungen: “Hier sei nur eben angedeutet. Das Schulwesen und die Erziehungseinrichtungen sind veraltet, sie bedürfen der Erneuerung”, stellt Bernfeld[05] unzweideutig fest. “Anders als ihre Teildisziplin Didaktik, ist die gesamte Pädagogik in keinem Sinn und in keinem Maß wissenschaftlich. Dieser Satz gilt wörtlich” (ebda.).

Der Pädagoge steht, gleich Sisyphos, vor einer wahrlich überfordernden Situation: Sein Handeln unterliegt den von ihm nicht zu beeinflussenden gesellschaftlich gesetzten Grenzen und Rahmenbedingungen. Zugleich begegnet er dem von unbewussten Trieben beeinflussten Verhaltensweisen von Kindern, die zu verstehen dem psychoanalytisch Ungeschulten kaum  möglich ist. Und in ihm werden, hierüber hinaus, in der Arbeit, in der Begegnung mit Kindern die eigenen verdrängten frühkindlichen Konflikte geweckt. Bernfeld, der unverbesserliche Querdenker, musste wahrlich gegen viele Windräder ankämpfen.

Innerhalb der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung setzte sich Bernfeld für eine Öffnung der psychoanalytischen Ausbildung für Nicht-Mediziner ein – und dachte hierbei insbesondere an Pädagogen (vgl. Kaufhold 2001, S. 21-50). Er baute eine “Laiengesellschaft” auf und beteiligte sich an der Entwicklung einer eigenständigen Psychoanalytischen Pädagogik. Doch trotz seiner außergewöhnlichen Produktivität war seine ökonomische Lebenssituation in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg schwierig.

In seinen Briefen an seine zweite Ehefrau, die Schauspielerin Elisabeth Neumann, beleuchtete er seine prekäre finanzielle Situation. Am 9.10.1924 schrieb er:

“Ich habe Zeit wie ein Baron. Eine namenlose Pleite. Bisher eine Stunde täglich à 20.000 Kr., macht ein Monatseinkommen von 1/2 Million. Na immerhin sind unsere Früh-Zigaretten gedeckt. Die schlimmste Laune ist damit zu verhindern, ich habe sie aber gar nicht. Ich sehe dieser abgründigen Pleite mit einem gewissen verschmitzten Behagen zu. (…) Phantastische Stadt, jedermann borgt sich von jedem, und keiner hat. Aber – ich kann Wien nicht verlassen, wenn ich nicht ökonomischen Selbstmord begehe.”[06]

Zionistische Hoffnungen – das Kinderheim Baumgarten

Ab 1914 engagierte sich Bernfeld im linken Zweig der zionistischen Jugendbewegung. Von 1917 – 1921 hatte er leitende Funktionen beim zionistischen Zentralrat für West-Österreich inne und war Mitherausgeber der “Blätter aus der jüdischen Jugendbewegung” sowie der Zeitschrift “Jerubbaal. Eine Zeitschrift der jüdischen Jugend“, in welchen er rege als Autor in Erscheinung trat. Vom 18. – 20.5. 1918 leitete er in Wien den “Österreichisch-jüdischen Jugendtag” und wurde Mitbegründer des “Verbands für jüdische Jugendfürsorge”. 1919 setzte er mit dem Buch “Das jüdische Volk und seine Jugend” seine Publikationstätigkeit fort.

In Folge des Zustroms jüdischer Kriegsflüchtlinge aus Galizien erlebte die zionistische Bewegung in Wien einen enormen Aufschwung. Zahlreiche jüdische Kinder wurden durch den 1. Weltkrieg zu Kriegswaisen. Auf Anregung des “American Joint Distribution Committee for jewish warshippers” gründete Bernfeld gemeinsam mit seinem ebenfalls zionistisch engagierten Freund und Kollegen Wilhelm Hoffer (1897 – 1967) im August 1919 für etwa 240 – 300 jüdische Kriegswaisen im Alter von 6 – 14 Jahren ein auf reformpädagogischen und psychoanalytischen Ansätzen bestehendes Erziehungsprojekt: das Kinderheim Baumgarten – ein, wie es Anna Freud formuliert hat, “erste(s) Experiment zur Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse auf die Erziehung” (Grubrich-Simitis, 1988, S. 14)

Die jüdischen Kinder fanden hier Zuflucht und sollten nach Reformideen erzogen und für eine Arbeit als Handwerker und Bauern ausgebildet werden. Orientierung boten das Wissen um die erzieherische Wirkung einer pädagogisch gestalteten Umgebung sowie der Situationsunterricht. Nicht nur die Förderung der intellektuellen Entwicklung der Jugendlichen wurde gefördert, sondern insbesondere die Bildung ihrer Affekte und Triebe. Dem Leben in einer sich selbst steuernden Gruppe Gleichaltriger wurde eine hohe sozialisierende Bedeutung zugemessen – alles Orientierungen, die einige dieser Wiener Psychoanalytischen Pädagogen einige Jahre später in der jungen Kibbuzbewegung Palästinas weiterentwickeln sollten. Fernziel war eine Übersiedlung der jüdischen Kriegswaisen nach Palästina.

In seinem diese Arbeit reflektierenden Buch “Kinderheim Baumgarten: Bericht über einen ernsthaften Versuch mit neuer Erziehung” (1921) formulierte Bernfeld: “Indem die Kinder wochen-, ja monatelang über ihr aktuelles Elend klagten, haben sie ihr latentes und durch Jahre aufgespeichertes Unglück `abreagiert´, haben sie jene psychischen Wunden gründlich geheilt, die ihnen die Vergangenheit geschlagen hatte und die zur Quelle ihrer Entartung und Verwahrlosung geworden waren. (…) Während dieser Zeit der Abreaktion begannen ganz leise, unbewusst und unartikuliert, die bisher völlig gehemmten oder falsch (z. B. auf das Essen) fixierten und in dieser Zeit sich lösenden und frei gewordenen Affekte neu zu binden, an die Lehrer, an die Freunde, an die Schulgemeinde, an die Histadruth, an die Kwuzoth (Kameradschaften) allgemein.”[07]

Die Heimordnung im Kinderheim Baumgarten wurde von der Identifikation mit jüdischen Glaubensgrundlagen und jüdischen Kameradschaften geprägt. Bernfeld führte aus:

“… Die Histadrut war viel mehr als eine Arbeitsvereinigung, sie war durchpulst von Freundschaft und Liebe und das war ihre affektive, ihre pädagogische Leistung, zunächst wurde auch sie zu einem wichtigen Mittel der Sublimierung von sado-masochistischen Triebanteilen (…) Noch wichtiger ist aber vielleicht die Tatsache, dass sich ein sehr deutliches Gesamt-Ich `Histadruth´ bildete, dem ein großer Beitrag narzisstischer Libido zugeführt wurde, die hier im engeren Rahmen zu einer sehr tiefen Fixierung an die Teile des Gesamt-Ichs führte. (…) offenbar geht der Weg vom Ich zum Du sehr oft über den Freund, in dem noch ein gut Stück des eigenen Ich geliebt wird” (ebda., S. 63f)… weiter…

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