- Pharmacon Net - http://www.pharmacon.net -

Sadismus, Flagellantismus und Masochismus

Auf keinem anderen Gebiet finden wir Erhabenstes und Gemeinstes, Über- und Untermenschliches so dicht beisammen und eng mitein­ander verknüpft, wie im Ge­schlechtsleben; da wo sich die feinsten und tiefsten Wurzeln unserer geistig-körperlichen Existenz grossenteils aus diesem Untergrunde entfalten. Der Mensch könnte nicht so tief, bis weit unter das Niveau der Tierheit herabsinken, wenn er nicht zuvor eine un­ermessliche Kulturhöhe im Kampfe mit der Natur und mit sich selbst eigenkräftig erstiegen hätte…

(Zitat n. Albert Eulenburg)

Erstes Kapitel: Sadismus, Flagellantismus und Masochismus

Iwan Bloch

Die Algolagnie oder Schmerzlüsternheit gehört, wenn man von ihren extremsten Äusserungen, wie dem Lust- ­oder Selbstmord aus Wollust, absieht, sicherlich zu den am meisten verbreiteten geschlechtlichen Verirrungen, ja findet sich in ihren leichtesten Formen fast bei jedem Menschen. Eine erfahrene Frau teilte Havelock Ellis mit, dass sie nur einen einzigen Mann kennengelernt habe, der keine sadistischen Gelüste gehabt habe. Umgekehrt gibt es wenig Frauen, in deren Sexualität nicht irgend­welche algolagnistischen Erscheinungen nachweisbar wären. Das ist natürlich, da wie keine andere sexuelle Aberration gerade die Algolagnie die tiefsten biologi­schen Wurzeln hat. Ihr Kern, die Lust am fremden oder eigenen Schmerz (hier Schmerz im weitesten Sinne phy­sisch und seelisch genommen), ist ein elementares Phä­nomen der Liebesbetätigung. „Liebe ist ihrer Natur nach Schmerz“, heisst es schon im „Divan“ des persischen Dichters Rümi.

Dass es sich hier um eine anthropologi­sche und in weiten Grenzen normale Erscheinung han­delt, ist sicher. Die Algolagnie spielt die grösste Rolle im individuellen Leben des einzelnen Menschen und im Kulturleben der ganzen Menschheit. Sie lässt uns in die verborgensten Tiefen der Menschenseele schauen und bietet uns das merkwürdige Phänomen der Verknüp­fung uralter primitiv-tierischer Instinkte mit der höchsten Geistigkeit dar. Sie erniedrigt und vertieft die Liebe und berührt die geheimsten Seiten unseres Wesens.

Der Schmerz beseelt
Und er entfesselt nied’re Triebe,
Die sonst dem Menschenherz gefehlt…

Der Schmerz betäubt — er kann beglücken,
Im Schmerz liegt ein geheimes Fleh’n;
Er lässt mit feurigem Berücken

Ein frevelhaftes Bild ersteh’n, singt Josef Lauff in seiner „Geisslerin“. Gibt es eine Lust ohne Schmerz, gibt es Liebe ohne Leid? Wer die Kultur­geschichte kennt, wird diese Frage verneinen. Der Schmerz ist ein Kulturfaktor ersten Ranges, er ist die Vorbedingung und Begleiterscheinung der Lust, der Lebensbejahung. Das ist der grosse Gedanke der Nietzsche’schen Philosophie. Der Schmerz der Liebe ist nur ein Spezialfall des grossen, unermesslichen Weltschmerzes und der Weltlust, die in den grandiosen Schilderungen eines Schopenhauer uns so tief ergreifen, und von jeher der erhabenste Gegenstand für die Betrachtungen von Philosophen und Kulturforschern gewesen sind.

