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Flüchten – Migrieren – Existentielle Entscheidungen im Leben

Hamm – Eine Migration ist per se weder krankmachend noch krankheitsauslösend. Flüchtlinge – dieses Wort steht für existentielle Entscheidungen, die Suche nach Weiterentwicklung und Wiederkehr, schwere Lebensbrüche und manchmal erfüllte Träume. Es ist nicht verwunderlich, dass gerade jene Menschen, welche aus ihren Ländern vertrieben wurden bzw. noch rechtzeitig die Entscheidung getroffen haben, ihr Zuhause zu verlassen, unter besonderer psychischer und körperlicher Last ihrer Entscheidung leiden…

Transkulturell kompetenter Umgang fördert einerseits die Versorgung der Patienten mit Migrationshintergrund und verringert andererseits unnötige Gesundheitskosten bei deren Versorgung. Hier ein Beispiel: bei Depression zeigen alle Betroffenen kulturunabhängig Schlafstörungen und Antriebsarmut. Im Abendland gesellen sich dazu aber Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, im Nahen Osten eine starke Somatisierung und in Asien (Japan) ein Gefühl der Entehrung. Geht man vom Körper als dem Haus der Seele aus, wie es z.B. ein persisches Sprichwort beschreibt, dann versteht man den Zusammenhang zwischen Schmerzen im Bereich von Haut, Bauch oder Herz und der zugrunde liegenden Depression leichter. „Übersetzung“ ist hier allerdings kein taugliches Mittel.

Bedeutsam ist im Zusammenhang mit der Migration weiters, durch welche Kaskaden von Traumata Betroffene bereits gegangen sind, was im Krankheitsbild vielleicht Simulation sein könnte, was kulturspezifisch ist. All das macht Migranten zu besonderen Patienten, die ein sensibles, tolerantes und vorurteilsfreies medizinisches Angebot benötigen. Es ist das Anliegen des deutschsprachigen Dachverbandes für Transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, diesem Versorgungsbedürfnis nachzukommen, den aktuellen Versorgungsnotstand zu mindern.

Dr. Solmaz Golsabahi, www.dtppp.com

Die zunehmende kulturelle Vielfalt erfordert gerade im Bereich der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik besondere Fähigkeiten. Etwa 15 bis 20 Prozent der Patienten in den entsprechenden deutschsprachigen Versorgungseinrichtungen haben einen Migrationshintergrund. Sie haben zumeist spezifische Probleme, die mit der Migration mittelbar oder unmittelbar zusammenhängen. So sind diese Patienten durch seelische Folgen traumatischer Erlebnisse, durch Sprachbarrieren und besondere soziale und wirtschaftliche Probleme eine Herausforderung für den klinischen und therapeutischen Alltag. Bisher existieren jedoch nur wenig empirisch gesicherte Erkenntnisse über die Wirksamkeit von Versorgungsmodellen in klinischen, psychotherapeutischen und sozialen Arbeitsfeldern. Außerdem gibt es in den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz vergleichbare Hindernisse in der Versorgung der zugewanderten Patienten. Deshalb soll der DTPPP e.V. die gemeinsame Arbeit der Initiativen in den drei Ländern fördern. Außerdem sollen die jeweilig unterschiedlich gewachsenen Strukturen der Gesundheits- und Sozialsysteme gegenseitige Veränderungsimpulse anregen.

Machleidt W., Heinz, A. (Hrsg.)
Praxis der interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie
Migration und psychische Gesundheit
Mit einem Vorwort von Ursula von der Leyen

Dies ist ein praxisrelevantes Buch – unverzichtbar für den Behandlungsalltag in einer multikulturellen Gesellschaft. Eine optimale Therapie psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Migrationshintergrund setzt voraus, dass sich der Therapeut über die kulturelle Herkunft seines Patienten informiert. Wenn er den ethnischen Hintergrund
begreift, kann er den Blick auf die individuellen Besonderheiten des Menschen richten und die Behandlung an seine spezifischen Bedürfnisse anpassen.
Dafür bietet dieses Buch – einzigartig in seiner Art als Nachschlagewerk und Ratgeber – fachlich höchst kompetente Antworten in allen wichtigen Fragen, wie der Bedeutung
psychischer Symptome in den Herkunftsländern und psychischer Probleme durch die Migration, der sprachlichen Verständigung, der optimalen Therapieformen, der besten ambulant/stationären Behandlungsstrategien, der Netzwerke und Anlaufstellen, der Beispiele für „Good Practice“ usw.

Aus einem multiprofessionellen Ansatz werden verständlich und praxisnah kulturelle und religiöse Hintergründe beleuchtet, eine moderne interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie erläutert, die Diagnostik und die wichtigsten Krankheitsbilder dargestellt sowie die Behandlung und Betreuung von Menschen aus anderen Kulturen mit psychischen Störungen beschrieben.
Im Mittelpunkt stehen ganz konkret und praxisbezogen die interkulturellen Behandlungs- und Versorgungsstrategien, abgestimmt auf die zentraleuropäische Situation mit Berücksichtigung der typischen Herkunftsstaaten (Mittelmeerstaaten, Türkei, Ost- und Südosteuropa, GUS-Staaten).

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