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Iwan Bloch: Ein Beitrag zur Psychologie der russischen Revolution

Der Verfasser nachfolgender Aufzeichnungen, der russische Anarchist N. K., wurde in den ersten Monaten 1906 in Warschau verhaftet. Er sollte — wie jeder, der sich um diese Zeit dort als dieser Partei angehörig ent­puppte — sofort, ohne Urteil, kriegsrechtlich erschossen werden…

Aus Iwan Blochs „Ausschweifungen im Sexualleben
Anhang zum Kapitel 1 (Sadismus, Flagellantismus und Masochismus)

Sein Verhalten bei der Füsilierung seiner vor ihm ver­hafteten Genossen sowie im Verhör wies jedoch auf ein so hochgradiges Absurdum seiner seelischen Individualität hin, dass der Oberst — dem der Richterspruch oblag — einen Psychopathen in ihm vermutete und ihn bis zur Feststellung dessen in der Zitadelle internierte. — Hierselbst verfasste K. seine Aufzeichnungen, die im nachstehenden wortgetreu und ohne Kommentar wie­dergegeben sind.

Entwicklungsgeschichte eines algolagnistischen Revolutionärs

I.

Meine Eltern waren entgegengesetzte Elemente: Der Vater: Stark, grob, brutal, egoistisch; materiell bis zum Exzess; — die Mutter: Leidend, zart, gefühlvoll, äthe­risch. Aus einer solchen Kreuzung musste ein masochistischer Charakter entstehen.

Mein Vater erzog mich mit Gebrüll, Prügel und Schrecken; meine Mutter entgalt mir das alles wieder mit Streicheln, Küssen und Weinen. — Ich zitterte vor geheimer Angst und frohlockte innerlich zugleich, wenn mich mein Vater übers Knie legte. Denn kaum war die Exekution vorbei, so rannte er, irgend jemanden — einen Knecht, eine Magd, einen Diener usw. — zu ohr­feigen. Ich lief mit brennendem Hintern zu meiner Mut­ter. Da wurden zuerst die Striemen inspiziert und dann geweint, umarmt, geküsst — und zum Schluss gelacht. — Das wiederholte sich in unregelmässigen Intervallen.

In diese Kinderjahre fällt auch schon meine erste Er­kenntnis des masochistischen Prinzips im Leben. Die­selbe gründete sich auf folgende Beobachtungen:

Alle meine Gespielen und Gespielinnen hatten die Sucht, sich gegenseitig Possen zu spielen; einander bei den Eltern zu verklatschen und zu verleumden; in jeder Weise zu quälen — um dann durch doppelte Liebe alles wiedergutzumachen. Andererseits bemerkte ich, dass kein Kind ein anderes liebte, von dem es nicht gequält wurde. Solche standen sich gleichgültig gegenüber.

In dieser gegenseitigen Qual und dem Gequältwerden musste also von Natur aus ein gewisser Reiz, eine Lust liegen. Diese war das: Sichvertiefen, Sichhineindenken, Mitfühlen des Schmerzes anderer. Das ist kein Sadismus — den gibt’s überhaupt nicht —, sondern nur verfeinerter Masochismus; denn man bereitet Schmerzen, um sie mitfühlen, also selbst empfinden zu können.

Ich hatte es besonders auf die Mädchen abgesehen, vernichtete ihr Spielzeug, zerriss ihre Puppen, be­schmutzte ihre Kleider usf. Wenn sie dann so recht bitterlich weinten, kämpfte und kämpfte ich mit den Tränen, bis sie endlich doch nicht mehr zurückzuhalten waren. Dann schlich ich hin, umarmte, streichelte und küsste die Zürnende und weinte mit ihr. Welchen Schmerz und welche Lust empfand ich, wenn sie mich wegstiess, mich schlug und mir ins Gesicht spie!! Ich brachte ihr wieder schöneres Spielzeug und war so glücklich, wenn sich ihr Weinen wieder in Lachen ver­wandelte!!

Wie oft verleumdete ich andere Kinder bei ihren El­tern, um den seelischen Schmerz einer unverdienten Züchtigung mitempfinden zu können!! Doch bildete ich keine Ausnahme; die meisten meiner Gespielen waren auch so. Ich erinnere mich, dass ein elfjähriges Mädchen einen zwölfjährigen Jungen verleumdete: er hätte sie am Schamteil berührt, während sie im Freien schlief! Der glückliche, arme Junge wurde in der Schule und zu Hause schrecklich geschlagen. Alle Kinder hetzten, höhnten und flohen ihn wie die Pest. — Er wurde ganz menschenscheu!

Was erlebte ich da einmal?

Mürrisch und verdrossen lag er unter einem Baum. Das obenerwähnte Mädchen schlich sachte auf ihn zu, blieb bei ihm stehen und rief bittend seinen Namen. Wild fuhr er auf und wollte die Flucht ergreifen. Sie aber umklammerte seine Hand, fiel auf die Knie und bat ihn um Vergebung. — Es nützte nichts, dass er sie be­schimpfte, sie schlug und mit den Füssen trat. Sie um­schlang ihn, weinte so herzzerbrechend und schmeichelte ihm so lange, bis er sich neben sie setzte und sich lieb­kosen liess. So sassen sie lange und weinten und lachten, und weinten.

Plötzlich ergriff sie seine Hand und presste sie heftig zwischen ihre Schenkel. Dieser Kontakt bildete das Schlussglied einer langen logischen Kette.

Das waren die Fakta, welche mich zuerst instinktiv fühlen liessen, dass — wie jedes grundlegende Ding, alles was mit der Vorsilbe „Ur“ beginnt — Urkraft, Urstoff, Urtrieb usw. — die Vereinigung zweier Extreme dar­stellt: der Urtrieb „Liebe“ ebenfalls erst die Verschmel­zung zweier Entgegengesetzter sein kann. Letztere sind hier Lust und Schmerz, wie sie sich bei der Elektrizität positive und negative Elektrizität, beim Magnetismus positiver und negativer Magnetismus, beim Atom posi­tives und negatives Ion, beim Geschlecht Mann und Weib usw. nennen.

Meine Gymnasial- und Universitätsjähre verbrachte ich in Petersburg.

II.

Mit Ungestüm warf ich mich der rein physischen „Liebe“ (?), der Orgie, in all ihren Abarten in die Arme. Den körperlich-geschlechtlichen Masochismus mit sei­nen raffinierten Sinnesreizen durchkostete ich bis zur Neige, konnte mir aber nie erklären, dass die Menschheit mit einer so rohen Definition des Begriffes „Masochis­mus“ sich zufriedengab. Der geschlechtliche Masochismus ist zwar der „in die Augen springendste“. Das ist aber bei der geschlechtlichen Liebe auch der Fall; und trotzdem wird man nicht behaupten: Liebe ist nur Ge­schlechtstrieb.

Ich schritt über diesen körperlichen Masochismus hin­weg; er war für mich nur eine notwendige Evolutions­phase. Es begann der seelische sich meiner zu bemäch­tigen. Um diese Zeit lernte ich ein Mädchen lieben, von wunderbarem Charakter. Sie liebte mich ebenfalls wahnsinnig.

Wäre ich Bettler und Strolch gewesen — sie würde mit mir auf der Landstrasse herumgezogen sein. — Sie hätte mich zur Zwangsarbeit nach Kara, Kamtschatka und Sa­chalin begleitet und für mich ebenso das Schafott bestie­gen, wäre, um mich zu erhalten, sogar Prostituierte ge­worden. Es war eine Seligkeit, sie zu lieben und so geliebt zu werden.

War es zu verwundern, dass konform mit dieser un­endlichen Liebe die begleitenden Leiden auch ins Endlose gehen und schliesslich zur Katastrophe führen mussten?!

Jede Nacht schliefen wir zusammen, obwohl wir monatelang nicht geschlechtlich verkehrten. Wir hielten uns nur eng umschlungen und schliefen so sanft!!

Uns auch nur auf Stunden zu trennen, war qualvoll. Wenn ich allein fortging, musste ich genau die Zeit an­geben, wann ich wiederkomme. Blieb ich eine Viertel­stunde länger fort, so malte sich Mascha schon aus, dass ich vom Tram überfahren wurde, einen Blutsturz be­kommen habe, plötzlich wahnsinnig geworden und in die Newa gesprungen oder mir sonst irgend etwas pas­siert sei. Dann stand sie beständig am Fenster, die Strasse zu inspizieren. Ging jemand im Hausflur, lief sie schnell, nachzusehen. War ich es nicht, dann erfasste sie eine schreckliche Bangigkeit. Kam ich endlich, dann war­tete sie schon in der Türe meiner, unter Tränen lächelnd. Dann gab’s Umarmungen und Küsse, als wenn ich eben von einer Nordpolfahrt zurückgekehrt wäre; aber auch Vorwürfe, wie: „Du liebst mich gar nicht, sonst könntest du mich nicht so quälen! (?) Du weisst, wie ich unruhig bin um dich!“

Allmählich erst begann ich diesen Zustand zu verste­hen, als unabwendbare Konsequenz des masochistischen Prinzips in der Liebe.

