Hinter jedem Mann in Italien steht eine Frau: seine Mutter – lebenslang führt sie das Regiment in seinem Leben. Als würde die Nabelschnur nie getrennt und als wäre die Mutter-Sohn-Beziehung das einzige, was dauerhaft hält. Eine konstante Größe im Chaos der Beziehungen. Wenn der Sohn unordentlich ist, sich nicht am Haushalt beteiligt, geschweige denn einkaufen geht oder kocht, rechtfertigt seine Mutter das. Männer sind halt so. Egal, was sie tun – oder eben nicht tun. Der Sohn bleibt ihr Ein und Alles. Wenigstens ist das die gängige Meinung über den italienischen „mammone“, Mamas Liebling auf Lebzeiten…
Bei den Cantones ist dies mitnichten der Fall. Die Großmutter, Mutter von Vincenzo Cantone, kann das Verhalten ihres Sohnes weder begreifen, noch rechtfertigt sie es. Im Gegenteil: Sie fordert ihn auf, endlich die Augen zu öffnen. Man könne sich nicht aussuchen, wen man liebt. Während er in gesellschaftlichen Zwängen und der Angst vor Klatsch und Tratsch verhaftet ist, ist seine Mutter an dem Punkt angelangt, an dem sie nicht mehr mitspielen will. Es sei an der Zeit, aufrichtig zu sein und zu seinen Gefühlen zu stehen.
Vincenzo Cantone fällt dies schwer. Ihm ist wichtig, was die Leute sagen. Und die Liebe seines Sohnes zu einem Mann will er genauso verstecken wie seine Geliebte, zu der er sich gesenkten Hauptes schleicht. Wenn man sich schon nicht an die Regeln hält, dann wenigstens in aller Stille. Hauptsache, man verliert nicht sein Gesicht.
In diesem Punkt ist er sich mit seiner Frau Stefania einig. Sie konzentriert sich mit aller Kraft darauf, den schönen Schein zu wahren und „bella figura“ zu machen. Den Haushalt hat sie fest im Griff, ganz italienische Mama tut sie alles für ihre Familie – insbesondere für ihre Söhne. Natürlich weiß sie, dass sie die Betrogene ist, aber umso mehr gibt sie sich Mühe, dass alles „normal“ läuft: Sie lässt das Lieblingsbettzeug von Tommaso aufziehen, nimmt seine Freunde gastfreundlich auf und verschließt vor allem, was ihr nicht passt, die Augen. Der Konflikt um Antonio geht ihr offenbar zu weit. Hat sie die Entzauberung nach ihrer Hochzeit mit ihren Söhnen kompensiert, erwartet sie von ihnen wenigstens den nötigen Respekt. Ihre Söhne, das sind ihre „Kreationen“, die sie für ihre Entbehrungen belohnen und ihr Ansehen verschaffen sollen. Das Gegenteil ist unerwünscht. Vielleicht verhindert sie deswegen nicht, dass Antonio das Haus verlässt, obwohl Vincenzo sie gebeten hat, ihm auszurichten, dass er ihn unter vier Augen sprechen wolle. Der Konflikt könnte laut ausgetragen werden, vor Augen und Ohren der Brunettis, die zu Gast sind. Elena Cantone bekommt durch das Familienchaos um die Söhne endlich eine reale Chance auf Anerkennung. Sie war bisher nur die Tochter, deren Meinung niemand interessiert und die wiederum nur zwei Mädchen zur Welt gebracht hat, die niemandem gefallen, mit einem Mann, den niemand ernst nimmt. Bringt sie ihr Vater zu Beginn des Films zum Schweigen, weil sie doch wohl niemanden erklären könne, wie man ein Unternehmen leitet, ist es ihr Bruder Tommaso, der sie rehabilitiert und in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer um ihre Unterstützung bittet.
