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Cesare Lombroso: Die „Positive Schule der Kriminologie“

Er verstand sich als Positivist, Sozialist, Philosemit, Rassist und Eugeniker – und auf ihn ist der erste in der Literatur erwähnte Lügendetektortest zurückzuführen. Cesaro Lombroso, italienischer Arzt, Professor der Gerichtsmedizin und Psychiatrie gilt als Begründer der «Positiven Schule der Kriminologie», die dafür sorgte, dass sich im 19. Jahrhundert immer mehr wissenschaftlich ausgebildete Fachleute wie Mediziner und Anthropologen mit dem Fachgebiet der Kriminalität auseinandersetzten…

Zusammengestellt von Andrej Vladymyrov, Jüdische Zeitung
Cesare Lombroso – geb. am 6. November 1835

Lombroso wurde in der norditalienischen Stadt Verona in eine jüdische Familie hineingeboren. Er studierte zunächst Literatur, Linguistik und Archäologie, änderte jedoch seine Pläne und wurde Armeechirurg. 1862 promovierte er zum Thema der «Krankheit des Verstandes», schon ein Jahr später wurde er Verantwortlicher für die «Irrenanstalten» in Pavia, Pesaro und Reggio Emilia. 1874 wurde er ausserordentlicher Professor für Gerichtsmedizin, Toxikologie und Hygiene in Pavia und später Ehrenprofessor in Turin, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1909 praktizierte und forschte.

Bekanntschaft beim größeren Publikum erlangte Lombroso durch sein im Jahr 1872 erschienenes psychiatrisch-anthropologisches Werk «Genie und Irrsinn», worin er Schriftsteller wie Hölderlin, Tasso und Rousseau mit klinischen Fällen von Wahnsinn verglich und diese als «Genies mit Geistesstörung» beschrieb. Lombroso zog Parallelen zwischen diesen beiden Gruppen und konstatierte, dass sowohl Genies als auch «Wahnsinnige» regelmäßig in einen «chaotischen und regellosen Zustand» fielen. In seinem Werk vertritt er die Position, dass es sich auch bei der Inspiration um einen psychischen Ausnahmezustand handelt, der in seinen verschiedenen Ausformungen Analogien zur Psychopathie aufzeige.

Um seine Thesen untermauern zu können, setzte er sich mit den Biographien zahlreicher Künstler auseinander und behauptete zum Beispiel, dass auch berühmte Komponisten, wie Mozart, Schumann, Beethoven und Gluck «wahnsinnig» gewesen seien. Damit stellte er seine umstrittene «neurogenbedingte Kunsttheorie» auf. Er verwies zudem auf andere Faktoren, die für die «Anfälle» von «Verrücktheit» und Genialität gleichermaßen verantwortlich seien. Als einen der wichtigsten Faktoren benennt Lombroso den geografischen Faktor. Seine «Analysen» ergaben, dass in Ländern mit feuchtem Klima, im Vergleich zu trockenen und kalten Gegenden, weniger begabte Persönlichkeiten geboren würden. Das Wetter habe also, so Lombroso, großen Einfluss auf die Personen eines Landes. So meinte er auch feststellen zu können, dass die Anzahl von Anfällen bei Geisteskranken ebenso wie wichtige Erfindungen und die Entstehung bedeutender Werke im Frühling ansteige, während sie in den Winter- und Sommermonaten abnähmen.

Eine andere Verbindung meinte Lambroso zwischen dem Erbgut und der Nationalität feststellen zu können: Unter den Juden gebe es im Vergleich zu anderen Nationen die meisten genialen, aber auch die meisten verrückten Menschen. Lombroso erklärte dies mit der systematischen Verfolgung der Juden, was einen Ausleseeffekt zur Folge gehabt habe und nur die Stärksten unter ihnen habe überleben lassen.

Mit seinem Werk «Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung», das 1876 erstmals veröffentlicht wurde, begründete Lombroso eine neue Theorie in der Kriminologie, nämlich den Übergang vom Tat- zum Täterstrafrecht. Grundlage war die umstrittene «Tätertypenlehre», die Lehre vom «geborenen Verbrecher», welche den Kriminellen als einen besonderen Menschentyp beschreibt, der als geisteskranke und primitive Gestalt angesehen wird.
Lombroso maß den biologischen Ursachen für Geisteskrankheiten eine enorm hohe Bedeutung bei. Die theoretischen Ergebnisse seiner Studien besagten, dass Individuen, die sich kriminell betätigen, eine in Vergleich zu Nichtkriminellen höhere Prozentzahl an physischen, mentalen und psychischen Anomalien aufweisen, die teilweise durch die Degeneration, teilweise durch Atavismen, also für die Urahnen der Menschheit typische Verhaltensweisen, zu erklären seien. So behauptet er auch, dass eine bestimmte Schädelform, beziehungsweise zusammengewachsene Augenbrauen, oder eine platte Nase auf eine niedrigere und somit gewalttätigere Entwicklungsstufe verweisen.

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