Mit seinem Ansatz, die selbstschädigenden Gedanken des Patienten zu betrachten, gehört Albert Ellis zu den Protagonisten der kognitiven Wende, also der Rückbesinnung auf das Denken und Fühlen in der Abkehr vom Behaviorismus. Seine Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT) setzt stark auf die verändernde Kraft der Einsicht…
Aus Teil IV, 27, Lern- und kognitionspsychologische Ansätze, von Christiane Schlüter, Die wichtigsten Psychologen im Porträt
Weg
Eigentlich will er ja Schriftsteller werden. Als Sohn jüdischer Einwanderer 1913 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und in New York aufgewachsen, arbeitet Albert Ellis jedoch zunächst als Geschäftsmann. Für seine zahlreichen Texte findet er keinen Verleger. 30-jährig beginnt er Psychologie zu studieren, ist beraterisch tätig und unterzieht sich schließlich einer Lehranalyse.
Als Psychoanalytiker arbeitet Ellis allerdings nur kurz: Die Ergebnisse stellen ihn nicht zufrieden. Anfang der i95oer-Jahre setzt er sich zunächst für eine Weiterentwicklung des psychoanalytischen Ansatzes ein. Er fordert größere Anstrengungen hinsichtlich der Theoriebildung und der methodischen Überprüfbarkeit. Schließlich wendet Ellis sich von der Psychoanalyse ab und orientiert sich statt am Unbewussten an der Wahrnehmung des Patienten und an dessen Verhalten – ein Vorgehen, das er mit Carl Rogers teilt, dem Begründer der Gesprächspsychotherapie (s. Kap. 34).
Im Rückgriff auf eigene praktische Erfahrungen entwickelt Ellis nun die so genannte Rationale Therapie. Sie setzt bei den geistigen Funktionen des Menschen an, indem sie psychische Probleme als Ergebnis falscher und beeinträchtigender Ideen und Schlussfolgerungen begreift. Anfang der i96oer-Jahre benennt l’.llis seinen
Ans.it/ in Kation.ill.molive Therapie (KIT) um, nachdem er neben den kognitiven auch die emotionalen Vorgänge stärker in den Blick genommen hat. Mittlerweile hat er sie in Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT) umbenannt. Dieser Bezeichnung folgt auch der vorliegende Text.
In der amerikanischen Psychologie ist die REVT zu Beginn in einer Außenseiterposition. »Zu simpel, um wirklich zu funktionieren«, lautet der Haupteinwand. Zu den wenigen Befürwortern gehört der Persönlichkeitsforscher Hans Jürgen Eysenck (s. Kap. 49), der für die Verbreitung von Ellis’ Ansatz eintritt. Und langsam setzt sich die REVT schließlich durch. 1962 erscheint Ellis’ Buch »Reason and emotion in psychotherapy« (dt. »Grundlagen und Methoden der rational-emotiven Verhaltenstherapie«, 1977), 16 Jahre später folgt das Handbuch der RET (dt. »Praxis der rational-emotiven Therapie«, 1979). Da kann Ellis seinen Ansatz bereits als etabliert betrachten. In den 1970er-Jahren ist die REVT auch in Deutschland verbreitet.
Die Zuordnung der REVT zu einer psychologischen Schule ist kompliziert. Ihr Schöpfer hat sie lediglich als den Verhaltenstherapien »verwandt« bezeichnet. Den reinen Behaviorismus lehnt Ellis wegen dessen Beschränkung auf das äußerlich Beobachtbare ohnehin ab, er gehört damit zu der zeitgleich einsetzenden Abkehrbewegung von jener Schulrichtung, die unter dem Namen kognitive Wende in die Psychologiegeschichte eingegangen ist. Ellis hat sich aber auch stets dagegen gewehrt, dass die REVT zu den kognitiven Verhaltenstherapien gezählt wird. Allerdings setzt seine Methode ebenso bei den gedanklichen Funktionen des Menschen an wie jene, weshalb sie ihnen doch meistens zugeordnet wird. Vor allem zur kognitiven Therapie nach Aaron T. Beck (s. Kap. 27) bestehen – bei einigen grundsätzlichen Unterschieden – in methodischer Hinsicht deutliche Ähnlichkeiten.
Ideen
»Menschen werden nicht durch die Dinge an sich beunruhigt, sondern durch die Meinungen, die sie darüber haben.« Dieser Ausspruch des griechischen Stoikers Epiktet (ca. 50-130 n. Chr.) fasst den Ausgangspunkt der REVT wie auch anderer kognitiver Verhaltenstherapien zusammen. Er bestätigt sich im Alltag dadurch, dass Menschen auf die gleiche Erfahrung ganz unterschiedlich reagieren können. Das Scheitern einer Liebesbeziehung zum Beispiel wird vom einen als Katastrophe und totale Infragestellung des eigenen Weites erlebt. Der andere reagiert darauf zwar auch mit Trauer, aber ohne abgrundtiefe Selbstzweifel.