Dass Liebeslust und Liebesschmerz, die schöpferische Kraft und die Zerstörung, ja, dass Liebe und Tod, die schon Leopardi in einem wunderbaren Gedicht als Zwil­lingsbrüder besang, nur durch einen „dünnen Schleier“ (H. Ellis) geschieden sind, das hat zuerst in seinen be­rüchtigten Werken der furchtbare Marquis de Sade aus­gesprochen, dessen Bücher nur eine einzige Paraphrase des Satzes von dem Zusammenhange zwischen Schmerz und Wollust sind, und zwar besteht nach de Sade dieser Zusammenhang nicht bloss in der aktiven Algolagnie, d. h. der Schmerzzufügung, der Wollust der Grausam­keit, dem sogenannten „Sadismus“, sondern ebensosehr in der passiven Algolagnie, dem Schmerzerleiden, der Wollust des Gequältwerdens, oder dem nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch so genannten „Masochis­mus“. De Sade, der der erste konsequente Vertreter der anthropologisch-ethnologischen Theorie der Psychopathia sexualis war, hat schon fast alle Tatsachen über die biologischen Wurzeln der Schmerzlüsternheit und über die algolagnistischen Erscheinungen in der Ethnologie und Kulturgeschichte gesammelt.

Die Grundlage für das Verständnis der aktiven und passiven Algolagnie bildet die Tatsache, dass es sich hier zunächst nur um eine rein biologische Erscheinung han­delt, die in jeder normalen Liebe hervortritt.
Der Ge­schlechtsakt zeigt uns Schmerz und Lust in einer unlös­lichen Verknüpfung. Die Liebesumarmung ist ein „süsser Schmerz“, eine wehe Lust.

Sage mir, geliebtes Mädchen, sage mir den wirren Zauber, der dein Wesen jäh verfärbet, wenn dich Amors Pfeil berührt? Wie sich deine Züge hellen, trunken deine Augen lachen, deine Lippen Küsse lechzen, deine Schönheit warm erglühet und erblüht zum siebenten Gesicht? Und vor allem sag mir, Holde, welchen Sphären jene Töne, jene Weisen wohl ent­stammen, wenn du dich dem Liebsten gibst? -schmerzerfüllte Sphärenklänge, die wie Singen wilder Schwäne mich durchschauern und befrei’n?

Ach, Geliebter, kann ich wissen – kann ich wissen, wenn ich fühle – fühle höchster Lüste, tiefste, ach so grausam süsse Schmerzen? Eins nur weiss ich, dass ich sterbe, wenn du liebend mich vernichtest, sterbe, um erneut zu leben — hundert heisse Tode sterbe, und dass meine Seele singet lebensschwangre Todesweisen.
(G. Hirth, Wege zur Liebe).

Die Natur des Wollustgefühles ist noch ziemlich dunkel, dass aber als Begleiterscheinung, wahrscheinlich sogar als ein Teil desselben schmerzhafte Empfindungen auftreten, ist sicher. Deutlicher spiegelt sich der Schmerz (aktiver und passiver) in der Liebesumarmung selbst, in Erscheinungen wie wildes Anpressen, heftige Zuckungen, Zähneknirschen, Schreien und Beissen, sowohl von seiten des Mannes als auch des Weibes.
Schon Lucretius (De rerum natura, Buch IV, Vers 1054 bis 1061) hat diese normalen sadistischen und masochistischen Begleiterscheinungen des Koitus anschaulich ge­schildert. Dabei ist der Sadismus zwar vorwiegend, aber keineswegs ausschliesslich auf seiten des Mannes und umgekehrt der Masochismus nicht ausschliesslich auf seiten des Weibes. Die sadistischen „Liebesbisse“ z. B. gehen sogar häufiger vom Weibe aus, besonders bei den Naturvölkern, bei den slawischen Völkern liebt der Mann mehr den „Bisskuss“ während des Aktes.

Es brausen mir wie Wirbelwind Im Busen namenlose Triebe: Ich möchte dich beissen, einzig Kind, Du süsse Frucht, vor Lust und Liebe singt Karl Beck in seinen „Stillen Liedern“.

Wie nahe diese Phänomene mit der Vorstellung von Blut und Grausamkeit zusammenhängen, die durch die Rötung und den Blutzufluss während der geschlechtlichen Aufregung begünstigt wird, habe ich bereits in meinen „Beiträgen zur Aetiologie der Psychopathia sexualis“ (II, 39—41) ausführlicher begründet. Damit hängt auch die sexuell erregende Wirkung der roten Farbe zu­sammen.

