Ein wichtiger Faktor beim Sex: Vertrautheit

29. September 2010
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Das wichtigste Organ für guten Sex liegt nicht zwischen Ihren Beinen, sondern Ihren Ohren: Ihr Gehirn…

Dr. Ruth Westheimer

Denken sie deshalb immer daran: Wenn Sie Ihr Sexualleben aufpeppen wollen, müssen Sie Ihre grauen Zellen einschalten! Sie sollten dafür sorgen, dass Ihr Gehirn nicht immer schon vorher weiß, was passieren wird. Wenn Sie beim Sex eine gewisse Routine entwickelt haben und jedes Mal alles gleich abläuft, wird sich Ihr Gehirn bald langweilen – und Langweile ist ein sicheres Rezept, um sexuelle Lust im Keim zu ersticken. Damit will ich nicht sagen, dass Sie überhaupt keine Routine haben sollten. Es gibt Zeiten, wo das Altbewährte das Beste ist, weil Sie nicht mehr viel Energie für anderes haben. Aber wenn Sie gelegentlich Ihre gewohnten Verhaltensmuster durchbrechen, können Sie aus diesen Erfahrungen einen Vorrat an sexueller Energie anlegen, aus dem Sie schöpfen können, wenn Ihre Kraft einmal nur für die Routine ausreicht. Wenn Sie aber immer und immer wieder dieselbe Routine abspulen, kommt es nie zu einem solchen Überschuss. Ich werde Ihnen sicherlich nicht davon abraten, in Ihrem Alter noch das Kamasutra zurate zu ziehen. Aber zunächst möchte ich Ihnen einpaar grundsätzliche Dinge mit auf den Weg geben, wie Sie die Routine, die Sie vielleicht entwickelt haben, durchbrechen können.

Der erste Punkt ist, dass nicht immer derselbe Partner die Initiativeergreifen sollte. Wenn einer von Ihnen immer den ersten Schritt macht, so können verschiedene Probleme auftauchen. Derjenige, der die Initiative ergreift, ist auch derjenige, der sich gegebenenfalls eine Abfuhr holt. Wenn man abgewiesen wird, so ist das immer mit negativen Gefühlen verbunden. Und selbst wenn es nur geringe Anlässe sind, so schadet das auf Dauer einer Beziehung. Und der Partner, der nie die Initiative ergreift, könnte Gelegenheiten für sexuellen Genuss verpassen, wenn er oder sie am meisten Lust darauf hätte. Zwar müsste derjenige dann ebenfalls gelegentlich damit klar kommen, dass er abgewiesen wird – aber in einer gesunden Beziehung, in der beide Partner sich lieben, sollte das kein großes Problem sein.

Ein wichtiger Faktor: Vertrautheit

Wenn immer nur einer von Ihnen die Initiative ergreift, ist das auch ein Zeichen fehlender Vertrautheit. Es lässt darauf schließen, dass einer von Ihnen Angst hat, sich vor dem anderen eine Blöße zugeben. Wenn man dem Partner vorschlägt, miteinander zu schlafen, macht man sich verletzlich, und eine vertraute Beziehung zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass man dieses Risiko eingehen kann. »Augenblick mal«, höre ich Sie protestieren. »Schließlich haben wir Sex, da sind wir doch wohl miteinander vertraut!« Wenn ein Mann mit einer Prostituierten schläft, sind sie dann miteinander vertraut? Natürlich nicht.

Wenn eine Frau ihrem Partner erlaubt, mit ihr zu schlafen, es aber nie genießt, dann ist das auch keine Vertrautheit. Sie können Sex haben, ohne dass wirklich eine vertrauensvolle Beziehung entsteht. Sie sollten also eine Atmosphäre kultivieren, die genau das Gegenteil von diesen beiden Situationen darstellt: Der Sexualakt mit Ihrem Partner sollte im wahrsten Sinne des Wortes ein »Liebesakt« sein. Sie beide teilen dieses Erlebnis miteinander, und jeder sollte liebevoll um den anderen bemüht sein – denn nur so können Sie den größtmöglichen Genuss erleben. Dazu muss aber zwischen Ihnen ein großes Vertrauen herrschen. Wenn einer von Ihnen sich zurückhält oder sogar Sie beide – aus welchem Grund auch immer –, können Sie nicht die sexuellen Höhenerreichen, die Sie sich wünschen.