Ellis beschreibt die Kette, die vom Ereignis zur Reaktion führt, nach einem A-B-C-Schema. A steht für die aktivierende Erfahrung (activating dement), also in diesem Fall die Trennung vom Partner. C ist die Schlussfolgerung (consequence). Zwischen den beiden steht als Bindeglied B eine irrationale Einschätzung (irrational belief, iB). In diesem Fall könnte iB lauten: »Die Trennung ist ein Zeichen dafür, dass ich grundsätzlich beziehungsunfähig bin. Mit mir kann es einfach niemand aushalten.«
Ellis formuliert zwölf irrationale Ideen als Grundkategorien, denen er immer wieder bei seinen Patienten begegnet. Zu ihnen gehört etwa die Überzeugung, dass man von jedem Menschen gemocht werden oder dass man in allen Bereichen möglichst perfekt sein müsse. Diese Ideen führt Ellis einerseits auf eine ererbte Veranlagung zurück und andererseits auf eine frühe Prägung durch Familie und Gesellschaft.
Oft hängt sich an ein primäres A-B-C-Schema ein sekundäres, das mehr bewusst ist als das primäre. Dann ist es sinnvoll, in der Therapie damit zu beginnen. Im Fall des Trennungsbeispiels könnte dies ein klammerndes Verhalten in der nächsten
Beziehung sein, mit dem dahinter stehenden Glaubenssatz: »Ich drohe bald wieder verlassen zu werden und muss alles tun, um das zu verhindern.«
Die REVT setzt nun bei der Klärung von A an. Denn unter dem unbewussten Einfluss von B wird oft schon A falsch bewertet. Sorgfältig betrachtet der Therapeut die Gedanken und Gefühle, die A im Patienten hervorruft. Es wird darauf geachtet, Gedanken von Gefühlen zu unterscheiden und auch Gefühle richtig zu benennen. Wut ist zum Beispiel Wut und nicht Trauer – auch wenn Trauer weniger gefährlich auf Mitmenschen wirkt und daher oft als unbewusst gewählte Maskierung für eine dahinterstehende Wut dient.
Dem Patienten sind meist nur A und C bewusst. Im somatischen Dialog soll er deshalb die Existenz von iB erkennen und durch rationale Widerlegungen zugleich das Irrige daran. So-kratisch bedeutet: Der Patient kommt von selbst darauf, und der Therapeut, der ihm wie ein Lehrer gegenübersteht, geleitet ihn durch geschickte Interventionen zu dieser Erkenntnis. Für diese Etappe des Disputierens und Debattierens, Diskriminierens (im Sinne von Unterscheiden) und Definierens steht ein D, welches das A-B-C-Schema ergänzt.
Immer wieder soll der Patient auch im Alltag selbst nach B forschen, wenn er zwischen A und C hängt und leidet. Mit Hilfe von Gegenindoktrinationen, also Sätzen, die er sich im kritischen Moment selbst vorsagt, soll er vermeiden, wieder in die Falle von iB zu geraten. Gearbeitet wird aber nicht nur mit Argumenten, sondern auch auf der Gefühlsebene, etwa mit Fantasieübungen und mit inneren Bildern, die sich der Patient in Krisensiruationen vergegenwärtigen soll. Die Bandbreite möglicher Interventionen ist sehr groß, sie umfasst auch humorvolle Aussagen, bei denen die iBs ins Lächerliche gezogen werden.
Das A-B-C-Schema soll übrigens weniger als Nacheinander denn als Ineinander begriffen werden: Immer wieder wird man im Lauf der Therapie zu A zurückkehren, und immer wieder wird man irrationale Ideen aufdecken. Letztlich kommt es auf das Geschick und die Erfahrung des Therapeuten an, damit er gemeinsam mit dem Patienten dessen spezifische irrationale Ideen und Glaubenssätze aufdecken kann. Kritiker merken an, dass die Definition dessen, was denn irrational ist, bei Ellis nicht eindeutig sei. Außerdem brauchten Menschen ein gewisses Maß an Irrationalität, um das Leben bewältigen zu können, und es werde zudem nicht wirklich klar, wie der Wechsel von iB zu realistischen Gedanken zu schaffen wäre.
Gleichwohl ist die Wirksamkeit der REVT als Einzel- und Gruppentherapiemethode bei Ängsten und Depressionen, bei Partnerschaftsproblemen und psychosomatischen Beschwerden festgestellt worden. Und jeder hat wohl schon bei sich selbst eine Negativspirale selbstschädigender Gedanken erlebt und dass man ihr mit klarem Kopf am besten wieder entkommen kann. Viele Verhaltenstherapeuten haben sich denn auch, über die Grenzen psychologischen Schulrichtungen hinaus, Elemente von Ellis’ Ansatz zu eigen gemacht.
Übrigens: Ein Kennzeichen irrationaler Ideen ist ihre Absolutheit. Selbsteinschätzungen nach dem Muster von »nie« und »immer« sind sehr verdächtig. In der REVT soll der Patient realistische Ziele für sich formulieren und, anstatt alles von anderen Menschen oder vom Schicksal zu erwarten, selbst etwas dazu tun – freilich ohne Perfektionsanspruch. Mit dieser Einschätzung bietet die REVT einen interessanten Ansatz für die Problembewältigung im Alltag.
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