- Pharmacon Net - http://www.pharmacon.net -

Fallbericht: Cannabis reduziert tardive Dystonie

In einem Brief an den Herausgeber der türkischen Zeitschrift für Psychiatrie berichteten Ärzte eines Krankenhauses in Izmir (Türkei) von einem bemerkenswerten Fall eines 48-jährigen Patienten mit paranoider Schizophrenie seit dem 28. Lebensjahr sowie Medikamenten-induzierter orofazialer tardiver Dyskinesie und tardiver Dystonie der Nackenmuskulatur…

Die unwillkürlichen Bewegungen begannen etwa 8 Monate nach Beginn der antipsychotischen Therapie und verschlimmerten sich in der Folgezeit. Fünf Monate nach Einsetzen dieser Nebenwirkungen stellte der Patient fest, dass die Verwendung von Cannabis seine Bewegungsstörungen deutlich reduzierte. Daher rauchte er in den folgenden zwei Jahren drei- bis viermal wöchentlich Cannabis zur Selbsttherapie, bis er wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz eine Gefängnisstrafe antreten musste.

Als er sich aktuell im Krankenhaus vorstellte, litt er an Symptomen einer Schizophrenie (Halluzinationen, Wahnvorstellungen), Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, sozialem Rückzug, einer Dyskinesie von Mund und Gesicht und einer Dystonie des Nackens. Vier Wochen nach Umstellung der antipsychotischen Medikation auf Olanzapin begann die orofaziale Dyskinesie abzunehmen und verbesserte sich weiterhin in den folgenden zwei Monaten. Die Dystonie blieb jedoch bestehen und erwies sich als therapieresistent gegen sämtliche Behandlungsversuche (Diazepam, Baclofen, Injektionen mit Botulinus-Toxin, Sormodren, Gabapentin). Die Autoren wiesen darauf hin, dass sie keine Möglichkeit hatten, orale Cannabinoide einzusetzen, um ihre Wirksamkeit bei der Dystonie zu überprüfen, weil diese in der Türkei nicht legal erhältlich sind. Auf Grund der Angaben des Patienten hielten sie Cannabinoide jedoch „für eine angemessene Wahl bei der Behandlung therapieresistenter tardiver Dystonien“.

Kommentar (thc-pharm.de): Bei anderen Erkrankungen (Spastik bei multipler Sklerose und traumatischen Verletzungen des Rückenmarks, Tourette-Syndrom) sowie bei Tiermodellen der Dystonie haben sich Dronabinol und/oder andere Cannabinoidrezeptoragonisten als wirksame Hemmer der motorischen Aktivität erwiesen. Bisher gibt es nur limitierte Erfahrungen mit Cannabinoiden bei tardiven Dyskinesien und tardiven Dystonien. Diese häufig sehr belastenden Nebenwirkungen von Psychopharmaka sind oft auch nach Absetzen der Medikamente irreversibel und nicht selten therapieresistent.

Quelle: Beckmann Y, Seçil Y, Güngör B, Yiğit T. Tardive Dystonia and the Use of Cannabis. Turk Psikiyatri Derg 2010;21(1):90-91.

Den Abstract zu dieser Studie finden Sie in der Studienbibliothek.