Diese Seelen-Marter, die sich die Liebenden bereiten in der beständigen Furcht, den Geliebten zu verlieren oder seiner Liebe verlustig zu gehen, ist innig mit der Liebe selbst verknüpft. Ohne diese Angst wäre Liebe überhaupt undenkbar. Wer liebt, muss sich beständig mit dieser Angst quälen, und je stärker man liebt, desto stärker wird auch diese Qual sein. Wenn die letztere durch den andern Beteiligten noch verstärkt wird, so steigert das wieder unsere Liebe.

Diese Notwendigkeit fühlten wir auch und entschlos­sen uns, unverehelicht ein Kind zu zeugen. Was dieser Schritt für uns — als Sprösslinge vorneh­mer Häuser — bedeutete, lässt sich leicht abschätzen! Aber mutig wollten wir der ganzen Gesellschaft trot­zen, um durch die damit verbundenen Leiden die Liebe zu heiligen!

III.

Kaum ward Mascha schwanger, so fühlte ich einen unwiderstehlichen Zwang, unsere beiderseitige Qual zu steigern! Zu steigern!! Zu steigern!!! Denn unsere Liebe schien mir noch nicht gross genug, noch nicht würdig, nicht heilig genug, um in einem neuen Lebewesen uns selbst zu kristallisieren!

Dieser eine Gedanke folterte mich unausgesetzt. Vergebens suchte ich mir einzureden, dass unsere Liebe die alltägliche doch millionenfach überrage; dass sie überhaupt ihresgleichen nicht habe! Immer wieder flüsterte mein Gewissen mir zu: „Wie kannst du an dich nur den Massstab gewöhnlicher Menschen, wenn sie auch die hervorragendsten Charaktere sind, legen?! Du bist doch der bewusste Masochist! Dem müssen doch deine Ideale angepasst sein! Ist es etwas Aussergewöhn­liches, ein uneheliches Kind zu haben?! Ihr müsst also eure Leiden verschärfen! Verschärfen!!“

(Er schildert nun, wie er seine Geliebte auf alle mög­lichen Weisen quält.)

Mascha wurde durch meine Schikanen schliesslich so wie ich. – Nun begann sie wirklich, alles verschärfte sich: „Du bist schuld! Du machst mich noch ganz verrückt!!“ Wegen der harmlosesten Dinge gerieten wir in Wut, gegenseitig immer mehr reizend und ver­mehrt – zwanzigmal des Tages standen wir uns gegen­über mit bebendem Oberkörper vor Zorn zitternd, mit von Wut verzerrtem Munde, funkelnden Augen und Fingern wie sprungbereite Tiger. Manchmal schlug sie mich ins Gesicht oder spie nach mir. Dann baten wir einander um Verzeihung. Stellten mit Gewissensbissen die Frage: „Wer ist schuld?“. Da brach der Schmerz hervor: „Aus, aus, für immer! Was hab‘ ich getan!?! Was hab‘ ich dir angetan? Es kann nicht sein! Es kann nicht sein!! Ich werde auf den Knien um Vergebung flehen! Und wenn sie mir Ketten an den Hals legt. Gift! Wie unendlich ist der Schmerz. So begann ich mit nervöser Hast zu überlegen. Wo wird sie sein? Bei Katja?! Auf! Zu ihr! „War Mascha hier?“
„Ja – nicht lange ist sie weg!“
„Sagte sie nicht, wo sie zu treffen ist?

„Nein! — Habt ihr euch wieder gezankt?“
„Hm! — Bisschen — aber schuld bin ich! — Ich muss sie treffen! —Adieu!“

Bei A und B und C und D war sie nicht. Sollte sie viel­leicht gar in ihrem Schmerz————- ?! Nein, nein! Nur das nicht! Nur das nicht!!

So hämmert es fort in den Schläfen, während man treppauf, treppab springt! Sechs Uhr! Jetzt geht sie am Newsky-Prospekt spazieren!!

Endlich hier! Rasch vorwärts und nicht verpasst! Ist sie das? Nein!
Aber dort? Auch nicht! Das ist sie jetzt?!
Nein — doch — nein — ja doch, ja!—– Jetzt etwas langsamer. ——– Nun sieht sie mich. — Sie macht eine Wendung, auf die andere Seite zu gehen. Sie überlegt sich’s und bleibt auf dieser. „Gehst du schon lange spazieren?“
Mascha liegt in meinen Armen.
Wir weinen und lachen, weinen und lachen.
——– Nie, nie, nie wieder!!

Vergib, vergib!!
—————— Wir umschlingen, pressen und küssen uns, als ob es gälte, ineinander aufzugehen.
Wir beschimpfen uns, zausen uns an den Haaren und ohrfeigen einander wollüstig. Dann reiben wir Wange an Wange und flüstern uns die verrücktesten Kosenamen zu. O Paradies der Liebe!! Warum haderte ich mit mei­nem Schicksal, dass es mir so unerhörte Qualen aufer­legte?! — Nur sie allein können eine Seligkeit wie diese gebären!!

O Schicksal! Mehr, mehr, noch mehr Marter! — Damit meine Liebe wachse!

IV.

Unser Zusammenleben wurde immer unerträglicher. Und doch konnten wir auch nicht eine Stunde ohne ein­ander aushalten. Ein furchtbares Verhängnis kettete uns zusammen und warf uns in den Strudel dieses zwitter­haften, in seiner elementaren Gewalt unüberwindlichen Triebes. Sich demselben zu entreissen, das verhinderten die gemeinsamen Fesseln.

Immer furchtbarer, immer wahnwitziger gestalteten sich unsere Auftritte und die sie von Zeit zu Zeit unter­brechenden Liebes-Eruptionen.

(Nach immer qualvoller werdenden gegenseitigen seelischen Foltern bittet K. seine Geliebte – das Kind abzutreiben!) .

Sie weinte still. – Dann küsste sie mich – und ging. – Der Schlüssel knarrte im Schloss.

„Masdia! Mascha! Um Gottes willen! Mascha! Was willst du tun?!?

Ich rüttelte an der Tür wie wahnsinnig; … … Sie gab nicht nach. – Ich riss das Fenster auf. – – „Hilfe! Hilfe!“
Die Tür wird erbrochen. – Fort zu Maschas Tür! – Rasch ist sie gesprengt.

————– Sie liegt da.
——— Tot.
– Gift!

V.

Endlich – nach Wochen – war ich etwas ruhiger und konnte einige Gedanken fassen. Ich war so entkräftet, dass ich mich nur mit fremder Hilfe vom Bett aufs Sofa oder zurück schleppen konnte. Man hatte gefürchtet dass ich’s nicht überstehen würde. – Wochenlang die erschütterndsten übermenschlichen Leiden erdulden zwischen Tod und Wahnsinn schweben!

Aber auch übermenschliche Liebe war mir zuteil geworden! Das Bild war mir entschleiert! Ich hatte die Liebe gekostet bis zum letzten Tropfen! — Aber nur der wird dessen teilhaftig, der zuerst den Becher des Leidens zur Neige getrunken! — Beides geht über die Kraft! — Oh, kurzsichtige Welt, die du den Mord Maschas: „Sadismus“ nennen wirst!
— Haben denn ihre Leiden mir nicht doppelt so tief ins Herz geschnitten?! Hat sich nicht meine Seele gekrampft bei ihrer Qual?! — Ich woll­te ja nur mich quälen! — Bin ich schuld, dass das nur möglich ist durch ihr Martyrium? — Hat sie nicht auch alle meine überirdischen Seligkeiten geteilt?! — Wer diese gekostet: der gibt sie nicht — und wenn er den dop­pelten Preis an Leiden zahlen muss!!

Ist das nicht „Masochismus“ ?!

Habt ihr, dir ihr über mich urteilen wollt, das kennen­gelernt? Nein! Wer will sich dann zum Richter über etwas auf werfen, das er nicht kennt?!

O rohe Psychologie, die da lehrt: aus einem un­menschlichen Triebe — „aus Grausamkeit“ — begingen wir „Verbrechen“ am Nächsten. Nur aus einem rein menschlichen Triebe — „aus Liebe“ — begehen wir das am Nächsten, was ihr „Verbrechen“ nennt: damit er jenes unnennbaren Glückes teilhabe, das wir fühlen. Uns bewegen somit reine ethische Momente.

Glaubt ihr, nur wir sind Masochisten? Oder glaubt ihr, nur jene sind es, die sich von der Dirne treten, ohrfeigen, geisseln, beschmutzen und in den Mund spucken lassen?! O ihr Idioten! Ich sage euch: Alle Liebe ist masochi-stisch, und alles, was zu ihr führt, mit ihr verbunden ist, oder daraus resultiert, trägt den Stempel „Lust und Leid“!