Als Sie jünger waren, war Ihre sexuelle Begierde stärker. Da war es schon möglich, dass Sie befriedigenden Sex hatten, ohne ein hohes Maß an Vertrautheit. Die ersten sexuellen Begegnungen eines Paares, das frisch verliebt ist, sind tatsächlich von einem ganz besonderen Zauber begleitet. Aber der geht nach einer Weile verloren, und dann müssen Sie ihn durch etwas anderes ersetzen: durch Intimität.

Die kann im Laufe der Zeit zu- oder abnehmen. Wenn Sie verheiratet sind und Kinder haben, dann ist ein Teil der Intimität, die Sie vorher aufgebaut haben, um Eltern zu werden, zweifellos verflogen. Wie wir zuvor besprochen haben, nehmen Kinder ihren Eltern einen Teil ihrer Privatsphäre und beanspruchen eine ganze Menge Zeit. So gerät die intime Zweisamkeit für eine Weile ins Hintertreffen. Im jetzigen Stadium Ihres Lebens jedoch sind die Kinder – falls Sie welche hatten – wahrscheinlich ausgezogen. Abgesehen davon sind sie längst keine Kinder mehr, diesbezüglich steht Ihrer Intimität also nichts mehr im Wege.

Da Ihre Körper inzwischen gealtert sind, haben Sie möglicherweise Probleme mit Ihrem Körperbild und lassen sich davon beeinträchtigen. Doch wie wir gesehen haben, können Sie den Grad Ihrer Vertrautheit gerade dadurch steigern, dass Sie sich mit den Veränderungen beschäftigen, die die Menopause für die Frau mit sich bringt und der Verlust der psychogenen Erektion für den Mann. Ignorieren Sie jedoch diese Veränderungen, wird dies den gegenteiligen Effekt haben. Ganz egal, an welcher Stelle des Kontinuums Sie sich gerade befinden: Wenn Sie den Grad Ihrer Vertrautheit erhöhen, sind Sie damit einen großen Schritt weiter, was die Belebung Ihres Sexuallebens betrifft!

Ein paar Strategien, um den Grad Ihrer Vertrautheit zu erhöhen

Es gibt eine Übung, die Sexualtherapeuten als Body Mapping bezeichnen. Jeder Partner erkundet den nackten Körper des anderen und versucht dabei, dessen erogenen Zonen herauszufinden. Erkann die verschiedenen Partien ihres Körpers vom Kopf bis zu den Zehen streicheln, kitzeln, mit der Zunge berühren, liebkosen und küssen, und sie vermittelt ihm, wie jede Berührung oder Zärtlichkeit sich anfühlt – entweder durch Worte oder durch leises (oder vielleicht auch lautes) Stöhnen. Dann tauschen beide die Rollen. Diese Aktivität wird Sie garantiert beide in sexuelle Erregung versetzen, und natürlich werden Sie miteinander schlafen – aber das ist nicht das eigentliche Ziel. Sie wollen die verschiedenen Körperteile Ihres Partners entdecken, die ihr oder ihm die größte Lust verschaffen – zusätzlich zu denen, die sSie bereits kennen -, und dabei immer vertrauter miteinander werden…

Aus dem Buch “Silver Sex” (pp. 162/163 ff)
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Dr. Ruth K. Westheimer wurde am 4. Juni 1928 als Ruth Siegel in Frankfurt am Main geboren. Im Alter von zehn Jahren gelang es ihren Eltern, die später in Auschwitz ermordet wurden, sie aus Deutschland herauszubringen. Ruth kam 1945 nach Palästina, wo sie beim Militär eine Scharfschützenausbildung absolvierte und 1948 im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte.
Nach einem Studium der Psychologie an der Sorbonne in Paris wanderte sie 1956 in die USA aus, studierte dort Soziologie und Sexualwissenschaft und arbeitete im Anschluss als Therapeutin. 1980 startete ihre Radiosendung »Sexually Speaking«, in der sie Anrufern humorvoll, offen und unverklemmt Tipps und Ratschläge gab. Die Sendung wurde ein riesiger Erfolg, es folgten zahlreiche weitere Radio- und TV-Sendungen und Bücher. Ruth Westheimer wurde zur international bekannten und populären Sexberaterin. Noch heute unterrichtet sie in Harvard und Yale.

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