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Wie Religion bioethische Debatten beeinflusst – LMU präsentiert Sammelband

Ob Stammzellforschung, Gentechnik oder das Selbstbestimmungsrecht von Patienten am Lebensende: In bioethischen Diskussionen treffen häufig nicht nur sachliche Argumente, sondern auch unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander…

Dabei wird deutlich, dass selbst vor dem Hintergrund gleicher theologischer Traditionen die Positionen oft weit auseinandergehen. Dies gilt umso mehr, wenn verschiedene Religionen und Nationalitäten berücksichtigt werden müssen. Dieser vergleichende Ansatz sei für die Bewertung bioethischer Fragestellungen sehr wertvoll, betont Privatdozent Dr. Friedemann Voigt, Leiter der Forschergruppe „Religion in bioethischen Diskursen“ an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, „denn die Anerkennung der relativen Berechtigung anderer Ansichten schließt einseitige und rücksichtslose Optionen von vorneherein aus“.

Wann beginnt menschliches Leben?

Auch religiöse Akteure sind sich uneins darüber, ab wann ein Embryo als Mensch betrachtet werden muss. Dieser Zeitpunkt gilt vielfach als Schlüssel für gesetzliche Regelungen und ist entsprechend umstritten. Aber auch bei zahlreichen anderen Fragen der Bioethik kollidieren sehr unterschiedliche Standpunkte: „Religiöse und theologische Positionen zu konkreten Herausforderungen, etwa der Stammzellforschung oder der In-vitro-Fertilisation, sind im internationalen und interreligiösen Vergleich sehr unterschiedlich“, sagt Voigt. Insbesondere hat die Einbindung religiöser Akteure in ihre jeweilige Kultur großen Einfluss auf deren Positionen.

Eine Gruppe internationaler Experten diskutierte die vielfältige Beeinflussung bioethischer Debatten durch die Religion im Rahmen einer Tagung im Februar 2009 an der LMU. Die vertiefte und erweiterte Dokumentation dieses Treffens ist nun als Sammelband „Religion in bioethischen Diskursen“ erschienen. Der Band versammelt exemplarisch Beiträge aus Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin und Soziologie, internationale Analysen aus Europa, Israel und der arabischen Welt sowie Untersuchungen zur christlichen, jüdischen und muslimischen Bioethik. Grundidee ist es, der Vielgestaltigkeit der Religion in bioethischen Diskursen durch internationale und interdisziplinäre Analysen gerecht zu werden.

Die Beiträge zeigen sehr unterschiedliche Ansichten, aber auch Übereinstimmungen, die manchmal durch Kontroversen innerhalb einer Disziplin verdeckt werden. Der medizinische Beitrag beispielsweise macht deutlich, dass der Konflikt zwischen medizinischem Machbarkeitsstreben und religiösem Endlichkeitsbewusstsein häufig den Blick auf erstaunliche Gemeinsamkeiten medizinischer und religiöser Standpunkte verstellt. Die Beiträge zu den drei großen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam zeigen die große Relevanz, die unterschiedliche Auslegungen überlieferter religiöser Inhalte für bioethische Stellungnahmen haben.

Offensichtlich ist der Einfluss der Religion komplexer und weit weniger eindeutig, als dies allgemein erwartet wird. Der Band gibt Einblick in diese Vielgestaltigkeit und erlaubt so neben dem vergleichenden Aspekt auch, die eigene Perspektive einzuordnen. Dabei zeigt sich, dass Religion kein Garant für Eindeutigkeit in der Bioethik ist, „denn Antworten auf die ethischen Fragen der modernen Lebenswissenschaften gehen aus dem Glauben nicht unmittelbar hervor“, so Voigt.

Publikation:
Friedemann Voigt (Hrsg.): „Religion in bioethischen Diskursen. Interdisziplinäre, internationale und interreligiöse Perspektiven“, Berlin /New York: de Gruyter 2010.

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