Die Natur fehlt nie. Wer glaubt also, dass es Laune, Zufall oder Ironie von ihr war, als sie die Liebe mit so viel Qual verband?!

Wer denkt da nicht an alle die Tragödien der unglück­lichen Liebe, mit ihren Morden und Selbstmorden; all ihrem körperlichen und seelischen Martyrium, die uns jeder Tag bringt?!

Wer denkt nicht an die Trauerspiele der geschlecht­lichen Lust, die sich uns in den Krankenhäusern dar­bieten?! All der Hunderttausende, die der Ausschwei­fung erlegen sind, als Resultat der geschlechtlichen Lust ?! All der Rückenmarksleidenden, Syphilitiker, Pa­ralytiker usw.?!

Wer erinnert sich nicht der Foltern, die die ge­schlechtlich Perversen über sich und die Menschheit ge­bracht haben?! All der Lustmorde! Und aller Gegenmass­regeln. Der Lustmorde, die man beging — die Lustmorde zu verhindern! —

Wer gedenkt nicht der Qualen der Schwangerschaft?! Ihres Risikos auf Leben und Tod!

Sollten das alles Fehlgriffe der Natur sein? Nein! Nein!! Die Begleitung der Lust durch den Schmerz muss durch irgendeinen bestimmten Zweck begründet sein. Dieser Grund ist: Dass die Lust, ohne ihr Gegenteil, den Schmerz, überhaupt nicht fühlbar, nicht denkbar, nicht vorstellbar wäre: sowie uns Kälte ohne Wärme, Licht ohne Dunkel nicht zum Bewusstsein kommen könnten. Lust würde also bei Mangel des Schmerzes gar nicht als Lust empfunden. Ergo: Muss durch Steigerung des Schmerzes die Lust zu höherer Geltung kommen, denn je grösser die Kontraste, desto leichter fühlen wir sie. „Masochismus ist somit ein Naturgesetz.“ Je höher er bei einem Individuum ausgeprägt er­scheint, desto höher, desto übermenschlicher ist das­selbe.

VI.

Durch die Erkenntnis des masochistischen Naturge­setzes geriet ich in einen eigenartigen Zustand. Indivi­duelle Liebe und Leiden machten auf mich keinen son­derlichen Eindruck mehr. Ich begann den Masochismus im Leben und Wirken der Natur, in der Geschichte der Menschheit, im sozialen Leben und in der Kultur zu beobachten.

Gründet sich nicht das grosse Entwicklungsprinzip der Natur darauf, dass Existenz und Fortschritt einer Gat­tung abhängig sind von dem Druck des umgebenden Milieus?! Je schwieriger die Existenzbedingungen, je härter der Druck der Umgebung, je mehr Leiden eine Gattung zu erdulden hat, um so stärker muss die Reak­tion hierauf bei derselben eintreten; um so stärker wer­den ihre Kräfte und Fähigkeiten angespannt und müs­sen rückwirkend die Gattung auf eine höhere Stufe erheben!

„Das Leiden also ist das treibende Moment in der Natur. Dieselbe ist somit — masochistisch.“

Auch innerhalb der Gattung selbst gilt dieses Gesetz. Haben sich nicht in der Gattung „Mensch“ gerade jene Varietäten am höchsten entwickelt, die das härteste Milieu zu bewältigen hatten?! Die von der Natur am schwersten mit Nahrungssorgen geplagt wurden?! Die am meisten litten ?!

Ist nicht die Existenz der Lebewesen abhängig vom „Kampf ums Dasein“, von der gegenseitigen Bekämp­fung der Arten, gegenseitiger Vernichtung?!

Es ist ein charakteristisches Zeichen für die mensch­liche Natur, dass alle Religionen, die sie sich schuf, von dem Leitsatz erfüllt sind: „Nur durch Leiden kannst du selig werden!“

Ist es nicht erst recht Masochismus, wenn sich die Menschheit durch die moderne Wissenschaft auch noch der Hoffnung aufs Jenseits, auf Ewigkeit und Seligkeit beraubt und nichts an seine Stelle setzt?!

Betrachtet die Weltgeschichte!

War nicht die Geburt jeder grossen Idee mit furcht­baren Wehen — mit dem Wirken von Feuer und Schwert, Blut und Tod — verknüpft?!

Hat nicht die Menschheit ihre grössten Wohltäter ans Kreuz geschlagen?! Ihnen mit Galgen, Folterkammer, Rad, Scheiterhaufen, Zucht- und Irrenhaus gedankt?!

Und alles aus Menschenliebe!

Alle die Christen- und Judenverfolgungen, Inquisi­tion, Ketzerverbrennungen, Hexen- und andere Pro­zesse, die Religionskriege aller Zeiten waren Ausflüsse der — Menschenliebe. Sie bezweckten: die Menschheit vor dem Raube ihrer Seligkeit, durch die Irrlehren, zu bewahren!

Die Menschenliebe gebar die Neros, Torquemadas, grausamen Iwans und Schdanows!

Warum plagten diese die Menschen? — Um deren Qualen sich vergegenwärtigen, sie mitfühlen, mitemp­finden zu können. Um im Geiste selbst diese Martern durchzumachen; also sich zu quälen durch das Hinein­versetzen, in die Schmerzen anderer. — „Somit ist Sadis­mus in seinen Motiven nichts als — Masochismus.“

Die Menschenliebe errichtete das Kreuz Christi, ent­zündete die Scheiterhaufen des Huss, Bruno, Galilei, folterte Thomas Münzer, erdolchte Marat, enthauptete Hebert und zimmerte die Galgen von Arad, Petersburg, Chikago usf.

Die Menschenliebe baute die Bastille, den Tower, den Spielberg, Blackwells-Island und die Schlüsselburg, baute die Folterkammern der Inquisition, der mittel­alterlichen Rechtspflege und jene von Montjuich, Alcalla del valle, Borissoglebsk u. a. m.!!

Merkwürdig! Dass eure „Menschenliebe“ der grau­samste Folterknecht, unerbittlichste Henker, blutdür­stigste Menschenschlächter und grösste Verbrecher war! Erseht ihr nicht darinnen das weise Walten des masochistischen Prinzips?‘ Dass nur die Verfolgungen es waren, welche diese Ideen verbreiteten?! Jeder Fort­schritt, den die Menschheit in der Kultur machte, musste mit unerhörten Opfern bezahlt werden. Die über­menschlichsten Leiden von Millionen Sklaven schufen die Kultur des Altertums, der Phönizier, Babylonier, Perser, Assyrier, Griechen und Römer! (Zu dieser sooft bestrittenen Tatsache siehe Mommsen: „Gegenüber dem Leiden der Sklaven im Altertum sind alle Neger­leiden nur ein Tropfen“). Die indische Kultur ist das Produkt der entsetzlichsten Ausbeutung und Unterdrückung der niederen Kasten durch die höheren.

Der Boden der Südstaaten Amerikas wurde kultiviert — indem man ihn mit Schweiss, Blut und Knochen der Negersklaven düngte.

Den Boden Europas machten wiederum die Leiden der Sklaven und Leibeigenen urbar usf.

In den entsetzlichsten Geburtswehen musste sich die Menschheit — in den Sklavenaufständen, Bauernkriegen und Revolutionen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts — krümmen, um die Fruchthülle des Feudalsystems zu sprengen: damit der Kapitalismus geboren werde.

Diese neueste Kultur fusst wiederum auf der furcht­baren Ausbeutung, Unterdrückung und Verelendung der Millionen und Millionen von Proletariern.

Welche Verwüstungen in der Menschheit richten nicht die Kulturerrungenschaften der Technik an! — Jede Er­findung und Entdeckung fordert ihre Opfer! —

Wie oft werden Chemiker bei der Schaffung neuer Präparate durch deren Explosion zerschmettert oder durch Entwicklung giftiger Dämpfe getötet!

Zählt die Ingenieure, die Opfer ihres Berufes wurden, oder die Bakteriologen, die sich beim Studium durch In­fizierung Siechtum und Tod holen!

Zählt alle die Opfer der Berufskrankheiten, der Tu­berkulose, Phosphornekrose, Blei- und Quecksilberver­giftung usw.! — Zählt alle jene, die vom Gerüst stürzen, als Seeleute ertrinken, als Eisenbahner überfahren, in den Fabriken von den Maschinen zerrissen werden und in den Bergwerken durch Einsturz, schlagende Wetter u. a. umkommen!

Gedenket an Hunger und Elend von Witwen und Waisen dieser Opfer der Technik und Wissenschaft, an die Arbeitslosigkeit und andere soziale Schäden des Ka­pitalismus!

Die Rebellion der Opfer dieses Systems zeitigt wieder den „Klassenkampf“ mit neuen Qualen, neuen Leiden! — Um die Menschheit endlich durch Schaffung einer Zu­kunftsgesellschaft endgültig vom Leiden zu befreien?? — Man glaubt es! Aber das ist Unsinn! Die Leiden nehmen nur eine andere Form an — und steigern sich!! —

Glaubt ihr denn, alle bisherige Qual der Menschheit sei nur Zufall, nicht Vorsehung gewesen?!