Es kommt bei diesen algolagnistischen Äusserungen, solange sie innerhalb der physiologischen Grenzen blei­ben, weniger der wirkliche physische Schmerz, die wirk­liche Zufügung oder Erduldung einer Grausamkeit in Betracht als die Vorstellung davon, als der seelische Schmerz, ja oft wird wirklicher Schmerz nicht als solcher, sondern nur durch die Vorstellung lustvoll empfunden. Besonders Eulenburg hat auf diese seelische Vertiefung der Algolagnie mit Recht hingewiesen. Seelenschmer­zen und Tränen geben der Liebe eine wundersame Tiefe, steigern die Leidenschaft, wie schon Goethe in seiner „Stella“ das geschildert hat. Die Liebe bedarf der Unlust, um als Liebe empfunden zu werden. Warum? Weil die Unlust auch etwas Neues ist, ein Kontrast zu der Lust, deren Ewigkeit unerträglich wäre. Sehr fein heisst es in den zwar apokryphen, aber darum psychologisch nicht minder interessanten Briefen der Ninon de Lenclos:

„Die Abwechslung in dem seelischen Zustand ist also wesentlich für das Glück der beiden Liebenden. Und was könnte besser als ein Getrenntsein diesen Vorteil verschaffen? Haben Sie niemals die Süssigkeit eines zärtlichen Abschieds empfunden? Die Unruhe, das Bedauern, die Tränen, die ihn begleiten, sind sie nicht etwas Kostbares für eine zarte, sensible Seele? Gewöhnliche Liebende betrachten die Trennung auf wenige Tage als ein Übel. Betrachten sie aber die Natur ihres angeblichen Schmerzes ein wenig ge nauer, so werden sie bald bemerken, dass er, anstatt einen unangenehmen Eindruck auf die Seele zu ma­chen, im Gegenteil, eine entzückende Wollust darin erweckt. Dieser Schmerz enthält einen entzückenden Reiz, und er beweist uns, dass, wie sehr auch das Herz in Mitleidenschaft gezogen wird, es immer in einer angenehmen Verfassung sich befindet, sobald es seine Empfindsamkeit ausüben kann.“

Ähnlich bemerkt G. H. Schneider, dass sich in allen Liebesverhältnissen das Bedürfnis zeigt, den „Kontrast zwischen Liebesleid und Liebeswonne durch Missstim­mungen, durch vorübergehendes, gegenseitiges Quälen, durch momentane neckische Erregung der Eifersucht seitens des Weibes oder durch scherzhafte oder ernste Drohungen zum Bewusstsein zu bringen, und dieses Be­dürfnis wird schon instinktiv immer vom Menschen be­friedigt, weil er instinktiv fühlt, dass sonst die Liebe verschwindet oder verschwinden wird“. Er erklärt diese Notwendigkeit des Bedürfnisses nach Schmerz und Leid in der Liebe aus einer gewissen Abnutzung und Ermü­dung der betreffenden Nervenzentren, die zeitweilige Ruhe verlangen, und aus dem schon bei den mensch­lichen Vorfahren und den Tieren bestehenden abwech­selnden Auftreten ganz entgegengesetzter Gefühle wie Liebe und Hass, so dass auch die Erregung der die Ge­fühle der Unlust vermittelnden Zentren ein notwendiges Bedürfnis sei.

Nichts lässt sich in der Tat schwerer ertragen als eine Reihe von schönen Tagen, auch nicht in der Liebe. Wes­halb werden gerade die besten, unveränderlich zärt­lichen Ehemänner oder Ehefrauen so häufig betrogen? Gewiss, weil sie oft versäumen, in die Süssigkeit der Liebe auch einmal ein wenig Bitterkeit zu mischen und den anderen Teil ab und zu die „Wonne des Leids“ kosten zu lassen.

