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Chefsache: Psychische Gesundheit im Job

Führungskräfte interessieren sich für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz mehr denn je zuvor. „Innerhalb von zwei Jahren ist das Problem vom Randthema zum Schlager geworden. Spätestens als der Vizechef von France Telecom wegen den gehäuften Selbstmordfällen den Hut nehmen musste, wachten weltweit die Vorstände auf und erkannten, dass Lösungen gefragt sind“, berichtet die Psychologin Rosmarie Mendel vom Centrum für Disease Management (CDM) der TU München…Hohe psychische Kosten der Krise erfordern Wissen um Krankheiten:
Richtig mit Burnout, Depression und Co. umzugehen ist Gebot der Stunde

pte – Wesentlich an dieser Entwicklung beteiligt war der steigende psychische Druck infolge der Krise. „Es wurde umstrukturiert, Menschen arbeiten mehr als zuvor und fürchten um den Arbeitsplatz. Dabei stiegen die Fehltage enorm an und liegen heute 80 Prozent über dem Wert vor 15 Jahren“, so CDM-Oberarzt Werner Kissling. Ein Fehltag kostet im Schnitt über 400 Euro. Bei psychischen Erkrankungen, die sprunghaft anstiegen, rechnet man mit 33 Fehltagen pro Jahr, noch kostenspieliger sei jedoch im Vorfeld das Präsentismus-Phänomen. „Allein der deutschen Industrie gehen dadurch zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr verloren.“

Jede vierte psychische Erkrankung arbeitsbedingt

Psychische Krankheiten gehen zunehmend auf krank machende Arbeitsverhältnisse zurück. Das ermittelten die beiden Forscher durch die Befragung von 300 Psychiatern, die in der Zeitschrift „Wirtschaftspsychologie aktuell“ publiziert wurde. Bei rund 26 Prozent der Erkrankungen dürfte die Situation im Job sogar der wichtigste Auslöser sein. Der Umgang der Betriebe sowohl mit den Erkrankten vor wie auch nach dem Krankenstand ist jedoch noch weitgehend schlecht. Darauf weist die Tatsache, dass 38 Prozent der Fachärzte den Patienten raten, dem Chef nach der Rückkehr die psychische Erkrankung zu verschweigen.

Sage ich es oder nicht?

Grund dafür ist, dass mindestens jeder dritte psychisch Kranke nach dem Krankenstand im Job stigmatisiert wird. „Häufig sind Ausgrenzung und Aufgabenzuteilung unterhalb der Qualifikation. Dahinter steht die Angst von Kollegen oder Chefs, der Betroffene könnte etwas Unvorhergesehenes anrichten“, berichtet Mendel. Ob man die Krankheit mitteilt, sollte jeder selbst entscheiden, wobei für die Psychologin die Arbeitsplatzsituation und die Einstellung des Chefs wichtige Kriterien sind. „Viele Kranke wollen nicht reden. Kann man es jedoch offen ansprechen, so bringt das meist Erleichterung und beste Voraussetzungen für die weitere Arbeit.“

Die idealen Hebel, um Voraussetzungen für solche Offenheit zu schaffen, sind für die beiden Experten die Vorgesetzten. „In der Praxis sehen wir, dass fast jede Führungskraft mindestens einen Mitarbeiter hat, der von psychischen Krankheiten bis hin zu Suizidabsichten betroffen ist. Durch guten Umgang mit der Situation kann man verhindern, dass ein ganzes Team in Mitleidenschaft gezogen wird“, so Mendel. Da das nötige Wissen selbst bei Führungskräften noch kaum verbreitet ist, sind Weiterbildungen erforderlich. 94 Prozent der Psychiater befürworteten Führungskräfte-Schulungen und Einzelfallberatung in schwierigen Situationen.

Führungskräfte schulen sich

In der Praxis setzt eine Schulung bei den Münchner Experten damit an, ein Gespür für das Erkennen der Krankheitssymptome zu vermitteln, wobei jedoch das Diagnostizieren unbedingt vermieden werden muss. Geübt wird weiters das richtige Ansprechen des Problems sowie die Erarbeitung von Lösungen. „Vorgesetzte saugen das Thema wie ein Schwamm auf und wir haben so viele Anmeldungen, dass wir den Workshop als E-Learning anbieten müssen“, berichtet die Münchner Psychologin.