O nein! Die Leiden waren nur der Stimulus, welcher die Menschheit vorwärts trieb, zu neuem Schaffen, grö­sserem Fortschritt, um den Leiden zu entfliehen! — Der Fortschritt brachte neue Leiden usf.

„Das Leiden ist also der Kulturfaktor der Menschheit! — Sie von Leiden befreien, heisst: sie der Kultur berau­ben wollen.“

Kann man sich denn ein Leben vollkommener Befrie­digung vorstellen?

Nein! Ohne Qual müssten die Bedürfnisse erschlaffen, welche allein den Anreiz zum Fortschritt bilden! — Ohne Qual gibt es auch keine Genüsse. Denn alles kommt uns erst durch sein Gegenteil zum Bewusstsein.

„Uns von Qual befreien, heisst: uns die Genüsse rau-\)2n. — Dann aber — haben wir kein Interesse mehr zu leben!“

„Kultur ist somit Vereinigung, Zwittergebilde, von Lust und Schmerz, also: Masochismus!! — Der Fortschritt der Menschheit ist nur möglich durch das masochistische Kulturprinzip.“

Oh grausam-süsse Philosophie Golgatha all Ewig bleibst du das Uoira und Kismet der Menschheit.

VII.

„Immer mehr, immer Bessere eurer Art sollen zugrunde gehen, denn ihr sollt es immer schlimmer haben. So allein – so allein wächst der Mensch in die Höhe -.“

(Nietzsche: „Zarathustra“, II, p. 126.)

Herrlicher Nietzsche!

Jetzt erst erfasse ich deinen „Übermenschen“! – Nun teile ich deinen Hass des Alltäglichen und Mittelmässigen!

Hinweg mit der spiessbürgerlichen Feigheit: „Nur ja nicht über die Schnur hauen! – Alles mit Mass und Ziel! – Ja nicht übertreiben und ins Extrem verfallen“.
Nein! – Nur mutig hinein ins Extreme!

– Nur Faul­heit, Bequemlichkeit und Feigheit scheut sich gelegent­licher einem Dampfbad mit darauffolgender kalter Dusche!

Wie aber der Körper durch dieses „laisser faire et laisser passer“ verweichlicht, widerstandsunfähig wird, Stoffe ansammelt, die überflüssig und darum schädlich sind, so muss auch die Menschheit, welche dieser Devise folgt, durch die Spiessbürgerkrankheit, genannt „Mittel­mässigkeit“, zugrunde gehen.

Nur hinein mit der Menschheit ins Dampfbad – und dann unter die kalte Dusche! Damit sie gestählt, verjüngt und gekräftigt werde! — Sich der überflüssigen Stoffe entledige!

„Macht es den Menschen nur immer schlimmer und härter! Dann wird schon die Reaktion eintreten und sie vorwärts treiben!“

Nach dieser Devise begann ich von nun ab zu han­deln.
Den Schmerz verstärken, damit die Lust grösser sei!

Eine unendliche Liebe zur Menschheit ergriff mich, seitdem ich ihre Bestimmung erkannte, die mit meiner Individualität so seltsam harmonierte. — Ich wurde gleichsam die Menschheit selber; fühlte den Herzschlag von Millionen in mir. Die widerstrebendsten Gefühle vereinigten sich in meiner Person. Ich fühlte ebenso als Kapitalist, wie als Proletarier; als orthodoxer Christ und Katholik ebenso, wie als Jude oder Atheist; als Mann und Weib zugleich.

Alle Leiden und Freuden der Menschheit empfand ich in mir und vertiefte mich in dieselben.

Einmal noch wollte ich sie alle im Geiste durchkosten. — Ich studierte die Weltgeschichte; aber mit welchem Empfinden! — Ich blieb nicht bei den Tatsachen stehen, sondern versetzte mich in die Personen der Handelnden; vergegenwärtigte mir all das Massenelend und die Mas­senpsychosen.

Welch manikalischen Schmerz bereitete mir das alles! Wie begann ich die herrliche Menschheit zu lieben, die all das erduldet!!

Nun war der Augenblick gekommen! Jetzt nur rasch mitten hinein in die Extreme des Lebens! — Untertau­chen in all den Leiden der Millionen und sie verzehn-, verhundert-, vertausendfachen! Das Wollustgefühl trinken, mit dem sie sich im Paroxysmus der Raserei zer­fleischen, und dann — so recht Mensch sein!!

VIII.

Von nun ab warf ich mich mit Ungestüm der anarchi­stischen Bewegung extremster Richtung in die Arme. Mein ganzes Vermögen opferte ich zur Unterstützung von Zeitungen, Herausgabe von Broschüren, zum Unter­halt der Agitatoren und dergl.

Zu gleicher Zeit blieb ich aber in Fühlung mit den „oberen Zehntausend“. Sämtliche in Betracht kommen­den Staaten Europas und Amerikas durchreiste ich, überall Verbindungen anknüpfend, überall unter den empfänglicheren Elementen der Bewegung meine radi­kalsten Tendenzen entwickelnd — meistens mit Erfolg.

(Schildert nun ausführlich seine propagandistische, destruktive Tätigkeit, besonders in Spanien.)

IX.

Indessen begann sich in meiner östlichen Heimat im­mer mehr die revolutionäre Strömung zu entfalten; auch der Anarchismus gewann an Boden. — Ich fühlte, dass dort sich das geeignete Feld für meine weitere Tätigkeit befinde. Meinen weiteren Aufenthalt nahm ich nun teils in Paris, teils in Genf und Zürich, um von hier aus die Be­wegung meiner Richtung in Fluss bringen zu können.

Unter meinen Landsleuten gewann ich sehr bald An­hänger, denen nichts zu phantastisch, nichts zu radikal erschien. Alsbald waren wir im Besitz einer kleinen Druckerei, mit Hilfe deren wir Flugblätter, Brosdiüren und Zeitun­gen herstellten. Diese hatten meist den Inhalt: die Arbeiterschaft möge sich nicht auf politische Forderungen, wie „allge­meines Wahlrecht“, „persönliche Freiheit“ und dergl., verlegen. Denn, wenn das alles vorhanden ist, bleibt trotzdem noch die soziale Bedrückung, die Ausbeutung; diese ist die fühlbarste und aus ihr resultiert jede andere. Die Arbeiterschaft solle vielmehr die „soziale Revolution“ machen, die „Expropriation der Expropriateure“ vornehmen.

In den Zeitungen und Broschüren wurde in wissen­schaftlicher Weise die Berechtigung aller Formen der individuellen Expropriation — als Raub, Diebstahl, Erpressung usw. — nachgewiesen; ebenso die Notwen­digkeit des sozialen und ökonomischen Terrors: im Angriff aufs Eigentum; Zerstörung der — sich in Privat ­oder staatlichen Händen befindlichen — sozialen Güter, um leichter von ihnen Besitz ergreifen zu können.

Als der russisch-japanische Krieg ausbrach, fühlten wir alle, dass nun bald die Zeit grösserer Aktionen kom­men werde. — Die Mehrzahl von uns übersiedelte nach Polen, Litauen und Bessarabien. Nur wenige blieben in der Schweiz, Paris und London, um von hier aus die Verbindungen aufrechtzuerhalten.

X.

Für mich begann nun wieder die Zeit schrecklicher Leiden. — Mit wahnsinniger Hast stürzte ich mich auf jede Nachricht vom Kriegsschauplatz. Gierig verschlang ich die Berichte von den furchtbaren, wochenlangen Schlachten; von den entsetzlichen Stürmen auf Port Arthur. Alle die grausigen Einzelheiten sah ich deutlich vor meinen Augen.

Alle die furchtbaren Qualen der Massen mache ich im Geiste mit. Vergegenwärtige mir, wie sie tagelang im Kampf stehen; vor Hunger, Durst und Müdigkeit das Bewusstsein verloren haben und nur mehr automatisch kämpfen. Schliesslich haben sie darauf vergessen, Nah­rung zu sich zu nehmen, zu trinken und zu ruhen! — Es fällt ihnen gar nicht ein, dass sie sich von Hungers- und Durstes-Qualen befreien, ihr Leben retten könnten, in­dem sie etwas geniessen. — So wüten sie fort bis zum Umfallen.

Ich war zu nichts anderem mehr fähig, als mit brum­mendem Kopf, fieberhaft klopfenden Schläfen Kriegs­berichte zu studieren. Tag und Nacht standen diese Bil­der vor mir. — Oh, könnte ich mitten drinnen stehen in dieser Hölle! — Wie liebte ich diese Völker, die zu so etwas Grandiosem fähig waren! Mir war, ihnen zuzu­rufen: „Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!“ — Ja, das sind die wahren Kultur-Nationen! Welchen Fortschritt mussten diese horrenden Lei­den gebären! Welche Zukunft für die Menschheit!! Welche bevorstehenden Freuden.

