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Intimmodifikationen: Spielarten und ihre psychosozialen Bedeutungen

Kosmetische Intimoperationen gehören nach der Studie »Körperwelten 2020« zu den erfolgversprechendsten Märkten der nächsten Jahre. Wie immer man diese Prognose bewerten mag, sie verweist auf die steigende Bedeutung der Intimmodifikationen…

Ein neuer Band im Psychosozial Verlag widmet sich den verschiedenen Spielarten der Intimmodifikationen wie Intimpiercing, Intimtattoo, Schamhaartrimming und kosmetische Genitalchirurgie und ordnet diese Praxen hinsichtlich ihrer psychosozialen Bedeutung ein. Neben dem aktuellen Trend kosmetischer Genitalchirurgie in westlichen Ländern werden auch die traditionellen Praktiken weiblicher Genitalverstümmelung als Formen der Anpassung und Normierung untersucht. Auch die männlichen Varianten genitaler Bodymodification wie die rituelle Beschneidung, das männliche Genital- und Play-Piercing werden in ihrer individuellen und kulturellen Bedeutung ausführlich dargestellt.

Mit Beiträgen von Ada Borkenhagen, Elmar Brähler, Anne Cordes, Daniela Dorneles de Andrade, Matthias Franz, Elena Jirovsky, Erich Kasten, Heribert Kentenich, Rachel Neuhaus Bühler, Sara Paloni, Simone Preiß, Elisabeth Rohr, Aglaja Stirn, Isabell Utz-Billing, Patrick Weigand und Verina Wild

Ada Borkenhagen, Prof. Dr. phil. habil., ist Inhaberin der Dorothea-von-Erxleben-Gastprofessur der Universität Magdeburg, Psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin. Arbeitsschwerpunkte: Schönheitschirurgie und Enhancement. Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil., ist Medizinisch-Wissenschaftlicher Leiter des Departments für Psychische Gesundheit, Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Arbeitsschwerpunkte: Psychodiagnostik, Migration und Gesundheit, somatoforme Störungen.

Buchreihe: Beiträge zur Sexualforschung, Psychosozial-Verlag
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Vorwort v. Ada Borkenhagen & Elmar Brähler

Ein Buch über Intimmodifikationen? Existiert denn dieser Begriff überhaupt? Und sollen dazu noch Bilder veröffentlicht werden? Solche und ähnliche Einwände haben wir im Vorfeld der Zusammenstellung unseres Schwerpunktheftes Intimmodifikationen, das bereits im Sommer 2008 als Heft Nr. 112 der Zeitschrift psychosozial ebenfalls im Psychosozial-Verlag erschienen ist, häufig gehört. Da dieses Heft ein beachtliches Leserinteresse fand, haben wir das Angebot des PsychosozialVerlags gerne angenommen, das Thema in einem Sammelband noch einmal ausführlicher zu beleuchten. Wir konnten weitere Autorinnen und Autoren gewinnen, sodass das vorliegende Buch einen fundierten Überblick über die unterschiedlichen Aspekte des Themas bietet.

Welche Bedeutung das Thema Intimmodifikationen inzwischen erlangt hat, zeigt eine Suchanfrage bei Google. Zerlegt man den Begriff in »intim« und «Modifikationen«, so zeigt die Suchmaschine eine schier unermessliche Fülle von Einträgen an. Ein Band zu diesem Thema scheint hochaktuell, da in keiner anderen Epoche der Körper für den westlichen Menschen in solch einem Ausmaß zum Ausdrucksmittel und zum Maßstab seiner Platzierung in der Welt geworden ist. Der Körper und mit ihm alle Möglichkeiten seiner Gestaltung werden dabei immer stärker zu einem Mittel – aber auch zu einem Imperativ – die eigene Identität darzustellen. Und kein Bereich des Körpers scheint von dieser Bedeutungszunahme ausgenommen zu bleiben – auch der Genitalbereich nicht. Längst sind es nicht mehr nur die gemeinhin sichtbaren Bereiche des Körpers, die ästhetischen Normen und damit einem Gestaltungsimperativ unterliegen, sondern auch bisher unbeachtete Körperregionen.

Die Schamregion und vor allem die Genitalien werden zunehmend als neuer Gestaltungsbereich entdeckt, den Frauen (und zunehmend auch Männer) nun gestalten können und müssen, um damit ihre eigene »Individualität« auszudrücken. Unter Schlagworten wie »Intimpiercing«, »Intimtattoo«, »Designervagina« und »Schamhaartrimming« haben Intimmodifikationen in den letzten Jahren ein beachtliches Medienecho gefunden. Es hat sich ein für breite Bevölkerungsschichten verbindliches »Intimideal« herausgebildet, das in bisher nicht erlebtem Maße großflächig medial verbreitet wird.

