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Pervitin: Drogengroßmacht Tschechien?

Im vergangenen Jahr hat fast ein Drittel aller Tschechen zwischen 15 und 34 Jahren zumindest mal an einem Joint gezogen. Marihuana ist mit Abstand die am weitesten verbreitete illegale Droge hierzulande. Das ist nichts Neues. Doch die Jahresberichte Tschechiens und der EU machen weitere gefährliche Trends aus: Die Zahl der Konsumenten harter Drogen in Tschechien steigt…

Patrick Gschwend

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Je eine Tonne Heroin und Kokain, fast fünf Millionen Tabletten Ecstasy und 19 Tonnen Cannabis. Das ist der Jahresverbrauch in der Tschechischen Republik. Jeder zweite Tscheche unter 24 Jahren hat Erfahrung mit Drogen, die meisten mit Cannabis. Hier belegt Tschechien schon einige Jahre den traurigen Spitzenplatz in Europa.

Viktor Mravčík vom Nationalen Drogenbeobachtungszentrum: „Wir schätzen etwa 60.000 Personen, die täglich Cannabis konsumieren. Und es sind über 100.000 – vor allem junge Erwachsene – die einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, Probleme mit Cannabis-Konsum zu bekommen.“

Gestiegen ist in Tschechien die Zahl derjenigen, die regelmäßig harte Drogen nehmen, und zwar gleich um 5000. Etwa 12.000 Personen spritzen sich Opiate, vor allem Heroin, und über 25.000 Amphetamine, vor allem  Pervitin. Doch nicht nur beim Konsum, auch bei der Herstellung von Pervitin belegt Tschechien in Europa den unrühmlichen Spitzenplatz. Allein im vergangenen Jahr entdeckte die Polizei in Tschechien 458 Pervitin-Küchen. Zum Vergleich: Das wesentlich größere Deutschland liegt auf Platz zwei der Statistik. 2009 wurden dort zehn Pervitin-Labors ausgehoben.

In Tschechien entwickelt sich die Alternative zum wesentlich teureren Heroin immer mehr zur Modedroge, beklagt Mravčík:  „Es ist ein sichtbares Phänomen, dass der Konsum von Pervitin aus der Gruppe der klassischen Drogenszene in die gewöhnliche Bevölkerung wandert, vor allem in die Vergnügungsbranche.“ Soll heißen: in Diskos und Klubs.

Die gefährlichen Auswirkungen regelmäßigen Pervitin-Konsums beschreibt Martin Titman vom Prager Drogenkontaktzentrum der Hilfsorganisation Drop In: „Der Pervitin-Konsument ist nicht mehr in der Lage wahrzunehmen, dass er Drogenprobleme hat, physisch und psychisch, aber auch sozial und finanziell.“

Obwohl harte Drogen in Tschechien vor allem gespritzt werden, ist die Zahl der Infektionskrankheiten wie HIV und Hepatitis weiterhin auf niedrigem Niveau, dank der Prävention. In insgesamt 64 Kontaktzentren im ganzen Land können Süchtige frische Spritzen bekommen, und vor allem Informationen, wer ihnen bei der Bewältigung ihrer Probleme und beim Entzug helfen kann. Doch für die Sozialarbeiter in den Drogenkontaktzentren könnten bald schwere Zeiten anbrechen. Im Zusammenhang mit den Sparplänen der Regierung droht auch ihnen die Kürzung staatlicher Unterstützung. Der Regierungskoordinator für Antidrogenpolitik Jindřich Vobořil ist besorgt. Die Betreuung durch ambulante Dienste sei elementar, sagt er. Auf sie seien etwa 70 Prozent der Süchtigen angewiesen.

Quelle: Tschechischer Rundfunk 7, Radio Prag
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