XI.

Inzwischen war mein gesamtes Vermögen für die revolutionäre Bewegung geopfert. Das wenige Geld, das uns noch möglich war, hier und da aufzutreiben, brauchte man höchst notwendig für Parteizwecke. So durch­lebte ich das entsetzlichste Elend.
— Bald war ich in Warschau, bald in Lodz, Bialystok, Kiew oder Odessa.
— Unsere meisten Anhänger hatten wir in den armen Judenvierteln dieser Städte.

— Mein Erwerb bestand aus Gelegenheitsarbeit und Gelegenheitsdiebstahl. Wenn in diesen Branchen nichts los war, so zog ich mit noch einigen meiner Gattung von einem unserer Anhänger zum andern. — Die Leute teilten das wenige, das sie hatten, mit uns.

Eine Wollust war es mir, jetzt unterzutauchen in den äussersten Grenzen des Elendes, die man erreichen kann. Eine ungeheure Überwindung gehörte dazu, in diesem Milieu leben zu können. Welche herrlichen Qualen durchlitt ich, bis ich den Ekel und den Abscheu über­wunden hatte, den mir diese ganze Umgebung einflösste. Furchtbarer Schmutz starrte mir überall entgegen.

Trotz all dem Schmutz und Elend, in welchem ich dieses Volk schmachten sah — oder gerade deswegen —, begann ich es zu lieben, wie noch kein anderes. — Wenn sie erzählten von den furchtbaren Verfolgungen, die ihr Volk erduldet hatte wie kein zweites, dann bemäch­tigte sich meiner eine unnennbare Sehnsucht, einer der Ihren zu sein. Dann bewunderte ich ihre ungeheure Kraft, mit der sie, trotz allen Verfolgungen, in dem furchtbarsten Elend, das ich um mich sah, noch die glü­hendsten Revolutionäre sein konnten.

XII.

Überall war jetzt die Revolution mächtig im Fluss. Wir entwickelten eine fieberhafte Tätigkeit an allen Orten. — Vorerst hatten wir noch keinen grossen Einfluss, aber unsere Emissäre griffen überall tatkräftig ein, um die Bewegung aus einer politischen zu einer sozialen oder wenigstens ökonomischen zu machen.

Zu diesem Zwecke hatten wir uns in Warschau eine Geheimdruckerei verschafft, mit der wir die nötigen Flugblätter verfertigten. Geschrieben wurden selbe von einem Studenten, der in diesem Fach ein Genie war. Keiner verstand es so wie er, an die Instinkte der Masse zu appellieren. Die Wucht seines Stils war unübertreff­lich. — Er fasste die Tatsachen zusammen, beleuchtete sie von der ihm passenden Seite und zog dann seine Schlüsse daraus, die in ihrer einfachen, packenden Logik verblüff­ten. Dann verwendete er das, um den Fanatismus zu entflammen, erinnerte daran, wie dort und dort und dort so viele Opfer für dieselbe Idee gebracht wurden; wie man dort und anderswo auf den Barrikaden dafür gestorben und lieber im Kerker verfault sei, als von den gerechten Forderungen abgelassen habe. In dieser Art fand er immer Anklang bei der Menge.

Sehr wirkungsvoll war es auch, die Leute an all die kleinlichen Schikanen zu erinnern, denen jeder von ihnen seitens der Fabrikanten oder Vorgesetzten ausge­setzt war; darauf hinzuweisen, wie sie, die alles erzeug­ten, eigentlich gar nicht als Menschen, viel weniger noch als gleichberechtigt anerkannt wurden.—Dieser Hinweis versetzte die Proletarier am ehesten noch in Raserei, und an einigen Orten, so in Lagonsk, Tiflis und Baku, gelang es uns damit, die Bewegung aufs ökonomische Gebiet zu leiten. Es war ein grosser Vorteil, dass wir überall Ver­bindungen hatten und schnell benachrichtigt wurden, wenn sich’s zu regen begann, so dass rasch einer von uns hinreisen konnte.

In Tiflis ging die Sache nicht nach meinem Wunsch; hier waren die Leute allzu praktisch. — Sie begannen weder zu streiken noch zu demolieren oder gegen das Militär zu kämpfen. — Nein. — Sie sagten einfach: soviel Lohn wollen wir; dann arbeiten wir nur noch solange; und keine Ware darf im Preis gesteigert werden. — Jeden, der sich nicht fügen will, werden wir erschiessen.

Sämtliche Einwohner fügten sich. — Nach kurzer Zeit ging allerdings alles wieder verloren.

Mehr Freude bereitete mir Baku. — Hier stellten die Petroleumbohrer ihre Forderungen, und als dieselben binnen zwei Tagen nicht bewilligt waren, steckten sie 140 Bohrtürme in Brand. — Dann erfüllten die Unternehmer zu meinem grossen Ärger alles, was verlangt wurde. Ich hatte mich schon so unmenschlich gefreut, baldigst mein Lebensideal erfüllt zu sehen. — Indes — es sollte sich früher eine solche Situation bieten, als ich dachte.

Schon lange war der Religions- und Rassenhass zwi­schen Armeniern und Tataren aufs äusserste gestiegen. In ganz Kaukasien brodelte es, wie in einem Hexenkes­sel. — Selbstverständlich blieb ich nun in Baku, der Dinge gewärtig, die da kommen würden.

Die ganze Bevölkerung war aufs äusserste gespannt; alles schwebte in peinlicher Ungewissheit: wird der Tanz losgehen oder nicht? — Ich fühlte, man braucht nur ein Sandkorn ins Rollen zu bringen, und im Nu wird es zur Lawine anwachsen! — Ein furchtbare Aufregung ergriff mich; diese seelische Spannung war unerträglich. — Von Minute zu Minute stieg eine entsetzliche Angst vor dem Unbestimmten in mir auf, und doch brannte das hölli­sche Verlangen in mir: jetzt, in diesem Augenblick möchte es schon losgehen, damit endlich meine nerven­zerrüttende Erwartung ausgelöst würde.

Da kam mir eine dämonische Idee: Man braucht ja nur irgendwelche geeigneten Gerüchte in Umlauf zu setzen — und der Sturm brach los.

Innerlich erschauerte ich vor den grässlichen Folgen, und doch trieb etwas in mir mit unwiderstehlicher Ge­walt: endlich auf den Kontakt zu drücken und den Strom zu schliessen, der die Explosion zur Folge haben musste — „Es ist ja nur eine Art wohltätiger Geburtshilfe“ — flüsterte etwas in mir. — „Kommen muss es auf jeden Fall! Je früher das Gewitter vorüberzieht, desto besser ist es!“

So hatte sich meiner ein Widerstreit der Empfindun­gen bemächtigt, der mich unzurechnungsfähig machte. Zwischen den zwei Naturen in mir, die meinen Maso­chismus bildeten, wurde ich von augenblicklichen Ge­fühlen hin und her geschleudert wie ein Spielball. Ein einziges Wort von anderer Seite hätte eine solche Sugge­stion in mir bewirkt, dass ich blindlings alles Verlangte gemacht hätte.

Meine Verfassung glich der jener Leute, von denen Blanqui sagt: Paris birgt fortwährend ihrer 50.000, welche bereit sind, auf einen Wink der Hand für irgend etwas Blut zu verspritzen; — gleichviel, ob für die Frei­heit oder für die Reaktion — hätte er hinzusetzen sollen.

Diese „Stürzt-alles-um-Stimmung“ — die mir solange ein psychologisches Rätsel war, konnte ich nun an mei­ner eigenen Person als Folge erhöhter, masochistischer Veranlagung studieren. — Dem ganzen zwitterhaften Zustand lag nichts als die Liebe zur Menschheit zu­grunde. — Eine alltägliche Menschheit bietet uns keine Sensationen. — Lieben können wir nur, was uns Ausser­gewöhnliches bietet. — So haben wir das Streben, die Menschheit in Jammer und Not zu sehen — um sie heisser zu lieben; zu lieben deshalb, weil uns ihr Elend ungeheuren Schmerz bereitet.

Tagelang irrte ich umher, mit mir selbst einen furcht­baren seelischen Kampf ausfechtend. — Ich fühlte, es gibt keinen Ausweg, als entweder die Katastrophe her­beizuführen oder Selbstmord. Länger zu warten, das ging über meine Kräfte. Ein Zufall sollte entscheiden. —

Eine Art Traumzustand hatte meinen Organismus ergriffen. Ich wusste nicht recht: ist alles um mich herum Wirklichkeit oder nur Traum?! — Ja, ich zweifelte sogar an meiner Existenz! — In keinem Augenblick wusste ich, wo ich eben sei, wie ich dahin gekommen, was ich vor­dem gemacht, noch warum ich eigentlich — bin. — Ich erinnere mich nur noch, plötzlich mit einem mir gänzlich unbekannten Herrn in tiefem Gespräch auf der Gasse promeniert zu sein. — Unsere Unterhaltung drehte sich darum: was sein wird? — Beide waren wir zurückhal­tend, lauernd. Jeder schien das Gefühl zu haben: „Er durchschaut mich, ich darf mich nicht verraten! — Viel­leicht gelingt es mir, aus ihm etwas herauszubringen!“ — —————– So sprachen wir mit äusserster Vorsicht um das, was jeder in der Seele des andern las, herum.