Mit dem vorliegenden Band möchten wir die verschiedenen Spielarten der Intimmodifikationen – von Intimpiercing, Intimtattoo über Schamhaartrimming bis hin zur kosmetischen Genitalchirurgie – darstellen und hinsichtlich ihrer kulturellen und psychosozialen Dimensionen zu beleuchten. Ein Blick in die Medizingeschichte macht deutlich, dass die kosmetische Genitalchirurgie heutiger Prägung keineswegs ein neues Phänomen unserer Epoche darstellt, sondern bereits Vorläufer in der weiblichen Genitalchirurgie des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts hat. Neben dem aktuellen Trend zu kosmetischer Genitalchirurgie, der in den westlichen Industrieländern zu beobachten ist, werden in diesem Buch auch die in einigen afrikanischen Staaten vorkommenden Praktiken der weiblichen Genitalverstümmelung im Hinblick auf ihre Bedeutung als soziale Praktiken der Anpassung und Normierung beleuchtet. Dabei ist den Herausgebern bewusst, dass es durchaus diskussionswürdig ist, genitalverstümmelnde Praktiken in einem Buch mit vorrangig ästhetisch motivierten Intimmodifikationspraktiken zu behandeln. Die gemeinsame Darstellung weiblicher Genitalverstümmelung und moderner Spielarten weiblicher Intimmodifikationen »in einem Buch« intendiert dabei keineswegs die Nivellierung der Unterschiede zwischen diesen Praktiken, die sich letztlich auch in der strafrechtlichen Bewertung genitalverstümmelnder Praktiken manifestieren. Auch die bei Männern vorkommenden Varianten genitaler Body-Modification wie das männliche Genital- und Playpiercing werden in der Regel aus einer anderen Motivation vorgenommen als die häufig religiös motivierte Vorhautbeschneidung an minderjährigen Jungen. Dennoch erscheint es lohnend, in einem Band über Intimmodifikationen auch religiöse und patriarchale Formen genitaler Modifikationen zu beleuchten – gerade auch um die Differenz zwischen diesen und den spätmodernen Spielarten individualistischer Genitalmodifikationen deutlich werden zu lassen.

Eine gegenwärtig besonders beliebte Spielart weiblicher Intimmodifikationen, nämlich das weibliche Intimpiercing, erforschen Aglaia Stirn und Patrick Weigand, indem sie sowohl die verschiedenen Formen des Genitalpiercings darstellen, als auch die psychologischen und pathologischen Aspekte in den Blick nehmen.Elisabeth Rohr analysiert die Bedeutung von Piercing und Tattoos in der weiblichen Adoleszenz und geht dabei der Indienstnahme dieser Praktiken als Ausdruck seelischer Konflikte nach.

Das Gegenstück zum weiblichen Intimpiercing behandelt Erich Kasten in seinem Beitrag »Genitale Body-Modification bei Männern«, in dem er ausführlich über die unterschiedlichen Varianten wie die Penisvergrößerung, das Genitalpiercing und das genitale Playpiercing informiert und auch die Motive der betreffenden Männer beleuchtet. Ada Borkenhagen und Elmar Brähler erörtern in ihrem Beitrag den aktuellen Trend zur Teil- beziehungsweise Vollrasur der Schamhaare, der sich auch in Deutschland bei den unter 30-Jährigen durchgesetzt hat. Neben aktuellen Daten zur Häufigkeit aus einer Stundentenstichprobe und einer Repräsentativerhebung der Universität Leipzig erörtern die Autoren zwei konkurrierende Erklärungsansätze für Intimrasur – Infantilisierung versus Visualisierung. Simone Preiß stellt als angehende Fachärztin für Plastische Chirurgie in ihrem Beitrag ausführlich die gängigen Operationsmethoden der Labienreduktion dar. Die Risiken und Vorteile der einzelnen Techniken werden anschaulich gemacht und es wird deutlich, dass es sich bei den derzeit hoch im Kurs stehenden Eingriffen kosmetischer Genitalchirurgie keineswegs um Bagatelloperationen handelt, die »mal eben in der Mittagspause« durchgeführt werden können, wie es internationale Frauenzeitschriften wie die Vogue suggerieren. Ada Borkenhagen befasst sich unter dem Titel »Designervagina« ebenfalls mit dem aktuellen Trend zu kosmetischer Genitalchirurgie. Anhand einer Medienanalyse weist sie kosmetische Genitalchirurgie zur Verbesserung des weiblichen Lustempfindens als soziale Konstruktion im Rahmen eines limitierten Bildes von Weiblichkeit aus.