Frau Venus, meine schöne Frau,
Von süssem Wein und Küssen
Ist meine Seele worden krank,
Ich schmachte nach Bitternissen.
Heinrich Heine

Der seelische Schmerz als allgemein soziologische und literarisch-philosophische Erscheinung offenbart sich im Weltschmerz und Pessimismus. Beide Empfindungswei­sen bergen hohe Lustgefühle in sich. Schopenhauer, der es doch wohl wusste, bemerkt (Werke ed. Grisebach, I, 508), dass die Erkenntnis der Leiden des Daseins, der Gram, der sich über das Ganze des Lebens verbreitet, von einer heimlichen Freude begleitet wird, welche von dem „melancholischesten“ aller Völker „the joy of grief“ genannt worden sei. Vortrefflich hat auch Kuno Fischer in seiner Darstellung der Schopenhauerschen Philosophie den Genuss hervorgehoben und geschildert, der in der pessimistischen Empfindungsweise liegt, und O. Zimmermann hat ein interessantes kulturpsychologi­sches Werk über die „Wonne des Leids“ geschrieben.

Bildet die Lust am eigenen oder fremden Schmerz den Kern aller algolagnistischen Erscheinungen, so kommt der Grausamkeit als Vermittlerin dieser Schmerz­lüsternheit nur eine sekundäre Rolle zu. Der tief einge­wurzelte, schon in der Kindheit auftretende Instinkt zur Grausamkeit hängt biologisch mit der Schmerzempfin­dung zusammen. Man hat verschiedene Theorien der Grausamkeit aufgestellt. So verursacht sie nach Scho­penhauer fremde Schmerzen, um die eigene Qual zu lin­dern, wäre also nur eine Art Heilmittel eigener Schmer­zen. Einleuchtender ist die Erklärung des englischen Psychologen Bain, der die Grausamkeit aus dem Macht­bewusstsein und dem Machtgenuss ableitet, aus der Wonne, durch sie über das gepeinigte Individuum zu herrschen. Nietzsche ist der berühmteste Apostel dieser Machterweiterung, dieses Machtgenusses im „Über­menschentum“ und durch die „Herrenmoral“. Er feiert förmlich die Grausamkeit als ein Förderungsmittel aller höheren Kultur.

„Fast alles“, sagt er, „was wir „höhere Kultur“ nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung der Grausamkeit… Was die schmerzliche Wollust der Komödie ausmacht, ist Grausamkeit; was im sogenannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar in allem Erhabenen bis hinauf zu den höchsten und zar­testen Schaudern der Metaphysik, angenehm wirkt, bekommt seine Süssigkeit allein von der eingemisch­ten Ingredienz der Grausamkeit. Was der Römer in der Arena, der Christ in den Entzückungen des Kreu­zes, der Spanier angesichts von Scheiterhaufen oder Stierkämpfen, der Japaner von heute, der sich zur Tragödie drängt, der Pariser Vorstadtarbeiter, der ein Heimweh nach blutigen Revolutionen hat, die Wag­nerianerin, welche mit ausgehängtem Willen Tristan und Isolde über sich „ergehen lässt“ —, was diese alle geniessen und mit geheimnisvoller Brunst in sich hin­einzutrinken trachten, das sind die Würztränke der grossen Circe „Grausamkeit“.

„Man muss aber“, fährt er sehr richtig fort, „die tölpelhafte Psychologie von ehedem davonjagen, welche von der Grausamkeit nur zu lehren wusste, dass sie beim Anblicke fremden Leids entstände! Es gibt einen reichlichen, überreichlichen Genuss auch am eigenen Leiden, am eignen Sich-leiden-Machen, und wo nur der Mensch zur Selbstverleugnung im religi­ösen Sinne oder zur Selbstverstümmelung, wie bei Phöniziern und Asketen, oder überhaupt zur Ent-sinnlichung, Entfleischung, Zerknirschung, zum puri­tanischen Bußkrampfe, zur Gewissensvivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell‘ intelletto sich über­reden lässt, da wird er heimlich durch seine Grausam­keit gelockt und vorwärts gedrängt, durch jene ge­fährlichen Schauder der gegen sich selbst gewendeten Grausamkeit“.