Die Vorübergehenden gafften uns an; wahrschein­lich waren wir etwas laut geworden. Wie mir schien, ging jemand hinter uns, um unser Gespräch zu belau­schen. Wir blieben stehen, damit derselbe gezwungen wäre, vorbeizugehen. Es war ein frecher Bursche in den Flegeljahren; er blieb — die Hände in den Hosentaschen — einige Schritte abseits stehen und hörte uns mit Interesse zu. Mein Begleiter wurde ebenso verlegen wie ich, und wir begannen beide zu stottern. Im Moment hatte sich um uns eine Schar Neugieriger gesammelt, die hofften, etwas Interessantes zu hören. Immer mehr verwirrten wir uns; mir schwindelte, und ich begann wieder irgend etwas zu reden. Es musste ein Unsinn sein, denn mein Gegenüber sah mich halb erstaunt und halb erschreckt an, und einige Leute in der Menge begannen zu kichern. Das machte mich noch kopfloser, und ich begann ärgerlich zu werden. Plötzlich schrie ich ihn unvermittelt an: „Ein furchtbares Unglück wird das zur Folge haben. — Man hat den Tataren Füsse und Hände abgehauen, und sie werden nun die ganze Stadt massakrieren!“ Alles begann durcheinander zu sprechen: Füsse und Hände abgehauen !“ Der Kontakt war gedrückt. Ich weiss nicht, wie ich nach Hause kam. — Meine Wirtin raunte mir eine Neuigkeit zu: „Die Tataren werden die Stadt einäschern und alle Armenier ermorden; man hat einigen von ihnen Füsse und Hände abgehauen, die Nasen abgeschnitten, Augen ausgestochen, siedendes Öl in die Ohren gegossen ! Alles flüchtet oder verbarrikadiert sich!“

XIII.

Den Anfang des Dramas sah ich nicht; denn gleich nach meinem Nachhausekommen verfiel ich in einen mehr als fünfzigstündigen totenähnlichen Schlaf. Kein Körper hätte noch weiter sich aufrecht halten können nach einem solchen seelischen Sturm. — Als ich er­wachte, war ich so schwach, dass ich nur mit Mühe einige Schritte machen konnte; der ganze Körper zitterte un­aufhörlich. — Ich hatte absolut kein anderes Verlangen als nach Ruhe. —

Nachdem ich etwas zu mir genommen, schlief ich wie­der ein bis zum nächsten Morgen.

Nun fühlte ich mich wieder ziemlich gekräftigt, ob­wohl Arme und Beine noch sehr zitterten. Meine Wir­tin — eine schon lange hier niedergelassene Deutsche — erzählte mir von den Greueltaten der Tataren. Als ich ausging, war die Stadt wie ausgestorben. Auf der Strasse lagen noch immer schrecklich verstümmelte Lei­chen herum; die Läden waren geschlossen; hier und da ein Haus demoliert. Soviel ich vernahm, hatten die Ta­taren in Tiflis noch ärger gehaust. — Hier in Baku hatten sie die Bohrtürme der Armenier in Brand gesteckt; durch diese waren sämtliche andern ebenfalls in Brand geraten, so dass die ganze Petroleumindustrie ruiniert, Zehntausende arbeitslos waren.

All das machte jedoch keinen Eindruck mehr auf mich; eine furchtbare Schlaffheit und Apathie hatte sich meiner bemächtigt; ich fühlte weder Schmerz noch Lust, noch Mitleiden bei alledem. Es war die Reaktion auf die vorherige Nervenüberspannung. Mich litt es nicht mehr hier, und ich beschloss nach Kiew und später nach Warschau oder Lodz zurück­zukehren.

XIV.

Nach kurzem Aufenthalt in Rostow am Don langte ich in Kiew an und wurde mit vielen Freuden emp­fangen. Man hatte schon geglaubt, dass ich bei den Metzeleien ums Leben gekommen sei.

Unsere Erfolge in Tiflis und Baku auf wirtschaft­lichem Gebiet durch den ökonomischen Terror, nützten sie jetzt bei jeder Gelegenheit aus; bedauerten nur, dass durch die Rassenkämpfe alles wieder zerstört worden war.

Während meiner Abwesenheit hatte sich hier überall sehr viel verändert. In Odessa, Kiew, Warschau, Lodz und Bialystok hatte man gelungene „Expropriationen“ gemacht. — Diese „neue Taktik“ hatte nicht nur fast ausnahmslos „durchschlagenden“ Erfolg errungen, son­dern uns auch die Sympathien jener zugewendet, die bis jetzt unseren Einfluss auf die Revolution nicht so sehr ernst genommen hatten.

Diese „Expropriationen“ wurden auf verschiedene Art vorgenommen. Z. B. wurde durch einen unserer Genossen, der Postbeamter war, ausgekundschaftet, wann in der Umgebung an einsamer Stelle die Post­kutsche einen grösseren Betrag mitführte. Diese wurde dann überfallen und ausgeplündert.

Oder wurde ausspioniert, wann in einem grösseren Geschäftshaus, respektive einer Bank, grössere Geld­summen in bar vorhanden waren, und um welche Zeit der geringste Geschäftsverkehr herrscht. — Bis an die Zähne bewaffnet drang man dann ein, erpresste die Herausgabe des Geldes und hinterliess eine Quittung mit dem gefürchteten Stempel der betreffenden Or­ganisation. Auch kam es vor — wie in Odessa — dass in ein Geschäftslokal vorne eine Bombe geschleudert wurde. Alles lief nach vorne, zu sehen, was geschehen sei. Einstweilen drang eine andere Abteilung von hin­ten ein und plünderte die Kasse.

Welche Summe von Intelligenz, Energie, Ausdauer und Kenntnissen verwendet werden musste, um ein sol­ches Unternehmen zu ermöglichen, wie wochenlang be­obachtet, Pläne ent- und verworfen, oft im letzten Mo­ment geändert oder fallengelassen werden mussten, da­von kann sich jeder — oder auch niemand — eine Vor­stellung machen.

Jedoch werde ich auf eine detaillierte Schilderung die­ser Vorgänge nicht eingehen, weil meine Aufzeichnun­gen nicht die Bestimmung einer Schilderung der Re­volution oder deren Teilnehmer haben, sondern einzig und allein die Motive meines Handelns darlegen sollen. So schildere ich das Milieu nur insoweit, als es zur Er­läuterung dieser Motive nötig ist.

Die „Expropriationen“ waren übrigens kein Spezifikum der Anarchisten, sondern wurden auch von allen anderen terroristischen Parteien vorgenommen.

Wer aber glaubt, die Revolutionäre hätten das Geld für persönliche Bedürfnisse verwandt, der täuscht sich gewaltig. Nach wie vor blieben sie in ihren elenden Lö­chern, assen faule Heringe und gingen roboten, um die Verbindung mit den Arbeitern und deren Vertrauen nicht zu verlieren. Das Geld verwendete man nur zu revolutionären Zwecken. Für Bewaffnung, Drucksachen, Einrichtung von Bombenlaboratorien, Reisekosten für die Schmuggler und Propagandisten, zur Bestechung, sowie für Unterstützung Verhafteter und deren — als auch der Getöteten oder Verwundeten — Familien.

XV.

Bald nach meiner Zurückkunft aus Baku war ich nach Warschau übergesiedelt, um den ersten Mai 1905 — der hier nach europäischem Datum gefeiert wurde — mit­machen zu können.

Der Krieg, die unaufhörlichen Massenstreiks und Unruhen hatten überall entsetzliches Elend im Gefolge, das durch die hereingebrochene Krise, den Stillstand aller Industriezweige noch gesteigert wurde.

All den Jammer, von dem ich immer geträumt hatte, sah ich nun unaufhörlich um mich. Man hätte glauben sollen, dass endlich meine Wünsche ihre Befriedigung gefunden hätten! Doch dem war nicht so. Im gleichen Masse, als die Not um mich herum wuchs, stumpfte sich auch mein Empfinden für dieselbe ab; ich gewöhnte mich an ihren Anblick; betrachtete sie als etwas All­tägliches, Selbstverständliches. Etwas mehr liebte und verehrte ich die Menschheit um dieser Leiden willen allerdings; aber als etwas „über die Kraft“, etwas „Übermenschliches“, was zu meiner vollkommenen Be­friedigung nötig gewesen wäre — empfand ich dieselben nicht. Vielleicht wäre mir dieses übermenschliche Ge­fühl in Baku zuteil geworden, wenn mein Körper nicht im entscheidenden Augenblick zusammengebrochen wäre. Oder war das vielleicht eine Vorsehung der Na­tur? Hatte sie dem Individuum diese Grenze gesteckt, um zu verhindern, dass es sich übers Menschliche erhebe?

