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Avram Noam Chomsky: Eine angeborene Universalgrammatik

Mit seiner Theorie, dass dem Menschen die Fähigkeit zur Grammatik angeboren sei, bezieht der amerikanische Sprachwissenschaftler Avram Noam Chomsky eine Gegenposition zum Behaviorismus. Er gehört zu den Wegbereitern der kognitiven Wende in der Psychologie…

psychologenAus Teil IV, 25, über lern- und kognitionspsychologische Ansätze

Weg

Als Sohn eines jüdischen Gelehrten wird Avram Noam Chomsky 1928 in Philadelphia, Pennsylvania, geboren. In seiner Jugend hat er Kontakt zu anarchistischen Zirkeln, er befasst sich mit dem Bürgerkrieg und der sozialen Revolution in Spanien und entdeckt den Anarcho-Syndikalismus für sich. Diese politische Bewegung strebt die Uberwindung jeglicher politischen Herrschaft durch eine klassen- und staatenlose Kollektivordnung auf gewerkschaftlicher Basis an.

1945 beginnt Chomsky, Philosophie und Linguistik an der University of Pennsylvania und später in Harvard zu studieren. Ins Jahr 1953 fällt ein Kibbuz-Aufenthalt in Israel. 1955 wird Chomsky an der University of Pennsylvania promoviert und Assistenzprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Massachusetts. Seit 1961 lehrt er hier als Professor für Linguistik und Philosophie. Seine Arbeiten, die über die Grenzen der Sprachwissenschaften hinaus in die Psychologie und andere Disziplinen reichen, machen ihn schon bald zum wichtigsten und vielfach ausgezeichneten Theoretiker seiner Fachrichtung.

Daneben wird Noam Chomsky durch sein politisches Engagement bekannt. Er gilt als einer der bedeutendsten intellektuellen Kritiker der Weltpolitik, zumal der Außenpolitik der USA, und der kapitalistischen Globalisierung. Einen Schwerpunkt legt er in diesem Zusammenhang auf die seiner Ansicht nach beschwichtigende und verharmlosende Funktion der Medien.

Ideen

Mit Noam Chomsky setzt sich die Reihe der Wissenschaftler fort, die das Phänomen des menschlichen Lernens anders als die Verhaltenstheoretiker behandeln – nämlich aus kognitiver Sicht, also unter Berücksichtung geistiger Strukturen und Inhalte. Die Behavioristen in der Tradition von John B. Watson (s. Kap. 21) und Burrhus F. Skinner (s. Kap. 22) betrachten Mensch und Tier als »black box«: Sie erklären, grob gesagt, jedes lebendige Verhalten – auch das Sprechen – als Lernprozess durch das Zusammenspiel von Reiz und Reaktion. Dagegen betrachten andere Psychologen das Innere des Menschen, seine geistigen Fähigkeiten und deren Entwicklung, im stetigen Austausch mit der Umwelt, so etwa Jean Piaget (s. Kap. 23), der Begründer der kognitiven Entwicklungspsychologie, und Lew S. Wygotski (s. Kap. 24), ein Vertreter der sowjetischen Kulturhistorischen Schule.

Piaget und Wygotski machen Entwicklungsfortschritte nicht zuletzt am Spracherwerb des Kindes fest. Hier kommt nun der Linguist Noam Chomsky ins Spiel, der 1959 Skinners Buch »Verbal Behavior« kritisch bespricht und eine Gegenposition zum Behaviorismus einnimmt. Er sagt, dass der Mensch mit der Fähigkeit, Sprachen zu verstehen und zu lernen, geboren wird und allgemeine Sprachformen folglich biologisch verankert sein müssen. Das macht er unter anderem daran fest, dass keinem Kind seine Muttersprache unter Anwendung aller grammatischen Regeln vollständig vorgesprochen wird. Trotzdem ist es irgendwann in der Lage, selbstständig Sätze zu bilden, die es so niemals zuvor gehört hat. Das Kind muss also Hirnstrukturen besitzen, die es befähigen, selbst Sprachregeln zu entwickeln und auf seinen wachsenden Wortschatz anzuwenden. Ein Begriff für diese angeborenen Strukturen ist die Universalgrammatik.

Mit seiner Theorie bezieht Chomsky Stellung auf einem geradezu verminten Terrain der Psychologie. Denn die Frage, ob es so etwas wie angeborene geistige Inhalte gibt, ist in der Vergangenheit ebenso vehement bejaht wie verneint worden. Die Bewusstseinspsychologen in der Tradition Wilhelm Wundts (s. Kap. 3) vermuteten, gespeicherte und miteinander verknüpfte Wahrnehmungen seien die kleinsten Einheiten des Bewusstseins. Die Gestaltpsychologen (s. Wertheimer, Kap. 6) votierten für größere »Gestalten« als naturgegebene, leitende Zielvorstellungen des menschlichen Wahrnehmens und Handelns. Sigmund Freud (s. Kap 7) sprach vom individuellen, Carl Gustav Jung (s. Kap 9) vom kollektiven Unbewussten und von der Dynamik, mit der die dort gespeicherten Motive im Bewusstsein wirken. Dann traten die Behavioristen auf den Plan, lehnten all dies als unbeweisbare Spekulation ab und erklärten lebendiges Verhalten als äußerliche Reaktion auf äußere Reize (s. Kap. 21 u. 22). Dagegen gingen Entwicklungspsychologen wie Jean Piaget von kognitiven Strukturen aus, die sich im Geist des Menschen als innere Abbilder seiner erlebten Wirklichkeit bilden.

Mit der sprachwissenschaftlich-psychologischen Theorie von der angeborenen Universalgrammatik trägt Chomsky nun, ebenso wie Jean Piaget, dazu bei, dass die behavioristische Vorherrschaft, die bis dahin in der amerikanischen Psychologie besteht, einer vielschichtigeren Betrachtungsweise Platz macht. Diese Neuorientierung ist unter dem Namen »kognitiveWende« in die Psychologiegeschichte eingegangen. Zu ihr haben neben der kognitiven Entwicklungspsychologie auch die Gestaltpsychologie (s. Kap. 6) und die Humanistische Psychologie (s. Kap. 31 u. 36) beigetragen, deren Vertreter meist aus Nazi-Deutschland in die USA emigriert waren. Nun beginnt, an den Lehrstühlen und in der Praxis, die Zeit der kognitiven Therapien, der Lerntheorien und der humanistischen Ansätze. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die Inhalte unterschiedlicher älterer Schulen integrieren.

Übrigens: In Deutschland hat Noam Chomsky 1996 die Helmholtz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und 2004 den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik der Stadt Oldenburg erhalten. Mit dem zweiten Preis wird ausdrücklich Chomskys Lebenswerk als politischer Analytiker und Medienkritiker gewürdigt.

Aus Teil IV, 25, über lern- und kognitionspsychologische Ansätze.
Von Christiane Schlüter, in: Die wichtigsten Psychologen im Porträt.

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