Mit wenigen genialen Strichen hat hier Nietzsche die hauptsächlichsten algolagnistischen Kulturphänomene gezeichnet. Die Ethnologie und die Weltgeschichte lie­fern uns in gleichem Masse zahlreiche interessante Belege für den primitiven Hang der Menschennatur zu sadisti­schen und masochistischen Äusserungen. Man muss diese über die ganze Welt verbreiteten, in den verschieden­artigsten Formen zutage tretenden Phänomene der akti­ven und passiven Algolagnie kennen, um viele Vor­kommnisse der Gegenwart zu verstehen. In meinen „Beiträgen zur Aetiologie der Psychopathia sexualis“ (Bd. II, S. 43—75; S. 95—96; S. 109—113; S. 120—157; S. 228—240) habe ich diese anthropologischen und ethnologischen Daten über die allzeitliche und allörtliche Verbreitung der Algolagnie ausführlich mitgeteilt und auf das hierfür besonders beweiskräftige Auftreten von Sadismus und Masochismus als Massenerscheinung hingewiesen: bei Kriegszügen, Gladiatorenkämpfen, Menschenjagden, Tierhetzen, Stiergefechten, theatrali­schen Sensationsstücken, bei öffentlichen Hinrichtun­gen, in der Inquisition und den Hexenprozessen, in der noch heute in Nordamerika üblichen Lynchjustiz, in dem Benehmen der Volksmassen bei der früher gebräuch­lichen Strafe des Prangerstehens, besonders auch bei Revolutionen, wofür wieder aus Russland die furcht­barsten Beispiele vorliegen (vgl. auch den Anhang), in der uralten Sitte der „Raubehe“, im Kannibalismus, dem Vampyr- und Werwolfsglauben, der Sklaverei, dem Flagellantismus und den Geisslerfahrten des Mittel­alters, dem schrecklichen „Satanismus“ derselben Zeit­epoche, der Gynäkokratie oder Weiberherrschaft, dem Frauendienst der Minnezeit, dem italienischen Cicisbeat und der slawischen Geschlechtssklaverei der Männer, der Askese und dem Märtyrertum, der ethnologischen Ver­breitung der scatologischen, kopro- und urolagnistischen Gebräuche usw. usw. Es genügen diese Tatsachen, um den Beweis zu erbringen, dass zu allen Zeiten und bei allen Völkern Sadismus und Masochismus in allen auch heute noch beobachteten Formen weit verbreitet waren und aus gewissen tief eingewurzelten Instinkten der Volksseele hervorgehen, deren Existenz auch heute noch überall zutage tritt.+

So z. B. nahm das grosse Automobil-Rennen um den Vanderbilt-Pokal, das Anfang Oktober 1906 auf Long Island stattfand, einen Verlauf, der mit seinen Begleitumständen an die scheusslichen Vorgänge bei den alten Gladiatorenspielen erinnerte. Drei Männer kamen während des Rennens auf der Stelle ums Le­ben, eine Frau und ein Knabe wurden so schwer ver­letzt, dass sie im Sterben liegen, und 20—30 Personen erlitten Gliederbrüche und andere Verletzungen. An 500 000 Menschen waren aus allen Gebieten der Ver­einigten Staaten zum Rennen zusammengeströmt. Schon vor Beginn der Fahrt war die ungeheure Menge in hysterischer Erregung. Der Automobilklub hatte sorgfältige Vorbereitungen zur Sicherung der Renn­strecke getroffen und sie auf beiden Seiten durch ein acht Fuss hohes Drahtnetz abgesperrt. Diese Schutz­wand wurde indes von der Menge niedergerissen, die sich gerade an den Stellen am weitesten nach vorwärts drängte, wo die mächtigen Rennwagen mit höchster Geschwindigkeit vorbeirasen sollten. Trotz aller Mahnungen der Polizei traten die Sensationslustigen erst zurück, als die entsetzten Fahrer mit ihren Wagen unmittelbar vor ihnen auftauchten. An einer Wen­dung des Weges hatte sich eine an tausend Personen zählende Zuschauerschar aus den besten Kreisen New Yorks versammelt. Jedesmal, wenn an dieser gefähr­lichen Stelle einer der Rennwagen verunglückte, stürmten diese Leute vorwärts, um alles aus nächster Nähe zu sehen. Die Frauen kreischten und fielen vor Erregung in Ohnmacht, und die Polizei musste rück­sichtslos mit ihren Knüppeln dreinschlagen, um Raum für die nachfolgenden Wagen zu schaffen und unab­sehbares Unglück zu verhüten. Die Menschen waren wie wahnsinnig vor Sucht, Blut zu sehen; eine Dame, die mit der Menge vorwärtsstürmte, als ein Wagen sich überschlagen hatte, machte ihrer Enttäuschung durch den Ruf Luft: „Ach, keiner tot!“