„War mein damaliger Zustand vielleicht so etwas wie ,Ohnmacht der Seele‘, der eintritt, wenn die Qualen derselben beginnen, ins Übermenschliche hinüberzu­gehen; ebenso, wie die körperliche Ohnmacht uns be­fällt, wenn die körperlichen Schmerzen das Mensch­liche übersteigen?!“

Diese Frage begann mich nun zu beschäftigen. Ich musste mir durch ein Experiment Gewissheit verschaffen, und wenn die halbe Menschheit als Versuchskaninchen enden musste!

Mit Ungeduld wartete ich auf den ersten Mai. — Viel­leicht bringt er mir des Rätsels Lösung! — Die Arbeiter waren noch unentschlossen: sollten sie demonstrieren oder nicht. — Ich begann für die Demonstration Stim­mung zu machen; warum, das lässt sich leicht erraten. —

Es war wohl eine der grössten Demonstrationen, die Warschau je gesehen. In den engen Gassen staute sich eine unabsehbare Menge. Plötzlich drang von allen Sei­ten das Militär auf die Demonstranten ein. — Eine furchtbare Panik — wie ich sie noch nie gesehen — er­fasste diese. An Widerstand war nicht zu denken. Rette sich wer kann!

In wahnsinniger Todesangst begann alles zu schreien und in die Häuser zu flüchten. — Bei den Haustoren ent­stand ein furchtbares Gedränge. Viele wurden erdrückt; die Stürzenden von den Nachfolgenden zu Brei getreten. Im Parterre wurden die Fenster eingeschlagen, und man kroch durch dieselben in die Wohnungen. Dazwischen wüteten die Kosaken mit Säbeln und Nagaiken. Ohren­betäubendes Angstgeschrei, das Stöhnen der Verwun­deten vermischte sich mit dem bestialischen Schrei der Kosaken zu einem nerven-zerreissenden Höllenkonzert. Dazu die unnatürlich erweiterten Pupillen, weit auf­gerissenen Augen und angst-verzerrten Gesichter der Flüchtenden.

Dieselbe Aufregung hatte sich auch meiner bemäch­tigt; mit wild pochendem Herzen und einem unerträg­lich beängstigenden zusammenziehenden Gefühl in der Kreuzgegend, das den ganzen Organismus in eine Art Angst-Ekstase versetzte, begann ich zu hoffen.

Es wollte nicht kommen.

XVI.

In Odessa, das erschöpft war durch unaufhörliche Kämpfe und Streiks, fühlte man das Erstarken der Re­aktion und befürchtete einen „Pogrom“ (Judenverfol­gung). Die Reaktion bediente sich als Werkzeug in die­sen „Pogromen“ immer des Lumpenproletariats.

Da die tüchtigsten unter den Odessaer Genossen selber Juden waren und somit keinen Einfluss auf das Lumpenproletariat haben konnten, drang man in mich, nach Odessa zu fahren und als NichtJude auf dasselbe einzuwirken, um den Pogrom zu verhindern. Es ging nicht an, sich davon zu entbinden, obwohl ich im ge­heimen mich der Pogrome freute.

In Kiew, wo ich etwas zu besorgen hatte, traf ich per Zufall einen Bekannten aus meiner besseren Vergangenheit. Derselbe wusste nichts von meiner revolutionären Laufbahn. Er seinerseits war ein Erz-Antisemit. Durch die Unruhen war sein Geschäft total zurückgegangen. Die ganze Revolution bezeichnete er als eine Juden­mache und schimpfte auf die Regierung, die sich der­selben gegenüber — seiner Meinung nach — der Schwäche schuldig machte.

„Aber“, fuhr er fort, indem er mir mit den Augen zuzwinkerte, wenn die Regierung nichts tut, werden wir uns schon selbst zu helfen wissen!“ Ich schien ganz seiner Meinung zu sein, und er teilte mir verstohlen mit, dass schon ein geheimes Komitee in Odessa existiere, das die „Sache“ in die Hand nehmen will. Er wäre auch Mitglied. Es sei schon sehr viel Geld gesammelt, um gewisse Leute zu bezahlen, die die ganze Hetze arran­gieren sollten. Wenn ich mitmachen wolle, so könne ich bei ihm zu Gast sein, und er werde mich ins Komitee einführen. Ich willigte ein.

Am nächsten Tage wurde ich tatsächlich ins „Komi­tee“ eingeführt. Wer die Herren desselben waren, er­fuhr ich nicht genau. Eines hatten sie alle gemeinsam: eine furchtbare Indolenz. — Alles war schon vorbereitet. Man wollte patriotische Kundgebungen veranstalten und dann Proklamationen unter das Volk werfen, des Inhalts: die Juden hätten sich mit den Japanern zur Ver­nichtung des heiligen Russland verschworen; die Revo­lution wurde von ihnen begonnen, damit Väterchens Heer auf zwei Seiten kämpfen müsse. An dem ganzen jetzigen Elend seien also nur die Juden schuld, usw. — Für Leute, die den Rummel arrangieren wollten, war gesorgt. Nur die Proklamation war noch zu verfassen. Mein Bekannter begann nun, mein schriftstellerisches Genie zu preisen, und man drang in mich, sofort mit der Abfassung einer solchen Flugschrift zu beginnen. Der Vorschlag kam mir gelegen; ich brauche nicht zu sagen, warum. Mit ganzem Feuer legte ich mich ins Zeug, und die Proklamation wurde ein Meisterstück in Demagogie und im „Appell an das Tier im Menschen“, wie das gewöhnlich genannt wird.

Die Verbreitung dieses „Kulturdokuments“, wie es von revolutionärer Seite genannt wurde, fand anlässlich der geplanten Kundgebung statt. Der Tag verlief ohne Ausschreitungen, obwohl man das anziehende Gewitter sozusagen in der Luft liegen fühlte. Erst gegen Abend wurden hier und da einige Juden geprügelt.

Am zweiten Tage veranstalteten unsere Leute wieder eine Kundgebung. Von anderer Seite versuchte man eine Gegendemonstration, und es kam zu Zusammen­stössen. Die schwarzen Banden (das Lumpenproletariat), welche „im Namen des Patriotismus“ kämpften, zer­streuten die Gegendemonstranten und begannen in der Judenstadt zu demolieren und zu plündern.

Das Klirren der Scheiben und Krachen der zerbroche­nen Auslagen und Möbel schien die Menge immer mehr zu fanatisieren; sie musste dabei eine gewisse Wollust empfinden. Endlich fand man auch Juden, die sich ver­steckt hatten. Ein schreckliches Zetergeschrei erhob sich. Man stiess sie auf die Strasse. Hier schlug man mit allem möglichen, Knütteln, Beilen, Messern, auf sie los, bis sie völlig unkenntlich waren. Immer mehr von ihnen fand man. Die meisten begannen auf den Knien um ihr Leben zu flehen; es war ein scheusslicher Anblick, wie sie, bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen, noch immer um Gnade wimmerten. Nun schien der Pöbel erst Blut zu riechen und seine ganze wahre Menschennatur zu entfalten. Jeder begann nach seiner individuellen Phantasie zu morden. Hier schnitt man einer stillenden Mutter die Brust ab; dort riss man einigen Mädchen die Kleider ab und peitschte sie durch die Strassen; da zog man eine Jüdin nackt aus, fesselte sie, band sie mit den Haaren an die Achse einer Droschke — und fort ging’s im Ga­lopp, sie zu Tode zu schleifen. Hinterher liefen Gassen­jungen, auf sie losschlagend. — Doch wozu diese Szenen schildern, bei denen sich das Herz vor Weh im Leibe krampft und man zugleich laut aufjauchzen wollte! —

Hier sah ich wiederum die 50 000 Blanquis in ihrem Milieu. Ein Wink der Hand hatte alle diese veranlasst —obwohl sicher 99% davon keine Judenfeinde waren—, sich in den höllischsten antisemitischen Exzessen zu wälzen. Würde es die Polizei erlauben — so wie sie die Pogrome duldet —, so würden sie auf denselben Wink der Hand über irgendeine andere Menschengattung, z. B. die Kapitalisten, herfallen.

Welcher psychologische Faktor trieb sie dazu? — Etwa bloss Hang zur Grausamkeit? — Nein! — Diese für sich allein betrachtet, ohne edlere Motive, ist unmenschlich, mit der menschlichen Natur unvereinbar, und der Mensch kann sich nicht seiner Natur entledigen. Es mussten also andere menschlich-begreiflichere Motive derselben zugrunde liegen.