„Bist du glücklich?“, fragt Elena ihren Bruder Tommaso, nachdem er ihr endlich gestanden hat, wie er leben will. Er zuckt mit den Schultern, weiß keine Antwort. Denn von seiner Last ist er keineswegs befreit. Durch sein Geständnis wollte er sich von seiner Familie distanzieren. Durch sein Schweigen aufgrund der Angst, jemanden zu verletzen, verstrickt er sich immer tiefer in dem Leben, das er nicht will. Gerade Antonio rät ihm, nichts zu sagen. Er wisse schließlich, wie die Eltern seien. Er solle nach Rom zurück und sein Leben leben. Ihn würde doch niemand kontrollieren. Aber Tommaso will Klarheit und sicher keine Verantwortung für den Familienbetrieb. Er ist so überzeugend in seiner Argumentation, dass Antonio selbst anstatt seiner aus der Rolle des angepassten Mustersohnes ausbricht. Aber glücklich wird er dadurch auch nicht. Er gibt Tommaso sogar die Schuld an allem. Zu lange hätte er sich verstecken müssen, während der Bruder in Rom ein Leben nach Wahl führen konnte. „Sie haben uns zu Hause jede Würde geraubt und wir müssen sie uns Stück für Stück zurückstehlen“, rechtfertigt er sich. „Du hättest mit mir reden können“, wirft Tommaso ein. Aber Antonio ist überzeugt davon, dass das, was der eine hat, der andere nicht haben kann.
Alles dreht sich um das Glück, und Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist die Übergabe der familiären Pasta-Produktion an die Söhne Cantone, die das Unternehmen gemeinsam mit dem neuen Geschäftspartner Brunetti und dessen Tochter in eine goldene Zukunft führen sollen. Ein Generationenwechsel – der an Pasolinis Lutherbriefe erinnert, die eine Lesart von MÄNNER AL DENTE anbieten: Sein Text über die „Unglücklichen Jungen“ handelt von den Söhnen, die es versäumen, sich mit der Elterngeneration auseinanderzusetzen. Ihr Unglück sei es, sich nicht aufrichtig dem Dialog zu stellen, um sich von der Schuld ihrer Väter zu befreien, die das Gesetz der bestehenden Mächte akzeptieren, ohne es zu hinterfragen – sei es das Gesetz des Konsums oder das der gesellschaftlichen Zwänge.
Tommaso will sich eigentlich genau das trauen: sich befreien von gesellschaftlichen Zwängen. Aber er macht einen entscheidenden Fehler. Um frei zu sein, ist er bereit, seine Familie vor den Kopf zu stoßen – nicht, um akzeptiert zu werden, sondern weil er seine eigenen Wege gehen will. Anstatt Akzeptanz zu fordern, lässt auch Antonio diese Komponente außer Acht und blamiert die Eltern offiziell.
Aber die Eltern, so die Großmutter, lieben ihre Kinder immer. Es bleibe ihnen nichts anderes übrig. Und: „Gefühle kann man nicht ändern“, das sind die Worte Pasolinis, auch wenn wir noch so unaufrichtig zu uns selbst sind. Es ist daher von grundlegender Bedeutung, dass die Eltern sagen, was sie für ihre Kinder empfinden. Und da Eltern und Enkel es nicht aussprechen, ermutigt sie die alte Dame in ihrem Abschiedsbrief dazu.
Aber noch ein Punkt ist der Großmutter wichtig. Sie hat mit ihrem geliebten Schwager die Pasta-Fabrik gegründet, in die die beiden ihre ganze Liebe gelegt haben. Es geht nicht nur ums Geldverdienen, sondern um die Leidenschaft zweier Menschen für eine Sache. Nicola lachte manchmal, wenn er die Pasta berührte. Sie sei warm und weich, wenn sie aus den Maschinen kommt, beschreibt die Großmutter enthusiastisch. Oft habe sie sich gefragt, wohin sie käme, die Pasta, ihr und Nicolas gemeinsames Werk. Diese Leidenschaft fehlt Vincenzo Cantone. Für ihn ist es ein Geschäft wie jedes andere, das seine Söhne übernehmen sollen. Ein Geschäft, das mit einem neuen Geschäftspartner, der viel Geld investiert hat, noch profitabler werden kann. Tommasos Leidenschaft ist das Schreiben. Und die Großmutter ermahnt ihn immer wieder, nicht stets das zu tun, was die anderen von ihm erwarten. Sie hat versucht, ihn an die Fabrik heranzuführen, war es doch ihr Lebenswerk, versteht aber, dass er schreiben muss. Mit ihrem „Attentat“ erlöst sie ihn. Er habe gut durchgehalten. Aber nun müsse er seine eigenen Fehler machen. Das täten nämlich die Herrschaften, um glücklich zu sein.
Der Dialog hat eine Generation übersprungen – und drei Generationen gleichzeitig eingebunden. So ist MÄNNER AL DENTE eine komische Tragödie oder eben eine tragische Komödie mit einem befreienden Moment. Was auf den ersten Blick aussieht wie der „normale“ chaotische Alltag einer süditalienischen Familie, ist in Wirklichkeit ein Schritt in Richtung Moderne. Eine Lektion in Sachen Emanzipation – für Männer und für Frauen.
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