Der Petersburger Berichterstatter der „Täglichen Rundschau“ (No. 65 vom 17. März 1906) berichtet in einem Aufsatz „Russland, wie es ist“ über die russi­schen Strafexpeditionen gegen die Revolutionäre: „Den politischen Zweck ihrer Mission‘ haben sie schon längst vergessen: sie morden und sengen aus angeborener Mordlust, aus Rassenblutgier, aus einer bereits deutlich wahrnehmbaren, krankhaften Per­versität. Die Erschiessung von Knaben, die Durchpeit­schung von Frauen — von schlimmeren, hier nicht wiederzugebenden Bestrafungen‘ ganz abgesehen —, die in Gegenwart oder gar unter tätiger Beihilfe der grösseren und kleineren Saträplein vor sich gegangen ist, und über die ich ein recht beträchtliches Material gesammelt habe, bringt mich, den ehemaligen Krimi­nalpsychologen, auf ganz merkwürdige Gedanken.“

In diesen Fällen ist wohl die Hauptursache der grau­sam-wollüstigen Handlungen die lebhafte emotionelle Erschütterung, die heftige Erregung, die ihrerseits wie­der die Geschlechtslust steigert. Schon de Sade wusste, dass Erregung durch starke Affekte auch die sexuellen Vorgänge mächtig beeinflusst, steigert, verändert und abnorm gestaltet. „Alle Sensationen verstärken sich ge­genseitig.“
Zorn, Furcht, Wut, Hass, Grausamkeit ver­grössern die Sexualspannung und demgemäss auch die Lust ihrer Entladung. Bouillier wies darauf hin, dass es häufig nicht die Lust an Blut und Leiden an sich ist, son­dern nur diese Steigerung der Emotion, die die sexuelle Grausamkeit hervorruft, oft bei Menschen, die im sonstigen Leben sehr sanfte und mitleidsvolle Naturen sind. Ebenso erklärt Horwicz den Genuss des Marterns ledig­lich aus den starken sinnlichen Reizen dabei.

Helvetius, Bain, Lully, James, Herbert Spencer, Stein­metz und viele andere Psychologen und Anthropologen suchen diese innige Verknüpfung der Affekte, speziell der Grausamkeit mit der Sexualität evolutionistisch zu erklären, da zur Befriedigung der geschlechtlichen Be­dürfnisse der einzelnen stets ein Liebeskampf, ein Op­fern vieler Mitbewerber um die Gunst des geliebten Wesens notwendig war, wodurch eine Assoziation zwi­schen Blutvergiessen und sexuellem Genüsse entstand, und die Kampfeswut, wie Marro sehr richtig hervorhebt, durch eine Art von Übertragung von dem Rivalen sich plötzlich gegen das Weib richten kann und nun sadisti­schen Charakter annimmt. Deutliche Spuren dieses Zu­sammenhanges lassen sich noch in gewissen, bei vielen Völkern zu beobachtenden Volksgebräuchen nachwei­sen, z. B. wenn in Neu-Kaledonien das Mädchen von ihrem Liebhaber im Busche verfolgt und nach geschehe­ner Überwältigung und Begattung „zerschunden, zer­schlagen und zerkratzt, mit Bisswunden an Schultern und Nacken bedeckt, zurückkehrt“.