Aber seht nur alle diese Schlächter einmal an! Be­trachtet ihre Physiognomien! — Kein Zug von Grau­samkeit; nur Leiden, unerhörtes Leiden spiegelt sich auf denselben wider! — Die Todesangst und der Schmerz ihrer Opfer bereiteten ihnen unerhörte Qualen!—Glaubt ihr nicht, dass diese Leute dann nach Hause gehen und sich im Seelenschmerz winden werden?! — Beständig werden sie den letzten, brechenden Blick ihrer Opfer klagend und vorwurfsvoll auf sich gerichtet fühlen! — Welchen Hass, welche Verachtung werden sie gegen das Tier in sich immerwährend herumtragen! — Sie werden das Verlangen haben, sich ins Gesicht zu speien, sich zu schlagen und zu erwürgen! — Vor jedem, dem sie be­gegnen, werden sie den Blick senken: „Er weiss, dass ich unter grausamen Foltern Leute gemordet habe, gegen die kein Hass in meinem Herzen war! Gemordet nur des­halb, weil ich das instinktive Verlangen nach Seelen­martern in mir hatte! Weil durch die plötzlich mich über­rumpelnde Situation der eine Pol meiner zwitterhaften Natur ausgelöst wurde“.

„Sie sind Masochisten; nur wissen sie es nicht!“ Eine Verachtung meiner selbst erfasste mich plötzlich inmitten dieser satanischen Leidensorgie solcher unbe­wusster, instinktiver Masochisten. Die Erinnerung, dass alle diese Leute sich nur von einem blinden, tierischen Trieb hinreissen liessen und morgen vor ihrem Gott auf den Knien herumrutschen und um Verzeihung flehen werden, flösste mir Ekel ein. Ich begann, diese stupide Masse zu hassen; ich wollte sie sehen, wie sie sich im Staube krümmt und um Gnade heulen wird.

Zu diesem Zweck brauchte man nur den „Selbst­schutz“ (eine Verbindung zur Verhinderung von Juden­verfolgungen) zu organisieren. Um dies zu bewerk­stelligen, suchte ich in die Judenstadt zu kommen. Durch einige Seitengässchen gelang es mir. Kaum war ich ein­gedrungen, kamen mir auch schon Haufen von „Selbst-schützlern“ entgegen. Endlich stiess ich auf einige Ge­nossen darunter und schloss mich ihnen an.

Ein erbitterter Kampf begann nun zu wüten. — Als die schwarzen Banden so energisch angegriffen wurden, war es mit ihrem ganzen Heldentum vorbei; sie flüch­teten. In diesem Augenblick schritt das Militär ein; nicht, wie man meinen sollte, gegen die schwarze Bande — sondern gegen die Selbstschützler.

Mein nach vorn gestreckter Arm wurde von einer Gewehrkugel in eigentümlicher Weise der Länge nach durchschossen. Ich sank um, erholte mich aber bald und konnte flüchten.

Jenes unaussprechliche Gefühl vollkommener Befrie­digung durch Leiden, nach welchem ich immerfort suchte — das ich sozusagen in mir schlummern fühlte —, war mir wieder nicht zuteil geworden. Unausgesetzt hatte ich den Eindruck, dass mir etwas mangle, dass ich irgend etwas in mir zu wecken habe, was bis dato nur so ganz verschwommen in meinem Bewusstsein existierte.

— Zugleich flüsterte mir eine Stimme zu, dass ich das Übermenschliche verlange; die Erreichung desselben muss logischerweise meine nur menschlichen Kräfte übersteigen und die Vernichtung nach sich ziehen.

Tag und Nacht plagten mich diese Gedanken: „Er­reichen musst du diese Erkenntnis — und wenn du dar­unter zugrunde gehst! — Wenn aber im letzten Augen­blick — wie in Baku — das weitere Unvermögen, die ,seelische Ohnmacht‘ eintritt?!“

Das eine wusste ich: „Wenn du es erreichst, so nur durch dich selber; alle anderen werden vor dir zusam­menbrechen!“

XVII.

Für die weitere Entwicklung der revolutionären Dinge hatte ich kein Interesse mehr, seitdem sie mir für meine Zwecke nicht mehr dienlich waren.

Die neuen Fragen, die auftauchten — so die Propa­ganda unter dem Lumpenproletariat —, liessen mich kalt. — In den Pogromen hatte man gesehen, welche unge­weckte — angeblich revolutionäre, in Wirklichkeit ma-sochistische — Kraft im Lumpenproletariat schlummere. Dass dieselbe sich im Dienste der Reaktion verwenden liess, schrieb man dem Umstand zu, dass alle diese Diebe, Einbrecher und Prostituierten einzig und allein mit der Arbeiterklasse in Berührung kamen. Da sie aber von dieser nichts als Verachtung ernteten, kehrte sich ihr Empfinden gegen dieselbe.

Diesem Übelstande wollte man dadurch begegnen, indem man sozusagen unter die Verbrecher ging, sowie man in den früheren Jahren unters Volk gegangen war. Man suchte das Lumpenproletariat zu organisieren, um seine Sympathien zu gewinnen.

Teilweise gelang das, obwohl es sehr viel Korruption mit sich brachte. So kam es vor, dass die Verbrecher sich das zunutze machten und im Namen des Anarchismus ihr Metier zu betreiben begannen. Sie statteten z. B. in Warschau einem immens reichen jüdischen Bankier, des­sen Vater kürzlich gestorben war, einen Besuch ab und erpressten unter dem Deckmantel des Anarchismus von ihm 10 ooo Rubel mit der Drohung, dass sie — falls er sich weigere, das Geld zu geben — die Leiche seines Vaters ausgraben und in ungeheiligtem Boden verschar­ren würden. Wer bedenkt, dass das entsetzlichste für einen orthodoxen Juden ist, in ungeheiligter Erde zu ruhen, der wird begreifen, dass der Bankier das Geld gab, dieses Vorgehen aber überall tief ste Empörung her­vorrief und man Anarchisten und gemeine Verbrecher zu identifizieren begann.

Nun hatten die Anarchisten nicht nur die Verfolgung der Regierung, sondern auch der anderen revolutionären Parteien und der Lumpenproletarier zu erdulden. Der letzteren deshalb, weil sie sich weigerten, für gewisse Vergehen — die zum persönlichen Vorteil, nicht für revolutionäre Zwecke vorgenommen wurden — ihren Namen herzugeben.

Diese Hetzjagd von drei Seiten sollte bald das Debakel bringen.

Während dieser Zeit grübelte ich fortwährend an dem Problem: „Wird sich das traumhafte Gebilde in dir realisieren lassen? — Wird es dein Untergang sein? — Oder wird es deine Kraft übersteigen und wieder jene ,seelische Ohnmacht‘ eintreten?“

Durch ein Experiment wäre es festzulegen! — Wenn man Pestbazillen säen würde! — Wenn ganze Städte dem Hauch derselben erliegen! — Wenn die Todesangst auch die Scharen jener ergreifen wird, die in ihrer Feig­heit bei jedem Streik, jeder Demonstration, jedem Bar­rikadenkampf sich hinter dem Ofen oder unterm Bett verkriechen! — Wenn diese Todesangst ganzer Städte, ganzer Länder sich zu einer jener Massenpsychosen steigern wird wie im Mittelalter! — Wenn man in der Verzweiflung nach den Urhebern suchen und sich gegen seitig zerfleischen wird! — Wird dann meine Erlösung kommen? — Wird mir eine Antwort werden?

Ich schaudere vor den Leiden, die mir das bringen würden! Ich fühle, dass ich dem nicht gewachsen bin! — Ich leide auf anderer Seite unaussprechlich: weil ich keine Antwort, keine Erkenntnis, keine Befriedigung habe! — Ich will — und kann nicht. — Noch länger dieser Zwitterzustand: ist Tod oder Wahnsinn! — Was tun? — Wie sich aus diesem schrecklichen Dilemma befreien?

Oh, warum bin ich nicht wie andere?! — Warum kann ich nicht einfach hinnehmen, wie es ist?! — Warum muss­te ich zu erkennen — beginnen, um dann der Unergründ­lichkeit bewusst zu werden?! — Warum quälte ich mich,

den Berg zu erklimmen———- um vor einem bodenlosen Abgrund zu stehen?! — Vor einem Abgrund, dessen geheimnisvolle Tiefe sich mir nur offenbart — wenn ich mich kopfüber hineinstürze!!

Was tun? — Was tun?! — Soll ich — oder nicht?? — Ich will! — Ich muss!!

Als ich wollte — wurde ich verhaftet! — Zufall — oder Vorsehung??!

Oh, Schicksal, Schicksal! Das ist zuviel des Leidens! — Oh, Menschen, Menschen! — Was habt ihr getan! — Ein einziger wollte sehen! — Ein einziger wollte den Schleier von dem Bilde reissen — und ihr habt es verhindert! —

Ewig werdet ihr Finsternis um euch haben!!———— Warum

wollt ihr aber mir, mir das Licht nicht gönnen?!

So dankt ihr mir, der die Menschheit geliebt: wie kein anderer!

Ja! Das ist wieder die grausame, unerbittliche Philosophie Golgathas: „Wer lieben will — muss leiden!!“

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