Verina Wild und Rachel Neuhaus Bühler zeigen, dass die chirurgische Hymnenrekonstruktion aktuell immer stärker ins Zentrum gesellschaftlicher Diskussionen rückt und zunehmend als ethisches Problem wahrgenommen wird. Dabei wird die operative Hymnenrekonstruktion (Hymenorrhaphie) nicht erst seit Kurzem weltweit von Medizinern praktiziert und galt bislang vergleichsweise als ethisch wenig fragwürdig, weil durch diesen medizinischen Eingriff den betreffenden Frauen soziale Isolation und teilweise auch gewalttätige oder sogar lebensbedrohliche Übergriffe erspart bleiben. Stand dieser Eingriff bisher vorrangig im Zeichen einer Anpassung an patriarchalische Normen der unberührten Jungfrau, finden sich nun vereinzelt Presseberichte, die nahe legen, dass auch dieser Eingriff in der Sphäre der Lifestylemedizin angekommen ist. So firmiert die Hymnenrekonstruktion unter dem Begriff des »Valentinsgeschenks«, das manche Frauen ihren Partnern machen wollen.

Isabell Utz-Billing und Heribert Kentenich beleuchten das Thema Genitalverstümmelung unter vorrangig sozialmedizinischer Perspektive und erläutern die Prävalenz, die geografische Verteilung, die Formen sowie die geschichtlichen Hintergründe und Motive dieser Intimmodifikation. Darüber hinaus beschreiben sie die gesundheitlichen Folgen und den Trend zur Medikalisierung. Sie geben einen Abriss zur rechtlichen Situation wie auch zu Maßnahmen gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Ergänzend dazu geht Anne Cordes vorrangig der sozialen Bedeutung der weiblichen Beschneidung am Beispiel des westafrikanischen Staats Benin auf den Grund. Sie zeigt auf, dass die mangelnde Kenntnis über die soziale Einbettung der Beschneidungspraktiken einen wesentlichen Grund für das Scheitern von Aufklärungskampagnen und anderen Maßnahmen des Kampfes gegen weibliche Beschneidung darstellt. Ausgangspunkte ihres Beitrages sind eine Forschungsreise nach Benin und zahlreiche Interviews mit Personen, die in unterschiedlichster Form in die Beschneidung von Mädchen und Frauen involviert sind: BeschneiderInnen, religiöse Führer, Eltern, Eheleute, junge Mädchen sowie Mitarbeiter von Non Government Organizations (NGOs) und des Gesundheitswesens. Daniela Dorneles de Andrade, Elena Jirovsky und Sara Palonischlagen eine Brücke von der kosmetischen Genitalchirurgie zur weiblichen Genitalverstümmelung. Die Autorinnen betrachten beide Praktiken aus interdisziplinärer Perspektive. In seinem das Buch abschließenden Beitrag widmet sich Matthias Franz der männlichen Beschneidung und zeigt die kulturellen Parallelen zwischen Kindesopfer und Beschneidung auf. Er untersucht die interkulturelle Psychodynamik eines archaischen Genitaltraumas.

Intimpiercing
Aglaja Stirn & Patrick Weigand

Körpermodifikationen in der weiblichen Adoleszenz am Beispiel von Piercings und Tattoos
Elisabeth Rohr

Genitale Body-Modification bei Männern
Erich Kasten

Schamlos – Theoretische und empirische Aspekte des Trends zur Teil- und Vollintimrasur
Ada Borkenhagen & Elmar Brähler

Plastische Korrekturen im weiblichen Genitalbereich
Simone Preiß

Designervagina oder das geschönte Geschlecht
Ada Borkenhagen

Die Rekonstruktion des Hymens
Verina Wild & Rachel Neuhaus Bühler

Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation)
Isabell Utz-Billing & Heribert Kentenich

Chancen und Grenzen der Maßnahmen gegen weibliche Beschneidung am Beispiel von Benin
Anne Cordes

Kosmetische Eingriffe und weibliche Genitalverstümmelung
Daniela Dorneles de Andrade, Elena Jirovsky & Sara Paloni

Männliche Genitalbeschneidung und Kindesopfer
Matthias Franz

Intimmodifikationen
Spielarten und ihre psychosozialen Bedeutungen

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