Ich halte die emotionelle Theorie der Grausamkeit für die beste, weil sie für alle Tatsachen die zwangloseste Erklärung liefert und vor allem auch die so häufig beob­achtete Grausamkeit des Weibes erklärt, das als leichter erregbares Wesen auch höhere, raffiniertere Grade von Grausamkeit zeigt als der durch die Affekte nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringende Mann. Schon Montaigne machte die feine Beobachtung, dass die Grausamkeit meist von einer „mollesse feminine“ begleitet sei, ebenso bemerkt Havelock Ellis, dass die äussersten, raffiniertesten Grade von Sadismus häufiger mit einer gewissen weiblichen Organisation zusammenfallen.

Man könnte die Grausamkeit des Weibes und ent­nervter, weibischer Wollüstlinge auch aus der Furcht und Feigheit erklären, aus dem erniedrigenden Bewusstsein der Schwäche des eigenen Wesens, das durch Grausam­keit gleichsam Rache nimmt an der Stärke der anderen und vorübergehend durch den damit verbundenen Machtrausch in der blossen Idee der Superiorität schwelgt. So erklärt sich gewiss die furchtbare Grausam­keit der blasierten Wüstlinge, wie sie de Sade in seinen Romanen schildert. Typen dieser Art waren Tiberius, Caligula, Nero, Domitianus, Heliogabal, Cesare Borgia, von Weibern Katharina von Medici und jene „zarten Kreolinnen, die, wenn sie eben der wollüstigsten Ge­nüsse sich erfreut haben, die unglücklichen Neger unter ihren Augen mit Peitschenhieben zerfleischen lassen“.

Ausserdem verlangt die Abstumpfung der Sinne, wie sie nach langen gewohnheitsmässigen Ausschweifungen eintritt, die stärkeren Reizmittel der Grausamkeit. Wie beim Wüstling, so schafft diese Abstumpfung auch bei der Prostituierten eine Prädisposition für Sadismus. Viele Prostituierte und Masseusen werden ebensosehr aus Neigung wie aus Gewohnheit (durch den Verkehr mit der masochistischen Klientel) Sadistinnen und fin­den einen sexuellen Genuss darin, die Männer zu peini­gen, sie verkörpern Ideale von „Herrinnen“.

Bei Europäern ruft das heisse Klima eine besondere Art wollüstiger Grausamkeit hervor, den sogenannten „Tropenkoller“. Seine Psychologie ist eine komplizierte. Es vereinigen sich verschiedene begünstigende Umstän­de, um den Tropenkoller zum Ausbruch zu bringen. Zu­nächst tritt er fast ausschliesslich bei Europäern auf, die in amtlichen Stellungen mit einer grossen Machtbefugnis ausgestattet, wie sie ihnen in der Heimat nicht einge­räumt war, in die Tropen kommen, meist in Gegenden wo alle Schranken der konventionellen Moral und der landläufigen gesellschaftlichen Beziehungen beseitigt sind, und der zivilisierte Mensch ganz seinen inneren Trieben folgen kann, auch sich einer „inferioren“ Rasse gegenüber befindet, die er als halb- oder ganztierische Wesen ansieht und behandelt. Der Einfluss des Klimas ist ebenfalls von grosser Bedeutung, sei es, dass, wie Hans v. Becker annimmt, durch die enorme Hitze Stoff­wechselstörungen hervorgerufen werden und diese dann durch Bildung von Toxinen das Zentralnervensystem und die Psyche schädigen und die „tropical moral insanity“ herbeiführen, eine krankhafte Impulsivität ver­bunden mit völliger Entwertung ethisch-moralischer Grundsätze, sei es, dass die abnorm hohe Temperatur nach Ansicht des Tropenhygienikers Plehn nur bei chronischen Alkoholisten akute Ausbrüche in Form des „Tropenkollers“ hervorruft. Jedenfalls charakterisiert dieser letztere sich besonders häufig durch exquisit sadistische Handlungen, wie die Kolonialstatistiker vieler Länder beweisen. Im Zusammenhang hiermit bedarf es keiner weiteren Begründung, wie sehr die Institute der Sklaverei und Leibeigenschaft von jeher sadistische Instinkte erzeugt und gefördert haben, überhaupt alle Verhältnisse, wo einzelne das unbeschränkte Verfügungsrecht über Leib und Leben ihrer Mitmenschen hatten…